Starodum. Fénelons, des Verfassers des „Telemach“? Das muß ein gutes Buch sein. Ich kenn’ es zwar nicht, jedoch lies es nur. Wer den „Telemach“ geschrieben, dessen Feder kann keine Sittenverderberin sein. Die modernen Schöngeister machen mich für die jungen Mädchen fürchten. Ich habe sie alle gelesen, soweit sie ins Russische übersetzt sind. Es ist wahr: sie rotten die Vorurteile aus, rütteln jedoch bedenklich an den Wurzeln der Moral. Setzen wir uns. (Sie setzen sich.) Mein innigster Wunsch ist, dich so glücklich zu wissen, wie man auf Erden nur immer glücklich sein kann.

Sophie. Ihre Lehren, Onkelchen, werden mein ganzes Glück begründen. Geben Sie mir Lehren, denen ich folgen soll. Leiten Sie mein Herz, es gehorcht Ihnen gern.

Starodum. Deine Herzensneigung ist mir teuer. Mit Freuden will ich dir meine Ratschläge erteilen. Höre mir mit einer Aufmerksamkeit zu, die der Aufrichtigkeit meiner Rede gleichkommt. Rücke näher. (Sophie nähert ihm ihren Stuhl.)

Sophie. Onkelchen, jedes Ihrer Worte wird sich tief meinem Herzen einprägen.

Starodum. Du stehst jetzt in dem Alter, wo die Seele ihres ganzen Seins genießen, die Vernunft lernen, das Herz empfinden will. Du trittst jetzt in die Welt, wo der erste Schritt oft für das ganze Leben entscheidend ist, wo oft eine in ihren Begriffen demoralisierte Vernunft, ein in seinen Gefühlen demoralisiertes Herz die erste Begegnung bildet. O mein Freund, lerne unterscheiden, lerne zu denen halten, deren Freundschaft dir das Wohl deiner Vernunft und deines Herzens verbürgt.

Sophie. Mein ganzes Streben wird darnach gerichtet sein, die Achtung würdiger Menschen zu erwerben. Wie jedoch mach’ ich’s, daß diejenigen, die ich meide, mir dafür nicht zürnen? Gibt es nicht ein Mittel, daß mir kein Mensch auf Erden gram sei?

Starodum. Die Abneigung Unwürdiger muß nicht kränkend sein. Wisse, daß man nie demjenigen Böses wünscht, den man verachtet; im Gegenteil: man wünscht Böses dem, der selber das Recht hat, zu verachten. Die Menschen beneiden einander nicht allein um Reichtum und Rang: auch die Tugend hat ihre Neider. Diese geben sich alle Mühe, ein unschuldiges Herz zu verderben, um es bis zu sich herab zu erniedrigen; und die Vernunft wird verderbt, damit sie im Unwürdigen ihr Glück ersehe.

Sophie. Ist es denn möglich, lieber Onkel, daß es auf der Welt solche bedauernswerte Menschen gibt, in deren Herzen eine lasterhafte Empfindung dadurch entsteht, daß ein andrer nicht lasterhaft empfindet? Ein tugendhafter Mensch muß solche Unglückliche bedauern.

Starodum. Es ist wahr, sie sind bedauernswert: doch darum setzt ein tugendhafter Mensch seinen Weg unbeirrt fort. Denke nur, welch ein Unglück es wäre, wenn die Sonne aufhören würde zu scheinen, bloß um schwache Augen nicht zu blenden!

Sophie. Aber sagen Sie mir, bitte, ob die Menschen selber die Schuld tragen an der Lasterhaftigkeit ihrer Seele? Kann denn ein jeder Mensch tugendhaft sein?