Die Aesthetik gehört ihrer Natur nach dem System der philosophischen Wissenschaften an und es hängt ihre richtige Begriffsbestimmung wesentlich mit von der Frage nach ihrer natürlichen Stellung in dem System dieser Wissenschaften ab. Wir erblicken aber allerdings in der Aesthetik nicht wie dieses häufig geschieht, ein Gebiet der blossen mehr oder weniger schwankenden geistreichen und eleganten Conversation, sondern wir versuchen dieselbe so weit möglich zu dem Range einer eigentlichen geordneten und strengen Wissenschaft zu erheben. Die wissenschaftliche Frage als solche ist für uns hierbei überall die wichtigste und entscheidendste, und wir versuchen unter Anschluss an die Lehre Baumgartens unsere ganze Auffassung dieses Gebietes in Folgendem zu begründen.

3. Die Stellung der Aesthetik in dem Systeme der Philosophie.

Baumgarten glaubte in dem System der Philosophie eine gewisse Lücke entdeckt zu haben. Wir haben in der Logik eine Wissenschaft, die sich auf die allgemeinen Gesetze oder Kennzeichen des denkenden Erkennens des menschlichen Geistes bezieht. Eine ähnliche Wissenschaft muss es nach Baumgarten auch geben für das niedere oder das an die Sinnlichkeit gebundene empfindende Erkenntnissvermögen unseres Geistes. Das Verhältniss der Aesthetik zu diesem letzteren Vermögen ist nach Baumgarten dasselbe als das der Logik zu jenem ersteren. Der Begriff der Aesthetik als solcher hat also bei Baumgarten zunächst noch nichts mit dem ganzen Gebiet der Erkenntniss vom Schönen zu thun. Derselbe Gebrauch dieses Wortes findet sich auch noch bei Kant, indem derselbe in der «Kritik der reinen Vernunft» das anschauliche oder ästhetische und das denkende oder logische Erkenntnissvermögen von einander unterscheidet. Wir haben aber mit Unrecht in der neueren Zeit vergessen und ausser Acht gelassen, welches die eigentliche und ursprüngliche Bedeutung des Namens der Aesthetik ist und ich schliesse mich daher hier wiederum zur wahrhaften Begründung des Begriffes dieser Wissenschaft an den früheren Sprachgebrauch Baumgartens und Kants an.

Es ist gewiss, dass alles menschliche Erkennen an und für sich in diese doppelte Region des empfindenden und des denkenden zerfällt. Die Frage nach dem Verhältniss derselben aber ist eines der tiefsten und wichtigsten Probleme der Philosophie. Es hängt wesentlich hiermit unsere wissenschaftliche Gesammtansicht von der ganzen geistigen Natur und Stellung des Menschen zusammen. Es ist dieses Verhältniss in den einzelnen Lehren der Philosophie in einer sehr verschiedenen Weise aufgefasst und dargestellt worden. Wir sind aber gegenwärtig in der Lage, auf Grund positiver Wissensresultate hierüber vollkommener und sicherer urtheilen zu können als früher. Diese positiven Resultate sind wesentlich diejenigen, welche sich durch die neuere vergleichende Sprachwissenschaft für uns ergeben haben. Auch unsere jetzige Psychologie begeht immer noch den Fehler, den Menschen und seine Seele nur ganz an sich oder abstract genommen zum Gegenstand ihrer Untersuchung zu machen. Was der Mensch wirklich ist, kann nur auf dem Boden der geschichtlichen Entwickelung seines ganzen Geisteslebens wahrhaft von uns aufgefunden und festgestellt werden.

