Starodum. Warte. Mein Herz kocht noch vor Zorn gegen dies unwürdige Gebahren dieser Menschen. Bleiben wir darum einen Augenblick. Ich halte mich an den Grundsatz: nie muß der erste Trieb eine sofortige Handlung zur Folge haben.

Prawdin. Nur selten verstehen andre diesen Ihren Grundsatz zu befolgen.

Starodum. Meine Lebenserfahrungen machten ihn mir zur Gewohnheit. O, wenn ich früher die Selbstbeherrschung gekannt hätte – ich würde noch länger das Glück gehabt haben, dem Vaterlande zu dienen!

Prawdin. Wie das? Die Erlebnisse eines Mannes von Ihrer Gesinnungsart müssen für jedermann von Interesse sein. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir erzählen wollten –

Starodum. Ich verhehle sie vor keinem, damit andre in ähnlicher Lage weiser handeln, denn ich es gethan. Als ich im Militärdienst stand, machte ich die Bekanntschaft eines jungen Grafen, dessen Namen sogar ich vergessen möchte. Im Dienst war er jünger als ich, war der Sohn eines Parvenüs, in der großen Welt erzogen und hatte Gelegenheit gehabt, das zu lernen, was in den Kreis unsers Unterrichts noch gar nicht aufgenommen war. Ich wandte alle Mühe an, mir seine Freundschaft zu erwerben, um durch beständigen Umgang mit ihm die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen. In derselben Zeit, da unsre Freundschaft sich festigte, erfuhren wir, daß der Krieg erklärt sei. Freudestrahlend stürzte ich in des Freundes Arme. „Lieber Graf – hier bietet sich Gelegenheit zur Auszeichnung! Treten wir sofort in die Armee, daß wir würdig werden des Adeltitels, den uns die Geburt verliehen!“ Da furchte sich seine Stirn, trocken umarmte er mich und sagte: „Glück auf den Weg; ich aber schmeichle mir mit der Hoffnung, daß mein Vater sich von mir nicht wird trennen wollen.“ Nichts kommt der Verachtung nahe, die ich in jenem Augenblick für ihn empfand. Hier erst sah ich, daß zwischen dem Parvenü und dem verdienten Manne ein unermeßlicher Unterschied besteht, daß es in der großen Welt sehr kleinliche Seelen gibt, und daß man sehr aufgeklärt und gleichzeitig verächtlich sein kann.

Prawdin. Sie haben vollkommen recht.

Starodum. Ich verließ ihn und begab mich sofort dahin, wohin mich die Pflicht rief. Mehrfach hatte ich Gelegenheit, mich auszuzeichnen – meine Narben beweisen, daß ich dieselbe nicht unbenutzt habe vorbeigehen lassen. Die gute Meinung, welche die Vorgesetzten und Soldaten von mir hatten, war mir ein schmeichelhafter Lohn für meine Dienste. Da erfuhr ich, daß der Graf, mein ehemaliger Freund – dessen ich mich schämte zu gedenken – im Range gestiegen, ich jedoch umgangen sei, ich, der damals an Wunden schwer darniederlag! Eine solche Ungerechtigkeit zerfleischte mein Herz, und ich nahm meinen Abschied.

Prawdin. Was auch hätten Sie anderes thun können?

Starodum. Ruhigen Blutes überlegen! Doch ich verstand es nicht, mich gegen die ersten Antriebe meines gekränkten Ehrgeizes zu wehren. Mein erhitzter Kopf vermochte damals nicht einzusehen, daß ein wahrhaft ehrgeiziger Mensch der Sache zuliebe, nicht des Ranges wegen, streben muß; daß die Rangerhöhung oftmals erbettelt wird, die echte Auszeichnung jedoch verdient werden muß; daß es viel ehrenhafter ist, schuldlos übergangen, als verdienstlos ausgezeichnet zu werden.

Prawdin. Darf denn ein Adeliger in keinem Falle seinen Abschied nehmen?