Es liegt im Wesen des Tones, dass er nicht in der gleichen Reichhaltigkeit und Fülle seiner Erscheinungen von uns aufgenommen werden kann als die Farbe. Es wäre unerträglich für uns, wenn zu derselben Zeit ebenso viele verschiedene Tonwahrnehmungen an unser Ohr herantreten wollten als Farbenwahrnehmungen an unser Auge. Die einzelne Farbe ist für uns ein Mittel der Wahrnehmung nur insofern, als sie sich zugleich mit gewissen anderen Farben berührt und begrenzt. Jeder einzelne Ton dagegen will rein und unvermischt mit anderen Tönen von uns wahrgenommen werden. Eine Mehrheit gleichzeitiger verschiedener Töne ist an sich schlechthin unerträglich für unser Ohr. Die einzelne Farbe verlangt andere Farben neben sich, während der einzelne Ton an sich jeden anderen Ton neben sich ausschliesst oder ganz allein an unser Ohr heranzutreten verlangt. Wir würden nichts sehen, wenn Alles um uns her ganz die gleiche Farbe trüge. Es liegt im Wesen der Farbe, neben einander zu erscheinen, im Wesen des Tones aber, einzeln und nach einander von uns vernommen zu werden. Auch ist jeder Ton im Ganzen nur eine schnell vorübergehende, die Farbe dagegen eine dauernde und bleibende Erscheinung in den Dingen. Es ist überhaupt eine weise Einrichtung der Natur, dass sie uns mit Wahrnehmungen des Tones nicht in dem gleichen Maasse überschüttet hat als mit solchen der Farbe. Es bedarf im Allgemeinen der Mensch der Stille um ihn her und es nimmt der einzelne auf uns eindringende Ton das Leben und die Aufmerksamkeit unserer Seele an und für sich in einer ganz anderen und schwerer fern zu haltenden Weise für sich in Anspruch als das dem Auge erscheinende Lichtbild oder die Farbe. Wir können schwerer von dem Eindrucke des Tones abstrahiren als von demjenigen der Farbe. Wir sind z. B. bei dem Anhören einer Musik weit mehr die Sklaven unserer sinnlichen Eindrücke als bei der Betrachtung eines Gemäldes oder eines landschaftlichen Bildes. Die Musik und überhaupt der Ton reisst uns an sich gewaltiger und unwiderstehlicher mit sich fort als alles dasjenige, was in sichtbarer Weise unserem Auge erscheint. Hier ist es nur die besondere Bedeutung des Wahrgenommenen selbst, welche unter Umständen einen solchen unwiderstehlichen Eindruck und Reiz auf uns auszuüben vermag, während dort die blosse physische Gewalt des Tones an sich sich an unsere Seelen heftet. Ein jeder überflüssige, lästige und unangenehme Ton ist uns daher an sich bei Weitem peinlicher, widerwärtiger und unerträglicher als Alles, was uns durch die Farbe erscheint. Den Eindruck der Farbe auf uns können wir in jedem Augenblick leicht durch uns selbst von uns abstreifen und es stört uns dasjenige, was wir sehen, im Allgemeinen nicht oder nur wenig in der Verfolgung des eigenthümlichen inneren Weges des Lebens unserer Seele. Die Gegenstände oder Bilder, die mich in meinem Zimmer umgeben, sind nicht störend für die Arbeit meines geistigen Denkens, während gegenüber dem Geräusch der Strasse, dem Geschrei meines Kanarienvogels u. s. w. es immer einer gewissen Anspannung oder Abhärtung bedarf, um sich hierbei nicht beirren zu lassen. Der Ton ist an sich überall das Bild einer Unruhe oder Bewegung und ruft daher auch in der Seele immer den Eindruck