Ein jeder wirkliche Schein setzt sich überall zusammen aus seiner formalen Einheit oder ordnenden Idee im Ganzen und aus dem besonderen materiellen Inhalt oder Wesen seiner einzelnen Theile. Keines dieser beiden Elemente für sich allein hat einen reinen ästhetischen Werth oder kann den Anspruch erheben, als schön und befriedigend zu gelten. Das Verhältniss dieser beiden Elemente aber ist wesentlich dasselbe als dasjenige des formellen und materiellen oder des grammatischen und des lexicalischen Bestandtheiles in der sprachlichen Rede oder im Satz. Die Grammatik ist das System der allgemeinen gesetzlichen Formen, das Lexicon ist das Verzeichniss der sämmtlichen einzelnen materiellen Bestandtheile der Sprache oder der Worte. Eine jede einzelne wirkliche Rede aber enthält theils immer irgend ein allgemeines grammatisches oder syntaktisches Formgesetz in sich, theils besteht sie aus gewissen Gliedern oder Elementen des materiellen oder lexicalischen Wortschatzes der Sprache. Jene Lehre aber, dass der Charakter und Eindruck des Schönen an einer Sache sich lediglich auf das Element der Form oder das Verbindungsgesetz ihrer einzelnen Theile gründe, ist zuletzt eine ebenso einseitige und unzureichende, als wenn gesagt werden wollte, dass unser Interesse und Verständniss eines sprachlichen Satzes sich allein auf die grammatische Form desselben unabhängig von dem materiellen Inhalt oder der Bedeutung der einzelnen in ihm enthaltenen Worte beziehe. Die ganze Wissenschaft von der Sprache setzt sich zusammen aus Grammatik und Lexicon oder aus einem formellen und einem materiellen Theile; ebenso aber kann auch in der Aesthetik einmal eine Lehre von dem formalen Gesetze der Ordnung und Verbindung oder gleichsam eine ästhetische Grammatik und Syntax, andererseits aber eine Bearbeitung des materiellen Werthes oder Bedeutungsinhaltes der einzelnen einfachen Bestandtheile des Schönen selbst unterschieden werden.
Wir glauben den Satz aussprechen zu dürfen, dass an sich jede einzelne sinnliche Wahrnehmung einen bestimmten Werth oder eine Bedeutung für unser geistiges Empfinden besitze. Eine schöne Sache oder ein Kunstwerk ist nur ein bestimmtes System oder eine formale Verbindung solcher einzelner Elemente; auch diese einzelnen Elemente als solche bedürfen einer wissenschaftlichen Bearbeitung in Rücksicht ihres ästhetischen Werthes. Zu diesen einfachen Elementen gehören auch die Farben. Unsere ganze Aesthetik ist namentlich deswegen zum Theil noch unvollkommen, weil man die Aufgabe derselben bisher noch wesentlich auf die blosse Bearbeitung des eigentlichen oder specifischen Schönen, insbesondere in Rücksicht des einseitigen Elementes der Form beschränkt hat. Es giebt noch eine andere oder Elementarlehre der Aesthetik über die empfindungsmässige Bedeutung oder den Werth der unmittelbar gegebenen einzelnen Elemente und Erscheinungen des sinnlichen Wahrnehmens und es hat diese an und für sich die erste Einleitung und Voraussetzung für die Aesthetik im höheren Sinne als die Lehre vom Schönen oder von den wohlgefälligen Verbindungsverhältnissen jener einfacheren Elemente zu bilden. Ich habe deswegen auch in meinem Grundriss einer allgemeinen Aesthetik in diesem Sinne eine niedere und eine höhere Abtheilung des ästhetischen Erkennens unterschieden. Der wahre und vollkommene wissenschaftliche Begriff der Aesthetik ist zunächst noch keineswegs allein derjenige vom Schönen, sondern vielmehr derjenige von den objectiven, d. h. von den sich mit innerer Nothwendigkeit an die sämmtlichen Erscheinungen des äusseren Wahrnehmens anknüpfenden Empfindungen der menschlichen Seele überhaupt und es tritt dieselbe unter diesem Gesichtspunkt namentlich der Logik als der Lehre vom objectiven, d. h. dem an sich wahren oder mit dem geistigen Inhalte der Wirklichkeit einstimmigen Denken verwandtschaftlich zur Seite. Auch bei der Bearbeitung der Logik aber ist es ein Missverständniss oder ein Fehler, wenn hier das Hauptgewicht immer auf das sogenannte formelle Element, die allgemeinen Figuren des Schliessens u. s. w. gelegt wird. Es kommt beim richtigen Denken hauptsächlich immer darauf an, was in dem einzelnen bestimmten Begriffe als solchem enthalten sei oder gedacht werde. Das Element der Form ist überall nur dazu da, die Verhältnisse der materiellen Theile der Sache zu ihrem wahrhaften Ausdruck zu bringen und nicht in ihr, sondern in diesen letzteren selbst ist daher überall der wahrhafte Schwerpunct für unsere Auffassung des Ganzen der Sache gegeben.
