Wir dürfen hierbei aber in keinem Falle vergessen, dass alles dasjenige, was wir uns als objectiv gegebene Kräfte oder Theile der Seele u. s. w. vorzustellen pflegen, unmittelbar genommen nichts sind als innere oder subjective Begriffe unseres eigenen Denkens, deren ganzer Inhalt und deren Gebrauchsanwendung häufigen Schwankungen und Missverständnissen unterliegt. Mit demselben Worte wird oft ein etwas abweichender Sinn in Verbindung gebracht. Das System der psychologischen Begriffe oder Kategorieen ist mehr oder weniger in jeder einzelnen Sprache selbst ein verschiedenes und es ist die ganze Gruppirung oder Vertheilung der Seelenerscheinungen hiernach immer zum Theil eine andere. Es ist deswegen wissenschaftlich durchaus unberechtigt, von allen diesen Begriffen ohne Weiteres so zu sprechen als ob sie Realitäten wären oder als ob es ein ganz bestimmter und unzweifelhafter wirklicher Inhalt wäre, der in ihnen für uns seine Vertretung fände. Was der Begriff eines körperlichen Theiles für uns bedeutet, ist etwas ganz Bestimmtes und unzweifelhaft Gewisses oder es entspricht hier dem subjectiven Begriff eine fest begrenzte sinnliche und objective Realität. Es werden nichtsdestoweniger im philosophischen Denken alle jene Begriffe auch gegenwärtig noch so gebraucht, als ob sie ohne Weiteres Realitäten wären. Unsere ganze philosophische Kunstsprache beruht einem wesentlichen Theile nach auf diesem Irrthum, den subjectiven Begriffen ohne Weiteres den Charakter als Vertreter von etwas Wirklichem oder Sachlichem zuzuschreiben. Eine subjective Begriffsentwickelung ist nicht als solche bereits eine Erkenntniss oder die Darstellung eines objectiven und sachlichen Inhaltes. Man ist sich vielfach der Rohheit gar nicht bewusst, welche darin liegt, die Begriffe des Denkens oder die Worte der Sprache in einem anderen Sinne als dem ihnen rechtmässig zukommenden zu gebrauchen. Die Begriffe oder Kunstausdrücke der Philosophie unterscheiden sich von denen anderer Wissenschaften überhaupt dadurch, dass sie von nur subjectiver Art sind oder dass keine bestimmte und feste objective Realität nachgewiesen werden kann, auf die sie sich beziehen. Dieses sogenannte Denken in reinen oder subjectiven Begriffen hat an und für sich gar keinen wissenschaftlichen Werth. Es entspringen hieraus eine Menge vollkommen leerer und unrichtig gestellter Streitfragen und Probleme des Tages. So ist jenes berühmte Unbewusste nichts als ein Name, dem in künstlicher und willkürlicher Weise der Charakter einer Realität beigelegt worden ist. So streitet man sich jetzt unter Anderm darüber, ob die Thiere denken können oder nicht: es handelt sich hierbei nicht um etwas Objectives in der Sache selbst, sondern nur um die Bedeutung eines subjectiven Begriffes unseres Denkens. Denn die Erscheinungen der Thiere bleiben dieselben, die sie sind, und es fragt sich blos danach, ob sie vermöge ihres gegebenen Charakters rechtmässig unter den Begriff des Denkens subsumirt werden können oder nicht. Alles dieses sind blos innere oder dialektische Fragen des menschlichen Geistes selbst, die nicht das Wesen der Sachen an sich, sondern nur das Verhältniss unserer Begriffe zu ihm zum Gegenstand haben.