einer solchen hervor. Die Farbe ist im Allgemeinen etwas Bleibendes und der Ausdruck eines vorhandenen Dinges oder einer feststehenden Beschaffenheit in der äusseren Welt. Es ist an sich vielleicht möglich, dass die Menge des Tones in der Natur ganz die gleiche sei als diejenige der Farbe, d. h. dass so wie jeder Körper uns in einer bestimmten Farbe erscheint oder von dem Auge durch das Lieht erkannt wird, so auch jede Bewegung in der Natur an und für sich von einem bestimmten Tone oder Geräusche begleitet sei und daher eigentlich auch von unserem Ohre wahrgenommen werden könne. Es finden aber gewiss auch kleine und unbedeutende Molecularbewegungen fortwährend um uns herum statt und es giebt daher wahrscheinlich auch noch bedeutend mehr Geräusche in der Natur als solche wirklich durch unser Ohr vernommen werden. Zunächst ist nur uns gegenüber die Natur verhältnissmässig arm an Tönen im Vergleich zu ihrem sonstigen Reichthum an Farben. Eine solche Fülle von Tönen aber wie gelegentlich in einem amerikanischen Urwald oder ein unendlich lauter Ton wie das Getöse einer Schlacht sind an sich für den Geist des Menschen etwas durchaus Unerträgliches und es ist nur die längere Gewöhnung, welche unsere Aufmerksamkeit gegen ein sich fortwährend wiederholendes Geräusch, wie etwa gegen das Klappern einer Mühle abzustumpfen vermag.
Die einzelnen menschlichen oder animalischen Sinne können ferner in die beiden Klassen derjenigen eingetheilt werden, welche den auf sie eindringenden Wahrnehmungen schutz- oder widerstandslos preisgegeben sind und derjenigen, bei denen eben dieselben willkürlich von uns selbst abgewehrt oder fern gehalten werden können. Wir nennen die ersteren unter ihnen die unbewaffneten oder offenen, die letzteren die bewaffneten oder geschlossenen Sinne. Zu der ersteren Klasse aber gehören insbesondere das Gehör und der Geruch, zu der letzteren das Gesicht und der Geschmack. Wir sind nicht gezwungen, irgend etwas Bestimmtes zu sehen und zu schmecken oder mit der Zunge zu geniessen. Wir brauchen dort nur das Auge zu schliessen oder den Rücken zu wenden, um irgend einem unangenehmen Bilde zu entgehen. Den Ton aber müssen wir hören und den Geruch müssen wir riechen oder wir können uns doch nur höchst unvollkommen und gewaltsam durch Verhalten der Hände hiergegen schützen. Dieser äussere Unterschied aber hängt nothwendig auch mit dem inneren Charakter der einzelnen Sinne zusammen. Das Gesicht und der Geschmack werden im Allgemeinen weit öfter und regelmässiger von uns in Thätigkeit gesetzt als das Gehör und der Geruch. Die Wahrnehmungen durch die beiden letzteren Sinne sind im Allgemeinen weit dürftigere und sparsamere als die durch die beiden ersteren. Nur diesen wenigeren Wahrnehmungen gegenüber aber sind wir schutzlos, während wir unsere Beziehungen zu jenen häufigeren selbstständig zu regeln vermögen. Der Sinn des Geruches ist überhaupt an und für sich der allerbescheidenste am Menschen, indem er regelmässig eigentlich gar keine Anregung oder Befriedigung verlangt. Der Sinn des Geruches hat im Allgemeinen nur eine geringe Bedeutung für das ganze Verständniss oder die Communication des Menschen mit der ihn umgebenden äusseren Welt. Für das niedere Seelenleben