5. Das empfindende und das denkende Erkennen der Seele.
Aller Zusammenhang des menschlichen Seelenlebens mit der Aussenwelt findet zunächst seine Vermittelung durch die Wahrnehmungen der Sinne. Die Sinne sind an sich körperliche Organe, deren ganze Functionen aber in einer Beziehung auf das Leben der Seele bestehen. Wie es bei den sinnlichen Wahrnehmungen selbst zugehe, ist eine der tiefsten und schwierigsten Fragen der Physiologie. Es sind dieses jedenfalls Vorgänge von anderer Art als sie sich in der ganzen übrigen sinnlichen Natur vorfinden. Die Lichtstrahlen treffen auch andere Puncte in der übrigen körperlichen Natur als gerade das menschliche oder thierische Auge; aber eben dieses Organ ist specifisch für die Aufnahme und Sammlung der Lichtstrahlen disponirt. Das Licht ist da für das Auge, ebenso wie die ganze äussere oder sinnliche Welt da ist für den Geist oder in diesem das Organ und den einheitlichen Mittelpunct der Aufnahme ihres ganzen Inhaltes findet. Die Dinge sind allerdings da an sich, auch ohne dass sie durch das Auge gesehen oder durch den Geist erkannt und begriffen werden. Aber alles andere Einzelne ist blind und dumm der Welt gegenüber ausser dem Auge und dem Geist. Alles Makrokosmische verlangt ein Mikrokosmisches sich gegenüber. Es wäre ein Mangel in der Welt, wenn es kein Auge gäbe, um sie zu sehen, und keinen Geist, um sie zu begreifen. Das Auge ist insofern der letzte Endzweck des Lichtes und der Geist derjenige der Ordnung in der Natur. Die Natur selbst bringt das Auge und den Geist hervor, damit sie von ihnen gesehen und begriffen werden kann. Die Sinne des Menschen aber sind die ersten Träger und Diener seines ganzen geistigen Lebens. Sie sind diejenigen Theile oder Organe des Körpers, welche der Aufnahme der äusseren Dinge adäquat sind und aus deren Eindrücken sich die Seele ihr ganzes Bild von einer äusseren Welt zusammensetzt. Wir müssen den Sinnen eine allgemeine Wahrhaftigkeit zugestehen, weil sonst unsere ganze übrige Weltauffassung eine hinfällige wäre. Alles actuelle Leben des Geistes oder der Seele ist gebunden an die Thätigkeiten oder Functionen der Sinne und es ist an und für sich ein blosser Schein, als ob die Seele ein rein innerliches oder von der Mitwirkung der Sinne abgelöstes Leben zu führen im Stande sei. Unsere Seele empfängt den ganzen Inhalt ihres Vorstellens zunächst aus den Eindrücken und Wahrnehmungen der Sinne, wenn sie dann auch denselben für sich weiterhin ausbildet und verarbeitet. Dieses reine oder innere Vorstellen der Seele aber hängt auch dann immer noch in gewisser Weise zusammen mit der Thätigkeit oder dem Leben der Sinne. Auch dann, wenn unser Auge blind ist oder wir nichts wahrnehmen von den äusseren Dingen, glauben wir doch bei uns selbst immer irgend etwas zu sehen oder es sind wesentlich immer innere Bilder und Anschauungen, welche bei allen Zuständen und Vorgängen des Lebens der Seele sich in uns befinden. Der That nach ist das ganze geistige Leben des Menschen nichts als ein fortwährendes innerliches Anschauen oder Sehen. Das Leben des Auges und dasjenige des Geistes ist zuletzt thatsächlich eines und dasselbe oder es ist das letztere nichts als eine Reihe von Bildern, die aus der Abwandelung und Reflexion der wirklichen durch das erstere