Die Wissenschaft der Psychologie entbehrt zur Zeit noch eines jeden wahrhaften Bodens und gesicherten Fundamentes. Wir verstehen unter ihr die Bearbeitung der geistigen oder der an und für sich selbst unsinnlichen Erscheinungen im Leben des Menschen. Alle diese Erscheinungen sind zunächst gebunden an die physischen Bedingungen des Körpers oder des materiellen Substrates des Lebens der Seele. Jeder sogenannte psychische Vorgang ist zugleich mit ein physischer in den Bedingungen und Organen des Lebens des Körpers. Alles eigentlich Actuelle am Menschen ist an und für sich nur dasjenige, was zum Körper und zu seinem Leben gehört. Alles Geistige hat blos die Gestalt einer ideellen Wirkung oder eines vorübergehenden Phänomenes am Leben des Körpers. Es liegt insofern nahe, im Körper die einzige reale Substanz oder die gesammte actuelle Wesenheit des Menschen zu erblicken und aus den körperlichen Bedingungen und Vorgängen allein die ganzen der Seele zugeschriebenen Erscheinungen am Menschen erklären und ableiten zu wollen. Wir müssen uns sagen, dass unser ganzer Begriff der Seele eigentlich nur eine angenommene oder fingirte Ursache ist, auf welche wir einen bestimmten Complex von gegebenen Erscheinungen am Menschen zurückzuführen gewohnt sind. Die Existenz der Seele als einer anderen selbstständigen Natur und Wesenheit neben dem Körper ist an und für sich noch nicht empirisch gewiss oder wissenschaftlich erwiesen. Die Wissenschaft der Psychologie also befindet sich in der eigenthümlichen Lage, dass dasjenige, wonach sie sich benennt, möglicherweise gar nicht existirt und es stehen sich über die ganze Frage nach der Natur des Menschen zuletzt blos zwei allgemeine Hauptansichten gegenüber, die eine, welche in dem Körper oder der Materie allein die reale Substanz oder Wesenheit des Menschen erblickt und die andere, von welcher neben dem Körper zugleich die Seele als ein anderes selbstständiges Prinzip des Lebens im Menschen unterschieden wird. Die erstere Ansicht aber wird auch mit dem allgemeinen Namen des anthropologischen Materialismus, die letztere mit dem des Spiritualismus bezeichnet und es ist jene ihrer allgemeinen Beschaffenheit nach näher ein Monismus, diese aber ein Dualismus. Der Körper oder das physisch Wirkliche ist in dem ersteren Falle die alleinige, in dem letzteren aber nur eine begleitende oder Nebenursache der geistigen Erscheinungen am Menschen. Für den Standpunkt des Materialismus sind alle Erscheinungen und Vorgänge am Menschen zuletzt von einer und derselben Art und es sind die einen von ihnen höchstens die dem Grade nach höheren und feineren gegenüber der niedrigeren und gröberen Natur der anderen, während dagegen für den Standpunct des Spiritualismus die geistigen Erscheinungen des Menschen an sich von specifisch anderer Natur sind als die physischen und sich an diese nur als an die sie begleitenden Unterlagen und Nebenbedingungen gebunden finden.

Es hat etwas Verführerisches für den menschlichen Geist, den Zusammenhang zwischen dem Leben des Körpers und dem der Seele ergründen oder vom Standpuncte der gegebenen physiologischen Thatsachen die Brücke zur Erklärung der psychischen Erscheinungen schlagen zu wollen. Die Lehre von der Seele und ihren Erscheinungen würde hierdurch zu einer Consequenz und einem Ausflusse der Naturwissenschaft erhoben werden. Wir halten alles Zusammenwerfen und Vermischen der verschiedenen Gebiete des Erkennens für einen wissenschaftlichen Fehler; auch wird es nie gelingen, die Grenze zwischen den Erscheinungen des Lebens, der Materie und denen des Geistes wirklich zu überschreiten. Wir weisen daher jeden Anschluss der Wissenschaft der Psychologie an diejenige der Physiologie principgemäss von uns ab. Die gegebenen geistigen oder psychischen Erscheinungen des Menschen bilden ein besonderes Gebiet der Erkenntniss oder Bearbeitung für sich. Die Frage nach dem Wie des Entstehens dieser Erscheinungen aus den Bedingungen des Körpers ist zu sondern von der nach dem Was ihres eigenen Wesens oder Gehaltes; es können Blicke von der einen dieser beiden Seiten nach der anderen hin gethan werden, aber es ist unmöglich, beide in eine Einheit mit einander zusammenzufassen und den Schwerpunkt für die Wissenschaft vom geistigen Leben des Menschen in die Lehre von seinem Körper oder in die Physiologie zu verlegen.