der Thiere ist er von einer entschieden grösseren Bedeutung, indem hier insbesondere die geschlechtliche Annäherung nicht wie beim Menschen durch den geistigen Sinn des Gesichtes oder das Verständniss und das Wohlgefallen an den äusseren körperlichen Formen, sondern durch den physischen und brutalen Geruchsinstinct ihre Vermittelung findet. Wir sind im Allgemeinen dankbar für jeden Wohlgeruch und empfinden diesen als einen Luxus und eine Verfeinerung unseres Lebens. Ebenso aber werden wir peinlich berührt von jedem Uebelgeruch; der Uebelgeruch als solcher ist für uns nicht gerade ein körperlicher Schmerz, aber er hat gleichsam etwas moralisch Verletzendes und Entwürdigendes an sich, indem sich hierbei unsere Seele nicht des Druckes der feindlichen und unangenehmen Materie zu erwehren vermag. Alle Wahrnehmungen des Geruches treffen ebenso wie diejenigen des Gehöres ganz unmittelbar und direct das Leben der Seele selbst. Auch der Geruch ist so wie das Gehör ein wesentlich innerlicher oder zeitlicher Sinn; es sind die feineren und intensiveren Wirkungen oder Ausstrahlungen der physischen Materie, welche durch ihn von uns aufgenommen werden. Das Gesicht und der Geschmack sind gleichsam die beiden räumlichen oder plastischen, das Gehör und der Geruch die beiden zeitlichen oder dramatischen Sinne im Organismus des menschlichen Lebens. Wir erkennen durch das Gesicht die räumlichen Umrisse oder Grenzen der Körper, während wir durch den Geschmack die den Raum selbst erfüllende Materie in uns eintreten lassen. Die Wahrnehmungen des Gehöres und des Geruches aber sind Folgen von zeitlichen Vorgängen und Bewegungen in den Dingen, dort einer Erschütterung der Luft durch den Zusammenstoss der einzelnen physischen Bestandtheile, hier einer Auflösung oder Verdunstung der Materie in ihre eigenen feineren Elemente oder Atome. In der Gruppe der beiden niederen Sinne ist insofern das Verhältniss des Geschmackes zum Geruch demjenigen des Gesichtes zum Gehör in derjenigen der höheren analog. Für den Sinn des Geruches ist namentlich charakteristisch der enge Zusammenhang desselben mit dem Gedächtniss oder dem Erinnerungsvermögen. Auch bildet dieser Sinn zugleich eine Art von Werthmesser für die allgemeine ästhetische Ausbildung oder Erziehung des Menschen selbst. Jeder wahrhaft gebildete Mensch ist sehr empfindlich gegen alle starken und übertriebenen Gerüche. Selbst Wohlgerüche sind immer nur in sehr bescheidenem Maasse für den gebildeten Menschen erträglich. Am Wenigsten aber darf der Mensch selbst nach irgend etwas Bestimmtem in auffallender Weise riechen. Es hat hierin zum Theil mit die Gewohnheit des Rauchens ihren Grund und ihre Berechtigung, weil hierdurch ein jeder andere dem Menschen etwa anhaftende Geruch gebunden oder neutralisirt wird. Die Empfindlichkeit dieser unserer beiden zeitlichen und nach Aussen hin geöffneten Sinne, des Gehöres und des Geruches, aber ist im Ganzen eine grössere als diejenige der beiden räumlichen und nach Aussen hin geschlossenen oder verschliessbaren, des Gesichtes und des Geschmackes, weil dieselben mehr direct und unmittelbar mit dem Leben der Seele, deren ganze Natur selbst eine zeitliche oder innerliche ist, zusammenhängen als diese.