aufgenommenen Bilder in uns entstehen. Es ist streng genommen unrichtig zu sagen, dass die Anschauungen nur einen einzelnen Theil oder eine besondere Art des ganzen Vorstellungslebens der Seele ausmachten. Wir unterscheiden allerdings im Allgemeinen, namentlich nach dem Vorgange Kants, das doppelte Vermögen oder die doppelte Abtheilung alles Vorstellens der Seele, die Anschauungen und die Begriffe. Die Anschauungen entsprechen an und für sich den einzelnen sinnlich gegebenen Erscheinungen und Bildern der äusseren Welt, während dagegen die Begriffe an den allgemeinen oder geistig abstracten Momenten der äusseren Dinge ihren Inhalt oder ihre objective Wirklichkeit haben. Aber inwiefern ein Begriff oder eine ihrem Inhalte nach allgemeine Geistesvorstellung der Wirklichkeit nach in der Seele existirt, so nimmt sie nothwendig immer zugleich die Gestalt einer Anschauung oder eines innerlich von uns gesehenen einzelnen Bildes für uns an. Es ist schlechthin unmöglich, irgend einen abstracten Begriff rein an sich oder als solchen in der Seele vorzustellen und festzuhalten. Immer bekleidet sich derselbe mit irgend einem entweder natürlich zu ihm gehörenden oder doch zufällig und conventionell sich mit ihm verbindenden sinnlich anschaulichen Bilde. Sehr häufig besteht dieses anschauliche Element in nichts Anderem als in der Vorstellung der blossen Schriftzüge des den Begriff vertretenden Wortes. Ueberhaupt hat ein Begriff in der Seele eine wirkliche Gestalt oder Form nur in dem ihn vertretenden Worte der Sprache und alles Denken ist insofern thatsächlich nichts als ein fortwährendes Umgehen und Verknüpfen der inneren Anschauungen oder Vorstellungsbilder der Worte der Sprache. Anschauung und Vorstellung ist insofern eines und dasselbe als auch alle diejenigen Vorstellungselemente der Seele, die keine eigentlichen und unmittelbaren oder objectiv gegebenen Anschauungsbilder sind, doch innerhalb der Seele selbst nothwendig die Gestalt von solchen anzunehmen genöthigt sind. Auch alle diejenigen Wahrnehmungen oder Eindrücke aber, welche uns durch irgend einen andern Sinn als durch den des Gesichtes selbst zugeführt werden, wie Töne, Geruchsempfindungen u. s. w., müssen doch, inwiefern sie in die Seele selbst eintreten oder innerlich von uns vorgestellt werden, nothwendig zugleich die Form einer Anschauung oder eines inneren Gesichtsbildes für uns annehmen und es sind z. B. bei dem Anhören einer Musik doch immer zugleich innere Farben- oder Gesichtswahrnehmungen, welche in unsere Seele eintreten oder mit denen sich alle jene einzelnen Töne für unser Vorstellen umkleiden. Jede andere Sinneswahrnehmung muss, wenn sie in die Seele eintreten oder zu einer inneren Vorstellung werden soll, nothwendig zugleich den Umweg durch den Sinn des inneren Gesichtes oder der Anschauung nehmen oder es bildet dieser Sinn gewissermaassen das αἰσθητήριον κοινόν, in welchem alle anderen Sinneswahrnehmungen sich zuerst vereinigen und sammeln, ehe sie zu einem Eigenthum der Seele werden oder in den Besitz derselben übergehen können. Alles geistige Leben ist zuletzt nichts als ein fortwährendes inneres Anschauen oder Sehen und es ist insofern in erster Linie der Sinn des Auges oder des Gesichtes, an welchen das ganze Leben der Seele sich gebunden findet.
