Ich erinnere mich – und während ich’s niederschreibe, ist’s mir, als hörte ich noch jetzt den ganzen Jammer – ich erinnere mich, sage ich, an eine Dame, die eine einzige Tochter hatte, ein junges Mädchen von etwa 19 Jahren. Sie waren recht wohlhabend und wohnten in einem Hause allein für sich. Die beiden waren mit ihrem Dienstmädchen irgendwo fort gewesen, aber ungefähr zwei Stunden nach ihrer Rückkehr klagte das junge Mädchen über Unwohlsein, eine Viertelstunde später begann sie, sich zu erbrechen und fühlte heftige Kopfschmerzen. »Gott verhüte,« sagte die Mutter in entsetzlicher Angst, »daß mein Kind die Pest habe!« Da die Kopfschmerzen zunahmen, ließ die Mutter das Bett wärmen und brachte ihre Tochter zu Bett. Dann gab sie ihr etwas, um sie zum Schwitzen zu bringen, was man gewöhnlich tat, wenn die ersten Anzeichen der Seuche sich einstellten.
Während das Bett noch gelüftet wurde, entkleidete die Mutter das junge Frauenzimmer, und indem sie mit einer Kerze ihren Körper ableuchtete, gewahrte sie sogleich die heillosen Merkmale der Seuche in der Leistengegend. Unfähig sich zu beherrschen, ließ sie die Kerze fallen und stieß ein so schauerliches Geschrei aus, daß das mutigste Herz auf der ganzen Welt dadurch erschüttert worden wäre. Damit nicht genug, fiel sie in Ohnmacht, rannte, als sie wieder zu sich kam, vom Entsetzen gepackt, durch das ganze Haus, die Treppen hinauf und hinunter, wie eine Wahnsinnige. Und das war sie auch. Sie fuhr fort stundenlang zu schreien und zu kreischen, denn offenbar hatte sie jede Herrschaft über sich verloren und, wie ich hörte, wurde sie auch nie mehr ganz vernünftig. Was ihre Tochter anbetrifft, so war sie schon so gut als tot, denn der kalte Brand, der die Flecken hervorruft, hatte sich bereits über ihren ganzen Körper verbreitet, und sie starb nach weniger als zwei Stunden. Doch die Mutter schrie noch immer fort, ohne etwas davon zu merken. Das alles ist so lange her, daß ich mich nicht mehr genau erinnere, aber ich glaube, daß die Mutter sich nicht wieder erholte und nach zwei oder drei Wochen starb. –
Vor mir liegt die Geschichte von zwei Brüdern und einem Vetter von ihnen, die alle drei Junggesellen waren. Sie waren zu lange in der Stadt geblieben, um noch weg zu können, und da sie nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, auch keine Mittel zu einer weiteren Reise besaßen, dachten sie sich zu ihrer Rettung etwas aus, das zuerst hoffnungslos aussah, aber doch eigentlich das Natürlichste war. Man muß sich wundern, daß nicht mehr Leute darauf verfielen. Sie waren zwar von niederem Stande, aber doch nicht so gänzlich mittellos, um sich nicht das Nötigste zu verschaffen, und als sie sahen, daß die Seuche in der schrecklichsten Weise zunahm, entschlossen sie sich, so gut es eben gehen wollte, sich auf und davon zu machen.
Einer von ihnen war in den letzten Kriegsläuften Soldat und noch früher in den Niederlanden gewesen. Er hatte außer dem Gebrauch der Waffen nichts besonderes gelernt, und da er infolge einer Verwundung keine schwere Arbeit ausführen konnte, war er bei einem Bäcker von Schiffszwieback in Wapping in Arbeit getreten.
Sein Bruder war ein Matrose gewesen, hatte aber irgendwie eine Verletzung am Bein davongetragen, die ihn verhinderte, weiterhin zur See zu gehen. Er hatte dann bei einem Segelmacher in Wapping oder da herum in Arbeit gestanden, und da er seine Sachen gut zusammenhielt, hatte er sich eine Kleinigkeit erspart und war von den Dreien der Reichste.
Der dritte war seines Zeichens ein Zimmermann, ein geschickter Bursche. Alles, was er besaß, war zwar nur sein Werkzeugkasten, aber mit dessen Hilfe verstand er, sich überall seinen Lebensunterhalt zu verschaffen. In solchen Zeiten freilich war auch er arbeitslos. Übrigens wohnte er in Shadwell.
Alle ihre Arbeitsplätze gehörten zu dem Kirchspiel von Stepney, das zuletzt von der Seuche erfaßt wurde, und daher waren sie geblieben, bis sie sahen, daß die Pest in den Westteilen der Stadt allmählich erlosch und sich nun nach Osten wandte, wo sie wohnten.
Die Geschichte dieser drei Leute werde ich an ihrem Orte ausführlich erzählen, da sie in künftigen schlimmen Zeiten für manchen von nicht geringem Nutzen sein mag, aber vorläufig habe ich noch anderes zu berichten. –
In der ersten Zeit bewegte ich mich ganz sorglos in der Stadt umher, wenn auch nicht so sorglos, um mich offensichtlicher Gefahr auszusetzen, außer damals, als man das Massengrab im Kirchhof von Aldgate aushob. Das war eine fürchterliche Grube, und in meiner Neugier mußte ich hingehen und sie anschauen. Nach meiner Schätzung maß sie in der Länge ungefähr 40 Fuß und 15 oder 16 der Breite nach. Wie ich das erstemal hineinsah, war sie etwa 9 Fuß tief, aber später sollen sie an einem Ende bis zu 20 Fuß gegraben haben, bis sie auf das Grundwasser kamen. Schon früher waren einige Massengräber ausgehoben worden, denn als endlich die Seuche zu uns kam, wütete sie in den zwei Kirchspielen von Aldgate und Whitechapel ärger als in irgendeinem Teile von London.
Man hatte, wie gesagt, schon mehrere Massengräber hergestellt, als die Seuche zu uns kam und die Leichenkarren ihre Fahrt begannen. Das war etwa um den Anfang August. In jedem von diesen Gräbern lagen vielleicht 50 oder 60 Leichen, aber dann machte man sie größer, um alle, die innerhalb einer Woche starben, darin zu verscharren. Von Mitte bis Ende August waren das an die 2 bis 400 wöchentlich. Größer konnte man die Gruben nicht machen, weil die Behörden ausdrücklich vorgeschrieben hatten, daß jede Leiche 6 Fuß unter der Oberfläche liegen müsse und bei 17 oder 18 Fuß Tiefe schon das Grundwasser kam. Bei Beginn des September aber wurde die Seuche so heftig, daß die Sterblichkeitsziffer in unserm Kirchspiel höher war als irgendwo sonst in London, und da befahl man denn, diesen schauerlichen Schlund auszugraben, denn es war wirklich mehr ein Schlund als ein Grab.