Hätte man nun Gebäulichkeiten für die Gesunden hergerichtet, um dort diese halbe Quarantäne abzusitzen, so hätten sie sich kaum darüber beklagen können, wie es geschah, wenn man sie mit den Angesteckten zusammensperrte.

Es muß aber bemerkt werden, daß man mit dem Absperren der Häuser aufhörte, als der Begräbnisse so viele geworden waren, daß man nicht mehr die Sterbeglocke ziehen, trauern, weinen oder schwarze Kleidung tragen konnte, wie es früher geschehen war. Nicht einmal Särge gab es damals mehr für die Toten. Die Wut der Seuche erschien zu fürchterlich, und alle Maßregeln, die man versucht hatte, waren fruchtlos gewesen. Die Pest verbreitete sich mit unwiderstehlicher Gewalt, wie im folgenden Jahre das Feuer, das zu löschen die Bürger auch in ihrer Verzweiflung aufgaben. So wurde auch endlich die Heftigkeit der Pest so furchtbar, daß die Leute nur noch still einander ansahen und sich der Verzweiflung überließen. Ganze Straßen schienen verlassen und nicht nur abgesperrt, sondern aller Bewohner entblößt. Türen standen auf, die Fenster schlugen im Winde gegen die leeren Häuser, da niemand da war, sie zu schließen. Mit einem Worte: das Volk fing an, in Angst und Entsetzen zu versinken und zu glauben, daß doch alle Maßregeln und Gegenmittel umsonst wären. Man wartete auf nichts mehr als auf ein allgemeines Verderben, und gerade dann, als die Verzweiflung auf den Höhepunkt gestiegen war, gefiel es Gott, seine Hand zu erheben und der Wut der Seuche Einhalt zu gebieten, in einer Weise, die ebenso wunderbar war, wie der Beginn, und klärlich anzeigte, daß seine Hand im Spiele war und der Gegenmaßregeln nicht bedurfte.

Aber noch muß ich weiter von der Pest erzählen, als sie am ärgsten wütete und das Volk geradezu zur Verzweiflung brachte. Es ist kaum zu glauben, was die Menschen alles in diesem Zustande vollführten. Kann man sich z. B. etwas Grausigeres vorstellen, als einen halbnackten Mann, der aus seinem Hause oder vielleicht gerade aus dem Bett kam und nun tanzend und singend unter tausend fratzenhaften Gebärden auf der Straße umherlief, während fünf oder sechs Frauen und Kinder ihm nachrannten, weinend und schreiend, er möchte doch um Gottes willen heimkommen, und die Hilfe aller Begegnenden anrufend, aber umsonst, da sich doch niemand traute, ihn zu berühren oder in seine Nähe zu kommen. Es brach mir fast das Herz, während ich von meinem Fenster aus zusah. Denn zu allem kam noch, daß der Kranke offenbar die äußerste Qual ausstand. Er hatte zwei Geschwülste an seinem Körper, die nicht zum Aufbrechen oder Eitern zu bringen waren, weswegen man Ätzmittel aufgelegt hatte, die wie glühendes Eisen in sein Fleisch brannten. Ich weiß nicht, was aus diesem Unglücklichen wurde, aber ich denke, er wird wohl weitergelaufen sein, bis er hinfiel und starb.