Der Begriff der Seele vertritt für uns das andere geistige oder immaterielle Prinzip im Menschen neben dem sinnlichen oder materiellen des Körpers. Dem Begriffe der Seele substituiren wir auch wohl hin und wieder denjenigen des Geistes. Seele und Geist aber sind deswegen nicht für uns schlechthin identische Begriffe. Es ist z. B. ein wesentlicher Unterschied, ob wir mit einem Menschen das Prädicat des Geistvollen oder das des Seelenvollen in Verbindung bringen. Ein Mensch von Geist ist insbesondere ein solcher, welcher reich ist an eigenen und selbstständigen Gedanken. Der specifische Charakter des Seelenvollen liegt dagegen mehr in der Tiefe und Eigenthümlichkeit des Empfindens. Der Begriff des Geistes im specifischen Sinne vertritt für uns wesentlich nur eine bestimmte Abtheilung oder Richtung des menschlichen Seelenlebens überhaupt. Wir rechnen zum Leben des Geistes insbesondere alles dasjenige hinzu, was auf einer selbstständigen Anstrengung unseres Denkens oder auf einer befreienden Erhebung unseres inneren Bewusstseins über die blosse Abhängigkeit von den Bewegungen und Eindrücken des Körpers beruht. In diesem Sinne aber ist es wesentlich der Begriff der Sinnlichkeit, welcher das allgemeine und natürliche Gegentheil der Region des Geistes im Leben der Seele bildet. Die Sinnlichkeit ist im Allgemeinen diejenige Region des Lebens der Seele, deren Charakter in einer unmittelbaren Einheit oder in einem abhängigen und empfangenden Anschluss desselben an die Bedingungen und Anregungen unserer körperlichen Natur besteht. Das Seelenleben der Thiere aber kommt über diese ganze Region der Sinnlichkeit überhaupt nicht hinaus, während dasjenige des Menschen sich wesentlich aus der doppelten Region der Sinnlichkeit und des Geistes, von denen jene gleichsam direct an das Leben des Körpers oder der Materie angrenzt, diese aber das Prinzip der Seele selbst in seinem höheren reineren oder specifischen Sinne in sich vertritt, zusammensetzt.

Als eine dritte hauptsächliche Seelenabtheilung darf von uns angesehen werden diejenige des Charakters. Der Charakter ist wesentlich der Sitz oder das Organ für das psychische Vermögen des Wollens. Das Verhältniss der drei allgemeinen Seelenvermögen des Fühlens oder Empfindens, des Denkens und des Wollens entspricht dem der drei allgemeinen Abtheilungen oder Organe der Sinnlichkeit, des Geistes und des Charakters. Diese Gliederung bildet das erste und wichtigste Fundament aller weiteren Eintheilung des Lebens der Seele. Hierdurch überhaupt aber unterscheidet sich zunächst das ganze höhere und reichhaltiger zusammengesetzte Seelenleben des Menschen von dem niedrigeren und mehr einfach rudimentären des Thieres. Auf die Erscheinungen und Vorgänge des thierischen Seelenlebens kann weder der Begriff des Denkens noch der des Wollens rechtmässig in Anwendung gebracht werden. Wir bedienen uns auch zur Charakteristik der höheren Natur und vollkommeneren Einrichtung des menschlichen Seelenlebens des Ausdruckes der Vernunft, welchem wir in Bezug auf das Leben des Thieres denjenigen des Instinctes gegenüberstellen. Zwischen beiden aber zieht sich durchaus eine bestimmte und scharf bezeichnete Grenze. Alle Acte des thierischen Erkennens sind von einer rein unmittelbaren, wesentlich zeitlosen oder instinctiven Natur, d. h. es ist dem Thier die dem Menschen eigenthümliche in sich zurückgezogene Sammlung oder nachdenkende Reflexion des Erkennens vollständig fremd. Jede Erkenntniss tritt überall nur in der Gestalt einer augenblicklichen und blitzartigen Erleuchtung in der Seele des Thieres auf Grund einer gegebenen sinnlichen Wahrnehmung hervor. Eine solche Erkenntniss mag vielleicht aufgelöst werden können in eine bestimmte Folge einzelner Momente und sich insofern an eine menschliche Schlussfolgerung oder Gedankenüberlegung