Wir unterscheiden die einzelnen Sinne zunächst in die beiden allgemeinen Gruppen der niederen und der höheren, deren erste den Geruch, Geschmack, das Gefühl, deren letztere das Gesicht und das Gehör in sich einschliesst. Die beiden höheren Sinne sind von den drei anderen zunächst dadurch unterschieden, dass in ihnen kein unmittelbarer physischer Contact mit der körperlichen Materie stattfindet, sondern dass es hier das doppelte Medium des Lichtes und des Schalles ist, welches zwischen uns und die wirkliche Natur der äusseren Dinge in die Mitte tritt. Die höheren Sinne sind hierdurch in einer vornehmeren Weise der Berührung mit der niederen groben Materie entrückt. Ihr Zusammenhang mit dem Leben des Geistes ist ein näherer und directerer als derjenige der niederen Sinne. Es sind zunächst hauptsächlich die beiden höheren Sinne, auf denen unser allgemeines Bild oder unsere ganze Vorstellung von der äusseren Welt beruht. An die beiden höheren Sinne knüpft sich ferner nicht in dem Grade wie an die drei niederen die Unterscheidung des physisch Angenehmen und Unangenehmen und das Interesse an einer blos körperlichen oder materiellen Lebensbefriedigung an. Die drei niederen Sinne sind sämmtlich Egoisten, d. h. es sind überall nur angenehme Eindrücke, welche von ihnen aufgesucht werden, während alles Unangenehme peinlich von ihnen empfunden und zurückgewiesen wird. Auch die niederen Sinne aber haben allerdings immer einen bestimmten Werth für die allgemeine geistige Bildung und ästhetische Erziehung des Menschen. Ihre Verfeinerung hängt immer zusammen mit der allgemeinen Verfeinerung und Veredelung des persönlichen Wesens des Menschen überhaupt. Als eigentliche oder an bestimmten Puncten localisirte und an gewisse selbstständige Organe gebundene Sinne aber sind auch hier streng genommen nur die beiden des Geruches und des Geschmackes zu bezeichnen, während der sogenannte fünfte Sinn, das Gefühl, sich über die ganze Oberfläche des Körpers verbreitet und nur hier in dem Tastvermögen der Finger und Hände seine äusserste Verschärfung oder Zuspitzung erfährt. Die Hand aber ist wesentlich das ausführende oder praktische Organ des menschlichen Körpers für die nach Aussen gewendeten Gedanken oder Antriebe unserer Seele. Es verbindet sich mit ihr auch ein besonders feines Vermögen des Empfindens für die Eindrücke der Haut, woraus mit wesentlich dasjenige entspringt, was wir die praktische oder mechanische Geschicklichkeit nennen. Dieses Organ der Hand fehlt dem Körper des Thieres, während seine sonstigen Sinnesorgane im Allgemeinen denen des Menschen ähnlich sind. Der Mensch überwindet die ganze äussere Welt zunächst nur durch das Organ seiner Hand; er erschafft sich mit ihr zunächst die Werkzeuge, auf deren Anwendung seine ganze weitere äussere oder materielle Cultur beruht. Die Hand ist insofern das körperliche Zeichen oder die Signatur der thatkräftigen Herrschaft des Menschen über die äussere Welt. Umgekehrt besitzt das Thier ein bestimmtes körperliches Organ, welches ebenso das Zeichen oder die Signatur seiner Unfreiheit oder seiner Abhängigkeit von der Macht der physischen Natur ist. Dieses ist der Schwanz, auf dessen ästhetische Bedeutung ich in meinem Grundriss einer allgemeinen Aesthetik hingewiesen habe. Die aufnehmenden Sinnesorgane aber sind an sich dem Menschen mit dem Thier gemein; ein jeder einzelne localisirte Sinn aber ist an sich einer anderen Gattung äusserer Wahrnehmungen oder Eindrücke adäquat. Diese einzelnen Sinne sind gleichsam verschiedene Pforten, deren jede nach einer anderen Seite oder Region der äusseren Welt hinführt. Die beiden grösseren oder Hauptpforten aber sind das Gesicht und das Gehör, von denen jenes im Allgemeinen den räumlichen, dieses aber den zeitlichen Erscheinungen und Vorgängen in der äusseren Welt adäquat ist. Die Wahrnehmungen von diesen aber haben vorzugsweise einen höheren geistigen oder ästhetischen Werth und es wird auf die Untersuchung von ihnen zunächst die ganze Bestimmung des ästhetischen Werthes aller einzelnen Sinneseindrücke gegründet werden müssen.
