Die allgemeine Grundbedeutung des Weiss für die menschliche Vorstellung ist jedenfalls die des Reinen, Einfachen, Unbefleckten, Harmlosen und Unschuldigen. Es hat mit diesem Bedeutungscharakter der Farben eine ähnliche Bewandtniss als mit demjenigen der Worte der Sprache. Die ganze Aufgabe in Bezug hierauf ist eine ähnliche als diejenige des Philologen, der ein bestimmtes Wort in dem ganzen Umfange seines Gebrauches oder seiner Bedeutungen in der Sprache zu verfolgen sich bestrebt. Alle diese verschiedenen Bedeutungen eines Wortes haben in der Regel einen bestimmten gemeinsamen Kern und sie sind zuletzt auch ebenso wie diejenigen einer Farbe aus einer bestimmten einfachen sinnlichen Grundanschauung entsprossen. Es würde also unrichtig sein zu sagen, dass die Bedeutung einer Farbe sich ohne Weiteres mit dem Inhalte irgend eines allgemeinen logischen Begriffes decke oder dass Weiss etwa schlechthin Unschuld u. desgl. bedeute; diese Bedeutung einer einzelnen Farbe hängt vielfach auch davon ab, in welchen bestimmten Umgebungen sie uns entgegentritt, ebenso wie auch auf die Bedeutung eines Wortes überall ein eigenthümliches Licht geworfen wird durch den Zusammenhang oder die Umgebungen, in welchen es uns im Satze erscheint. Jede Farbe und zum Theil auch jedes Wort enthält immer einen gewissen zunächst verschlossenen Keim möglicher Anwendungen oder Gebrauchsweisen in sich, welcher erst aus seiner Verbindung mit anderen Dingen oder Worten hervorzutreten pflegt. Auch das Wort ist eigentlich überall in seiner Bedeutung etwas Anschauliches oder sinnlich Konkretes, welches nur in seiner Anwendung oder logisch-syntaktischen Verbindung die Stelle und Function eines eigentlich abstracten Begriffes des Denkens ausfüllt. Es ist auch bei den Worten zum Theil schwierig, sie in dem eigentlichen Kern ihrer innerlich anschaulichen Bedeutung zu erfassen und es kann diese Aufgabe auch nur durch eine aufmerksame Verfolgung derselben in ihrem ganzen wirklichen Bedeutungsumfange gelöst werden.
Das Weiss erscheint uns in der Natur an einer Menge von Gegenständen, die einen bestimmten ästhetischen Werth oder eine geistige Bedeutung für uns besitzen. Weiss ist zunächst die Farbe des Schnees oder im Allgemeinen das Kleid des Winters. Im Norden ist insofern in einem bestimmten Theile des Jahres das Weiss die allgemeine Grundfarbe der Natur. Die Natur wird bunter im Sommer und in den südlicheren Theilen der Erde. Die allgemeine Farbe des Sommers aber ist grün und die Zusammenstellung von Weiss und Grün erinnert insofern an das Verhältniss von Winter und Sommer. Der Schnee aber ist sprüchwörtlich für die Reinheit des Weiss, und Alles was wir schneeweiss nennen gilt uns deswegen im besonderen Grade für fleckenlos und rein. Wir verlangen insbesondere von der Wäsche, deren specifischer Charakter die Reinheit ist, eine ähnliche vollkommene und äusserste Weisse als diejenige des Schnees. Ausserdem gehört zu den weissen Dingen in der Natur insbesondere die Milch, das erste und einfachste Nahrungsmittel. Weiss ist ferner die Oberfläche des menschlichen Körpers, mindestens bei den höheren Racen. Hier ist das Schwarz oder im Allgemeinen die dunklere Färbung das natürliche Merkmal einer niedrigeren geistigen oder intellectuellen