anzuschliessen scheinen, aber sie ist als psychischer Act immer ein durchaus einfacher, zeitloser und sprungartiger Vorgang. Ein Thier kann eine Reihe von Erfahrungen machen und es tritt zu dem Prinzipe des Instinctes hierdurch noch das der Gewöhnung in seinem Seelenleben hinzu, aber es ist unfähig, die Summe der Erfahrungen innerlich zu sammeln und aus ihnen weitere Ableitungen oder Schlussfolgerungen zu ziehen. Für den ganzen Unterschied des thierischen Seelenlebens vom menschlichen ist am Bezeichnendsten die Unfähigkeit des ersteren zu dem Acte der Abstraction, d. h. zu der selbstständigen Erhebung oder Befreiung seines Innern über die Gewalt einer unmittelbar gegebenen sinnlichen Wahrnehmung und des aus dieser entspringenden Eindruckes auf das Leben der Seele. Nur hierauf gründet sich sowohl das Vermögen des Denkens als auch dasjenige des Wollens in der Seele des Menschen. Jeder Act des Verlangens oder des Strebens beim Thier ist ein unmittelbarer Gegenstoss des Reizes irgend einer sinnlichen Wahrnehmung oder eines äusseren Eindruckes. Alles dieses sind Erscheinungen des Begehrens, noch nicht aber solche des Wollens. Nur der Mensch vermag zu wollen, d. h. ein bestimmtes von Innen heraus erfasstes Ziel im Gegensatz zu blossen äusseren sinnlichen Anregungen oder Begehrungen zu verfolgen. Diese Function des Wollens aber hat wesentlich immer diejenige des Denkens zu ihrer Voraussetzung; denn nur durch die Erhebung über das Einzelne des sinnlichen Eindruckes zu allgemeinen geistigen Begriffen wird der Mensch auch fähig, sich bestimmte innere oder nur ihm selbst angehörende Ziele des Bestrebens zu stecken. In seinem Erkennen ist es die Vernunft, in seinem Handeln ist es die sittliche Freiheit, durch welche sich der Mensch von dem einfachen und instinctiven Gebundensein des Thieres an die Gewalt der sinnlichen Wahrnehmungen unterscheidet. Nur beim Menschen aber kann überhaupt wegen der ganzen reicheren Gestaltung seines Seelenlebens von einer bestimmten Gliederung desselben in einzelne Abtheilungen gesprochen werden.

Der Ausgangspunct aller Entwickelung des menschlichen Seelenlebens ist an und für sich kein anderer als derjenige des Seelenlebens des Thieres. Nur durch die Fähigkeit seiner weiteren Vervollkommnung ist das menschliche Seelenleben zu Anfang von demjenigen des Thieres verschieden. Dieses gilt sowohl vom Kind als auch vom ursprünglichen Menschen am Anfang aller Geschichte. Im Leben der Thiere tritt durch sich selbst in allem Wechsel der Generationen keine Veränderung ein. Das Thier ist durchaus abhängig und gebunden an die Natur, während die Bestimmung des Menschen in dem Heraustreten aus der blossen Einheit mit der Natur und in der Erhebung zur Herrschaft über dieselbe besteht. Entscheidend für das ganze höhere Seelenleben des Menschen aber ist insbesondere der Besitz und das Entstehen der Sprache. Nur durch diese sondert sich das denkende Erkennen der Seele in bestimmter Weise von demjenigen durch das blosse Gefühl oder die Empfindung ab. Wir wissen aber jetzt, dass die Sprache nicht etwas dem Menschen Angeborenes, sondern etwas in ihm Entstandenes ist, welches sich im fortwährenden Zusammenhang mit seiner ganzen sonstigen geistigen Bildung in der Geschichte weiter entwickelt hat. Alles actuelle Denken ist überall nur dasjenige, welches in die Sprache einzutreten oder in ihr seine Form und seinen Ausdruck zu gewinnen vermag. Die Sprache bildet ihrer Natur nach die Grenze oder Schwelle zwischen dem sinnlichen oder empfindenden und dem geistigen oder denkenden Erkennen der Seele. Sie steht insofern im wahrhaften Mittelpunct der ganzen Gliederung des menschlichen Seelenlebens und es sind zuletzt Sprache, Vernunft und sittliche Freiheit wesentlich eng verbundene und in gleichem Maasse charakteristische Erscheinungen des Lebens des Menschen.