Der Ton ist als solcher für das Leben der Seele werthvoller und bedeutsamer als die Farbe. Wir besitzen in der Musik eine Kunst, die nur aus reinen und leeren oder nichts weiteres Bestimmtes und Materielles in sich einschliessenden Tonverhältnissen besteht. Eine dem ähnliche Kunstgattung der Farbe aber giebt es nicht oder es hat dieselbe doch einen durchaus niedrigen und untergeordneten Werth. Die Farbe ist im Allgemeinen für die Kunst ein blosses Mittel der Verschönerung und Illustrirung der sonst von ihr dargestellten Gestalten oder Dinge. Die Malerei ist nicht in demselben Sinne eine reine und specifische Kunst der Farbe als die Musik eine solche des Tones. Für den Maler ist die Farbe wesentlich nur ein einzelnes Element oder ein Mittel, während die Kunst des Musikers ganz allein und ausschliessend in der Behandlung des Tones als solchen besteht. An einer blossen reinen und leeren Harmonie von Farben nehmen wir durchaus nicht dasjenige intensive und geistig lebendige Interesse, wie an einer Harmonie von Tönen. Die Farbe ist für uns wesentlich immer nur die Hindeutung oder der Ausdruck von noch irgend etwas Anderem, während der Ton an sich und ganz allein der Träger und die Ursache einer Empfindungsbewegung der Seele ist. Insofern also steht uns der Ton an sich weit näher als die Farbe, welche für uns wesentlich nur das Mittel für die Erkenntniss aller anderen Dinge und Erscheinungen des Raumes ist. Nichtsdestoweniger doch hat andererseits die Farbe und die ganze Wahrnehmung durch das Gesicht vollkommen die gleiche und in gewissem Sinne eine noch höhere Bedeutung für uns als der Ton oder die Wahrnehmung durch das Gehör. Was uns unmittelbar vor der Seele steht, sind überall blos Farben oder anschauliche räumliche Gestalten und Bilder. Wir übersetzen Alles innerlich in eine Wahrnehmung des Gesichtes, was sonst in uns entsteht oder uns irgendwie von Aussen her zugeführt wird. Das Leben unserer Seele ist an sich genommen wohl ein zeitliches und insofern dem Wesen des Tones oder der Gehörwahrnehmung zunächst verwandt. Da aber die Seele zunächst gebunden ist an den Körper und sie insbesondere durch das Organ oder den Sinn des Gesichtes mit der räumlichen oder körperlichen Welt in Verbindung steht, so muss Alles was zu ihr gehört, zugleich in die Gestalt dieser Gattung von Wahrnehmungen eintreten. Alles was in uns ist, ist unmittelbar genommen eine Erscheinung oder Vorstellung von Farbe und es wird selbst das ganze Seelenleben und Vorstellen des Blinden nichts sein können als ein innerliches oder eingebildetes Sehen. Das Leben der Seele ist an sich ein ewiger Wechsel oder ein zeitliches Fliessen von Vorstellungen, aber diese einzelnen Vorstellungen sind sämmtlich an sich genommen von räumlicher oder sichtbarer Art. Unsere Seele lebt actuell überall im Raume oder in der Anschauung von räumlich ausgedehnten und sichtbaren Bildern. Es ist wesentlich immer ein bestimmtes Zugleich, welches wir innerlich vor uns haben oder zu sehen glauben; die einzelnen Puncte dieses Zugleich aber werden von uns immer nur durch innerliche oder eingebildete Farbenwahrnehmungen unterschieden. Es ist also überhaupt wesentlich und in erster Linie die Vorstellung der Farbe, welche in uns lebt. Hierdurch steht uns die Farbe wiederum näher oder sind wir unmittelbarer und wesentlicher an sie gebunden als an den Ton. Ist aber die Farbe zunächst für uns ein blosses Mittel für das Erkennen und innerliche Vorstellen aller anderen räumlichen Dinge, so gewinnt sie doch auch rein als solche für uns eine bestimmte geistige Bedeutung, und eben nach dieser Richtung hin ist es, dass sie hier von uns untersucht werden soll.
