Hier lebten sie also soweit ganz gut, bis anfangs September die schlimme Neuigkeit kam, daß die Seuche, die sich schon über die ganze Umgegend verbreitet hatte, nun auch Epping, Woodford und alle sonst um den Wald gelegenen Städte ergriffen habe. Daran sollten hauptsächlich die Hausierer schuld sein, die von und nach London her- und hinzogen. Wenn das wirklich der Fall war, so ist es ein klarer Gegenbeweis gegen die Behauptung, die man später in ganz England hörte, daß nämlich die Marktleute niemals angesteckt wurden oder die Seuche aufs Land hinaustrugen, was ich aus eigenem Wissen auch nicht bestätigen kann.
Die Flüchtlinge aber gerieten nun in große Aufregung, da die umliegenden Städte tatsächlich verseucht waren; sie trauten sich nicht mehr, sich um Lebensmittel umzutun und kamen dadurch in eine sehr üble Lage. Denn nun hatten sie nichts mehr, als was die Güte der Landherren in der Umgegend ihnen zukommen ließ. Ein Glück war, daß einer, von dem sie bisher nichts erhalten hatten, nun anfing, ihnen Lebensmittel zu schicken und gleich mit einem ansehnlichen Schwein den Beginn machte. Von einem andern bekamen sie zwei Schafe und von einem Dritten ein Kalb, kurz, an Fleisch fehlte es ihnen nicht, und zuweilen kam dazu auch noch Milch und Käse. Nur mit dem Brot sah es schlecht aus, da sie nur Weizen besaßen, aber endlich verfertigte der Bäcker eine Art Ofen und brachte damit ganz genießbare Brotkuchen zustande. So gelang es ihnen, ohne weitere Hilfe von den Städten auszukommen, und das war gut so, denn bald war die ganze Gegend verseucht, und in den umliegenden Dörfern starben nicht weniger als 120 Leute an der Pest.
Auf dies hin beratschlagten sie aufs neue, und jetzt hatten die Städte keinen Grund mehr, sich vor ihnen zu fürchten, im Gegenteil zogen einige Familien der ärmeren Bevölkerung zu ihnen in den Wald und bauten sich dort nach ihrem Vorbild Hütten. Aber schon war es zu spät für sie, und die Ansteckung folgte ihnen auch dahin. Das war ein schwerer Schlag für die Gesellschaft, als sie davon Kenntnis erhielt. Denn nun hieß es wieder weiterwandern, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollten, ihr Leben zu verlieren.
Es ist kein Wunder, daß sie den Ort nur mit schwerem Herzen verließen, wo sie so viele Barmherzigkeit und Menschlichkeit erfahren hatten, aber sie sahen ein, daß ihnen keine Wahl bliebe. So beschlossen sie, sich erst an jenen Gutsbesitzer zu wenden, der sich zuerst ihrer angenommen hatte, und ihn um Rat und Hilfe zu bitten. Der gute Mann redete ihnen zu, den Platz zu verlassen, um nicht von jeder weiteren Zuflucht abgeschnitten zu werden, wohin sie aber gehen sollten, wußte er ihnen auch nicht zu sagen. Schließlich bat ihn der Kapitän, ihnen als Friedensrichter Gesundheitszeugnisse auszustellen, die sie überall seinen Amtsgenossen vorzeigen könnten, damit man sie nicht wieder zurückwiese, obschon sie nun schon so lange von London fort wären. Dies geschah auch; sie erhielten die Atteste und hatten nun die Freiheit zu gehen, wohin es ihnen beliebte.
Mit diesen Zeugnissen versehen machten sie sich also auf den Weg und wanderten gegen die Sümpfe auf der Seite von Waltham zu. Hier trafen sie auf einen Mann, der eine Art Wehr im Flusse errichtet hatte, um das Wasser für die aufwärtsgehenden Schiffe aufzustauen, und der ihnen erzählte, daß alle am Flusse liegenden Orte in ganz Middlesex und Hertfordshire, auch alle Plätze an der Hauptstraße verseucht wären. Dadurch ließen sie sich abschrecken, ihren Weg fortzusetzen, obwohl ihnen der Mann wahrscheinlich nur etwas vormachte, denn in Wirklichkeit lagen die Dinge lange nicht so schlimm.
