In meinem Hausstand hatte ich nur eine ältliche Person, die mir den Haushalt führte, ein Dienstmädchen und zwei Lehrlinge, und wie nun die Seuche um uns herum zunahm, dachte ich oft bekümmert darüber nach, was ich tun und wie ich handeln sollte. All das Grauenvolle, das ich auf meinen Gängen durch die Straßen sehen mußte, hatte mein Herz mit tiefem Entsetzen erfüllt und mit Furcht vor der Seuche selbst, die wirklich fürchterlich genug war, viel ärger als andere Krankheiten. Wenn die Geschwülste, die meist am Genick oder in der Leistengegend auftraten, hart wurden und nicht aufgingen, verursachte das solche Schmerzen, wie sie die raffinierteste Tortur kaum hätte hervorbringen können. Manche, die sie nicht aushalten konnten, sprangen zum Fenster heraus, schossen sich eine Kugel vor den Kopf oder räumten sich auf andere Weise aus dem Leben, wie ich selbst nur zu oft gesehen habe. Andere, die unfähig waren, sich zu beherrschen, suchten ihre Qual durch beständiges Gebrüll zu erleichtern. Es war unsagbar gräßlich, das Geschrei dieser Elenden zu hören, wenn man durch die Straßen ging. Es ging durch Mark und Bein, und dabei mußte man noch daran denken, daß das gleiche schauerliche Schicksal jeden Augenblick über einen selber kommen könne.

Ich muß gestehen, daß mir mein Entschluß nun leid wurde, daß mich der Mut verließ, und ich oft meine Unbesonnenheit bereute, in der Stadt geblieben zu sein, wenn beim Nachhausekommen die entsetzlichen Bilder auf meine Seele drückten. Oft wünschte ich, ich hätte mich meinem Bruder und seiner Familie angeschlossen.

Manchmal faßte ich in meiner Angst den Entschluß, nicht mehr auszugehen und blieb auch drei oder vier Tage dabei. Diese verbrachte ich dann im Gebet und ernstlichem Nachdenken über die Gnade Gottes, die mich bisher erhalten hatte. Außerdem las ich viel und beschäftigte mich damit, ein Tagebuch zu führen, in das ich alle täglichen Vorfälle eintrug, und das mir auch zur Abfassung dieses Buches gedient hat. Daneben schrieb ich Betrachtungen über theologische Fragen, wie sie mir in solcher Zeit einfielen. Ich selbst hatte davon einen großen Nutzen, aber für fremde Augen sind sie nicht bestimmt, und daher sei darüber geschwiegen.

Ich besaß einen sehr guten Freund, einen Arzt, namens Heath, den ich in dieser Unglückszeit häufig aufsuchte. Ich bin ihm vielen Dank schuldig für manchen Ratschlag, den er mir gab, um beim Ausgehen die Ansteckung zu vermeiden. So hatte ich auf der Straße beständig ein Gegenmittel im Mund. Dieser Dr. Heath kam auch oft zu mir, und da er ein ebenso guter Christ als Arzt war, war mir seine Gesellschaft, mitten unter all diesen Schrecken, sehr viel wert.

Es war jetzt Anfang August, und die Seuche nahm in unserer Gegend eine schreckliche Ausdehnung an. Dr. Heath, der hörte, daß ich häufig ausging, ermahnte mich aufs Ernstlichste, mich mit meinem ganzen Haushalt einzuschließen, kein Fenster zu öffnen, die Laden vorzulegen und die Vorhänge herabzulassen. Zuerst aber, erklärte er mir, müßte ich, während Fenster und Türen offenstanden, die Zimmer mit Harz, Pech, Schwefel und Schießpulver gut ausräuchern. Eine Weile folgten wir auch seinem Rat, da ich mir aber keine Vorräte zugelegt hatte, war es unmöglich, gänzlich zu Hause zu bleiben. Doch versuchte ich, diesem Mangel, so gut es noch gehen wollte, abzuhelfen. Backen und Brauen konnte ich zu Hause, so ging ich aus und kaufte zwei Sack Mehl, und einige Wochen lang bereiteten wir unser Brot im eigenen Backofen. Auch Malz hatte ich erstanden, und braute nun so viel Bier, als meine Fässer halten konnten, was für fünf oder sechs Wochen reichen mochte. So versorgte ich mich auch mit gesalzener Butter und Cheshire-Käse, aber Fleisch hatte ich nicht, und die Seuche wütete so entsetzlich unter den Schlächtern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sie ihre Läden hatten, daß es nicht ratsam war, sich hinzuwagen.

