Ich habe seitdem überall nachgefragt und erfahren, daß es eine Menge von diesen armen, unglücklichen Leuten gab, die irgendwohin aufs Land hinaus geflohen waren und nun in Hütten und Heuschobern ihr Leben fristeten, wo man sie zuweilen auch unterstützte, wenn sie überzeugend dartun konnten, daß sie nicht zu spät London verlassen hätten. Die meisten aber wohnten in selbstgebauten Hütten auf freiem Feld oder in den Wäldern oder wie Einsiedler in Löchern und Höhlen, oder wo sie sonst bleiben mochten, wo es ihnen so schlecht ging, daß sie auf jede Gefahr hin wieder lieber nach der Stadt zurückkehrten. Die Hütten blieben dann verlassen, und das Landvolk glaubte, daß die Bewohner tot drin lägen, und traute sich noch lange nicht, in die Nähe zu kommen. Und wirklich ist es auch durchaus nicht unwahrscheinlich, daß eine Anzahl dieser unseligen Flüchtlinge allein und verlassen und ohne jede Hilfe zugrunde ging. –
Von einem traurigen Fall hörte ich, einem Bürger, der durch die Seuche seine Frau und alle Kinder verloren hatte. Nur er, zwei Dienstboten und eine alte Frau waren am Leben geblieben, eine Verwandte, die ihre Angehörigen bis zum Tode gepflegt hatte. Der Mann begab sich in ein nahes noch unverseuchtes Dorf, fand dort ein leeres Haus und mietete es von dem Besitzer. Nach einigen Tagen verschaffte er sich einen Karren, belud ihn mit dem Nötigsten und fuhr damit hinaus. Die Dorfbewohner wollten ihn zwar nicht durchlassen, aber teils durch Zureden, teils durch Gewalt, gelang es den Leuten, die den Karren schoben, doch bis zur Türe des Hauses zu kommen. Aber dort leistete der Konstabler ihnen neuen Widerstand und ließ sie nicht ins Haus. Der Mann ließ die Sachen vor der Tür abladen und schickte den Karren weg, worauf man ihn vor den Friedensrichter führte. Dieser befahl ihm, die Sachen auf dem Karren wieder zurückbringen zu lassen, was der Mann verweigerte. Darauf schickte der Friedensrichter den Karrenführern den Konstabler nach und beauftragte ihn, sie vorzuführen und sie zu zwingen, die Sachen wieder aufzuladen und fortzubringen, widrigenfalls sie in den Stock gelegt würden. Sollte er die Leute nicht finden und der Mann sich nicht bereit finden lassen, die Sachen zu entfernen, so sollten sie mit Hacken auf die Straße gezogen und dort verbrannt werden. Auf das hin ließ der arme Teufel die Sachen wieder holen, aber nicht, ohne sich über die ihm widerfahrene Härte und Grausamkeit aufs bitterste zu beklagen. Aber es half nun einmal nichts, der Selbsterhaltungstrieb zwang die Leute zu solchen Maßregeln, von denen sie unter andern Umständen nichts hätten wissen wollen. Was aus dem Manne wurde, kann ich nicht sagen, aber es hieß, er wäre schon damals angesteckt gewesen, wenn das auch vielleicht nur die Leute sagten, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen.