Begabung. Die menschliche Hautfarbe variirt im Allgemeinen zwischen allen denjenigen Nüancen, welche unmittelbar auf das Prinzip des Lichtes Bezug haben, Weiss, Schwarz, Gelb, Braun, Roth, während die eigentlich bunten Naturfarben, Blau, Grün u. s. w. von ihr ausgeschlossen sind. Schwarz sind in der Natur im Allgemeinen weniger wichtige und hervorragende Dinge. Die Bedeutung des Schwarz ist wesentlich überall die des Ernsten, Tiefen, Feindlichen, Negativen und Finstern. Weiss hat oft die Bedeutung oder den Werth des Heiligen, Weihevollen, Erhabenen und Vornehmen. Beide Grundfarben begegnen sich oft wie alle Extreme in dem Gebrauche, der von ihnen gemacht wird oder in der Bedeutung, welche sie für uns besitzen. In beiden liegt insbesondere eine Hindeutung auf das schlechthin Negative oder Leere, den Tod und das Jenseits enthalten. Beide sind deswegen zugleich Farben der Trauer, des gehobenen feierlichen Ernstes, der priesterlichen Gewandung u. dgl. mehr. Die Zusammenstellung beider Grundfarben aber macht an sich überall einen durchaus ernsten, würdevollen und an das Tragische anstreifenden Effect, indem es der jede Vermittelung ausschliessende Contrast oder Gegensatz des Positiven und Negativen überhaupt ist, der uns in ihnen entgegengeführt wird. Alle sonstigen feindlichen und ausschliessenden Gegensätze im Leben sind wir zuletzt auf das Verhältniss dieser beiden Grundfarben als der prägnantesten sinnlichen Vertreter jeder contradictorischen Entgegensetzung zurückzuführen gewohnt. Nichts schliesst sich so unbedingt und schroff von einander aus als Weiss und Schwarz. Die positive und freundliche Seite eines jeden Gegensatzes aber wird überall durch die erstere, die negative oder feindliche durch die letztere dieser beiden Grundfarben vertreten.
Diejenigen beiden Dinge oder Erscheinungen in der Natur, welche vorzugsweise durch den Unterschied der beiden Grundfarben charakterisirt sind und deren Wichtigkeit und Bedeutung für uns auch die grösste und entscheidende ist, sind der Tag und die Nacht. Der Tag ist weiss, die Nacht ist schwarz oder es werden doch beide als solche von uns angesehen und bezeichnet. Der Tag ist die Zeit der Helligkeit oder des Erscheinens aller einzelnen Farben, die Nacht diejenige der Finsterniss oder des Erlöschens und Verschwindens derselben. Die Zeit selbst tritt uns insofern gleichsam als ein regelmässiger Wechsel der weissen und schwarzen Farbe entgegen. Alle anderen einzelnen Bedeutungen beider Farben knüpfen sich zuletzt an den Unterschied dieser ihrer beiden wichtigsten und hervorragendsten Haupttypen im Reiche der wirklichen Erscheinungen der Natur an. Der Tag ist die Position, die Nacht ist die Negation des wirklichen oder physischen Erscheinens der Farbe überhaupt. Wir leben in der einen Hälfte aller Zeit gleichsam in der sinnlichen Grundanschauung des Weiss, in der anderen aber in derjenigen des Schwarz. Die einzelnen Bedeutungen beider Farben mögen sich zum Theil noch an verschiedene andere Typen oder Vorbilder in der natürlichen Wirklichkeit anschliessen; zunächst aber ist es dieser bestimmte Hauptgegensatz in der ganzen Einrichtung der Natur, welcher für die Bedeutung oder den ästhetischen Werth derselben als charakteristisch erscheint.
