Starodum. Dadurch, mein Freund, daß bei den heutigen Eheschließungen selten das Herz zu Rate gezogen wird. Man sieht nur darauf, ob der Bräutigam eine angesehene und reiche und die Braut eine schöne und reiche Person ist. Nach der Tugend wird nicht gefragt. Keinem kommt es in den Sinn, daß in den Augen denkender Menschen ein Ehrenmann ohne Rang einen hohen Rang einnimmt, daß die Tugend alles ersetzt und selber durch nichts ersetzt werden kann. Und ich muß gestehn, liebe Sophie, daß mein Herz nur dann ganz ruhig sein wird, wenn ich dich als die Frau eines Ehrenmannes sehen werde, wenn wechselseitige Liebe –
Sophie. Einen ehrenhaften Gatten kann man ja nicht anders als recht freundschaftlich lieben.
Starodum. Richtig. Nur sei deine Liebe zum Gatten nicht der Freundschaft gleich, sondern deine Freundschaft zu ihm sei der Liebe ähnlich – dann werdet ihr noch nach zwanzig Jahren ehelichen Zusammenlebens eine unverminderte Neigung zu einander empfinden. Ein vernünftiger, ehrenhafter Mann und eine vernünftige, tugendhafte Frau – was kann es Herrlicheres geben? Dein Mann muß der Stimme der Vernunft gehorchen, und du deinem Manne, und dann ist euer Glück ein vollkommenes.
Sophie. Jedes Ihrer Worte geht mir zu Herzen.
Starodum (mit zärtlichem Feuer). Und mein Herz entzückt sich an dem Gefühl deines Herzens! Von dir allein hängt dein Glück ab. Gott hat dir allen Reiz deines Geschlechts verliehen. Ich sehe, daß du ein tugendhaftes Herz im Busen trägst. Ja, mein geliebtes Kind, du vereinigst in dir die Vorzüge beider Geschlechter! Ich schmeichle mir, daß meine Liebe zu dir mich nicht täuscht, daß deine Tugenden –
Sophie. Du hast jedes meiner Gefühle tugendhaft gemacht! (Will seine Hand küssen.)
Starodum (ihre Hand küssend). Ich danke Gott, daß ich in dir selbst einen festen Grund für dein Glück sehe. Nicht von Würden und Reichtum wird es abhängen, denn beides kann noch dereinst dein werden. Doch du besitzest bereits ein noch größeres Glück – das Gefühl, daß du würdig bist des Glückes, das du empfindest!
Sophie. Teuerster, bester Onkel! mein ganzes Glück ist, daß ich dich habe. Ich kenne den Wert –
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. Ein Kammerdiener kommt und übergibt Starodum einen Brief.