[62]

10.

Das allgemeine Gesetz der ästhetischen Form.

[72]

Vorwort.

Man wird in dieser Schrift manches finden, was nicht unmittelbar auf die ästhetische Lehre von den Farben Bezug hat. Andererseits wird man vielleicht manches in ihr vermissen, was eigentlich mit hierhin zu gehören scheinen könnte. Es ist aber überall etwas Anderes, bestimmte gegebene Erwartungen zu befriedigen und selbst neue Aussichten oder Ziele des Erkennens zu eröffnen. Worauf sich meine Schrift bezieht, ist an sich allein die Frage nach dem ästhetischen Werth oder der empfindungsmässigen Bedeutung, welche die einzelnen Farben als solche für uns oder den menschlichen Geist zu besitzen scheinen. Auch hier handelt es sich hauptsächlich nur um die Bestimmung des wissenschaftlichen Verfahrens oder der ganzen Methode, an welche jede derartige Untersuchung mit Nothwendigkeit gebunden ist. Ich habe schon früher in meinem Grundriss einer allgemeinen Aesthetik die Lehre von den Farben als einen einzelnen Abschnitt behandelt und gebe jetzt derselben im Zusammenhang mit den allgemeinen Prinzipien alles ästhetisch-wissenschaftlichen Erkennens eine erweiterte und selbstständige Gestalt. Ich beabsichtige namentlich den Satz zur Anerkennung zu bringen, dass auch jede einzelne einfache sinnliche Wahrnehmung als solche, wie die einer Farbe, einen bestimmten eigenthümlichen Werth oder eine Bedeutung für unser empfindendes Erkennen besitze, und dass es ein geordnetes wissenschaftliches Verfahren gebe, durch welches dieser Werthinhalt festgestellt oder ermittelt werden könne. Alle allgemeinen ästhetischen Prinzipfragen aber hängen mehr oder weniger mit dieser Aufgabe zusammen, und es ist insofern zugleich ein Beitrag zur weiteren Ausbildung und wissenschaftlichen Vervollkommnung der Aesthetik im Sinne eines bestimmten und integrirenden Theiles der Philosophie, den ich hiermit zu geben versucht habe.

1. Die Farbe als Wirklichkeit und als Schein.

An jede einzelne Farbe knüpft sich für die menschliche Seele irgend eine weitere Empfindungsvorstellung an. Es ist dieses eine an sich unbestreitbare Thatsache und es kann versucht werden, allen hierhin gehörigen Erscheinungen in wissenschaftlicher Weise nahe zu treten. Die Farbenlehre ist namentlich von Goethe und Schopenhauer zugleich mit unter dem ästhetischen Gesichtspunkt behandelt werden. Wir fassen sie lediglich von dieser letzteren Seite auf und versuchen zunächst unsern allgemeinen methodischen Standpunkt in Bezug auf die Bearbeitung dieses ganzen Gebietes zu begründen.