Es sind an sich überall nur einzelne oder vorübergehende Eindrücke, welche uns durch die Wahrnehmungen der Sinne zugeführt werden. Das Gemeinsame und Wiederkehrende dieser Eindrücke bildet für uns den Stoff oder die Basis der Begriffe. Die Seele des Thieres kommt über den blassen Wechsel der Sinneseindrücke nicht hinaus. Die Begriffe aber sind an sich die collectiven Einheiten und Repräsentanten aller einzelnen Gattungen von sinnlichen Wahrnehmungen. In ihnen also ist das an und für sich Feste und Bleibende unseres ganzen inneren Vorstellungslebens im Gegensatz zu dem vorübergehenden Wechsel der sinnlichen Eindrücke enthalten. Die ganze Region der Begriffe ist nichts als eine zusammengezogene Vereinigung und Verdichtung derjenigen der sinnlichen Wahrnehmungen. Es ist insofern absolut falsch, den Inhalt der Begriffe oder das Vermögen des Denkens als eine an sich gegebene unabhängige und selbstständige Region des menschlichen Seelenlebens neben derjenigen des sinnlichen Wahrnehmens und Empfindens ansehen zu wollen. Erst aus den sinnlichen Wahrnehmungen allein ist von Anfang an der ganze weitere Inhalt des Seelenlebens entstanden. Die ganze Frage nach einem rein innerlichen oder a priori gegebenen Besitze des Lebens der Seele beruht an sich auf einer unrichtigen Vorstellung von der geistigen Natur des Menschen und seinem Verhältniss zur äusseren Welt. Man hat hierdurch die eigene Unabhängigkeit und Selbstständigkeit der Vernunft im Gegensatz zu ihrer Abhängigkeit von der äusseren Erfahrung festzustellen versucht. Es geschah dieses insbesondere durch den anthropologischen Idealismus und Subjectivismus der Lehrweise Kants. Alles dieses aber ist an sich nichts als ein falscher und missverstandener Weg, um den Satz von der inneren Freiheit und Würde des menschlichen Geistes zu retten. Man glaubte etwas Bestimmtes feststellen und ausfindig machen zu müssen, was dem menschlichen Geiste an sich oder a priori und vor der Berührung mit der äusseren Erfahrung eigenthümlich sein und auf welchem eben seine ganze innere Herrschaft über die letztere beruhen sollte. Namentlich ist es das Denken und sind es die ganzen inneren Regionen des Lebens des menschlichen Geistes auf welchem zunächst seine Unabhängigkeit von der äusseren Erfahrung und seine Herrschaft über dieselbe zu beruhen scheint. Indirect aber geht auch alles dieses zuletzt nur aus der Berührung mit der äusseren Erfahrung oder durch Anschluss an diese hervor. Es kann nicht gesagt werden, dass irgend ein bestimmtes Moment seines Innern dem menschlichen Geiste bereits an sich oder vor seiner Berührung mit der äusseren Welt gegeben und eigenthümlich sei. Alles dieses Innere in uns weist durchaus und mit Nothwendigkeit auf etwas Aeusseres oder empirisch Gegebenes zurück. Was dem menschlichen Geiste an sich gegeben und eigenthümlich ist, ist blos die Fähigkeit oder Kraft, aus den Erscheinungen der äusseren Erfahrung alles dasjenige Weitere abzuleiten und zu entwickeln, was er in sich selbst trägt und worauf dann seine ganze spätere Freiheit und Herrschaft über jene beruht. Alles dieses innere also kann höchstens im latenten Zustande oder der blossen Möglichkeit nach als ursprünglich in ihm liegend angesehen werden. Das Denken als eine bestimmte Actualität tritt im Leben der Seele erst hervor mit dem Besitze der Sprache und es kann höchstens im potentiellen Sinne des Wortes als etwas ursprünglich in ihr Liegendes angesehen werden. Es geht aber hieraus noch keineswegs hervor, dass das ganze innere Leben der Seele gleichsam eine blosse unmittelbare und nothwendige Folge oder ein mechanischer Abdruck des ausser ihr gegebenen Stoffes der Erfahrung sei. Es war dieses wesentlich die Lehre der Stoiker von der menschlichen Seele als einer tabula rasa, in welcher sich so wie auf der Fläche eines Spiegels mit Nothwendigkeit das gegebene Bild der äusseren Welt reflectire. Nach dieser Lehre müsste eigentlich in jeder menschlichen Seele vollkommen dasselbe Bild der äusseren Welt oder ganz der gleiche Apparat der Anschauungen, Vorstellungen, Urtheile u. s. w. entstehen als in der anderen und es läugneten in der That auch die