Das zweite Farbenpaar sind Gelb und Roth. Dieses sind die beiden Farben, welche unmittelbar auf die Quelle des Lichtes oder der ganzen Bedingung des Erscheinens der Farbe Bezug haben. Gelb ist die Farbe alles Glänzenden oder Desjenigen, von welchem irgend ein weiterer Lichteffect ausgeht. Das Weiss ist die specifische Lichtfarbe im passiven, das Gelb im activen Sinne des Wortes. Auf dem Weiss erscheint oder leuchtet jede andere Farbe, während das Gelb vielmehr von sich aus strahlend andere Farben erleuchtet. Das Gelb ist die zunächst dunklere Farbennüance nach dem Weiss; das Erscheinen des Weiss in der Natur aber ist immer die Folge und Wirkung eines Gelb oder es hat das Gelb seinen allgemeinen Typus an dem Licht als der realen Ursache oder dem actuellen Träger der Bedingung alles anderen Sichtbaren. Das Verhältniss des Gelb zum Roth aber ist conform demjenigen des Lichtes zur Wärme als der extensiven und der intensiven Seite der brennenden Substanz in der Natur oder des Feuers. Roth hat seinen Haupttypus an der glühenden Kohle, so wie überhaupt an allem innerlich Heissen und Warmen, zugleich auch an dem Blute des menschlichen Körpers. Es bedeutet deswegen auch vorzugsweise Muth, innerliche Erregung, Tapferkeit, Zorn oder Begeisterung und ist überhaupt die im eminenten Sinne kriegerische Nüance der Farbe. Auf alle rohen und naturfrischen Gemüther, Kinder, Wilde, selbst Thiere, übt das Roth einen ganz besonders erregenden und Leben erweckenden Einfluss aus. Die dunklere Nüance des Roth, das Purpur, welches an Schwarz anstreift, ist die Farbe der königlichen Gewalt und Pracht, während die hellere, das Rosa, in der Blume dieses Namens das Bild der zarteren Empfindung der Liebe ist. Auch Gelb bedeutet ebenso Glanz, Macht, fürstliche Gewalt und Herrlichkeit und hat seinen näheren Typus insbesondere an der Sonne als der allgemeinen Quelle des Lichtes auf der Erde. In China ist die gelbe Farbe die kaiserliche und sie kommt auch sonst in ähnlicher Bedeutung vor. Ausser der Sonne sind namentlich auch das Gold und der Löwe wichtige und bedeutungsvolle Dinge im Umfang des Gelben. Diese drei Dinge, Sonne, Gold und Löwe sind in einem gewissen Sinne die mächtigsten, ein jedes in einer besondern Sphäre des Lebens, und sie verbinden sich daher auch in unserer Vorstellung leicht zu einer Einheit mit einander, so wie es auf Wirthshausschildern in der Regel heisst: zur goldenen Sonne, zum goldenen Löwen. Auch hat das Gelb zuweilen die negative oder feindliche Bedeutung des Neides, des Hasses, der Eifersucht u. s. w. Als allgemeine und entscheidende Naturtypen des Gelb und Roth aber sind die beiden Prinzipien oder Elemente des Lichts und der Wärme zu betrachten.
Das dritte Farbenpaar sind Grün und Blau, von denen jenes an der blühenden Natur oder Vegetation, dieses aber am Himmel seinen entscheidenden Typus hat. Die Natur aber und der Himmel sind die beiden allgemeinen und wichtigsten Abtheilungen alles Seienden im Raume. In beiden Farben werden unserem Auge die ausgedehntesten Flächenerscheinungen dargeboten. Die vorhergehenden, dem reinen Lichtprinzip näher stehenden Farben Gelb und Roth würden in dem gleichen Umfange nicht von uns ertragen werden. Grün aber bedeutet im Ganzen das reale oder sinnliche, Blau das ideale oder geistige Leben und es ist jenes mehr der Ausdruck der frischen und blühenden Hoffnung, dieses aber der der schwärmerischen und sehnsuchtsvollen Liebe. Dieser doppelte Typus aber der Vegetation und des Himmels ist so ausgedehnt und entscheidend, dass durch ihn der ganze Charakter beider Farben unmittelbar und vollständig bestimmt wird. Beim Blau kommt ausserdem noch zum Theil das Auge in Betracht und es gilt uns die blaue Farbe der Augen insbesondere auch als Ausdruck der idealistischen Innerlichkeit des Empfindens.
Das vierte Farbenpaar sind Orange und Violett, von denen jenes an der gleichnamigen Frucht, dieses aber am Veilchen seinen charakteristischen Typus findet. Der Umfang dieser beiden Farben ist im Gegensatz zu den vorhergehenden ein ungemein beschränkter und es kommen hierbei auch wesentlich nur jene beiden hauptsächlichen Typen allein in Betracht. Das Orange aber hat weiterhin noch die Bedeutung der gereiften üppigen stolzen und schwellenden Frucht, das Violett diejenige der stillen selbstzufriedenen und bescheidenen Blüthe und es schliesst sich dieser Gegensatz der realistischen und idealistischen Seite im Leben der Vegetation als eine Fortsetzung an das gleiche Verhältniss des vorhergehenden Farbenpaares an.