Auch die Wissenschaft der Psychologie bildet an sich einen Theil des systematischen Ganzen der Philosophie überhaupt. Ihre Entwickelung hängt zusammen mit der Entwickelung des allgemeinen wissenschaftlichen Prinzipes dieser letzteren selbst. Sie ist sogar in gewissem Sinne das innerste, wesentlichste und vitalste Hauptgebiet aller philosophischen Speculation. Das an und für sich Wichtigste, was überhaupt vom Menschen erkannt werden kann, ist unter allen Umständen nur er selbst und alle wichtigsten Hauptfragen der Philosophie haben zuletzt ihren Sitz und ihren Ausgangspunkt in der Psychologie. Das ganze Ziel alles Begreifens für die Philosophie aber ist zuletzt ein doppeltes, einmal die uns gegenüberstehende sinnliche Aussenwelt der Natur oder Objectivität, andererseits die Welt unseres eigenen geistigen Innern oder die menschliche Subjectivität oder der Makrokosmus des äusseren Seins und der Mikrokosmus des inneren Fühlens, Anschauens und Denkens. Der Mensch und sein geistiges Leben ist in der ganzen uns umgebenden Welt derjenige Boden, auf welchem wir selbst stehen und in welchem sich die ihn umgebende Aeusserlichkeit selbst abspiegelt und reflectirt. Die Aussenwelt ist für uns nur dasjenige, als was sie sich dem Menschen zeigt und von ihm aufgefasst und erkannt wird. Die Erkenntniss unserer selbst ist daher für uns auch das Wichtigere und der wahrhaft entscheidende Punkt für unsere Erkenntniss der ganzen uns umgebenden äusseren Welt.

Wir postuliren den Begriff der Seele im Sinne eines realen Trägers oder einer Substanz aller geistigen Erscheinungen und Vorgänge im Menschen. Es ist für das wissenschaftliche Begreifen der geistigen Erscheinungen des Menschen an und für sich gleichgültig, ob und welche Realität diesem Begriffe von uns zugeschrieben werde. Die allgemeine Streitfrage des Materialismus und Spiritualismus hat an sich keinen Einfluss auf die Aufgabe der wissenschaftlichen Bearbeitung der gegebenen Erscheinungen der Seele als solcher. Wir sind berechtigt, von der Seele zu reden als von einem an sich einfachen Wesen, welches den Hintergrund oder die Basis eines bestimmten Complexes der wirklichen Erscheinungen am Menschen bilde, wenn wir uns auch sagen müssen, dass dieser Begriff nur eine von uns selbst gemachte und angenommene Fiction oder Hypothese sei.

Die ganzen Erscheinungen der Seele werden von uns eingetheilt oder classificirt durch ein System von Begriffen, in welchen wir die Vertreter der einzelnen Abtheilungen, Kräfte oder Functionen derselben zu erblicken gewohnt sind. Auch von allen diesen Begriffen gilt an sich dasselbe als von demjenigen der Seele überhaupt; sie sind an sich keine Realitäten, sondern nur fingirte Substanzen oder Träger gewisser Complexe gleichartiger Erscheinungen am Menschen. Wir reden von ihnen allerdings so, als ob sie ganz bestimmte einzelne Organe und Theile des Lebens der Seele wären ähnlich als diejenigen des Körpers und wir stellen uns überhaupt die Seele gleichsam als ein System oder einen Organismus von Theilen und Functionen vor nach der Analogie des Körpers. Wir schaffen uns aus den vorübergehenden und wechselnden Erscheinungen des Seelenlebens gleichsam ein Bild oder eine Vorstellungseinheit von der Seele an sich. Alles dieses ist für uns freilich etwas Nothwendiges und Berechtigtes; es dient uns sogar in vielen Fällen geradezu ein bestimmter Theil des Körpers als Ausdruck oder Bezeichnung einer bestimmten Kraft oder eines Prinzipes des Lebens der Seele, so wie wir von Kopf, Herz u. s. w. reden als ob dieses nicht blos Theile des Körpers, sondern auch solche der Seele wären. Es kann im gewissen Sinne allerdings überhaupt die Gliederung des Körpers als Basis und Prinzip für diejenige der Seele angenommen werden, so wie sich insbesondere das System der Seelenabtheilungen bei Plato an dasjenige der körperlichen Gliederung anschloss. In ähnlicher Weise wurde auch früher die Lehre von den vier Temperamenten mit den vier Elementen der Natur in Verbindung gebracht und es kann allerdings mehr oder weniger alles Psychische auf bestimmte materielle oder physische Prinzipien zurückgeführt werden.