Stoiker die geistige Individualität, indem sie annahmen, dass alle Weisen oder Vernünftigen in allen Punkten des Lebens mit einander einstimmig sein müssten. Auch der neuere anthropologische Empirismus der Engländer schliesst sich an diesen Vorgang der Stoiker an, nur dass demselben wesentlich die Behauptung der Einstimmigkeit des inneren Vorstellungsbildes der Seele mit dem reinen Wesen oder dem Ansichsein der äusseren Welt fremd ist und es sich hier blos um eine Ableitung des ganzen weiteren inneren Vorstellens der Seele von den zuerst gegebenen einfachen sinnlichen Anschauungen handelt. Kant aber versuchte die Selbstheit der Vernunft oder des menschlichen Geistes zu retten durch die Annahme eines Systemes ursprünglicher oder a priori gegebener Momente des inneren Anschauens, Denkens, Wollens und Vorstellens. Er zog insofern eine Grenze zwischen einem rein subjectiven, innerlichen, a priori gegebenen und einem objectiven, äusserlichen oder a posteriori aufgenommenen Theil des ganzen gegebenen Vorstellungsinhaltes der menschlichen Vernunft. Diese oder irgend eine andere ähnliche Grenze ist vollkommen unhaltbar. Kant stellte sich die menschliche Vernunft in einer äusserlichen oder mechanischen Weise gleichsam vor als ein Gefäss mit einer bestimmten gegebenen Form, deren Gesetz sich der von Aussen in sie eintretende Inhalt anzubequemen habe. Es war diese Vorstellungsweise allerdings eine nothwendige für die Durchführung des Kantischen Grundgedankens von der Superiorität der menschlichen Vernunft über den Inhalt der äusseren Erfahrung. Aber es kann eben das Besondere und Eigenartige des menschlichen Geistes nicht in einen solchen bestimmten und äusserlichen Apparat des Vorstellens verlegt werden. Jeder einzelne menschliche Geist ist zunächst eine bestimmte und eigenthümliche Kraft oder Form des Aufnehmens des Inhaltes der äusseren Welt. Der menschliche Geist überhaupt ist wahrscheinlich auch nur eine bestimmte solche eigenthümliche Kraft oder Form und es darf derselbe keineswegs wie es in der Identitätslehre Schellings und Hegels geschehen ist mit dem Geiste oder der Vernunft an sich und im absoluten Sinne des Wortes verwechselt und zusammengeworfen werden. Von dieser Eigenthümlichkeit des menschlichen Geistes überhaupt aber werden wir annehmen dürfen, dass sie zunächst nur dem Begreifen der uns unmittelbar umschliessenden besonderen irdischen Natur oder Objectivität adäquat sein werde. Wir sind der Geist an sich auf dem Schauplatze und innerhalb der Grenze des Lebens der Erde oder alles desjenigen, was uns zunächst umgiebt, und wir können unsere eigene Subjectivität und Individualität nur begreifen im unmittelbaren Zusammenhang und als das adäquate Organ für das Aufnehmen und Verstehen dieser uns selbst in sich umschliessenden äusseren Objectivität.
Alles dasjenige, was unsere Begriffe in sich enthalten, ist unmittelbar genommen nichts Anderes als dasjenige, was wir an und für sich auch schon in unseren Anschauungen besitzen. Alles Denken entsteht wesentlich nur aus einem Bewusstwerden über dasjenige, was wir zuerst aus der Anschauung oder Empfindung in uns aufgenommen haben. Die Begriffe sind an sich überall die Abstractionen und die innerlichen Vertreter der gleichartigen sinnlichen Anschauungen. Es geht in beiden Abtheilungen des Erkennens zuletzt nach einer wesentlich ähnlichen und gleichartigen Regel oder Gesetzmässigkeit zu. Alles denkende Erkennen ist vom empfindenden an sich dadurch verschieden, dass es in der Aufeinanderfolge der einzelnen Begriffe oder der diese vertretenden Worte der Sprache in einer ganz bestimmten und deutlichen Gliederung seiner Bewegungen vor uns erscheint. Den Fortschritt oder die Bewegung des Denkens können wir hierdurch gleichsam äusserlich messen, verfolgen und bestimmen, während die innere Bewegung unseres Empfindens sich jeder solcher äusserlichen Gliederung oder Bestimmung entzieht. Alles Empfinden erscheint deswegen unklar, unbestimmt und schwankend gegenüber der höheren Reinheit, Klarheit und Durchsichtigkeit des denkenden Erkennens der Seele. Es giebt keine Sprache für das Empfinden in dem Sinne wie es eine