Eine Geschichte aber möchte ich doch noch erzählen. Sie betrifft einen Quacksalber, der sich gerühmt hatte, ein Gegenmittel gegen die Pest zu besitzen, das den Träger vor jeder möglichen Ansteckung schütze. Dieser Mann, der doch jedenfalls niemals ausging, ohne etwas von seinem unübertrefflichen Gegenmittel bei sich zu führen, erkrankte an der Seuche und starb binnen zwei oder drei Tagen.

Ich gehöre nicht zu jenen, die einen Widerwillen oder gar Verachtung gegen alle Medizinen haben, im Gegenteil habe ich ja schon oft von der Achtung gesprochen, die ich für die Vorschriften meines besonderen Freundes, Dr. Heath, hatte. Aber ich muß doch gestehen, daß ich selbst nichts gebrauchte, als ein stark riechendes Mittel, für den Fall, daß mir irgend etwas Ekelhaftes unterkäme, oder daß ich in die Nähe einer Leiche oder eines Begräbnisplatzes gelangte.

Es herrschte damals ein Streit unter den Gelehrten, der die Leute nicht wenig in Verlegenheit brachte, nämlich, in welcher Weise die Wohnungen und Sachen, wo die Pest hingekommen war, wieder gereinigt werden möchten. Besonders auch, was man zu tun hätte, um die lange leergestandenen Häuser bewohnbar zu machen. Eine Unmenge von Räuchermitteln von der oder jener Zusammensetzung wurde von den Ärzten angegeben, die die Leute, die sie anwendeten, ein nach meiner Meinung unnützes Geld kosteten. Die ärmeren Leute, die ihre Fenster Tag und Nacht offenstehen ließen und in den Zimmern Schwefel, Pech und Schießpulver verbrannten, hatten mindestens ebensoviel davon. Und diejenigen, von denen ich schon gesprochen habe, die sich auf jede Gefahr hin beeilten, wieder in die Stadt und nach Hause zu kommen, taten wenig oder gar nichts und fuhren dabei doch nicht schlimmer.

Im allgemeinen waren es vornehmlich die ärmeren Klassen, die sich mit der Rückkehr so beeilten, die Reichen folgten viel langsamer. Die Geschäftsleute kamen wohl schnell, aber sie ließen ihre Familien erst im Frühling nachkommen, als man allen Grund zu dem Glauben hatte, daß die Seuche nicht wieder erscheinen würde.

Der Hof kehrte bald nach Weihnachten zurück, der Adel jedoch, der nicht bei Hof angestellt war oder bei der Regierung zu tun hatte, folgte erst später.

Merkwürdig war, daß die Pest trotz ihrer Heftigkeit in London und anderen Orten nie auf die Flotte übergriff. Obwohl sowohl auf dem Flusse wie auf der Straße zu jener Zeit stark gepreßt wurde, um Leute für den Dienst auf der Flotte zu bekommen. Das war allerdings am Anfang des Jahres, als die Seuche kaum begonnen hatte und noch nicht in jene Stadtteile gedrungen war, wo hauptsächlich gepreßt zu werden pflegte. Der holländische Krieg, der damals geführt wurde, war durchaus nicht nach dem Geschmack des Volkes, und die Seeleute meldeten sich nur mit großem Widerwillen zum Dienst und beklagten sich bitter, wenn sie mit Gewalt dazu gepreßt wurden, aber für viele war es eine wohltätige Gewalt. Denn wahrscheinlich wären sie bei dem allgemeinen Unglück, der Pest nämlich, zugrunde gegangen, während sie so nach Ablauf des Sommerdienstes heil und gesund zurückkehren konnten. Freilich fanden manche unter ihnen ihre Familien im Grabe, worüber sie mit Recht klagen und jammern mochten, aber deshalb konnten sie doch einem Schicksal dankbar sein, das sie selbst, wenn auch gegen ihren Willen, vom Verderben gerettet hatte. Es war in jenem Jahre ein heißer Krieg zwischen uns und den Holländern mit einer sehr großen Schlacht, bei der die Holländer den kürzeren zogen. Aber auch wir verloren viele Leute und einige Schiffe. Die Pest aber kam, wie gesagt, nicht auf die Flotte, und als diese zurückkam, war auch die Heftigkeit der Pest gebrochen.