Es giebt eine dreifache Wissenschaft der Philosophie, von denen eine jede sich auf das eine jener drei Grundvermögen der menschlichen Seele, das Empfinden, das Denken und das Wollen bezieht. Dieses sind die Aesthetik, Logik und Ethik. Die allgemeine Stellung dieser drei Wissenschaften ist eine verwandte und sie bilden mit einander die eine Hauptgruppe der philosophischen Disciplinen, neben welcher als eine andere Gruppe diejenige der beiden Gebiete oder Disciplinen der Metaphysik und der Psychologie unterschieden werden darf. Die Welt und die Seele oder der objective Makrokosmus und der subjective Mikrokosmus sind an sich die beiden gegebenen Hauptabtheilungen alles philosophischen Erkennens und Begreifens und es wird insofern der allgemeine Stoff der Philosophie zunächst durch die beiden Gebiete der Metaphysik und der Psychologie erschöpft. Treten aber innerhalb der menschlichen Seele zunächst die drei allgemeinen Grundvermögen des Empfindens, des Denkens und des Wollens hervor, so gewinnt ein jedes von diesen seinen näheren Inhalt an einer bestimmten Sphäre des objectiven oder an und für sich selbst ausserhalb des Menschen liegenden Stoffes. Das Wesen der äusseren Welt oder der Objectivität tritt der menschlichen Seele oder der Subjectivität im Ganzen von einer dreifachen Seite gegenüber, von der des Schönen, der des Wahren und der des Guten und es ist die allgemeine Vollkommenheit oder die wesentliche Bestimmung unseres inneren Vermögens des Empfindens an die Einstimmigkeit mit der Idee oder dem Inhalte des Schönen, die des Denkens an diejenige mit der des Wahren, die des Wollens endlich an diejenige mit der des Guten gebunden. Ein jedes dieser drei Vermögen der Seele erfüllt sich insofern mit einem bestimmten weiteren an sich ausser ihm liegenden Inhalte und es ist überhaupt nur eine Beziehung unserer innern Subjectivität auf die äussere Objectivität, aus welcher alle wirkliche Entwickelung des menschlichen Seelenlebens entspringt. Die drei Wissenschaften der Aesthetik, der Logik und der Ethik aber beziehen sich auf jene drei Grundvermögen des Empfindens, Denkens und Wollens nicht so wie dieselben ihrer unmittelbar gegebenen psychischen Naturbeschaffenheit nach sind, sondern so wie dieselben unter dem Gesichtspunct ihrer an und für sich geforderten Vollkommenheit oder des von ihnen zu erreichenden idealen Inhaltes und Zieles sein sollen. Eben hierdurch aber begrenzen sich diese Wissenschaften in einer ganz bestimmten und festen Weise mit dem Standpuncte der allgemeinen Wissenschaft von der menschlichen Subjectivität, der Psychologie. Alle Wissenschaften zerfallen überhaupt in solche, welche sich auf die Erklärung und Bearbeitung der gesetzlichen Erscheinungen eines bestimmten gegebenen Seins und in solche, welche sich auf die Bestimmung der Gesetze eines geforderten idealen Sollens beziehen und es können die ersteren unter ihnen auch mit dem Ausdrucke von beschreibenden oder Realwissenschaften, die letzteren aber mit dem von normirenden oder Idealwissenschaften bezeichnet werden. Unter den einzelnen Theilen der Philosophie aber gehören die Psychologie und Metaphysik der ersteren, die Aesthetik, Logik und Ethik dagegen der letzteren dieser beiden Kategorien an. Die Aesthetik überhaupt also ordnet sich ein in eine bestimmte weitere Reihe philosophischer Wissenschaften. Die dreifache Idee des Schönen, des Wahren und des Guten ist überhaupt entscheidend für die ganze Gliederung und Ordnung des Lebens des menschlichen Geistes. Diese dreifache Idee findet insbesondere ihre Verwirklichung und nähere Ausprägung in den drei Reichen oder Culturgebieten der Kunst, der Wissenschaft und der Religion und es schliesst sich insofern auch das Verhältniss jener drei philosophischen Wissenschaften an dasjenige dieser drei wichtigsten Hauptgebiete des menschlichen Geisteslebens an.

