»Warum läßt du mich nicht in Ruhe?« fragte er, während er die Türe öffnete. Der Junge antwortete ein wenig verlegen, er käme von dem und dem, um die Schuld einzutreiben, von der jener wohl wissen werde. »Schön, mein Junge,« sagte die lebende Leiche, »geh’, wenn du vorbeikommst, bei der Cripplegate-Kirche vor, und sage dort, man solle die Glocke läuten.« Damit schloß er die Türe, ging wieder hinauf und starb noch den gleichen Tag, vielleicht sogar in derselben Stunde. Der Junge hat’s mir selber erzählt, und ich habe keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Damals war die Seuche noch nicht auf ihrer Höhe. Es muß, scheint mir, im Juni gewesen sein, als man die Leichenkarren noch nicht eingeführt hatte, und noch die Glocke für jeden Toten läutete. Schon im Laufe des Juli wurde das anders, denn bei einer wöchentlichen Sterbeziffer von über 550 mußte man wohl oder übel mit den richtigen Beerdigungen aufhören, ob es sich um arm oder reich handelte. –
Ich habe schon erzählt, daß die Diebereien und Räubereien hauptsächlich von Weibern ausgeführt wurden. Eines Tages, ungefähr um die elfte Stunde, kam ich zu dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße, wohin ich öfters ging, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre. Vor dem Hause befand sich ein kleiner, mit einer Ziegelsteinmauer umgebener Hof, zu dem eine Türe führte. In dem Hof waren mehrere Schuppen, worin mein Bruder seine Waren aufbewahrte. In dem einen befanden sich einige Kisten mit hohen Deckelhüten für Frauen, die auf dem Lande, ich glaube für den Export, gemacht wurden.
Als ich mich dem Hause meines Bruders näherte, war ich erstaunt, drei oder vier Frauen zu begegnen, die hohe Deckelhüte auf dem Kopfe trugen; eine oder zwei von ihnen hatten auch noch welche in der Hand. Da ich sie aber nicht aus dem Hause selbst kommen sah, auch nicht wußte, daß mein Bruder solche Hüte führte, sprach ich sie nicht an, sondern ging meines Weges weiter im Bogen um sie herum, wie man’s aus Angst vor der Ansteckung jetzt gewöhnlich tat. Als ich aber an die Tür kam, traf ich auf noch eine Frau mit gleich ein paar von diesen Hüten in der Hand. »Darf ich wissen, werte Frau, was Ihr hier zu suchen habt?« fragte ich. »Es sind noch mehr Leute hier,« antwortete sie, »und ich habe hier ebensoviel zu suchen wie jene.« Auf das hin schwieg ich und beeilte mich, an die Tür zu kommen, und die Frau ging weg. Gerade, als ich an der Tür war, sah ich zwei weitere Frauen über den Hof kommen, auch mit Hüten auf dem Kopfe und unter dem Arme. Nun schlug ich die Tür hinter mir zu, die einschnappte, und wandte mich an die beiden. »Was habt ihr hier zu tun?« fragte ich und nahm ihnen die Hüte weg. Die eine von ihnen sah gar nicht nach einer Diebin aus, das muß ich gestehen. »Es war wohl unrecht von uns,« entgegnete sie, »aber man sagte uns, daß die Sachen hier herrenlos wären. Nehmt sie nur wieder und seht dorthin, wenn’s Euch beliebt, dort gibt’s noch mehr Kunden.« Sie fing dabei zu weinen an und machte dazu ein so jämmerliches Gesicht, daß ich die Türe öffnete und die zwei gehen hieß, denn sie taten mir wirklich leid. Als ich dann aber nach dem Schuppen zu schaute, erblickte ich sechs oder sieben andere, die sich alle mit Hüten ausstaffierten, so ruhig und unbefangen, als wenn sie bei einem Hutmacher wären und für ihr gutes Geld etwas kauften.
Ich war nicht wenig in Verlegenheit, die andern aber auch, wenn auch nicht aus demselben Grunde. Sie meinten alle, sie kämen aus der Nachbarschaft, hätten gehört, daß es hier Sachen gäbe, die niemand gehörten und mehr dergleichen. Zuerst fuhr ich gewaltig auf sie los, ging zur Türe, schloß ab und drohte, sie alle im Schuppen einzusperren und dann die Polizei herbeizuholen. Nun verlegten sie sich aufs Bitten, sagten, sie hätten die Tür offen gefunden, und sicher wäre schon früher jemand eingebrochen, der es auf viel Wertvolleres abgesehen hatte. Unwahrscheinlich war das gerade nicht, denn das Schloß war kaput und das Vorhängeschloß auch verdorben, und schließlich waren noch nicht recht viele Hüte gestohlen worden. So überlegte ich mir denn, daß man in einer solchen Zeit nicht so strenge sein dürfe, und daß ich im Falle einer Anzeige ein ewiges Herumgelaufe hätte, von einem zum andern, über deren Gesundheit ich nichts wußte, und daher leicht, statt einen Schadenersatz zu bekommen, mein eigenes Leben verlieren könne. Ich begnügte mich also, die Namen und Wohnungen von einigen aufzuschreiben und ihnen anzudrohen, daß mein Bruder sie zur Rechenschaft ziehen würde, wenn er zurückkehrte.