solche für den Gedankeninhalt der Seele giebt. Baumgarten aber sah in allem Empfinden eine dunkle und unklare Vorahnung der höheren und vollkommeneren Klarheit des logischen Denkens. Hierauf gründete sich auch seine Meinung, dass das Schöne oder das specifische Object des empfindenden Erkennens nichts sei als eine verhüllte und anschauliche Darstellung eines abstracten logischen Gedankens. Das Schöne wurde hierdurch in seiner specifischen Eigenthümlichkeit neben einem blossen Werk oder einer Erscheinung des verstandesmässigen Denkens verkannt. Eben hierin bestand der allgemeine Irrthum der ästhetischen Lehre Baumgartens. Die Sphäre der Kunst und des Schönen ist an sich eine ganz andere und selbstständige Region neben derjenigen der Wissenschaft und des gedankenmässig Wahren. Für unseren gegenwärtigen Geschmack ist gerade alles Beabsichtigte und gedankenmässig Reflectirte das specifische Gegentheil und die eigentliche Aufhebung der wahrhaften Vollkommenheit des Schönen. Wir verlangen vom Schönen in erster Linie, dass es natürlich sein soll, während man zur Zeit Baumgartens wesentlich noch das Schöne mit dem Erkünstelten verwechselte oder es nicht aus sich, sondern aus seiner Uebereinstimmung mit irgend einer abstracten Idee oder Regel aufzufassen und zu beurtheilen pflegte. Es war dieses im Allgemeinen die Zeit des sogenannten Zopfthumes in der Geschichte der neueren Kunst, welchem auch die ästhetische Lehre Baumgartens zum Ausdruck diente. Man schätzte z. B. insbesondere die Allegorie, welche sich in unserer Zeit einer nur geringen Anerkennung in der Kunst und Aesthetik zu erfreuen hat. Diese ist in directer Weise die Erscheinung oder sinnbildliche Darstellung irgend eines Begriffes oder einer allgemeinen geistigen Idee, und durch Baumgarten wurde wesentlich das Schöne überhaupt in einem ähnlichen Lichte aufzufassen versucht. Man hatte überhaupt damals für das eigentlich Freie, Natürliche und Ungezwungene im Schönen noch kein Verständniss. Die Lehre Baumgartens war der Ausdruck und die Folge des allgemeinen geistigen und künstlerischen Pedantismus seiner Zeit. Es ist aber immerhin wahr, dass die ganze Natur des ästhetischen oder empfindenden Erkennens aufgefasst und beurtheilt werden darf nach der Analogie des denkenden oder logischen. Alles denkende Erkennen besteht darin, mit einem bestimmten gegebenen Begriffe als dem logischen Subject diejenigen Eigenschaften oder Prädicate zu verbinden, welche an und für sich zu ihm gehören oder in denen sein eigener logischer Inhalt und Werth besteht. Eine solche Operation des Denkens ist ein logisches Urtheil und es setzt sich dasselbe naturgemäss immer zusammen aus den beiden allgemeinen Gliedern des Subjectes und Prädicates. Nach dieser Analogie aber darf auch von Urtheilen unseres empfindenden oder ästhetischen Erkennens gesprochen werden. Mit einer bestimmten gegebenen sinnlichen Wahrnehmung, wie z. B. der einer Farbe, verbindet sich irgend eine weitere Empfindungsvorstellung in unserer Seele; hierbei also ist jene Wahrnehmung selbst das zuerst gegebene Subject, diese Empfindungsvorstellung aber das mit ihm verknüpfte Prädicat unseres ästhetischen Erkennens. Alle sinnlichen Wahrnehmungen aber haben es an und für sich an sich, zu Gegenständen oder Subjecten unseres ästhetischen Erkennens erhoben werden zu können, indem wir uns hierdurch bestreben, dieselben in dem ihnen an sich zukommenden geistigen Werth oder in ihrer reinen ästhetischen Bedeutung zu erfassen. Diese bestimmte sich mit ihnen verbindende innere Empfindungsvorstellung ist allerdings ihrem näheren Charakter nach immer etwas Undefinirbares oder Unsagbares; aber es kann doch immerhin versucht werden, sie selbst in Begriffe zu fassen oder sich ihres Inhaltes in deutlicher oder denkender Weise bewusst zu werden. Die Region des Denkens in der Seele tritt zuerst überall aus derjenigen des Empfindens hervor; es kann aber weiter durch das Denken selbst das Empfinden begrifflich erkannt oder in die Form des Bewusstseins zu erheben versucht werden. Eben dieses aber ist es, worin die Aufgabe und das Prinzip aller wissenschaftlichen Aesthetik besteht.