Ein Haus in Whitechapel wurde eines angesteckten Dienstmädchens wegen abgesperrt, das nur Flecken, nicht die eigentlichen Merkmale der Seuche hatte und später auch wieder gesund wurde. Die Hausleute durften also 40 Tage lang auch keinen Schritt an die Luft gehen. Angst, Ärger, Wut, Mangel an frischer Luft und was sonst noch mit einer solch schlimmen Behandlung zusammenhing, zogen der Hausfrau ein Fieber zu. Darauf erschienen die Visitatoren und sagten, sie hätte die Pest, obwohl die Ärzte erklärten, daß das nicht der Fall wäre. So wurde die Familie gezwungen, die Absperrungszeit von neuem durchzumachen, obwohl an der ersten nur noch ein paar Tage fehlten. Der Kummer und die Empörung darüber warfen sie nun alle aufs Krankenlager, die einen erkrankten an Skorbut, andere an ähnlichen Übeln, bis schließlich, nachdem die Absperrung noch mehrmals verlängert worden war, einige Besucher, die mit den Visitatoren kamen in der Hoffnung, die Ärmsten endlich in Freiheit zu setzen, wirklich die Seuche ins Haus schleppten, an der fast alle starben. Also nicht an der Pest, die sie gehabt hatten, sondern die jene ihnen zugebracht hatten, die sie davor hätten schützen sollen. Dergleichen passierte häufig genug und war eine der schlimmsten Folgen der Häuserabsperrung.
Um diese Zeit mußte ich eine kleine Mühe auf mich nehmen, die mich zuerst in große Bestürzung versetzte und sehr unbehaglich machte, obwohl sich später herausstellte, daß es damit nicht so schlimm war. Der Ratsherr unseres Distriktes nämlich ernannte mich zu einem der Untersuchungsbeamten in dem Bezirk, wo ich wohnte. In unserm Kirchspiel gab es deren nicht weniger als 18. Wir hatten den Titel Untersuchungsbeamte, das Volk aber nannte uns Visitatoren. Ich versuchte alles mögliche, um mich von einem solchen Amte loszumachen und brachte gegen den Stellvertreter des Ratsherrn einen Haufen Gründe vor, die mich verhinderten. Besonders führte ich an, daß ich gegen die Absperrung der Häuser sei, und daß es unrecht wäre, mich zur Durchführung einer Maßregel zu zwingen, die gegen meine Überzeugung wäre, und wie ich glaube, auch keinen wirklichen Nutzen brächte. Das einzige aber, was ich erreichen konnte, war, daß ich anstatt der üblichen zwei Monate nur auf drei Wochen verpflichtet wurde, vorausgesetzt, daß ich dann einen geeigneten Stellvertreter namhaft machen könne. Das war freilich nur ein schwacher Trost, denn es war äußerst schwierig, jemanden zu finden, der ein solches Amt auf sich nehmen wollte.
Einen Erfolg hatte tatsächlich die Absperrung der Häuser, den ich durchaus nicht verkleinern will. Den Erkrankten wurde es dadurch unmöglich gemacht, in den Straßen herumzulaufen, wie es am Anfang so oft geschah, ehe man sie einschloß. Damals kam es sogar vor, daß sie an die Haustüren kamen, erklärten, sie hätten die Pest und um alte Lumpen baten, um ihre Geschwüre zu verbinden.
Die Frau eines wohlhabenden Bürgers wurde, wenn die Geschichte wahr ist, von einem solchen Geschöpf in der Aldersgate-Straße oder da herum umgebracht. Der Mann, ganz von Sinnen, wanderte singend durch die Straßen. Die Leute meinten, er wäre nur betrunken, aber er selbst sagte, er hätte die Pest, was auch wohl wahr war. Als er der Frau begegnete, wollte er sie küssen. Entsetzt darüber, denn er war ein roher Patron, rannte sie davon, da aber nur wenig Leute auf der Straße waren, konnte ihr niemand zu Hilfe kommen. Als sie sah, daß sie ihm nicht entfliehen könne, wandte sie sich um und gab ihm mit aller Kraft einen solchen Stoß, daß er, schwach wie er war, auf die Erde fiel. Aber unglücklicherweise hielt er sich an ihr und zog sie auch zu Boden, worauf er sie packte und küßte. Das Scheußlichste war, daß er ihr dann sagte, er habe die Pest, und warum solle sie sie nicht ebensogut kriegen? Sie war schon zuvor außer sich, besonders da sie seit einigen Monaten schwanger war, als sie ihn nun aber sagen hörte, daß er die Pest habe, schrie sie auf und fiel in Ohnmacht oder vielmehr bekam einen Anfall, von dem sie sich zwar wieder erholte, aber doch wenige Tage darauf starb, ob an der Pest oder nicht, habe ich nicht erfahren können.