Sie beschlossen nun, durch den Wald gegen Rumford und Brentwood zu ziehen, hörten aber, daß der ganze Wald schon voll von Flüchtlingen aus London wäre, die ohne Obdach und Lebensmittel, ein jämmerliches Dasein führten und von denen es hieß, daß sie durch Gewalttaten aller Art ihr Los zu erleichtern suchten. Einige von ihnen hatten neben der Straße Hütten errichtet und bettelten in der frechsten und unverschämtesten Weise, so daß die ganze Gegend in Aufregung geraten war und manche festgenommen werden mußten.
Mit der Mildtätigkeit und Freundlichkeit, die unsere Freunde früher erfahren hatten, war’s nun wohl zu Ende, das sahen sie ein, im Gegenteil waren sie in Gefahr, von den andern Flüchtlingen Böses gewärtigen zu müssen. In dieser Lage schickten sie den Kapitän zu dem guten Herrn zurück, ihrem Wohltäter, um ihn in ihrer aller Namen noch einmal um Rat zu bitten. Den gab er denn auch und meinte, sie sollten ihr altes Quartier wieder beziehen oder, wenn sie das nicht wollten, weil die Jahreszeit schon zu weit fortgeschritten wäre, sich näher an der Straße ansiedeln. Dort fanden sie ein altes, halbverlassenes Haus, das kaum noch bewohnbar war und ihnen deshalb gern von dem Bauern, dem es gehörte, überlassen wurde.
Nun gab es für den Zimmermann und seine Helfer genügend Arbeit, aber in wenigen Tagen hatten sie das Haus ganz wohnlich hergerichtet, und da sie dort einen Kamin und einen Ofen fanden, waren sie auch gegen die kommende Kälte gesichert. Was sie sonst noch brauchten, nämlich hauptsächlich Bretter, um Fensterladen, Fußböden und Türen zu machen, erhielten sie von den Leuten, bei denen sie nun schon einmal bekannt waren, und wo ihnen jeder gern aushalf.
Hier richteten sie sich nun für die Dauer ein, entschlossen, dazubleiben. Denn sie sahen wohl, wie aufgebracht die Provinz gegen alle war, die aus London stammten, und daß sie ohne die größten Schwierigkeiten nirgends durchkommen würden oder auf einen freundlichen Empfang rechnen könnten. Aber trotzdem ihnen von allen Seiten Hilfe zuteil wurde, hatten sie doch genug Beschwerden zu erdulden, denn nun, im Oktober und November, setzte die Kälte ein, so daß viele von ihnen erkrankten, freilich nicht an der Pest. Im Dezember kehrten sie dann wieder nach London in ihre Heimat zurück.
Ich habe diese Geschichte so ausführlich erzählt, um zu zeigen, woher plötzlich die Masse Menschen kam, die in London erschienen, sobald die Seuche nachgelassen hatte. Die bessern Klassen hatten bei ihren Freunden auf dem Lande ein Unterkommen gefunden, und jene, die keine Freunde draußen hatten, waren nach allen Richtungen geflohen, ob sie nun Geld hatten oder nicht. Die ersteren kamen am weitesten, da sie sich selbst erhalten konnten, die andern aber mußten die ärgsten Entbehrungen erdulden und konnten sich oft nur durch Stehlen durchbringen. Dadurch wurde man wieder gegen sie aufgebracht und steckte sie ein, obwohl man nicht recht wußte, was man mit ihnen anfangen sollte und sie nicht gut bestrafen konnte. Oft genug aber schob man sie von Ort zu Ort ab, bis sie wieder in London waren.