Ich darf nicht verschweigen, daß diese Notwendigkeit, sich mit Lebensmitteln zu versehen und dazu auszugehen, in hohem Grade zur Verseuchung der Stadt beitrug, denn die Leute steckten sich dabei gegenseitig an, und auch die Lebensmittel waren nach meiner Überzeugung oft verpestet. Daher glaube ich auch nicht, trotzdem es oft mit Bestimmtheit versichert wurde, daß die Leute, die Lebensmittel von außen her in die Stadt brachten, niemals angesteckt wurden. Das weiß ich sicher, daß die Metzger in Whitechapel, wo am meisten geschlachtet wurde, von der Seuche in solchem Grade heimgesucht worden waren, daß nur ganz wenige Läden noch offen waren. Die Überlebenden schlachteten in Mile-End und brachten das Fleisch auf Pferden zu Markt.

Wie dem nun aber auch sei, die arme Bevölkerung konnte sich keine Vorräte aufspeichern und war gezwungen, auf den Markt zum Einkaufen zu gehen, oder Kinder und Dienstboten hinzuschicken, und das täglich. So kamen Haufen von verseuchten Leuten auf den Markt, und viele, die gesund hingegangen waren, brachten von dort den Tod heim.

Freilich beobachtete man alle mögliche Vorsicht. Wenn einer ein Stück Fleisch kaufte, ließ er sich’s nicht vom Metzger geben, sondern nahm es selbst vom Haken. Und der Metzger berührte das Geld dafür nicht, sondern es mußte in einen Topf mit Essig gelegt werden, der eigens dazu da stand. Jeder Käufer hatte sich mit kleinem Gelde versehen, um das Wechseln unnötig zu machen. Man trug Flaschen mit allerlei Gerüchen in der Hand und gebrauchte auch sonst jede nur erdenkliche Vorsichtsmaßregel, aber für die Armen kam das alles nicht in Frage, und sie waren jeder Gefahr ausgesetzt.

Zahllose Schauergeschichten liefen darüber um. Zuweilen fiel ein Mann oder eine Frau auf dem offenen Marktplatz tot um. Denn viele Leute hatten die Pest in sich, ohne es zu wissen, bis der inwendige kalte Brand sich auf die wichtigsten Körperteile warf, worauf sie dann in wenigen Minuten starben. Manchen ging es so, ohne das geringste Vorzeichen, andere hatten vielleicht noch Zeit, die nächste Bude zu erreichen oder sich an irgendeiner Tür zusammenzukauern, ehe der Tod sie ereilte.

Das kam so oft vor, als die Seuche bei uns ihren Höhepunkt erreicht hatte, daß man kaum über die Straße gehen konnte, ohne da und dort auf der Erde Leichen liegen zu sehen. Im Anfang blieben die Leute noch stehen und riefen den Nachbarn zu, herauszukommen, bald aber beachtete man es kaum mehr. Nur daß man acht gab, nicht in die Nähe des Leichnams zu kommen, oder, wenn das in einer engen Gasse oder einem Durchgang nicht möglich war, wieder umkehrte. In solchen Fällen blieb die Leiche liegen, bis die damit Beauftragten benachrichtigt wurden und sie holten. Oder auch bis zur Nacht, wenn die Leichenträger mit ihrem Karren des Wegs kamen und sie mitnahmen. Dann wurden erst von diesen vermessenen Gesellen die Taschen geleert und, wenn der Tote gut angezogen war, ihm die Kleider abgezogen.