Ein anderer erkrankter Mann erschien an der Tür eines Bürgers und klopfte. Da er dort gut bekannt war, ließ ihn das Dienstmädchen ein, und als man ihm sagte, der Hausherr wäre oben, lief er hinauf und trat in das Zimmer, wo eben die ganze Familie beim Abendessen war. Sie erhoben sich ein wenig erstaunt, da sie nicht wußten, um was es sich handelte. Der Mann aber bat sie, ruhig sitzenzubleiben, er käme nur, um Abschied zu nehmen. »Wieso?« fragte man ihn, »wohin geht Ihr denn?« – »Wohin –« antwortete er, »ich habe die Pest und werde bis morgen abend tot sein.« Es dürfte schwer sein, sich die Bestürzung der ganzen Familie auszumalen. Die Frauen und die Töchter, die noch kleine Mädchen waren, hatten vor Schrecken beinahe den Tod. Sie standen auf und rannten hinaus, die eine zu der Tür, die andere zur andern, die Treppe hinauf und hinab, und als sie endlich alle beisammen waren, schlossen sie sich im Zimmer ein und schrien aus dem Fenster wie die Wahnsinnigen um Hilfe. Der Hausherr, der trotz alles Schreckens und aller Empörung ruhiger geblieben war, wollte den Eindringling zuerst packen und die Treppe hinunterwerfen. Dann aber überlegte er den Zustand des Mannes und die Gefahr ihn zu berühren, und vor Entsetzen erstarrte er, ohne eine Bewegung machen zu können. Der arme Kranke, dem die Ansteckung wohl schon bis ins Gehirn gedrungen war, stand mittlerweile ganz still. Endlich wandte er sich um. »So, so,« sagte er mit der größten Ruhe, »ist es so mit euch allen! Hab’ ich euch wirklich gestört? Dann will ich nach Hause gehen und dort sterben.« Mit diesen Worten ging er zur Tür und die Treppe hinunter. Das Dienstmädchen, das ihn hereingelassen hatte, folgte ihm mit einem Licht, hatte aber Angst, an ihm vorbeizugehen und die Türe zu öffnen, so blieb sie auf der Treppe stehen, um zu sehen, was er tun würde. Der Mann machte die Tür auf, ging hinaus und warf sie hinter sich zu. Es dauerte einige Zeit, bis die Familie über den Schrecken wegkam, da aber schlimme Folgen ausblieben, haben sie seitdem die Geschichte oft mit großer Genugtuung erzählt. Der Mann war jedoch schon einige Tage fort, ehe sie sich wieder im Hause richtig zu bewegen trauten, und auch dann erst, als sie einen Haufen Räucherwerk in allen Zimmern verbrannt und einen dicken Rauch mit Pech, Schwefel und Schießpulver gemacht hatten. Auch trugen sie Sorge, die Kleider zu wechseln und zu waschen. Was aber den armen Mann anbelangt, so kann ich mich nicht erinnern, ob er auch wirklich gestorben ist.
Hätte man die Häuser nicht abgesperrt und die Kranken eingeschlossen, so wären sicher Haufen von ihnen in ihren Fieberdelirien beständig auf den Straßen hin und her gelaufen. Es taten’s ja so eine ganze Menge, die gegen die ihnen Begegnenden alle möglichen Gewalttätigkeiten verübten, wie ja auch die tollen Hunde jeden beißen, der ihnen in den Weg kommt. Ich bin auch überzeugt, daß jeder, der von solch einem verseuchten Geschöpfe gebissen worden wäre, sicher eine unheilbare Ansteckung davongetragen haben würde.