7. Das wissenschaftliche Prinzip der ästhetischen Farbenlehre.
Alles Räumliche tritt uns zunächst entgegen durch das Medium des Lichtes oder der Farbe. Unser Interesse hierbei ist überall mehr gerichtet auf die Dinge, die uns durch die Farbe gezeigt werden, als auf diese letztere rein an sich oder als solche. Aber wir erfreuen uns doch zunächst überall an der bunten und eigentlich überschüssigen Farbenpracht der Natur und aller einzelnen Dinge. Die Farbe übt als solche einen physischen Reiz auf uns, der zugleich auch ein gewisses inneres oder geistiges Interesse in uns erweckt. Es wird gleichsam hell in unserer Seele mit dem Eintreten der Vorstellungen oder Anschauungen der Farbe. Das Leben in den Anschauungen oder Wahrnehmungen der Farbe hat insofern einen ganz anderen Werth oder eine andere Bedeutung für uns als dasjenige in denen des Tones. Der Ton berührt die Innerlichkeit unseres Gemüthes, während durch die Farbe die anschauliche Einbildungskraft geweckt und in Anspruch genommen wird. Das Leben im Ton und das in der Farbe erzeugt wesentlich andere Erscheinungen und Eigenthümlichkeiten in der menschlichen Seele. Alles Streben nach Klarheit des Anschauens und Denkens wird wesentlich begünstigt und getragen von dem Elemente der Farbe. Die Farbe ist wesentlich immer das äusserliche oder objective, der Ton das innerliche oder subjective Element im Sinnesleben der Seele. Die Farbe zieht uns hinaus aus uns selbst oder veranlasst uns zur Erschaffung klarer und sichtbarer Werke in der äusseren Welt, während der Ton die tiefe und dunkle Region des inneren Traumlebens der Seele beherrscht. Die Farbe zieht uns wesentlich zu sich heran, während der Ton umgekehrt von Aussen her in unser Inneres eindringt. Die Farbe ist dasjenige, was zwischen uns und der äusseren Körperwelt in der Mitte liegt. Sie übt als solche einen rein sinnlichen Reiz auf uns aus, der aber bald auch einen inneren oder geistigen Werth für uns gewinnt. Die Bestimmung dieses geistigen Werthes der Farben ist es, welche uns hier beschäftigt, und es fragt sich vor Allem nach der hierbei zu befolgenden wissenschaftlichen Methode.
Der Werth, welchen der menschliche Geist einer bestimmten Farbe beilegt oder die besondere Empfindungsanschauung, welche sich mit derselben für ihn verknüpft, wird im Ganzen und Grossen überall als eine Erkenntniss des eigenen Wesens oder der Bedeutung dieser Farbe an sich angesehen werden müssen. Alle unsere Empfindungen, inwiefern sie sich direct an bestimmte äussere Erscheinungen oder Momente des Wahrnehmens anschliessen und unmittelbar durch sie in uns hervorgerufen werden, haben die Gestalt von Erkenntnissen über dieselben. Der Eindruck eines jeden solchen äusseren Momentes aber wird auf jeden normal angelegten Menschen an sich auch der nämliche sein; das Erkennen im geistigen Sinne des Wortes oder als ein innerer Act der Seele aber ist hierbei immer zu unterscheiden von dem blos körperlichen oder physischen Erkennen durch die einfache Thätigkeit oder Anwendung der Sinne als solcher. Dass wir durch die Farbe die Dinge erkennen, in dem was sie unmittelbar sind, in ihrer äusseren Gestalt, Begrenzung u. s. w. ist an sich ein rein physischer Act; nur insofern aber als hiervon abgesehen die Farbe an sich Ursache und Träger irgend einer inneren Empfindung wird, kann von einem Erkennen im innern oder geistigen Sinne des Wortes die Rede sein. Das blosse Anhören einer Musik ist ein physischer Act; nur das Verstehen der in ihr niedergelegten Empfindungen kann als ein innerliches oder geistiges Erkennen angesehen werden. Die Farbe ist für uns zunächst Eins mit den Dingen, an welchen sie uns erscheint; sie wird als solche für uns zu einem Gegenstand des empfindenden Erkennens, wenn wir sie innerlich von diesen absondern und sie rein als solche zu verstehen und auf uns wirken zu lassen versuchen. Diese Absonderung selbst aber muss dem Acte des Erkennens vorausgehen. Es entsteht in unserem Innern eine allgemeine Vorstellung von der bestimmten Farbe und es bildet diese als solche den Gegenstand oder das Object unseres ästhetischen Erkennens. Ein jedes solches allgemeine Farbenbild aber ist es, dem wir einen bestimmten ästhetischen Werth zugestehen oder welches in unserem Seelenleben als der Ausdruck und Repräsentant bestimmter weiterer geistiger Ideen erscheint.