Dann zog ich andere Saiten auf und fragte sie, woher sie den Mut hernähmen, in dieser Unglückszeit und angesichts von Gottes Gericht, sich so aufzuführen. Vielleicht stände die Pest schon vor ihrer Türe oder wäre schon ins Haus gedrungen, und der Leichenkarren hielte in wenigen Stunden davor, um sie auf den Kirchhof zu bringen.
Ich kann nicht sagen, daß meine Rede einen großen Eindruck auf sie machte. Später kamen noch zwei Männer aus der Nachbarschaft, die von dem Vorfall gehört hatten und einige der Frauen kannten. Sie konnten mir ihre Namen und Wohnungen angeben; es scheint aber nicht, daß die Frauen mich vorher, als ich diese niederschrieb, angeschwindelt hatten. Bei diesen beiden Männern fällt mir etwas Merkwürdiges ein. Der eine hieß John Hayward und war seines Zeichens zweiter Küster im Kirchspiel von St. Stephan, wobei unter »zweiter Küster« damals der Totengräber und Leichenträger verstanden wurde. Er half bei der Beerdigung sämtlicher Leichen in diesem großen Kirchspiel, und als das förmliche Beerdigen aufhörte, begleitete er den Leichenkarren und holte die Toten aus den Häusern und Wohnungen. Oft konnte er mit dem Karren nicht bis ans Haus kommen, denn in der ganzen Gegend gab es und gibt es jetzt noch von ganz London die meisten Durchgänge, wo kein Karren Platz fand und man die Leichen oft eine lange Strecke weit tragen mußte. Oft gebrauchte man auch eine Art von Schubkarren, auf den man die Toten legte und bis zum Karren hinfuhr. All das machte der Mann, und bekam doch niemals die Pest, sondern lebte nach ihrem Erlöschen noch gut 20 Jahre, blieb auch bis zu seinem Tode im Amte. Sein Weib war zur gleichen Zeit Pflegerin, bekannt wegen ihrer Ehrlichkeit, und auch sie wurde nicht angesteckt. Er selbst benutzte niemals ein Gegenmittel gegen die Seuche, als daß er Knoblauch und Raute im Munde hatte und viel rauchte. Sein Weib pflegte sich den Kopf mit Essig zu waschen und ihre Haube beständig mit Essig anzufeuchten. Wurde der Gestank der Kranken zu stark, so schnupfte sie mit der Nase Essig auf und hielt ein ebenso getränktes Taschentuch vor den Mund. –
Man muß zugeben, daß die Armen, unter denen die Seuche am meisten wütete, sich auch am wenigsten darum scherten, und ihren Geschäften mit einer Art von rohem Mut nachgingen. Ich kann ihn nicht anders nennen, denn er stützte sich weder auf Vernunft noch Frömmigkeit. Selten, daß sie irgendeine Vorsicht beobachteten. Wenn sie nur Beschäftigung fanden, ganz gleich, ob sie gefährlich war, ob nicht. Zu den ersteren gehörte die Pflege der Kranken, die Bewachung der verseuchten Häuser, das Wegschaffen von Kranken nach dem Pesthause und das allerschlimmste, das Wegführen der Leichen in die Massengräber.
Es war im Beisein jenes John Hayward, daß die Geschichte mit dem Sackpfeifer passierte, die den Leuten so viel Vergnügen machte. Er versicherte mir, daß sie wahr wäre. Es hieß, er wäre blind gewesen, aber John sagte mir, daß das nicht der Fall war, nur wäre er ein elender, jämmerlicher, armer Teufel gewesen. Nachts gegen zehn Uhr trat er gewöhnlich seine Runde an und wanderte mit seiner Sackpfeife von Tür zu Tür. Die Leute zogen ihn dann in die Wirtshäuser herein, wo er bekannt war, und gaben ihm zu essen und zu trinken und manchmal auch Geld, wofür er dann sang, die Sackpfeife spielte und komische Reden hielt, die seine Zuhörer belustigten. So lebte er, aber damals freilich waren schlechte Zeiten für solche Unterhaltungen. Nichtsdestoweniger trieb’s der Bursche weiter, wie er’s gewohnt war, ging aber dabei fast zugrunde. Fragte ihn jemand, wie’s ihm ginge, so pflegte er zu antworten: noch hätte ihn der Leichenkarren nicht geholt, aber für die nächste Woche wär’s ihm versprochen.
Eines Nachts hatte er mehr als gewöhnlich zu essen bekommen, und da er daran nicht mehr gewöhnt war, legte er sich auf das Dach einer Bude und schlief fest ein. Auf dasselbe Dach legte man nun, als durch die Glocke das Nahen des Leichenkarrens sich anzeigte, einen Toten, der eben an der Pest gestorben war, weil die Leute wohl meinten, da läge so schon einer.