Starodum. Glaube mir, daß jedermann genügend Kraft finden kann, um tugendhaft zu sein. Man muß nur recht wollen, und leicht wird es dann fallen, das zu unterlassen, wofür in der Folge das Gewissen Vorwürfe machen könnte.

Sophie. Wer denn wird einen Menschen warnen, wer ihn an einer That verhindern, die Gewissensbisse zur Folge haben könnte?

Starodum. Wer ihn warnen wird? Wiederum das Gewissen. Ja, das Gewissen warnt stets als Freund früher, bevor es als Richter bestraft.

Sophie. Dann muß ja jeder lasterhafte Mensch verachtungswert sein, wenn er wissentlich etwas Böses verübt. Dann muß seine Seele recht niedrig sein, wenn sie sich nicht über die böse That erheben kann.

Starodum. Und seine Vernunft muß keine Vernunft sein, wenn sie ihr Glück in etwas Unwürdigem ersieht.

Sophie. Mir scheint, lieber Onkel, daß alle Menschen einerlei Meinung sind, worin das Glück bestehe. Ehrenauszeichnungen, Reichtum –

Starodum. Ganz recht, mein Freund. Auch ich will einen Mann, der reich ist und ausgezeichnet wird, glücklich heißen. Doch wollen wir erst untersuchen, wer denn ausgezeichnet wird und reich ist. Ich habe hierüber mein eigenes Urteil. Den Ruhm bemesse ich nach den Thaten, die ein berühmter Mensch zum Besten seines Vaterlandes gethan, und nicht nach den Thaten, die in selbstsüchtigem Ehrgeiz ihre Quelle haben; ich bemesse den Ruhm nicht nach der Anzahl der Menschen, die in des Gefeierten Vorzimmer einander drängen und stoßen, sondern nach der Zahl jener Menschen, die mit seinem Betragen, mit seinen Handlungen zufrieden sind. Ein derart ausgezeichneter Mensch ist in der That glücklich. – Ferner ist meiner Ansicht nach, nicht derjenige reich, der sein Geld abzählt, um es in Kisten und Spinden zu verwahren, sondern derjenige gilt mir reich, der sein überflüssiges Geld abzählt, um den Bedürftigen zu helfen.

Sophie. Wie wahr ist das alles! ... Wie oft betrügt uns der äußere Schein! Ich selbst hatte mehrfach Gelegenheit zu sehen, wie man denjenigen beneidet, der etwas bei Hofe sucht und daselbst etwas bedeutet.

Starodum. Und die Neider wissen nicht, daß jede Kreatur bei Hofe etwas sucht und sogar etwas bedeutet; sie wissen es nicht, daß bei Hofe jedermann Höfling ist und Höflinge hat. Nein, hier ist nichts zu beneiden: ohne Ehrenhandlungen ist ein Ehrenstand ein Unding.

Sophie. Gewiß, Onkel. Und ein derart ausgezeichneter Mensch macht keinen, außer sich selber, glücklich.