Die Vertheilung der Farben zwischen die einzelnen Dinge und Erscheinungen in der Natur beruht jedenfalls auf irgend einem tieferen allgemeinen und organischen Gesetz. Es wird nicht zufällig sein, dass uns der Himmel blau, die Vegetation grün erscheint, wenn gleich an sich auch das Umgekehrte der Fall sein könnte. Die Natur bedient sich der Farben nicht bloss, um ihre einzelnen Dinge und Abtheilungen durch sie von einander zu unterscheiden, sondern auch um sie in dem was sie an sich oder ihrem Wesen nach sind, durch dieselben zu charakterisiren. Jedes Ding oder jeder Theil der Natur tritt uns im Allgemeinen in irgend einer bestimmten Farbe entgegen. Diese Farbe bildet zugleich etwas innerlich und wesentlich Charakteristisches für sie selbst. Die Farbe ist im Allgemeinen das natürliche Kleid oder die Uniform des stofflichen Wesens der einzelnen Dinge. Jede Farbe umschliesst im Allgemeinen einen bestimmten Kreis oder eine Provinz natürlicher Dinge und Erscheinungen und darf insofern als ein bestimmtes gemeinsames charakteristisches Merkmal derselben angesehen werden. Aus einem solchen Kreise von Erscheinungen aber ragt dann in der Regel die eine oder andere von einer besonders wichtigen oder bedeutungsvollen Natur hervor, deren Charakter sich auf die allgemeine Bedeutung jener Farbe für uns mit überträgt. So wird z. B. diejenige Bedeutung, welche die blaue Farbe für uns besitzt, in Uebereinstimmung stehen oder sich anschliessen an alle diejenigen Empfindungsvorstellungen, welche sich zunächst an das Bild des Himmels als der wichtigsten und bedeutungsvollsten Naturerscheinung auf dem Umfangsgebiete des Blauen anknüpfen. Ein derartiges besonders wichtiges und bedeutsames einzelnes Naturphänomen bezeichnen wir mit dem Ausdrucke eines ästhetischen Typus der Farbe; im Allgemeinen aber wird anzunehmen sein, dass der ästhetische Werth oder die Bedeutung jeder einzelnen Farbe mit der Natur aller derjenigen Gegenstände oder Erscheinungen, an denen sie sich regelmässig vorzufinden pflegt, in einer naturgemässen und nothwendigen Uebereinstimmung stehen werde. Eine jede Farbe hat so wie jeder Begriff einen Umfang, d. h. einen Complex wirklicher Erscheinungen, den sie in sich umschliesst. Wir bestimmen aber den Inhalt eines Begriffes oder suchen ihn zu ermitteln durch die vergleichende Zusammenstellung oder Beobachtung der einzelnen Erscheinungen seines Umfanges. Dasselbe Verfahren aber wird an und für sich auch Anwendung finden müssen auf die Bestimmung des ästhetischen Werthes oder Gehaltes jeder einzelnen Farbe. Auch hier wird die Bedeutung oder der Inhalt, welchen dieselbe für unser Empfinden besitzt und in sich vertritt, im Zusammenhange stehen müssen mit dem geistigen Wesen oder dem Charakter aller derjenigen einzelnen Dinge und Erscheinungen, an welchen sie sich in der Wirklichkeit vorfindet. Dieser ganze Umfang des wirklichen Vorkommens einer Farbe aber kann näher überall zerlegt werden in eine doppelte Abtheilung, in die objective und die subjective, d. h. diejenige der Stellung derselben im Reiche der natürlichen Dinge und diejenige ihrer Anwendung oder ihres Gebrauches im Reiche der Vorstellungen und Dinge der menschlichen Cultur. Die Natur vertheilt die Farben nach einem bestimmten organischen Gesetz oder mit einer gewissen inneren Vernunft zwischen die einzelnen Erscheinungen ihres ganzen Gebietes. Hieraus nimmt der Mensch eine bestimmte innere Vorstellung von dem Wesen oder der Bedeutung der Farben in sich auf und er giebt derselben einen Ausdruck, indem er sie