In einem andern Hause in einer Straße, ganz nahe bei Aldgate, war, wie man mir erzählte, eine ganze Familie abgesperrt und eingeschlossen worden, weil das Dienstmädchen krank geworden war. Der Vater der Familie hatte durch seine Freunde bei dem nächsten Ratsherrn und beim Lordmayor Beschwerde einlegen lassen und sich bereit erklärt, das Mädchen in das Pesthaus bringen zu lassen, was ihm aber abgeschlagen wurde. Die Türe wurde also mit einem roten Kreuz bezeichnet, ein Schloß vorgelegt und ein Wächter hingestellt, wie die Verordnungen es vorschrieben.

Als der Hausherr sah, daß dagegen nichts zu machen war, und daß er, seine Frau und seine Kinder mit diesem armen verseuchten Dienstboten eingesperrt waren, rief er dem Wächter zu, er solle sogleich eine Pflegerin für die Kranke holen, denn für sie alle würde die Pflege sicheren Tod bedeuten. Er sagte dem Wächter in dürren Worten, wenn er das nicht tue, würde das Mädchen entweder an der Seuche sterben oder an Hunger zugrunde gehen, denn er wäre fest entschlossen, kein Mitglied seiner Familie in ihre Nähe zu lassen. Dazu lag sie in der Dachstube über vier Treppen, wo ihr Schreien oder um Hilfe rufen von niemand gehört werden konnte.

Der Wächter willigte ein, ging weg und holte eine Pflegerin, wie er beauftragt worden war; brachte sie auch noch denselben Abend. Der Hausherr benützte inzwischen die Gelegenheit, ein großes Loch durch seinen Laden in eine Bude oder einen Stand zu brechen, wo früher ein Schuhflicker unter seinem Ladenfenster gesessen hatte. Bei diesen traurigen Zeiten aber war er wahrscheinlich tot oder verzogen, und so hatte der Herr den Schlüssel in Gewahrsam. Solange der Wächter da war, hätte er freilich des Lärms wegen das Loch nicht durch die Wand brechen können. Als er nun drin in der Bude war, hielt er sich ganz still, bis der Wächter mit der Pflegerin zurückkam, und so machte er’s auch am nächsten Tage. In der folgenden Nacht aber schickte er den Wächter mit dem Auftrage weg, aus der Apotheke ein Pflaster für die Kranke zu holen, das erst hergerichtet werden mußte, oder gab ihm einen andern Auftrag, der ihn einige Zeit entfernt hielt, und während dieser Zeit machte er sich mit der ganzen Familie davon, und überließ es dem Wächter und der Pflegerin, das arme Geschöpf zu beerdigen, d. h. in den Leichenkarren zu werfen und für das Haus zu sorgen.

Nicht weit davon schütteten sie angezündetes Schießpulver auf einen Wächter und verbrannten den armen Teufel jämmerlich. Während er fürchterlich brüllte und niemand sich zur Hilfe herbeiwagte, stieg die ganze Familie aus den Fenstern im ersten Stock und ließ zwei Kranke zurück, die laut um Hilfe schrien. Man trug Sorge, ihnen Pflegerinnen zu verschaffen, aber die geflohenen Leute wurden niemals entdeckt, bis sie nach Erlöschen der Seuche zurückkehrten. Da aber kein Beweis gegen sie vorlag, konnte ihnen nichts geschehen.

In andern Fällen gab es Gärten, Mauern oder Zäune zwischen den Häusern und den Nachbargebäuden oder Höfe und Hinterhäuser, und aus Freundschaft oder auf ihre inständigen Bitten hin ließ man die Leute über die Mauern oder Zäune klettern und verschaffte ihnen so einen Ausgang durch die Nachbarhäuser. Oder sie bestachen die Dienstboten, sie bei Nacht durchzulassen, so daß alles in allem die Absperrung der Häuser keineswegs sicher war. Noch erfüllte sie überhaupt ihren Zweck und diente mehr dazu, die Leute in Verzweiflung und bis zum Äußersten zu bringen, um nur unter allen Umständen hinauszukommen.

