Ich hörte von einem Kranken, der von der Qual der Geschwülste, von denen er drei hatte, aus dem Bett getrieben wurde, die Schuhe anzog und nach seinem Rock griff, aber von der Pflegerin daran gehindert wurde. Sie riß ihm den Rock weg, er aber warf sie zu Boden, rannte die Treppe hinunter und im Hemd gerade auf die Straße, die zum Flusse führt. Die Pflegerin hinter ihm her, rief dem Wächter zu, ihn aufzuhalten, aber der hatte Angst ihn anzurühren und ließ ihn weiterlaufen. Er rannte bis zu den Stillyard-Stufen, zog sein Hemd aus und sprang ins Wasser. Und da er ein guter Schwimmer war, schwamm er bis ans andere Ufer, als gerade die Flut einsetzte und ihn bis zu den Stufen bei Falcon hinabtrug, wo er aus dem Wasser stieg. Wie er nun jetzt, zur Nachtzeit, niemand sah, rannte er splitternackt eine Zeitlang in den Straßen umher, sprang dann wieder ins Wasser und kam mit der Flut an denselben Platz zurück, von wo er weggeschwommen war. Dann lief er nach Hause, klopfte an die Tür, stieg die Treppe hinauf und legte sich wieder ins Bett. Durch dieses merkwürdige Mittel genas er von der Pest, d. h. die heftige Bewegung von Armen und Beinen brachte die Geschwülste in den Schulterhöhlen und der Leistengegend zum Reifen und Aufbrechen, und das kalte Wasser schlug das Fieber nieder.

Aber ungeachtet all solcher Vorfälle war man doch gegen die Absperrung der Häuser recht aufgebracht.

Es ging einem durch Mark und Bein, das Geschrei der Kranken zu hören, die von der Hitze im Blut oder der Heftigkeit ihrer Schmerzen von Sinnen gebracht, eingeschlossen oder an die Stühle oder die Betten gebunden waren, um zu verhüten, daß sie sich selbst beschädigten. Sie beklagten sich immer wieder aufs jämmerlichste, daß man sie einsperrte und nicht im Freien sterben ließ, wie sie es haben wollten.

Das Umhergelaufe der Erkrankten auf den Straßen war wirklich grausig, und die Behörden taten alles, um es zu verhindern, da es aber gewöhnlich bei Nacht geschah und sich um plötzliche Ausbrüche handelte, war meistens niemand da, der es hätte verhindern können. Und selbst bei Tage hatten die damit Beauftragten keine große Lust, sich einzumischen. Denn nur auf der Höhe der Ansteckung traten diese Anfälle ein, und demgemäß waren auch die Kranken besonders gefährlich, und es war das größte Wagnis der Welt, sie zu berühren. Ließ man sie aber in Ruhe, so rannten sie meistens so lange weiter, bis sie plötzlich tot umfielen oder völlig erschöpft zu Boden stürzten und dann nach einer halben Stunde oder einer Stunde starben. Das Kläglichste aber war, daß sie in dieser halben Stunde oder Stunde wieder zu sich kamen und dann die herzbrechendsten Klagen und Schreie ausstießen über ihre bejammerungswürdige Lage. Ehe die Absperrung der Häuser streng durchgeführt wurde, waren solche Anblicke nichts Seltenes, denn anfangs nahmen es die Wächter mit ihrer Pflicht nicht so ernst und genau wie später. Erst, als einige aufs strengste für ihre Nachlässigkeit und Pflichtvergessenheit bestraft wurden, weil sie die Leute unter ihrer Aufsicht ob krank oder ob gesund hatten entschlüpfen oder mit ihrem Einverständnis sich flüchten lassen, wurde es anders. Sie merkten nun, daß die Oberen, die ihre Führung zu prüfen und untersuchen hatten, entschlossen waren, sie zur Ausübung ihrer Pflicht zu zwingen oder zur Rechenschaft zu ziehen. Von da an wurden die Leute strenge bewacht, was sie aber aufs übelste aufnahmen und mit solchem Unwillen ertrugen, daß es kaum zu beschreiben ist. Aber die Notwendigkeit dazu war nun einmal da, das kann nicht geleugnet werden, außer man hätte zur rechten Zeit andere Maßregeln ergriffen, für die es nun zu spät war.