Ich wäre sehr froh, wenn ich den Bericht dieses schrecklichen Jahres mit einigen Beispielen der Dankbarkeit gegen Gott, unsern Erhalter, abschließen könnte, der uns vom Verderben erlöste. Die Umstände dieser Erlösung von dem furchtbaren Feinde hätten die ganze Nation dazu veranlassen müssen. Nur die Hand Gottes und seine Allmacht konnten sie vollbringen. Die Ansteckung spottete aller Gegenmittel, der Tod wütete bis in die letzten Winkel, noch einige Wochen, und in der Stadt wäre keine lebende Seele zurückgeblieben. Überall bemächtigte sich die Verzweiflung der Menschen, Angst verdrängte den letzten Rest von Mut, und auf allen Gesichtern zeigte sich nur noch die äußerste Hoffnungslosigkeit. Und da, als man wohl sagen konnte: Umsonst ist alle menschliche Hilfe, gefiel es Gott, die Wut der Seuche einzudämmen und ihre Bösartigkeit zu lähmen.

Es ist unmöglich, die Veränderung in den Zügen der Leute zu beschreiben, als an jenem Donnerstag das wöchentliche Sterberegister erschien. Eine heimliche Freude und Heiterkeit war auf allen Gesichtern zu sehen. Während man früher sich sorgsam auswich, schüttelte man sich jetzt die Hände. In den Straßen öffneten sich die Fenster, und die Inwohner fragten einander, wie sie sich befänden und ob sie schon die gute Neuigkeit wüßten, daß die Pest nachgelassen habe. Einige taten verwundert und meinten: »Was denn für eine gute Neuigkeit?« Dann riefen die anderen: »Die Pest hört auf, die Liste ist schon auf fast 2000 heruntergegangen!« und nun schrien sie alle miteinander: »Gott sei Dank!« und weinten aus Freude und erklärten, sie hätten noch nichts davon gehört gehabt. Die Seligkeit der Leute war so groß, als wäre das Leben aus dem Grabe zu ihnen zurückgekehrt. Ich könnte eine ganze Reihe der verrücktesten Dinge anführen, die sie im Übermaß ihrer Freude vollführten, wie früher im Übermaß ihrer Verzweiflung, aber ich will’s lieber unterlassen, um den Wert ihres Glückes nicht herabzusetzen.

Jetzt war’s auf einmal mit allen Befürchtungen zu Ende, und das zu früh, denn nun machte es uns nichts mehr aus, einem Mann mit einer weißen Kappe auf dem Kopfe zu begegnen, oder mit einem Tuch um den Hals gewickelt oder hinkend wegen der Geschwülste in der Leistengegend, was uns alle noch eine Woche vorher in den äußersten Schrecken versetzt haben würde. Die ganze Straße war jetzt voll dieser armen Geschöpfe, die sich ihrer unerwarteten Erlösung von ganzem Herzen freuten. Ich würde ihnen sehr Unrecht tun, nähme ich nicht an, daß viele unter ihnen aus voller Seele dankbar waren. Bei den meisten mochte es allerdings zu Recht heißen, was von den Kindern Israels gesagt wurde, als sie nach ihrem Durchzug durch das Rote Meer die Ägypter im Wasser versinken sahen: »Sie lobten Gott, aber bald vergaßen sie seine Werke.«

Doch hier will ich Schluß machen, um nicht tadelsüchtig und vielleicht ungerecht gescholten zu werden, wenn ich mich in Erwägungen einließe, warum die Undankbarkeit und Schlechtigkeit wieder zu uns zurückkehrte, deren Zeuge ich seitdem oft genug gewesen bin. Daher werde ich die Schilderung dieses unseligen Jahres mit einem schlechten aber gutgemeinten Verschen eigener Mache beschließen, das ich an das Ende meiner Tagebücher setzte in demselben Jahre, in dem sie geschrieben wurden.