4. Form und Materie des ästhetischen Erkennens.

Alle menschliche Erkenntniss ist zunächst eine solche durch das Gefühl oder die Empfindung. Die höhere logische oder denkende Erkenntnissweise wächst überall zuerst aus der niederen sinnlichen oder anschaulich empfindungsmässigen hervor. Es ist also eigentlich unrichtig, von einem an sich gegebenen dualistischem Nebeneinanderstehen beider Erkenntnissweisen zu sprechen. Das unmittelbare oder empfindende Erkennen ist zu Anfang durchaus vorwiegend über dasjenige der bewussten und vermittelten Reflexion des logischen Verstandes. Dieses gilt um nichts weniger von dem Leben des einzelnen Menschen als von demjenigen der ganzen Gattung oder der Menschheit überhaupt in der Geschichte. Ueber das ganze Gesetz und die Ordnung des denkenden Erkennens aber hat es schon längst eine Wissenschaft und Theorie gegeben, während diejenige des empfindenden Erkennens erst in neuerer Zeit und auch hier in sehr unvollkommener Weise bearbeitet zu werden angefangen hat. Es war daher ein an sich ganz richtiger Gedanke Baumgartens, der Aesthetik ihre Stelle im System der Philosophie an der Seite der Logik anzuweisen. Man hatte bisher nur das logische Erkennen einer wahrhaft wissenschaftlichen Bearbeitung würdig gefunden; dieses ist allerdings dasjenige, auf welchem alles wissenschaftliche Begreifen der Welt und ihrer Erscheinungen beruht und es hatte insofern die Philosophie und Wissenschaft selbst ein natürliches und nahe liegendes Interesse daran, sich mit seiner Bearbeitung zu beschäftigen. Es hing hiermit überhaupt eine ungerechtfertigte Ueberschätzung des denkenden Erkennens gegenüber dem empfindenden zusammen. Aesthetik und Logik überhaupt fallen unter den gemeinsamen Begriff der Lehre vom menschlichen Erkennen und es kann überhaupt eine jede dieser beiden Wissenschaften immer nur mit einem gewissen Hinblick auf die andere richtig aufgefasst und bearbeitet werden.

Das Schöne zunächst ist es nicht allein, welches den Gegenstand unserer empfindenden oder ästhetischen Erkenntniss bildet. Wir nehmen bestimmte Empfindungseindrücke auch aus solchen Dingen und Erscheinungen in uns auf, die mit der Idee des Schönen an und für sich selbst nichts zu thun haben. Es ist ein Missverständniss oder eine falsche und einseitige Auffassung der Natur unseres ästhetischen Erkenntnissvermögens, wenn hierüber gesagt zu werden pflegt, dass die ganze Aufgabe und Thätigkeit desselben allein in dem Aussprechen von Urtheilen des Wohlgefallens oder des Missfallens über die gegebenen äusseren Erscheinungen oder Wahrnehmungen bestehe. Diese Aufgabe oder Function desselben bezieht sich im Allgemeinen immer auf die Frage nach dem Passenden oder Unpassenden der Verbindung der gegebenen einzelnen Wahrnehmungen unter einander. Wir finden die Verbindung eines doppelten Tones, einer doppelten Farbe u. s. w. entweder passend oder unpassend und sprechen insofern ein kritisches Urtheil des Wohlgefallens oder Missfallens, der Anerkennung oder Verwerfung über ein derartiges Verhältniss aus. Alles Passende hierbei erscheint uns zuletzt als schön, alles Unpassende aber als unschön oder hässlich. Es ist aber mit diesem ganz einfachen Urtheile noch keinesweges der ganze Empfindungseindruck ausgesprochen oder bestimmt, welchen wir aus einem solchen entweder wohlgefälligen oder missfälligen Verhältnisse in uns aufnehmen. Jedes einzelne Schöne und Hässliche trägt ausserdem noch einen ganz besonderen und eigenthümlichen Charakter an sich und ruft überall einen ganz bestimmten und specifischen Empfindungseindruck in uns hervor. Auch sind es keinesweges blos die Verbindungen und Verhältnisse der einzelnen einfachen Elemente des Wahrnehmens, sondern auch diese letzteren rein an sich oder als solche, welche einen bestimmten Werth oder eine Bedeutung für unser Empfinden besitzen. Jene kritische Function unseres ästhetischen Erkennens ist blos eine einzelne Form oder Thätigkeit desselben überhaupt, die sich auf unser Verhalten zu der Region des specifisch Wohlgefälligen oder Schönen bezieht. Es hat aber dieselbe noch eine breitere und reichere Unterlage, welche einer ausführlicheren wissenschaftlichen Bestimmung bedarf.