als Repräsentanten gewisser allgemeiner Begriffe oder Ideen ansieht oder von ihnen einen eigenthümlichen Gebrauch in Bezug auf die ihn selbst umgebenden Gegenstände oder Verhältnisse macht. Jene objectiven Thatsachen und Phänomene aber bilden gleichsam die directen oder unmittelbaren, diese subjectiven die indirecten oder abgeleiteten Quellen für die Erkenntniss und Ermittelung des ästhetischen Werthes der einzelnen Farben und es kommt bei diesen letzteren zugleich überall die Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse und der ganzen Lebensstellung jeder einzelnen menschlichen Subjectivität in Betracht. Es hat aber die Natur selbst gleichsam schon gewollt, dass die Farbe noch etwas mehr für uns sein solle als ein blosses Mittel für das physische Erkennen ihrer einzelnen Dinge, indem sie dieselbe im Allgemeinen in einer über dieses Bedürfniss weit hinausreichenden Fülle und Mannichfaltigkeit vor uns ausgegossen hat. Es würden auch wenigere und mattere Farben ausgereicht haben, um die Dinge als solche von uns erkennen zu lassen. Diese Mannichfaltigkeit und Pracht der Farben ist nach den einzelnen Klimaten selbst eine verschiedenartig abgestufte und der Eindruck einer Landschaft am Nordpol verhält sich zu dem einer solchen in den Tropen etwa ähnlich wie derjenige einer einfachen schwarzen Zeichnung zu dem eines farbenreichen und bunten Gemäldes. Die ganze grössere sinnliche Lebhaftigkeit und das ausgeprägtere Formengefühl aller Südländer aber erklärt sich jedenfalls zuerst mit aus der Einwirkung des bunteren und reicheren Farbenspieles der Natur auf das menschliche Gemüth. Die Farbe öffnet im Allgemeinen die Phantasie des Menschen dem Verständniss und der Hingebung an die ihn umgebende äussere Objectivität und die inneren Vorstellungen oder Bilder der Farben gewinnen daher auch für sein geistiges Innere leicht einen tieferen und reichhaltigeren Werth.
Die Begriffe und Bezeichnungen für die einzelnen Unterschiede der Farbe sind nicht überall vollkommen dieselben und es weichen in dieser Rücksicht sogar die verschiedenen Sprachen oft nicht unwesentlich von einander ab. Im Griechischen insbesondere war das System der Begriffe über die Farbe noch zum Theil unvollkommener als bei uns. Es giebt auch jetzt noch nicht für alle Nüancen der Farbe bestimmte Bezeichnungen; häufig ist der Name einer Farbe abgeleitet oder entlehnt worden von irgend einer bestimmten Sache, an welcher sie uns erscheint. Die Mittel der Sprache reichen im Allgemeinen durchaus nicht aus, alle einzelnen Arten oder Nüancen der sinnlichen Wahrnehmungen zu bezeichnen. Es giebt nichtsdestoweniger ein bestimmtes System der allgemeinen und wesentlichen Unterschiede der Farbe. Dieses System wird gebildet aus fünf Paaren von Farbenverschiedenheiten, welche zugleich überall in einem bestimmten mehr oder weniger scharf gespannten Verhältniss des Gegensatzes zu einander stehen. Es sind dieses die zehn Farben: weiss und schwarz, gelb und roth, grün und blau, orange und violett, braun und grau. Es bilden diese zehn Begriffe den allgemeinen Kanon für die Eintheilung der Farbe in ihrer Eigenschaft eines sinnlichen Scheines. Jede derselben aber beherrscht im Allgemeinen eine bestimmte Abtheilung oder Sphäre wirklicher Dinge und Erscheinungen. Die Bedeutung aber, welche sie für uns besitzt, wird sich zunächst gründen auf den Charakter dieser von ihr beherrschten wirklichen Dinge. Wir versuchen daher zunächst auf Grund dieses Prinzipes den allgemeinen Bedeutungswerth der einzelnen Farben zu bestimmen.