6. Die Farbe und der Ton.
Jede einzelne Gattung der sinnlichen Wahrnehmungen hat an und für sich einen durchaus eigenthümlichen und besonderen Charakter. Die Natur der Farbe aber begrenzt sich hierin zunächst mit derjenigen des Tones. Für unser Ohr ist der Ton dasselbe was für das Auge die Farbe. Aber die Natur und die Bedeutung beider Sinne für das Seelenleben des Menschen ist nichtsdestoweniger eine wesentlich verschiedene. Es ist eine ganz andere Welt von Eindrücken, welche uns durch einen jeden von ihnen zugeführt wird. Durch die Farbe leben wir mehr in Verbindung mit den Dingen in der äusseren Welt oder der Natur, während wir durch den Ton mehr von innerlich geistigen oder menschlich subjectiven Mittheilungen berührt werden. Die Farbe ist uns wichtiger für den Verkehr mit der Körperwelt oder der Objectivität, während der Ton seine Hauptbedeutung in dem geistigen Leben der Subjectivität hat. Der Mangel des einen oder des anderen Sinnes hat deswegen auch eine vollkommen verschiedene Ausbildung und Richtung des menschlichen Seelenlebens zur Folge. Die Function und Leistung des anderen unversehrten oder vorhandenen Sinnes wird hierdurch nothwendig eine ausgedehntere und grössere. Beim Taubstummen befindet sich das mechanische Formengeschick, beim Blinden das Gefühl für Musik in vergleichsweise günstigeren Bedingungen der Entwickelung. Es muss dort die Function des Auges zum Theil diejenige des Ohres, hier aber die letztere die erstere mit übertragen. Das ganze Seelenleben des Taubstummen ist auf die Basis der Wahrnehmungen durch das Gesicht, dasjenige des Blinden auf die von denen durch das Gehör gegründet. Jener lebt an sich nur in äusserlichen oder sichtbaren Bildern und Anschauungen, dieser aber in innerlichen subjectiven Gefühlsvorstellungen oder Empfindungen. Das ganze Seelenleben des Taubstummen muss sich wesentlich entwickeln in der Richtung von Aussen nach Innen, das des Blinden aber in der von Innen nach Aussen. Jenem ersteren müssen unter Anschluss an die sichtbaren Dinge zuerst die Vorstellungen von den Begriffen und Worten der Sprache beigebracht werden, dieser letztere muss sich auf Grund geistiger Mittheilungen ein inneres Bild von einer sichtbaren oder körperlichen Welt zu erschaffen versuchen. Bei dem vollsinnigen Menschen aber ergänzen sich überall beide Gattungen von Wahrnehmungen oder Eindrücken zu der Entstehung seines Gesammtbildes von einer sinnlichen und geistigen Welt. Der Sinn des Gehöres aber ist an sich der im specifischen Sinne des Wortes geistigen oder subjectiven, der des Gesichtes dagegen der sinnlichen oder objectiven Seite des den Menschen umgebenden Daseins zugewandt.
Die Menge der auf den Menschen eindringenden Wahrnehmungen durch die Farbe ist an sich überall eine unendlich grössere als diejenige der Wahrnehmungen durch den Ton. Unsere ganze Communication mit der Natur beruht hauptsächlich auf den Wahrnehmungen durch das Gesicht oder die Farbe. Nur durch die Farbe empfangen wir im Allgemeinen ein vollständiges Bild von dem Ganzen der uns umgebenden wirklichen oder natürlichen Welt. Alle anderen Sinne ergänzen hier zuletzt nur dasjenige, was uns durch die Farbe oder das Gesicht zugeführt und mitgetheilt wird. Jedes einzelne Ding in der Natur wird durch die Vermittelung der Farbe in seiner äusseren Erscheinung von uns erkannt, während die Thätigkeiten der übrigen Sinne sich überall nur auf vereinzelte und untergeordnete Phänomene in der natürlichen Wirklichkeit beziehen. Die Menge der Farbenerscheinungen in der Natur ist insbesondere für uns eine unendlich grössere als diejenige der Phänomene des Tones oder des Schalles. Die Natur ist wesentlich für uns ein Gemälde gegenüber dem Auge, aus welchem nur in sehr beschränktem Umfange auch einzelne Wahrnehmungen des Tones an unser Ohr heranzutreten pflegen. Der Ton überhaupt entfaltet sich erst in der Sphäre des Menschen theils als Sprache, theils als Musik zu seiner höheren künstlerisch gegliederten Vollkommenheit, während der blosse Naturlaut im Allgemeinen noch jedes höheren Reizes oder jeder geordneten Vollkommenheit entbehrt. Auf dem Gebiete der Farbe aber ist umgekehrt die Natur uns oder dem Menschen in unbedingter Weise überlegen, indem alle künstlichen Farben des Malers weit hinter der Reichhaltigkeit und Pracht der Farben in der Natur zurückbleiben.