Alles dasjenige, was wir auf empfindendem oder ästhetischem Wege erkennen, ist nothwendig etwas in irgend welcher Weise sinnlich Gegebenes. Eine jede ästhetische Erkenntniss ist die Folge und Nachwirkung eines Eindruckes unserer Sinne. Dieser Eindruck selbst ist überall wesentlich das Object, um dessen Erkenntniss es sich handelt. Wir erkennen durch die sinnlichen Eindrücke zunächst die äusseren Dinge in dem, was sie an sich selbst oder unmittelbar genommen sind. Dieses blos physische Erkennen oder Wahrnehmen aber ist noch nicht dasjenige, was als ein Act unseres geistigen oder psychischen Empfindens angesehen werden kann. Auch das Thier erkennt alle sinnlichen Dinge in der Welt ganz ebenso gut als wir, aber es wird in seinem inneren Empfinden nicht in derselben Weise von ihnen berührt als der Mensch. Auch Kant hatte bei seiner Lehre vom ästhetischen Erkennen zunächst nur die blossen aus der Aussenwelt aufgenommenen sinnlichen Anschauungen vor Augen. Dieses ist etwas Anderes als was wir hier und mit höherem Rechte das ästhetische Erkennen der Seele nennen. Es ist etwas Anderes, eine Farbe, einen Ton u. s. w. einfach sehen oder hören und ihn nach seinem ferneren Werthe oder nach seiner tieferen geistigen Bedeutung verstehen und in unsere innere Empfindung eintreten lassen. Die Sinne sind für uns noch mehr als die blossen Organe zum Wahrnehmen oder Erkennen des Thatsächlichen in der gegebenen Natur der äusseren Dinge. Die wahrgenommenen Erscheinungen und Dinge rufen in uns überall noch bestimmte weitere und tiefere Empfindungen hervor. Solche Empfindungen knüpfen sich nicht blos an das Schöne oder an das specifisch Wohlgefällige und Missfällige in den äusseren Erscheinungen für uns an. Die ganze sinnliche Welt hat an sich ein tiefes Interesse und eine mächtige Bedeutung für das Empfinden der menschlichen Seele. Wir sind uns gegenwärtig dieser ganzen Eigenschaft derselben nicht mehr in ihrem vollen Umfange bewusst, weil wir überhaupt jetzt die Welt mehr mit dem Auge des denkenden Verstandes als mit demjenigen der lebendigen Anschauung und der Phantasie anzusehen gewohnt sind. Wir haben auf wissenschaftlichem Wege das Wesen der Dinge erkannt, welches hinter ihren Erscheinungen steht. Wir können uns den Schein selbst jetzt zum Theil in der Art seines Entstehens wissenschaftlich erklären. Anders aber war es, als noch der Schein selbst die ganze für uns gegebene Realität war. Für den natürlichen Menschen, das Kind u. s. w. hat jeder sinnliche Schein noch eine ganz andere und tiefere empfindungsmässige Bedeutung gehabt als für uns. Eben die Unbekanntschaft mit dem hinter ihm verborgenen Wesen der Dinge liess ihn in einem tieferen und bedeutungsvolleren Lichte erscheinen. Für uns sind jetzt die sinnlichen Erscheinungen im Allgemeinen nur Boten und Repräsentanten des zu ihnen gehörigen wesenhaften Inhaltes und Charakters der Dinge. Sie sind für uns an sich ebenso wenig etwas Bestimmtes und Werthvolles als die Worte der Sprache, welche für uns die gewohnheitsmässigen Zeichen und Vertreter der Begriffe des Denkens geworden sind. Wir haben jetzt durch Gewohnheit und Studium gelernt, die Sprache zu verstehen, welche die sinnlichen Erscheinungen zu uns reden. In einer Farbe und einem Ton sehen wir jetzt im Allgemeinen nur den Ausdruck und Boten irgend einer sachlichen Mittheilung über das Wesen der Dinge oder wir wissen empirisch, was alle diese sinnlichen Phänomene zu bedeuten haben und wie sie sich zu der mit ihnen zusammenhängenden Welt der wirklichen Dinge, Vorgänge u. s. w. verhalten. Der rein verstandesmässige Mensch geht im Allgemeinen auch so wie das Thier gleichgültig und in seinem inneren Empfindungsleben unberührt in der Mitte der sinnlichen Erscheinungen einher. Er hat in sich eine Welt des abstracten Denkens ausgebildet und insofern das lebendige Interesse für den unmittelbaren empfindungsmässigen Werth der sinnlichen Phänomene verloren. Das Thier wird im Allgemeinen nur von denjenigen sinnlichen Eindrücken lebhaft und nachhaltig berührt, die eine unmittelbare und praktische Bedeutung für die Erhaltung seines Lebens, die Erweckung seiner Begierden u. s. w. besitzen. Für den natürlichen Menschen aber beim ersten Erwachen seines Seelenlebens hat alles dieses Sinnliche einen tieferen Reiz und ein intensiveres Interesse gehabt als für uns, eben weil hier die Seele noch anschliessend damit beschäftigt war, den empfindungsmässigen Werth aller Phänomene zu ergründen und sich noch ohne Kenntniss ihres actuellen Wesens oder Gehaltes befand. Es ist dieses an und für sich derjenige Standpunct, auf welchen die Aesthetik in unserem Sinne sich zurückzuversetzen hat. Wir fassen die Aesthetik auf als Wissenschaft des menschlichen Empfindens über den gegebenen sinnlichen Schein. Auch die Kunst selbst aber ist ja zuletzt nichts als ein blosser Schein. Allen diesen Schein in seinem Werthe oder seiner Bedeutung für unser Empfinden sich gegenständlich zu machen oder ihn in denkender Weise zu begreifen, eben dieses ist es, worin die wahrhafte Aufgabe und der Begriff aller Aesthetik von uns erblickt wird.