Das fünfte Farbenpaar endlich sind Braun und Grau, deren gemeinsamer Charakter ein trüber, gedämpfter, nüchterner und prosaischer ist. Diese Farben sind zu höheren decorativen Zwecken nicht geeignet und es knüpfen sich an sie keine solche reine, bestimmte ideale und optische Empfindungen an als an die vorhergehenden. Beide Farben aber haben wiederum einen ziemlich weiten Umfang im Reiche der natürlichen Dinge oder Erscheinungen. Braun ist im Allgemeinen die Farbe der Erde so wie auch des Holzes und anderer nützlicher praktischer oder brauchbarer Dinge. Grau dagegen ist insbesondere der Nebel, das Wasser und überhaupt alles Dunstige, Trübe und Feuchte. Braun ist unter den Thieren insbesondere der Bär, der gemüthliche König der Wälder des Nordens, grau aber der geduldige, langweilige und in Rücksicht seiner Einsicht übel berufene Esel. Grau heisst dem Dichter auch die Theorie als das Trockene, Nebelhafte und Abstrakte. Diese beiden Farben sind wegen ihrer Anspruchslosigkeit vorzugsweise zur menschlichen, namentlich zur bürgerlichen Bekleidung geeignet, während dagegen für die militärische Bekleidung mehr die reineren und bunteren Farben als geeignet erfunden werden. Als Gesammttypen derselben aber dürfen die Erde und das Wasser oder überhaupt die trockene und die feuchte anorganische Substanz angesehen werden.
Es sind im Ganzen zehn einzelne Farben, durch welche die Menge aller wirklichen Farbennüancen erschöpft und eingetheilt wird. In der Reihenfolge der fünf Paare derselben aber findet ein bestimmter innerer gesetzlicher Fortschritt statt. In jedem weiteren Farbengegensatz ist immer eine fortgesetzte Abschwächung des ausschliessenden Gegensatzes der beiden ersten oder Grundfarben Weiss und Schwarz enthalten. Unter den ferneren Paaren stehen Gelb, Grün, Orange und Braun auf der Seite des Weiss oder des hellen und positiven, Roth, Blau, Violett und Grau dagegen auf der des Schwarz oder des dunkeln und negativen Poles aller Farbe. Wir glauben in dieser Ordnung der Farben nur den Ausdruck eines tieferen und allgemeineren Einrichtungsgesetzes aller natürlichen Dinge erblicken zu müssen. Das Prinzip der Zehn oder die Regel der dekadischen Gliederung bildet zuletzt die höchste und umfassendste arithmetische Einheit und Ordnung aller wirklichen Dinge. Es ist nicht zufällig, dass gerade diese Zahl die allgemeine Einheit unseres menschlichen oder subjectiven Zahlensystemes bildet. Es hat diese Einrichtung einen bestimmten objectiven oder metaphysischen Hintergrund in dem ganzen Wesen der uns umgebenden äusseren Welt selbst. Wir behaupten hiermit nicht, dass ohne Weiteres jedes Ding oder jedes geordnete Ganze in der Natur nach der Regel der Zehn eingetheilt und gegliedert sein müsse. Jede der einzelnen einfacheren Zahlen hat vielmehr einen bestimmten Spielraum oder Umfang in der ganzen Ordnung oder Gliederung der wirklichen Dinge. Es ist deswegen ungerechtfertigt, in einer bestimmten einzelnen Zahl allein das allgemeine Einheits- oder Grundgesetz des Wirklichen erblicken zu wollen, wie dieses z. B. durch Hegel in Bezug auf die Drei geschehen ist. Unsere Behauptung geht vielmehr blos dahin, dass unter allen diesen einzelnen Zahlen zuletzt die Zehn die tiefste und umfassendste arithmetische Einheit in der Ordnung des Wirklichen bilde. Auch das allgemeine und natürliche System der Farben ist ein dekadisches und es schliesst sich dasselbe insofern an dieses höchste arithmetische Einheits- oder Ordnungsgesetz alles Wirklichen überhaupt an. So wie die Farben selbst aber bilden auch die allgemeinen natürlichen Typen derselben oder diejenigen Gegenstände und Erscheinungen in der Einrichtung aller Dinge, an welche sich ihre allgemeine Bedeutung für uns zunächst anknüpft, ein bestimmtes System oder eine geordnete Reihe. Die Bedeutung von Weiss und Schwarz wies zurück auf die Erscheinungen von Tag und Nacht als die beiden wichtigsten und Hauptunterschiede der Zeit als der ersten Elementarbedingung alles weiteren Seienden überhaupt. Licht und Wärme oder die Typen des zweiten Farbenpaares, Gelb und Roth, sind die beiden Erscheinungen der Extensität und Intensität im Wesen des Feuers als der allgemeinen bewegenden und belebenden Urkraft im Gesammtumfange des Seins. Die Natur und der Himmel als die Typen des dritten Farbenpaares, Grün und Blau, sind die beiden wichtigsten Hauptabtheilungen alles Ausgedehnten im Raume. Das vierte Farbenpaar, Orange und Violett, weist hin auf den Unterschied von Frucht und Blüthe als der beiden wichtigsten Erscheinungen im Leben des Organischen, während endlich das fünfte Farbenpaar, Braun und Grau, die beiden Hauptabtheilungen der unorganischen Materie, Erde und Wasser, zu ihrem Hintergrund haben. Die Zeit, die Kraft, der Raum, das organische Leben und der anorganische Stoff sind insofern die fünf allgemeinen Seiten oder Prinzipien der Natur, an deren inneren Gegensätzen uns zugleich jene zehn Farben als ihre charakteristischen Erscheinungen entgegenzutreten pflegen.
