Starodum. Wie? Ist denn derjenige glücklich, der allein, vereinsamt glücklich ist? Wisse, daß, so groß auch sein Ruhm sei, er doch niemals vollständige Glückseligkeit empfinden kann. Stelle dir einen Menschen vor, der seinen ganzen Ruhm nur dazu benutzen wollte, um es selber gut zu haben, der es auch erreichte, daß für ihn selber nichts mehr zu wünschen übrigbliebe; dann würde ja seine ganze Seele nur ein Gefühl mit sich herumtragen – die Furcht, früher oder später von der Höhe seines Glücks gestürzt zu werden. Sage nun, mein Freund, ob derjenige glücklich ist, der nichts mehr zu wünschen hat und nur fürchten kann?

Sophie. Ich sehe nun den Unterschied zwischen dem Glücklichscheinen und Glücklichsein. Aber es ist mir unbegreiflich, wie ein Mensch immer nur an sich denken kann! Bedenkt man denn nicht, daß man andern verpflichtet ist? Wo bleibt denn der Verstand, auf den man sich so viel zu gute thut?

Starodum. Sich etwas auf den Verstand zu gute thun? Ein Verstand, der nur Verstand ist, will noch gar wenig bedeuten! Es gibt Menschen, die bei bedeutendem Verstande schlechte Ehemänner, schlechte Väter, schlechte Bürger sind. Wert verleiht dem Verstande nur die Tugend: ohne Tugend ist auch ein kluger Mensch ein Ungeheuer. Sie steht unendlich höher als ein hoher Verstand – das wird jeder leicht begreifen, der nur ein wenig nachdenkt. Es gibt viele Arten des Verstandes. Einem klugen Menschen kann man verzeihen, wenn ihm diese oder jene Eigenschaft des Verstandes abgeht; einem tugendhaften Menschen verzeiht man’s nicht, wenn ihm irgend eine Tugend des Herzens fehlt: er muß sie alle insgesamt besitzen, denn die Tugend des Herzens ist unteilbar. Ein tugendhafter Mensch muß vollkommen tugendhaft sein.

Sophie. Ihre Erklärung, lieber Onkel, entspricht ganz meinem innern Gefühl, das ich nicht verstehe in Worte zu fassen. Jetzt empfind’ ich lebhaft, worin der Wert eines tugendhaften Menschen, worin seine Pflicht besteht.

Starodum. Pflicht! Ach, mein Freund – dieses Wort ist auf aller Lippen und wird doch oft so falsch verstanden. Der beständige Gebrauch dieses Wortes hat uns dermaßen an dasselbe gewöhnt, daß ein Mensch, der es ausspricht, nichts dabei denkt und empfindet. Wenn die Menschen die Bedeutung dieses Wortes wüßten, würden sie es nicht ohne innere Ehrfurcht aussprechen. Was ist die Pflicht? Jenes heilige Gelübde, das uns an alle bindet, mit denen wir leben und von denen wir abhängen. Wenn jeder den Begriff der Pflicht so auffaßte, wie er ihn ausspricht, so würde jeder Stand nicht über den seiner Lage angemessenen Ehrgeiz streben, würde vollkommen glücklich sein. Der Edelmann z. B. würde es sich zur Unehre gereichen lassen, wenn er nicht ausschließlich seiner großen Pflicht obläge – den Untergebenen zu helfen, dem Vaterlande zu dienen. Dann würde es keine Edelleute geben, deren Adel sozusagen zugleich mit ihren Vorfahren begraben wird. Ein Edelmann, der nicht wert ist ein Edelmann zu sein, ist das erbärmlichste Geschöpf, das ich mir vorstellen kann.

Sophie. Kann man sich denn dermaßen erniedrigen?

Starodum. Mein Freund! Das, was ich vom Edelmann gesagt, kann auf alle Menschen angewendet werden. Jedermann hat seine Pflichten, doch wie werden sie erfüllt? Wie z. B. sind die Männer heutigentags – die Frauen auch nicht zu vergessen!? O mein Kind, höre mir nun mit vollster Aufmerksamkeit zu! Betrachten wir uns z. B. eine unglückliche Familie, wie es deren eine Unmenge gibt, wo die Frau keine herzliche Freundschaft für den Mann empfindet, noch er Vertrauen zu ihr; wo beide auf ihre Art den Weg der Tugend verlassen. Statt eines innigen und nachsichtigen Freundes erblickt die Frau in ihrem Manne einen groben und lasterhaften Tyrannen. Andrerseits sieht der Mann in der Seele seiner Frau statt Sanftmut und Treuherzigkeit – die Eigenschaften einer tugendhaften Frau – nur widerspenstige Frechheit, die Frechheit einer Frau aber ist das Aushängeschild eines lastervollen Charakters. Beide werden sich gegenseitig zur unerträglichen Last; beide mißachten einen guten Namen, weil sie ihn beide verloren haben. Gibt es wohl eine schrecklichere Lage? Das Hauswesen ist verwahrlost; die Dienerschaft vergißt die Pflicht des Gehorsams, weil sie in ihrem eigenen Herrn einen Sklaven niedriger Leidenschaft sieht; das Gut wird ruiniert: es gehört keinem, weil der Herr nicht sich selber gehört. Die Kinder, die unglücklichen Kinder, sind schon zu Lebzeiten der Eltern arme Waisen. Der Vater, der seine Frau mißachtet, wagt kaum die Kinder zu umarmen, wagt kaum, sich den zartesten Empfindungen eines Menschenherzens hinzugeben. Die unschuldigen Kleinen entbehren gleichfalls der mütterlichen Liebe. Sie, die nicht wert ist, Kinder zu haben, entzieht sich ihren Liebkosungen, indem sie darin entweder die Ursache ihrer Unruhe oder einen Vorwurf für ihre Lasterhaftigkeit erblickt. Und welche Erziehung kann eine lasterhafte Mutter ihren Kindern geben? Wie soll sie ihnen Lehren der Tugend einimpfen, da sie selber keine Tugend besitzt? Welche Hölle muß in der Seele der Eltern brennen, wenn ihr Gedanke sich einmal ernstlich mit ihrer gräßlichen Lage beschäftigt.

Sophie. Wie entsetzenerregend ist dieses Beispiel!

Starodum. Gewiß muß es ein tugendhaftes Herz erschüttern. Doch ich denke, daß ein Mensch nicht in dem Grade demoralisiert sein kann, um ruhigen Blutes solche Greuel anzusehen.

Sophie. Gott, wodurch entsteht nur ein so schreckliches Unglück?