Starodum. In Moskau, teure Sophie, erfuhr ich, daß du hier wider deinen Willen lebst. Ich bin sechzig Jahre alt. Oft gab es Fälle, wo ich mir zürnte, oft auch war ich mit mir zufrieden. Nichts marterte mein Herz mehr als der Anblick einer Unschuld in den Netzen der Arglist, und nie war ich mit mir selbst zufriedener, als wenn es mir gelungen war, ein solches Opfer den Krallen des Lasters zu entreißen.
Prawdin. Wie wohl muß es thun, auch nur Zeuge dabei sein zu können!
Sophie. Onkelchen, Ihre Güte –
Starodum. Du weißt, daß nur du mich ans Leben bindest. Du mußt der Trost meines Alters sein, und meine Fürsorge soll dein Glück begründen. Als ich meinen Abschied nahm, legte ich den Grund zu deiner Erziehung; doch ich konnte dein Wohl nicht anders begründen, als indem ich mich von deiner Mutter und dir trennte.
Sophie. Ihre Abwesenheit kränkte uns unaussprechlich.
Starodum (zu Prawdin). Um ihr Leben vor dem Mangel am Notdürftigsten zu sichern, beschloß ich, mich für einige Jahre in jenes Land zurückzuziehen, wo man Geld erwirbt, ohne sein Gewissen dafür in den Tausch zu geben, wo man nicht durch Kriecherei emporsteigt, wo man das Vaterland nicht beraubt; in jenes Land, wo man das Geld der Erde selbst abverlangt, die, gerechter als die Menschen, keine Parteilichkeit kennt und nur die Arbeit gewissenhaft und reich belohnt.
Prawdin. Sie hätten, wie ich gehört, ungleich reicher werden können.
Starodum. Und wozu?
Prawdin. Um ebenso reich zu sein wie die andern.
Starodum. Reich! Wer ist denn reich? Weißt du auch, daß, um die launischen Gelüste eines einzigen Menschen zu befriedigen, das ganze Sibirien nicht hinreichen würde? Mein Freund, das alles ist nur Einbildung! Folge dem Beispiel der Natur, und du wirst niemals arm sein; gib acht auf das Gerede der Menschen, und du wirst nie reich werden.