Milon. Wie freut es mich, mein teurer Freund, dich wiederzusehn! Wie kommst du her?
Prawdin. Gern will ich dir den Grund meines Hierseins mitteilen. Ich bin zum Mitgliede der hiesigen Provinzialverwaltung ernannt worden und habe Befehl, den hiesigen Bezirk zu inspizieren. Gleichzeitig unterlass’ ich es nicht aus eignem Herzensantrieb, diejenigen tyrannischen Gutsbesitzer zu studieren, die ihre Vollmacht über ihren Untergebenen unmenschlich mißbrauchen. Du kennst die Denkungsart unsers Gouverneurs. Mit welchem Eifer hilft er der leidenden Menschheit! Mit welcher Hingebung erfüllt er die humanen Absichten der Regierung. Wir haben es bei uns selber gesehen, daß, wenn der Gouverneur derartig ist, wie ihn das Reglement vorzeichnet, der Wohlstand der Bewohner ein gesicherter bleibt. Ich wohne hier schon drei Tage und fand einen ehrlosen Narren von Gutsherrn und dessen Furie von Frau, deren teuflischer Charakter dem ganzen Hause Unheil bringt. Worüber sinnst du, mein Freund? Sage doch, wirst du lange hier bleiben?
Milon. Schon nach einigen Stunden verlass’ ich dies Haus.
Prawdin. Warum so bald? Ruh dich doch erst aus.
Milon. Ich darf nicht: muß ohne Zögern die Soldaten weiterführen ... Außerdem brenn’ ich selber vor Ungeduld, schneller in Moskau zu sein.
Prawdin. Und der Grund hierzu?
Milon. Dich, als meinen Freund, will ich in das Geheimnis meines Herzens einweihen. Ich liebe und bin so glücklich, geliebt zu werden. Schon über ein halbes Jahr bin ich von der getrennt, die mir teurer ist als alles auf der Welt; und was noch betrübender ist: diese ganze Zeit über hab’ ich keinerlei Nachricht von ihr erhalten. Oft schrieb ich ihr Schweigen dem Erkalten zu und zermarterte mein Herz. Da erhielt ich plötzlich eine Mitteilung, die mich höchlich überraschte. Man schreibt mir nämlich, daß sie nach dem Tode ihrer Mutter von entfernten Verwandten zu sich aufs Dorf genommen worden sei – und ich weiß weder von wem, noch wohin. Vielleicht befindet sie sich jetzt in den Händen von Egoisten, bei denen sie, die schutzlose Waise, tyrannisiert wird. Der Gedanke allein macht mich rasen!
Prawdin. Eine derartige Unmenschlichkeit sehe ich in diesem Hause, doch schmeichle ich mir mit der Hoffnung, der Bosheit der Frau und der Narrheit des Mannes eine Grenze zu stecken. Ich habe schon von allem unsern Chef in Kenntnis gesetzt und zweifle nicht, daß man Maßregeln ergreifen wird, diesem saubern Paar Einhalt zu thun.
Milon. Wie glücklich bist du, Freund, daß du das Los Unglücklicher erleichtern kannst! ... Auch ich bin in einer sehr mißlichen Lage und weiß nicht, was ich beginnen soll.
Prawdin. Und darf ich fragen, wie der Name –