9. Farbe, Musik und Sprache.
Die Verfolgung der einzelnen Farben in ihrem weiteren Vorkommen in der Natur und in ihrer sich hieran anschliessenden menschlich-subjectiven Bedeutung oder in dem mannichfachen Gebrauche, der durch uns von ihnen gemacht wird, ist eine fernere ausgedehntere Aufgabe der Wissenschaft, für welche hier nur die allgemeinen Prinzipien und Grundlagen festgestellt werden sollten. Man glaube nicht, dass alles dieses zu gering und überhaupt unwürdig oder ungeeignet für eine wissenschaftliche Behandlung sei. Wir schliessen alle solche Untersuchungen mit in den Begriff des wissenschaftlichen Gebietes der Aesthetik ein. Alles einzelne Sinnliche hat einen bestimmten Werth und eine Bedeutung für das geistige Empfinden des Menschen. Von der Bestimmung dieses Werthes haben an und für sich alle weiteren ästhetischen Untersuchungen ihren Ausgang zu nehmen. Die Aesthetik ist ihrem allgemeinsten Sinne und weitesten Umfange nach die Wissenschaft von dem empfindungsmässigen Werth oder der geistigen Bedeutung aller uns umgebenden sinnlichen Erscheinungen überhaupt. Wir glauben in allem diesem Sinnlichen etwas Geistiges zu erkennen und es ist in der That auch der ganze uns umgebende sinnliche Schein noch etwas Anderes, Tieferes und Mehreres als nur er selbst, indem er vielmehr als der Ausdruck und die Erscheinung eines anderen geistigen Wesens oder idealen Hintergrundes angesehen werden muss. Er interessirt uns nur deswegen, weil er in der That noch etwas Anderes ist als nur er selbst. Der sinnliche Schein ist nicht nur dazu da, damit wir durch ihn das unmittelbare Wesen, d. h. die actuelle Gestalt, Grenze u. s. w. der wirklichen Dinge erkennen, sondern er hat auch an sich und hiervon abgesehen einen tieferen Werth und eine reine oder ideale geistige Bedeutung für uns. Die Farbe ist uns an sich blos das Medium für die Erkenntniss der Grenzen der Dinge, aber sie bildet auch als solche und hiervon abgesehen eine Art von Sprache der äusseren Welt für unseren Geist. Die Natur hat uns die Dinge durch die Farbe nicht blos gezeigt, sondern sie hat sie auch in einer passenden, tiefen und sinnvollen Weise für unser Verständniss illustrirt. Die Farbe ist nicht in dem Sinne künstlerisch werthvoll und bedeutsam für uns wie der Ton, der in der Musik den Stoff für eine eigene und selbstständige Kunstgattung bildet. Es sind bei der Musik nicht sowohl die einzelnen Töne als vielmehr die ganzen Verhältnisse und die Reihen derselben, an welche sich unser Interesse und Wohlgefallen anknüpft. Dagegen hat dort mehr die einzelne Farbe als solche ein tieferes und lebhafteres Interesse für uns. Der Ton ist im Ganzen etwas Vorüberrauschendes, die Farbe dagegen etwas Dauerndes und Bleibendes für uns. Die Farbe wird daher auch leichter zum Ausdruck oder Symbol von etwas Bleibendem für uns als der Ton. Es giebt allerdings auch eine Lehre von der Harmonie der Farben ebenso wie eine solche von denen der Töne, aber wir sind hier doch gegen das Unpassende nicht in dem gleichen Grade empfindlich als dort. Auch die Zusammenstellungen der Farben haben oft einen gewissen mittelbar bedeutsamen oder symbolischen Werth, indem sie uns an irgend ein Verhältniss mit ihnen verwandter Gegenstände zu erinnern