Es giebt in Bezug auf unsere ganze Stellung zum Schönen eine bestimmte Ansicht, welche dahin geht, dass es lediglich das Element der Form, d. h. die äusseren Verhältnisse der einzelnen Theile oder Beschaffenheiten einer Sache seien, auf die sich dieser Charakter derselben oder das ganze Interesse unseres ästhetischen Wohlgefallens an ihr beschränke. Es ist wahr, es ist zunächst überall das Element der Form, wegen dessen wir eine Sache schön finden; nur Verhältnisse sind es, in denen zunächst der ganze Reiz und Charakter des Schönen beruht. Ein einzelner Ton in der Musik ist an sich weder schön noch unschön und allein die Verhältnisse der Töne sind es, auf denen der ganze Eindruck des musikalisch Schönen beruht. So begründet dieses an sich ist, so wenig kann doch gesagt werden, dass die Form oder das äussere Verhältniss allein und als solches genommen der wahrhafte Grund und Gegenstand unseres Interesses an der Sache sei. Das Verhältniss oder die Form ist überall auch nur eine bestimmte einzelne Beschaffenheit in der ganzen Natur und Einrichtung der Sache. Es gefällt uns die Form überall nur in Verbindung mit dem materiellen Inhalt der einzelnen Theile, den sie in sich umschliesst. Es ist insofern ein Missverständniss oder ein Irrthum, in die Form ganz allein und als solche den Schwerpunct oder Sitz des Schönen verlegen zu wollen. Man stellt sich unter der Form häufig etwas Allgemeines vor, was nur auf eine specielle Besonderheit des Inhaltes Anwendung finde und durch welches die ganze Richtigkeit und Vollkommenheit dieser letzteren erst anerkannt und festgestellt werde. Auch in der Aesthetik hat man versucht, bestimmte sogenannte allgemeine oder formale Kennzeichen und Merkmale des Schönen aufzustellen. Man ist insofern hierbei gewissermaassen von dem Grundsatze ausgegangen, dass es irgend ein höchstes und allgemeines Naturgesetz des Schönen geben müsse, welches in jedem einzelnen Falle als das innere Prinzip oder der Grund unseres Wohlgefallens an demselben constatirt werden könne. Alles Schöne ist sich allerdings rücksichtlich seiner Formbeschaffenheit mehr oder weniger ähnlich und wir nehmen zuletzt aus allen einzelnen schönen Dingen einen in gewisser Weise verwandten oder gleichartigen Eindruck in uns auf. Durch alle solche Gleichartigkeit aber wird doch zuletzt die Eigenthümlichkeit und Besonderheit des einzelnen Schönen nicht mit eingeschlossen und erschöpft und wir müssen uns sagen, dass es immerhin keinesweges gleichgültig sei, an welchen besonderen Stoff oder Inhalt uns irgend ein solches allgemeines ästhetisches Formgesetz erscheine. Auch ist zuletzt doch eben das ästhetische Formgesetz selbst ein unendlich dehnbares, mannichfaltiges und vielgestaltiges und es ist bis jetzt wenigstens nicht gelungen, den allgemeinen Charakter desselben an gewisse unzweifelhaft feststehende empirische Merkmale zu binden. Die kritische Beurtheilung des einzelnen Schönen kann hiernach nicht blos in einer einfachen Subsumtion desselben unter irgend ein allgemeines Gesetz oder Prinzip der Form bestehen, sondern es wird nothwendig das allgemeine Gesetz der Form durch die besondere Beschaffenheit des Inhaltes in einem jeden einzelnen Falle in einer anderen Weise abgewandelt und modificirt.