Man hatte angenommen, daß man damit für einen Monat oder länger reichen würde, und einige machten den Kirchenvorstehern Vorwürfe, daß sie etwas Derartiges erlaubt hatten, als ob sie das ganze Kirchspiel mit Mann und Maus eingraben wollten, aber die Folge rechtfertigte die Maßregeln der Kirchenvorsteher und zeigte, daß sie für den Zustand ihres Kirchspiels einen richtigen Blick hatten. Denn am 4. September war die Grube fertig, am 6. begann man mit den Beerdigungen, und am 20., also gerade 14 Tage später, waren 1114 Leichen hineingeworfen worden, und man mußte sie wieder zuwerfen, da die Leichen schon bis 6 Fuß unter die Oberfläche reichten. Sicherlich gibt es noch einige alte Leute in dem Kirchspiel, die all das bestätigen und sogar den Ort auf dem Kirchhof anzeigen können, wo die Grube war. Noch viele Jahre lang war eine Senkung auf dem Boden zu sehen, neben dem Weg, der an der westlichen Mauer des Kirchhofs entlangführt, von Houndsditch heraus, und dann nach Whitechapel umbiegt, bis zum Wirtshaus zu den drei Nonnen.

Es war um den 10. September, als meine Neugierde mich veranlaßte oder trieb, das Grab von neuem anzuschauen, nachdem fast 400 Leute dort beerdigt worden waren. Diesmal begnügte ich mich nicht, wie vorher bei Tage hinzugehen. Denn da war nichts zu sehen als Erde, weil die hineingeworfenen Leichen von den Leichenträgern sofort mit Erde zugeschaufelt wurden. Also beschloß ich, nachts hinzugehen und beim Hineinwerfen zuzuschauen.

Das war zwar strenge verboten, und lediglich der Ansteckung wegen. Aber später wurde das Verbot aus andern Gründen nötig, denn Kranke, die ihr Ende nahen fühlten, liefen in ihren Fieberdelirien an diese Massengräber, mit nichts am Leibe als ein Leintuch oder irgendeinen Fetzen und sprangen hinein, um, wie sie sagten, sich selbst zu begraben. Ich glaube nicht, daß die Leute sie da liegen ließen, aber ich habe sagen hören, daß zu dem großen Grab in Finsbury, das damals gegen die Felder zu noch offen und ohne Mauer lag, viele kamen und hineinsprangen und ihren Geist aufgaben, ehe man noch die Erde auf sie schaufelte, und daß sie, als dann die Leichenträger mit neuen Opfern kamen, zwar schon tot, aber noch warm waren.

Solche Dinge mögen eine Vorstellung von dem Grauen dieser Zeit geben, obwohl wer’s nicht selbst gesehen hat, kaum eine Ahnung davon haben kann. Es war wirklich und wahrhaftig fürchterlicher, als man es sagen kann.

Die Bekanntschaft mit dem Küster ermöglichte mir den Eintritt in den Kirchhof. Er wies mich zwar nicht zurück, bat mich aber aufs ernstlichste, doch wieder fortzugehen. Als frommer und verständiger Mann hielt er mir vor, daß es wohl sein Amt und seine Pflicht wäre, sich allen Gefahren auszusetzen, und daß er darum hoffe, es werde ihm nichts geschehen. Ich aber hätte keinen Grund als meine Neugierde, die solch eine gefährliche Unternehmung doch wirklich nicht rechtfertigen könne. Ich sagte ihm, daß ich nun einmal darauf aus wäre, hineinzukommen, und daß es vielleicht nicht ohne Nutzen wäre, so etwas zu sehen. »Wenn es so ist, dann geht in Gottes Namen,« sagte der gute Mann, »es mag Euch als beste Predigt dienen, die Ihr je in Eurem Leben gehört habt. Es ist ein Anblick, von dem eine laute Stimme kommt, die uns alle zur Buße ruft.« Mit diesen Worten öffnete er das Tor und sagte: »Nun geht, wenn Ihr wollt.«

