Um aber noch einmal vom Markt zu sprechen, so hatten die Fleischer immer irgendeinen Amtsdiener zur Hand, der einen plötzlich Verstorbenen auf einen Schubkarren lud und ihn zum nächsten Kirchhof fuhr. Das geschah so häufig, daß man jene, die tot auf den Straßen oder auf dem Felde gefunden wurden, gar nicht mehr ins Sterberegister eintrug, sie verloren sich eben in der Masse der Pestopfer.
Nach und nach steigerte sich aber die Seuche in solchem Grade, daß nur noch wenige Lebensmittel zu Markt gebracht wurden. Auch die Käufer wurden selten, und der Lordmayor verfügte, daß die Leute vom Lande, die etwas brachten, vor der Stadt aufgehalten würden, um dort ihre Waren zu verkaufen und dann sofort wieder umzukehren. Das war ihnen auch sehr recht, denn so schlugen sie ihre Waren schon beim Eintritt in die Stadt los, ja selbst auf dem Felde, besonders über Whitechapel hinaus in Spittlefields. Was man jetzt so nennt, war damals wirklich freies Feld, ebenso in Woods Close bei Islington, wohin der Lordmayor, die Ratsherren und Beamten ihre Diener schickten, um für ihre Familien einzukaufen. Diese Maßregel kam dem Landvolk sehr gelegen. Die Leute brachten nun alle Arten von Lebensmitteln und kamen nur selten zu Schaden, was wahrscheinlich zu den wunderbaren Geschichten über ihre Ansteckungsunfähigkeit beitrug.
Was nun meinen kleinen Hausstand anbetrifft, so hatte ich mir, wie gesagt, Vorräte von Brot, Butter, Käse und Bier zugelegt und folgte nun dem Rate meines Freundes, zu Hause zu bleiben. Lieber wollte ich mich ein paar Monate ohne Fleischnahrung behelfen, als sie mit Gefahr meines Lebens bezahlen zu müssen.
Aber obwohl ich meine Hausgenossen abschloß, konnte ich selbst meine Neugierde doch nicht gänzlich unbefriedigt lassen. Ich mußte hinaus, zwar nicht so häufig wie früher und obschon ich stets mit schwerem Herzen und ganz trübsinnig wieder nach Hause kam.
Einen Grund auszugehen hatte ich ja, nämlich in dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße nachzusehen, das er meiner Aufsicht unterstellt hatte. Anfangs ging ich täglich hin, später aber nur noch ein oder zweimal wöchentlich.
Auf diesen Gängen hatte ich die schrecklichsten Anblicke: Leute, die tot auf der Straße zusammenfielen, Geschrei und Geheul von Weibern, die in ihrer Todesangst die Fenster aufrissen und in herzzerreißender Weise hinausjammerten, kurz, es ist nicht zu beschreiben, zu welchen Anfällen die Verzweiflung die armen Leute brachte.
Als ich einmal durch den Hof von Tokenhouse in Lothbury kam, flog gerade über meinem Kopfe ein Fensterladen auf, und eine Weiberstimme schrie, daß mir das Blut in den Adern vor Entsetzen gerann, dreimal hintereinander: »O Tod – Tod – Tod!« Kein Mensch war auf der Straße, auch alle Fenster blieben geschlossen, denn niemand war mehr neugierig, und zu helfen war ja doch nicht. So ging denn auch ich weiter.
In der nächsten Straße gab es auch wieder ein fürchterliches Geschrei. Ich konnte hören, wie in einer Wohnung Kinder und Frauen durcheinander heulten wie die Wahnsinnigen. Plötzlich wurde gegenüber der Laden von einem Dachfenster zurückgeschlagen und jemand fragte, was es denn gäbe? Darauf kam aus dem ersten Hause die Antwort: »O Gott, mein alter Herr hat sich erhängt.« Der andere fragte: »Ist er denn schon tot?« und »Ja, tot und schon kalt!« tönte es zurück. Dieser Mann war Kaufmann, stellvertretender Ratsherr und sehr reich gewesen. Ich will seinen Namen nicht nennen aus Rücksicht auf die Familie, der es jetzt wieder ganz gut geht.
Aber das ist nur ein Fall. Es ist nicht zu glauben, was sich alles täglich ereignete. Leute, die durch die Glut des Fiebers oder die Qualen der Geschwülste den Verstand verloren, Hand an sich legten, zum Fenster heraussprangen, sich eine Kugel durch den Kopf jagten, Mütter, die in ihrem Wahnsinn die eigenen Kinder umbrachten; manche, die am Kummer oder an Entsetzen zugrunde gingen, ohne im mindesten angesteckt zu sein; andere, die blödsinnig wurden oder in Schwermut verfielen.
Die Qual der Schwellungen war sehr heftig, zuweilen ganz unerträglich. Man kann ruhig behaupten, daß die Ärzte manche der armen Geschöpfe einfach zu Tode marterten. Wenn die Geschwülste hart wurden, legten sie starke Zugpflaster oder Umschläge auf, um sie zu erweichen, und wenn das nicht half, schnitten sie an ihnen in der scheußlichsten Weise herum. Manchmal waren diese Geschwülste so hart, daß kein Instrument durchkam, dann brannten sie sie mit Ätzmitteln, daß die Leute nicht selten während der Operation verrückt wurden. Oft war niemand da, sie im Bett festzuhalten, so daß sie Gelegenheit fanden, mit sich ein Ende zu machen, andere rasten nackt auf die Straße und sprangen in den Fluß, wenn sie nicht von einem Wächter aufgehalten wurden.