Hätte man die Erkrankten nicht abgeschlossen, so würde damals London der schrecklichste Ort auf der ganzen Welt gewesen sein. Ich glaube, daß dann ebensoviel Leute auf der Straße gestorben wären als in ihren Wohnungen. Denn während die Krankheit auf ihrem Höhepunkte war, wurden sie rasend und wie wahnsinnig, und man konnte sie nicht dazu bringen, im Bett zu bleiben, außer durch Gewalt. Viele, die nicht angebunden waren, sprangen zum Fenster hinaus, als sie sahen, daß man sie zur Tür nicht hinauslassen würde.

Es kam von dem Aufhören allen Verkehres während dieser Unglückszeit, daß man nur wenig von Einzelheiten erfuhr, die in verschiedenen Familien vorkamen. Ich glaube, bis auf diesen Tag weiß man nicht, wie viele Leute während ihrer Delirien sich in der Themse ertränkten und in dem Flusse, der bei Hackney vorbeifließt und als Warefluß oder Hackneyfluß bekannt ist. Was in den Sterberegistern davon angeführt wurde, war nur unbedeutend; denn wie hätte man auch wissen können, wer durch irgendein Unglück ertrunken war und wer nicht. Ich habe mir ausgerechnet, daß in diesem Jahre mehr Leute ertranken als überhaupt in den Sterbelisten aufgeführt sind, denn manche Leichen wurden niemals aufgefunden von Leuten, die man vermißte. Und so war es auch mit den andern Arten von Selbstmord. Ein Mann in der Nähe der Whitecroß-Straße verbrannte sich in seinem Bett. Einige sagen, er habe es selbst getan, andere, daß es durch die Verworfenheit seiner Pflegerin geschah, nur darin stimmen alle überein, daß er die Pest hatte.

Ich wurde wieder von meinem gefährlichen Amte entbunden, sobald ich mir für einiges Geld einen Stellvertreter verschafft hatte. So war ich statt der üblichen zwei Monate nicht länger als drei Wochen im Amte, lang genug, wenn man bedenkt, daß es im August war, als die Seuche mit voller Heftigkeit in unserm Stadtteil ausbrach.

Während ich meinen Amtsgeschäften nachging, konnte ich mich nicht zurückhalten, meinen Freunden offen meine Meinung zu sagen in Hinsicht auf die Absperrung der Häuser. Unser Haupteinwand war, daß sie letzten Endes erfolglos war. Denn die Kranken liefen doch auf der Straße umher. Es war unser aller Ansicht, daß eine Maßregel, die in einem verseuchten Hause die Kranken von den Gesunden getrennt hätte, in mehreren Hinsichten viel vernünftiger gewesen wäre. Man hätte dann bei den Kranken nur solche Personen gelassen, die ausdrücklich darum baten und sich bereit erklärten, mit den Kranken abgesperrt zu werden.

Unser Vorschlag ging dahin, die Gesunden von den Kranken abzusondern, natürlich nur in verseuchten Häusern. Denn die Kranken abzusperren, konnte man keine Absperrung heißen. Jene, die sich nicht rühren konnten, hätten sich sicher nicht darüber beklagt, so lange sie noch bei Sinnen waren und ein Urteil hatten. Freilich, wenn das Fieber über sie kam, schrien sie laut über die Unmenschlichkeit, sie einzusperren. Was nun die Entfernung der Gesunden betrifft, so hielten wir’s für ebenso vernünftig als gerecht, sie um ihrer eigenen Sicherheit willen von den Kranken zu trennen. Zum Schutz der andern Leute konnte man sie ja für eine Zeitlang absondern, damit sie nicht Gesunde ansteckten, aber dazu schienen uns 20 oder 30 Tage genügend.