Und was dabei das Schlimmste war, war, daß diejenigen, die so die Flucht ergriffen, die Ansteckung immer weiter verbreiteten, indem sie sich, schon verseucht, in der schauerlichsten Lage herumtrieben, was sonst nicht der Fall gewesen wäre. Wer sich die Sache in allen Einzelheiten vor Augen führt, muß zugeben, daß die Härte solcher Absperrungen viele Leute toll machte, so daß sie auf jede Gefahr hin aus den Häusern rannten, und das mit der Pest im Leibe und ohne zu wissen, wohin sie sich wenden oder was sie tun sollten, oder auch was sie taten. Manche gerieten in die schrecklichste Not und gingen auf den Straßen oder Feldern an Entkräftigung zugrunde, oder ließen sich in der Fieberhitze der Krankheit einfach zu Boden fallen. Andere wanderten aufs Land hinaus, irgendwohin, wie es ihnen gerade ihr Elend eingab, ohne Ziel und Zweck, bis sie, erschöpft und hinfällig, im Straßengraben verkamen. Denn niemand kam ihnen zu Hilfe, und überall in den Häusern oder Dörfern an der Straße weigerte man sich sie aufzunehmen, ob sie krank waren oder nicht. Manche verkrochen sich in Heuschober und starben dort, denn kein Mensch wagte nur in ihre Nähe zu kommen, oder glaubte ihnen, daß sie nicht angesteckt wären.

Wenn anderseits die Pest in eine Familie einbrach, d. h. wenn ein Familienmitglied ausgegangen war und von irgendwoher die Ansteckung heimbrachte, so erfuhr es die Familie sicherlich früher als die Aufsichtsbeamten, die ernannt worden waren, um die Kranken zu untersuchen. In der Zwischenzeit hatte dann der Hausherr bequem Gelegenheit, mit seiner ganzen Familie fortzuziehen, falls er wußte wohin, und viele taten das auch. Aber das Unglück war, daß eine Menge davon schon angesteckt waren und so die Seuche in die Häuser jener brachten, die sie gastfreundlich aufnahmen, was im höchsten Grade grausam und undankbar war.

Bisher sprach ich von jenen Leuten, die aus Angst, eingesperrt zu werden, jedes Mittel ergriffen, sei es List oder Gewalt, um vor oder nach der Zuschließung der Häuser herauszukommen, und deren Elend dadurch nicht vermindert, sondern eher gesteigert wurde. Aber außerdem gab es viele unter den Flüchtlingen, die Zufluchtsorte und andere Häuser hatten, wohin sie sich zurückzogen und verborgen hielten, bis die Seuche erloschen war. Andere Familien, die das Kommen der Seuche voraussahen, stapelten Haufen von Nahrungsmitteln und Vorräten auf, genug für sie alle, und schlossen sich so gänzlich ab, daß man von ihnen weder etwas sah noch hörte, bis die Seuche vorbei war, worauf sie endlich wieder in voller Gesundheit zum Vorschein kamen. Ich erinnere mich mehrerer solcher Fälle und könnte im einzelnen anführen, wie sie es machten. Zweifellos war das das Sicherste, was man tun konnte für solche, deren Verhältnisse keine Entfernung erlaubten oder die keinen geeigneten Zufluchtsort besaßen, denn wenn sie sich so abgeschlossen hatten, war’s gerade, als ob sie hundert Meilen weit weg gewesen wären. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß irgendeine dieser Familien erkrankt wäre. Unter ihnen waren besonders einige holländische Kaufleute bemerkenswert, die ihre Häuser wie gegen eine Belagerung herrichteten und niemand erlaubten, hinein oder heraus oder nur in die Nähe zu kommen. Eins von diesen Häusern stand in einem Hofe in der Throckmorton-Straße und ging auf Drapers Garten.

Aber nun wieder zurück zu den Verseuchten, die von den Behörden abgesperrt wurden. Ihr Elend ist gar nicht zu beschreiben, und gewöhnlich kam auch aus solchen Häusern das schauerlichste Geschrei und Gejammer der armen verzweifelten Leute, die ihre Liebsten in solch fürchterlicher Lage sahen und dabei eingesperrt wie im Gefängnis waren.