scheinen. So bedeutet gleichsam Grün und Weiss Sommer und Winter, Weiss und Gelb Silber und Gold, Schwarz und Weiss Pfeffer und Salz, Weiss und Roth Milch und Blut u. s. w. Das was wir für gewöhnlich einfach geschmacklos finden, hat oft zugleich irgend einen tieferen objectiv sachlichen Grund, der mit dem Wesen oder der Bedeutung der Farbe zusammenhängt. Der Thür eines Zimmers oder Hauses geben wir in der Regel einen braunen, weissen oder schwarzen Anstrich; eine blaue Farbe wurde hier absurd sein schon deswegen, weil Blau die Farbe des Himmels ist, also des schlechthin Schrankenlosen, während die Thür gerade die Bestimmung einer Grenze oder einer Schranke für uns hat. Auch das Absurde kommt allerdings wohl in Sphären der niedrigen Geschmacksbildung vor, so wie wir uns selbst erinnern, eine derartige Thür in einem Bauernhause gesehen zu haben. Das menschliche Leben bietet hierin einen reichen Stoff der Beobachtung dar. Das doppelte Tuch der militärischen Bekleidung hat einen gewissen höheren poetischen Reiz und verhält sich zu dem einfachen Rocke des Privatmannes etwa ähnlich wie die gereimte Rede zu der gewöhnlichen Prosa. Unter den einfachen Farbenzusammenstellungen sind die passendsten und wohlgefälligsten diejenigen zwischen Weiss und irgend einer anderen mittleren Farbe, Roth, Blau, Grün u. s. w. Der Gegensatz des Hellen und Dunklen ist hier ein solcher, der überhaupt noch aufgehoben oder vermittelt werden kann, während bei der Verbindung von Weiss und Schwarz jede Möglichkeit einer solchen Ausgleichung ausgeschlossen ist. Eine Verbindung von zwei mittleren Farben aber entbehrt der bestimmten Hindeutung auf den einfachen und allgemeinen Gegensatz des Hellen und Dunkeln und es knüpft sich insofern an sie nur ein geringerer Grad der das Interesse weckenden Spannung für uns an. Als Landesfarben u. dergl. sind daher auch jene Farbenverbindungen zwischen Weiss und irgend einer mittleren Farbe im Durchschnitt die häufigsten und beliebtesten. In früherer Zeit aber bildete zunächst immer nur eine Farbe den Ausdruck oder das Symbol irgend einer politischen Partei. So war die kaiserliche Farbe in Deutschland noch im dreissigjährigen Kriege roth, die französische weiss. Von den drei jetzigen französischen Farben Roth, Blau, Weiss ist jede gewissermaassen Ausdruck oder Symbol irgend einer politischen Partei, der Republikaner, Constitutionellen, Legitimisten. Das Volk liebt es überhaupt, die politischen Parteien ohne Weiteres mit einer bestimmten Farbe als die Rothen, Schwarzen u. s. w. zu bezeichnen und es bildet die Farbe überhaupt immer das prägnanteste und deutlichste Merkmal irgend einer Partei. Dreifache Farbenzusammenstellungen aber sind erst in der neueren Zeit aufgekommen; es giebt eine deutsche, französische, italienische, ungarische u. a. Tricolore. Es mag ein historischer Irrthum gewesen sein, der in der Zeit der Burschenschaft das Schwarz-Roth-Gold zu den deutschen Nationalfarben erhoben hat; aber wir haben es doch lange Zeit auf Treue und Glauben in diesem Sinne angenommen. Schwarz ist Ernst, Roth ist Muth und golden heisst uns die Treue, in diesen drei charakteristischen Nationaleigenschaften mag wohl eine gewisse Rechtfertigung jener Farbenzusammenstellung erblickt werden.