Kein Wunder, daß der Anblick auch der innern Stadt nur noch Entsetzen erregen konnte. Wo sonst ein lebhafter Verkehr war, herrschte jetzt Einsamkeit und Öde. Die Börse war zwar nicht geschlossen, aber niemand ging hin. Die Straßenfeuer waren zusammengesunken und infolge eines heftigen Regens fast erloschen, aber einige Ärzte erklärten, daß sie nicht nur keinen Nutzen hätten, sondern der allgemeinen Volksgesundheit eher schädlich wären. Sie machten darüber ein großes Geschrei und wandten sich sogar an den Lordmayor. Andere Ärzte, die ebenso berühmt waren, traten ihnen entgegen und brachten allerlei Gründe vor, warum die Feuer unterhalten werden müßten, und inwiefern sie notwendig wären, um die Heftigkeit der Seuche zu brechen. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Argumente, die von beiden Seiten ins Treffen geführt wurden, und weiß nur noch, daß sie sich gegenseitig aufs eifrigste befehdeten. Die einen sprachen sich für die Feuer aus, vorausgesetzt, daß es Holz- nicht Kohlenfeuer wären und durch besondere Holzgattungen, vornehmlich Kiefern und Zedern, des Harzes wegen, genährt würden; andere waren für Kohlen- und nicht für Holzfeuer, weil jene mehr Schwefel und Erdpech enthielten; die dritte Partei war überhaupt gegen jede Art von Feuer. Übrigens verfügte der Lordmayor, daß mit den Feuern aufgehört würde, und zwar hauptsächlich deshalb, weil man einsah, daß alle Gegenmittel erfolglos waren und mehr dazu dienten, die Seuche zu verschlimmern als ihr vorzubeugen. Diese Erfolglosigkeit der Anstrengungen der Behörden kam aber mehr von ihrer Unfähigkeit als von ihrer Abneigung, sich der Gefahr auszusetzen oder von einem Mangel an Verantwortungsfreudigkeit. Wenn man ihnen gerecht sein will, muß man anerkennen, daß sie weder Mühe noch Kräfte sparten, aber es half alles nichts, die Seuche wütete weiter und brachte die Bevölkerung in die äußerste Verzweiflung, so daß sie jede Hoffnung aufgab.

Hier muß ich jedoch bemerken, daß ich keine religiöse Verzweiflung meine oder eine Verzweiflung an den ewigen Verheißungen, wenn ich sage, die Bevölkerung habe sich der Verzweiflung überlassen. Ich meine: sie hatte jede Hoffnung verloren, der Seuche zu entgehen oder sie zu überleben, nachdem sie ihre unwiderstehliche Gewalt gesehen hatte. In der Tat entrann während der Höhe der Seuche fast niemand von den einmal Angesteckten dem Tode. Das war besonders im August und September, während im Juni und Juli und auch noch Anfang August viele erkrankten, aber nach einigen Tagen wieder gesund wurden. Jetzt aber dauerte die Krankheit meistens nur zwei oder drei Tage und nahm fast stets einen tödlichen Verlauf. Oft starben die Leute am gleichen Tage, da sie angesteckt wurden. Ob die Hundstage oder, wie die Astrologen das auszudrücken pflegten, der Einfluß des Hundssterns diese bösartige Wirkung hatte, oder ob die Ansteckung nun bei allen zugleich zum Ausbruch kam, weiß ich nicht, aber es war die Zeit, da in einer einzigen Nacht 3000 Personen gestorben sein sollen. Diejenigen, die angeblich besonders genaue Beobachtungen anzustellen in der Lage waren, behaupteten, daß sie alle binnen zwei Stunden starben, nämlich zwischen 1 Uhr und 3 Uhr des Morgens.

Für den plötzlichen Verlauf der Todesfälle in dieser Zeit gibt es unzählige Beispiele, und ich könnte mehrere davon in meiner nächsten Nachbarschaft anführen. Eine Familie, die gerade außerhalb der Schlagbäume und nicht weit von mir wohnte, war allem Anschein nach noch am Montag völlig wohl. Sie zählte alles in allem zehn Mitglieder. Am Abend legten sich ein Dienstmädchen und ein Lehrling und starben am nächsten Morgen. Tags darauf wurde der zweite Lehrling und zwei Kinder von der Seuche ergriffen, von denen eines noch am selben Abend, die beiden andern am Mittwoch starben. Bis Samstag mittag waren alle: Mann, Frau, vier Kinder und vier Dienstboten eine Beute des Todes. Das Haus war völlig leer bis auf ein ältliches Frauenzimmer, das für den Bruder des verstorbenen Hausherrn die Aufsicht über die zurückgelassenen Sachen übernahm. Sie wohnte in der Nähe und war nicht erkrankt.