Seine Worte hatten mich ein wenig schwankend gemacht, und ich zögerte noch eine Zeitlang, aber da sah ich gerade von den Minoriten her zwei Pechfackeln näherkommen, hörte die Glocke des Fuhrmanns, und dann rumpelte auch schon der Leichenkarren heran. So konnte ich mich nicht länger zurückhalten und ging in den Kirchhof. Soviel ich zuerst ausmachen konnte, war niemand dort als die Leichenträger und der Mann, der das Pferd am Karren führte, aber als ich näher an die Grube kam, sah ich dort einen Mann hin und hergehen, der in einen braunen Mantel gewickelt war und darunter allerlei Bewegungen mit den Händen machte, so als ob er in größter Verzweiflung wäre. Die Leute umringten ihn sogleich, wohl weil sie meinten, er wäre einer von den armen, fieberkranken Teufeln, die sich selber begraben wollten. Er sprach kein Wort, ging nur immer auf und ab, und ächzte und seufzte ein paarmal laut, als wolle es ihm das Herz abdrücken.

Die Träger merkten bald, daß er weder krank noch verrückt war, sondern nur von dem schrecklichsten Kummer niedergebeugt, was er wohl sein mochte, denn in dem Karren lagen die Leichen seiner Frau und mehrerer Kinder. Es war leicht zu sehen, wie schwer es ihm ums Herz war, aber trotzdem ließ er den Tränen keinen Lauf und unterdrückte sie mit männlicher Fassung. Er bat mit ruhiger Stimme die Träger, ihn allein zu lassen, er wolle nur sehen, wie die Leichen hineingeworfen würden und dann fortgehen. Sie ließen ihn also stehen und leerten die Leichen, wie sie durcheinander auf dem Karren lagen, in die Grube. Das schien der Mann nicht erwartet zu haben. Er mochte wohl geglaubt haben, daß sie auf anständige Weise hineingelegt würden, obwohl er sich später selbst überzeugte, daß das unmöglich war. Wie er das sah, war es mit seiner Selbstbeherrschung zu Ende, und er schrie laut auf. Ich verstand nicht, was er sagte, sah ihn nur zwei oder drei Schritte nach rückwärts taumeln und dann ohnmächtig zu Boden sinken. Die Träger liefen hin, hoben ihn auf und brachten ihn, nachdem er nach einiger Zeit wieder zu sich gekommen war, in ein Gasthaus, am Ende von Houndsditch, wo er anscheinend bekannt war und man sich seiner annahm. Ehe er ging, sah er noch einmal in die Grube hinab, aber die Leute hatten die Leichen schon mit Erde bedeckt, und obwohl es Licht genug gab, denn an allen Seiten der Grube steckten Laternen in der Erde, war doch nichts mehr zu sehen.

Dieses traurige Schauspiel erschütterte mich aufs tiefste. Und was ich sonst noch sah, war auch über alle Maßen grauenvoll. Auf dem Karren lagen 16 oder 17 Leichen, einige in Leintücher eingeschlagen, andere in Fetzen, noch andere fast gänzlich nackt oder nur so leicht zugedeckt, daß die Hülle sich losmachte, als sie nun in die Grube geworfen wurden. Da lagen sie nun völlig nackt unten, aber für sie war’s gleich, denn sie waren alle tot, und sonst konnte wohl auch niemand daran Anstoß nehmen, angesehen sie nun alle im gemeinsamen Grab der Menschheit ruhten. Denn hier gab es keinen Unterschied, arm und reich lagen beieinander. Eine andere Art von Begräbnissen war unmöglich, denn woher hätte man die Särge für die ungeheure Anzahl der der Seuche Erlegenen nehmen sollen?

Um den Leichenträgern etwas anzuhängen, wurde wohl erzählt, daß sie den Toten, die ein richtiges, über dem Kopf und den Füßen zusammengebundenes Totenhemd aus gutem Leinenzeug trugen, es wegnahmen, wenn sie auf dem Karren lagen und sie ganz nackt in die Grube warfen, aber ich kann nicht glauben, daß es solche Scheusale unter den Christen gibt, besonders nicht in einer derartig schrecklichen Zeit. So erzähle ich nur und lasse die Sache unentschieden.

Zahllose Geschichten liefen auch um über die Unmenschlichkeit der Pflegerinnen, die den Tod der Kranken, die ihrer Sorge übergeben waren, beschleunigt haben sollten. Aber darüber werde ich später mehr zu sagen haben.