8. Das System der allgemeinen Unterschiede der Farbe.
Die beiden ersten allgemeinen und wichtigen Haupt- oder Grundfarben sind Weiss und Schwarz. Beide stehen in einem schroffen und ausschliessenden oder diametralen Gegensatz zu einander. Weiss ist die Farbe des Lichtes, Schwarz diejenige der Finsterniss rein oder an und für sich. Jenes ist der positive, dieses der negative Pol im ganzen Umfange der Farbe überhaupt und alle anderen einzelnen Farben liegen an und für sich zwischen diesem doppelten Extrem in der Mitte. Das Weiss ist heller, das Schwarz ist dunkler als jede andere irgendwie denkbare Farbe überhaupt. Wir unterscheiden beide Farben zunächst als neben einander stehende nur dadurch, dass eine jede von ihnen das Gegentheil der anderen ist. Nur im Verhältniss zu dritten Farben aber tritt ihr specifischer Unterschiedscharakter hervor. Jede andere Farbe wird in ihrem Effect gehoben oder verstärkt durch Weiss, aber verdunkelt durch Schwarz. Weiss ist die natürliche Basis oder Folie, Schwarz aber die natürliche Decke oder Negation einer jeden anderen mittleren Farbe. Wenn beide Farben in Verbindung mit einander auftreten, so ist das natürliche Verhältniss dieses, dass Weiss die Basis, Schwarz aber das Aufgetragene oder die Decke bildet. Wir schreiben auch regelmässig mit schwarzer Dinte auf weissem Papier, während das Umgekehrte, weisse Schrift auf schwarzem Grunde, nur seltener oder wie etwa bei Handlungsfirmen blos da vorzukommen pflegt, wo die schwarze Grundlage sich selbst an einer anderen grösseren hellen Fläche befindet. Weiss auf Schwarz macht überall einen anderen Effect als umgekehrt; wenn auf der Strasse ein Bäcker und ein Schornsteinfeger an einander streifen, so dass an jenem etwas Schwarzes, an diesem etwas Weisses haften bleibt, so ist der Erfolg hiervon ein vollständig verschiedener; der Bäcker wird sich ärgern und der Schornsteinfeger wird triumphiren; jener fühlt sich als einen Gezeichneten oder es hat das Schwarze an ihm die Gestalt eines Schandfleckes und einer Beschmutzung; für diesen dagegen hat das Weiss die Gestalt eines Siegeszeichens oder einer Trophäe und er fühlt sich als einen solchen, der einen Anderen gezeichnet hat. Für den Neger ist das Bedürfniss der Kleidung schon aus ästhetischen Gründen durchaus nicht in dem Grade gefordert als für den Weissen; jede weisse Fläche verlangt als solche danach und ist gleichsam natürlich dazu bestimmt, dass auf ihr irgend eine andere Farbe erscheine. Hierauf gründet sich auch die menschliche Neigung, alles Weisse irgendwie zu bemalen und zu beschreiben und es darf alle Malerei und Schrift gewissermaassen schon als eine Folge dieser natürlichen Provocation der weissen Farbe aufgefasst werden.