Viele Häuser, deren Bewohner ausgestorben waren, waren nun gänzlich verlassen, besonders in einer engen Gasse auf meiner Seite außerhalb der Schlagbäume, die beim Wirtshaus von Aaron und Moses abbiegt. In mehreren Häusern nebeneinander war nicht ein Mensch mehr am Leben, und die Letztverstorbenen lagen lange darin herum, ehe sie begraben wurden. Der Grund hierfür war aber nicht, wie man später behauptet hat, daß es nicht mehr genug Lebendige gab, um die Toten zu begraben, sondern, weil die Seuche in der Gasse niemand mehr übrig gelassen hatte, der die Leichenträger oder Küster hätte benachrichtigen können, daß noch Tote vorhanden waren. Man erzählte, ob mit Recht, ist mir nicht bekannt, daß einige jener Leichen so verfault und zersetzt waren, daß man sie kaum noch herausschaffen konnte. Besonders auch, weil die Gasse zu eng war, um mit dem Karren weiter als bis zum Tor in der High-Straße zu gelangen. Um wie viele Leichen es sich handelte, weiß ich nicht. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß für gewöhnlich derartiges nicht vorkam.

Ich muß wohl zugeben, daß jene Zeit so fürchterlich war, daß alle meine Entschlüsse zusammenbrachen und ich den anfangs gezeigten Mut nicht aufrechtzuerhalten vermochte. Wie die Verzweiflung andere Leute aus der Stadt trieb, so trieb sie mich nach Hause, und nach meinem kleinen Ausflug nach Blackwell und Greenwich, von dem ich schon erzählt habe, blieb ich fast beständig zwischen meinen vier Wänden, wie ich es schon früher 14 Tage lang gemacht hatte. Ich wiederhole, daß mich oft die Reue faßte, in der Stadt geblieben zu sein und nicht mit meinem Bruder und seiner Familie mich fortgemacht zu haben. Aber für die Reue war es nun zu spät. Nachdem ich schon lange Zeit mich im Hause gehalten hatte, ehe meine Ungeduld und Neugier mich zu dem besagten Ausflug veranlaßten, brachte mich die Folgezeit in ein gefährliches und nicht weniger als angenehmes Amt, das mich zum Ausgehen zwang. Als nun meine Amtsdauer abgelaufen war, die Seuche aber noch immer in voller Stärke andauerte, zog ich mich von neuem zurück und schloß mich für zehn oder zwölf Tage ein. Doch gab es noch manchen schauerlichen Anblick, den ich aus meinem Fenster mitansehen mußte, wie jenes unglücklichen, in seiner Todesangst tanzenden und singenden Menschen, und noch viele andere. Kaum ein Tag oder eine Nacht verging, ohne daß sich das eine oder andere Fürchterliche am Ende der Harrow-Gasse ereignete, wo nur arme Leute, hauptsächlich Fleischer wohnten, oder solche, die mit dem Schlachten irgendwie zu tun hatten.

Zuweilen spie diese Gasse Haufen von Menschen, meistens Weiber aus, die mit Schreien, Kreischen, Heulen und Durcheinanderbrüllen einen schrecklichen Lärm vollführten, so daß wir gar nicht wußten, was wir daraus machen sollten. Fast jede Nacht stand der Leichenkarren am Ende der Gasse, denn innen konnte er nicht mehr umwenden und blieb stecken. Dort stand er, um die Leichen in Empfang zu nehmen, und da der Kirchhof nicht weit entfernt war, kehrte er immer gleich wieder zurück, wenn er seine Last abgeladen hatte. Es ist ganz unmöglich, das Klagegeschrei und Gejammer zu beschreiben, das die armen Leute ausstießen, wenn sie die Leichen ihrer Kinder und Freunde an den Karren brachten. Es waren so viele, daß man denken mußte, kein einziger wäre mehr zurückgeblieben; genug, um eine kleine Stadt zu bevölkern. Manchmal schrien sie: »Mord!« manchmal: »Feuer!« es war aber leicht zu sehen, daß das nur in ihrer Verwirrung geschah, in die sie Krankheit und Verzweiflung gestürzt hatten.

Ich glaube, es war überall so zu dieser Zeit, denn die Pest wütete sechs oder sieben Wochen lang über alle Beschreibung schrecklich und erreichte endlich eine solche Höhe, daß alle die behördlichen Maßregeln, die noch beobachtet worden waren, außer acht gelassen wurden. Bisher hatte man weder Leichen auf den Straßen gesehen, noch hatte es Begräbnisse während der Tageszeit gegeben, aber nun brach die ganze, mühsam aufrecht erhaltene Ordnung für eine Zeitlang zusammen.