Prawdin. Ich bin im voraus versichert, daß mein Freund Ihr Wohlwollen erwirbt, sobald Sie ihn näher kennen lernen. Er verkehrte oft im Hause Ihrer seligen Schwester. (Starodum sieht sich nach Sophie um.)

Sophie (leise und sehr befangen zu Starodum). Und die Mutter liebte ihn wie einen Sohn.

Starodum (zu Sophie). Das ist mir sehr angenehm. (Zu Milon.) Ich habe gehört, daß Sie in der Armee dienten, Ihre Tapferkeit –

Milon. Ich that nur meine Pflicht. Weder Alter noch Rang ließen mich bisher meine Tapferkeit beweisen, falls ich sie wirklich besitze.

Starodum. Wie?! Sie waren ja in der Schlacht und haben mehrfach Ihr Leben aufs Spiel gesetzt –

Milon. Ich hab’s aufs Spiel gesetzt ebenso wie alle andern. Ein derartiger Mut ist eine Eigenschaft des Herzens, die dem Soldaten der Oberst zu haben befiehlt, und dem Offizier – die Ehre. Ich muß aufrichtig gestehn, daß ich noch keine Gelegenheit gehabt habe, eine echte Tapferkeit an den Tag zu legen, was ich jedoch von Herzen wünsche.

Starodum. Ich wäre sehr neugierig zu erfahren, was Sie unter echter Tapferkeit verstehen.

Milon. Meiner Ansicht nach hat die Tapferkeit ihren Sitz in der Seele und nicht im Herzen. Ist die Seele tapfer, so ist auch das Herz unbedingt mutig. In unserm Kriegshandwerk muß der Soldat mutig, der Befehlshaber tapfer sein. Mit kaltem Blute erkennt er alle Grade der Gefahr, ergreift die nötigen Maßregeln, schätzt den Ruhm höher als sein Leben; und was die Hauptsache ist: zum Nutzen und Ruhm seines Vaterlandes ist er tapfer genug, des eigenen Ruhmes zu vergessen. Seine Tapferkeit besteht somit nicht darin, daß er sein Leben gering achtet, denn er setzt es nicht blindlings aufs Spiel, sondern darin, daß er es zu opfern versteht.

Starodum. Ganz richtig. Echte Tapferkeit sehen Sie im Kriegsbefehlshaber; kann sie aber auch den andern Ständen eigen sein?

Milon. Sie ist eine Tugend, und folglich kann sich jeder Stand durch sie auszeichnen. Mir scheint, der Mut des Herzens erweist sich während der Schlacht, die Tapferkeit der Seele jedoch in allen Prüfungen, in jeder Lage des Lebens. Und welch ein gewaltiger Unterschied besteht doch zwischen dem Mut des Soldaten, der gleichzeitig mit andern beim Sturmlauf sein Leben wagt, und der Tapferkeit eines Staatsmannes, der seinem Landesherrn die Wahrheit sagt und dadurch dessen Zorn auf sich zu laden riskiert! Ein Richter, der, die Drohungen und Rache des Mächtigen nicht fürchtend, dem Hilflosen hat Gerechtigkeit widerfahren lassen – ist in meinen Augen ein Held. Wie kleinlich ist doch die Seele eines Mannes, der um ein Nichts seinen Nebenmenschen zum Duell herausfordert, im Vergleich mit dem Manne, der die Ehre eines Abwesenden vor dessen Verleumdern in Schutz nimmt! Ich verstehe die Tapferkeit –