Ein gewisser John Cock, ein Barbier, war ein ausgezeichnetes Beispiel für die überstürzte Rückkehr der Leute, nachdem die Seuche etwas nachgelassen hatte. Er hatte seinerzeit mit seiner ganzen Familie die Stadt verlassen, sein Haus zugesperrt und war, wie so viele andere, aufs Land verzogen. Als er nun hörte, daß im November nur noch 900 wöchentlich starben, beeilte er sich, wieder nach Hause zu kommen. Sein Hausstand bestand aus zehn Personen: seiner Frau, fünf Kindern, zwei Lehrlingen und einem Dienstmädchen, wozu noch er selbst kam. Er war noch nicht eine Woche zu Hause und hatte eben seinen Laden wieder aufgemacht und sein Geschäft begonnen, als die Seuche bei ihm ausbrach; und binnen fünf Tagen starb die ganze Familie völlig aus, und nur das Dienstmädchen blieb am Leben.

Aber die Gnade Gottes war größer, als wir vernünftigerweise hätten hoffen dürfen. Die Bösartigkeit der Seuche war erloschen, das Ansteckungsgift hatte sich erschöpft, und zudem stand der Winter vor der Tür. Als bei klarer Luft einige scharfe Fröste einsetzten, trat bei den meisten Kranken Heilung ein, und die Gesundheit fing an, in die Stadt zurückzukehren. Zwar gab es noch im Dezember einige Rückfälle, und die Listen stiegen wieder bis auf hundert Tote an, aber dies war nur vorübergehend, und in kurzem war alles wieder im alten Gleise. Es war erstaunlich zu beobachten, mit welcher Schnelle sich die Stadt von neuem bevölkerte. Ein Fremder hätte sich nicht vorstellen können, daß Zehntausende zugrunde gegangen waren. Auch die Wohnungen schienen alle wieder bezogen. Leere Häuser waren eine Seltenheit, und an Mietern für sie war kein Mangel.

Nachdem, im allgemeinen gesprochen, nun wieder alles beim alten war, mußte es den Leuten um so seltsamer vorkommen, wenn sie auf Erkundigungen hin hören mußten, daß ganze Familien so völlig ausgestorben waren, daß man sich kaum noch an sie erinnern konnte. Niemand kam, der auf das, was sie etwa hinterlassen haben mochten, einen rechtmäßigen Anspruch geltend gemacht hätte. Allerdings war in den meisten Fällen solcher Art das, was sich vorgefunden hatte, längst vergeudet und gestohlen worden.

Es hieß, daß alles herrenlose Gut dem König als einzigem Erben verfallen wäre. Wie dem auch sein mag, schien es doch, daß der König darauf zugunsten des Lordmayors und des Ratskollegiums von London verzichtete, damit es unter die zahlreichen Armen verteilt würde. Denn obwohl die Gelegenheiten zur Erleichterung der Lage der Armen während der Pestzeit weit vordringlicher gewesen waren als jetzt, da alles vorüber war, ging es ihnen jetzt doch viel schlechter, da alle Kanäle der allgemeinen Wohltätigkeit versiegten. Die Leute schienen zu glauben, daß sie genug getan hätten und hielten sich zurück, während doch noch manches Elend zu lindern gewesen wäre.

Ich hätte erwähnen sollen, daß die Quäker zu jener Zeit einen eigenen Begräbnisplatz besaßen, der auch jetzt noch in Gebrauch ist. Sie hatten auch einen eigenen Leichenkarren in Benutzung. Und merkwürdigerweise war es jener Salomon Eagle, der, wie ich schon erzählt habe, die Pest als Gericht Gottes vorhersagte und, nackt in den Straßen umherrennend, die Leute zur Buße aufgerufen hatte, der als eines der ersten Opfer in dem Leichenkarren auf den neuen Begräbnisplatz gefahren wurde.

Recht ernst waren die Vorwürfe, die man den Ärzten machte, weil sie während der Pest ihre Kranken im Stiche gelassen hätten. Als sie jetzt wieder in der Stadt erschienen, wollte niemand mehr mit ihnen zu tun haben. Man nannte sie Deserteure, und häufig wurden Zettel an ihre Türen geheftet, auf denen geschrieben war: Hier ist ein Doktor zu vermieten! So daß nicht wenige es für besser hielten, sich einige Zeit nicht zu zeigen oder in eine andere Wohnung zu ziehen, in deren Umgebung man sie nicht kannte. Ebenso war es mit der Geistlichkeit, die vom Volke in Spottgedichten und dergleichen bös mitgenommen wurde. Auf den Kirchentüren fand man oft die Inschrift: Hier ist eine Kanzel zu vermieten oder, was fast noch schlimmer war: zu verkaufen.

Besonders waren es die Dissenters, die der Geistlichkeit der englischen Kirche vorhielten, daß sie geflohen war, und das Volk dann, als es sie am nötigsten gebraucht habe, verlassen hätte. Aber das läßt sich kaum billigen, denn nicht alle Menschen haben die gleiche Zuversicht und den gleichen Mut, und die Heilige Schrift befiehlt uns, stets ein mildes und günstiges Urteil abzugeben.

Ich versuchte einmal, eine Liste von allen Berufen und Beschäftigungen aufzustellen und jene darin zu verzeichnen, die bei Ausübung ihres Amtes oder ihrer Geschäfte gestorben waren, aber für einen Privaten war es ganz unmöglich, dabei zu irgendeiner Sicherheit zu gelangen. Nach meinen Erinnerungen starben 16 Geistliche, 2 Ratsherren, 5 Ärzte, 13 Wundärzte innerhalb der inneren Stadt vor Anfang September. Aber da erst dann die Seuche ihren Höhepunkt erreichte, kann diese Liste kaum vollständig sein. Was das niedere Volk betrifft, so starben 46 Konstabler und Gemeindevorsteher in den beiden Kirchspielen von Stepney und Whitechapel. Leider konnte ich meine Liste nicht fortsetzen, denn als im September die ganze Wut der Seuche über uns kam, spottete sie aller Aufzeichnungen. Die Menschen starben nicht mehr als einzelne, sondern in Massen und wurden in Massen eingescharrt, ohne sie zu zählen, mochten die öffentlichen Sterberegister auch 7 oder 8000 oder was immer für eine Zahl anführen. Wenn man jenen glauben darf, die bessere Gelegenheit hatten als ich, diese Dinge der Wahrheit gemäß zu untersuchen, so starben zu dieser Zeit wöchentlich etwa 20 000 Menschen. Ich selbst will mich lieber an die veröffentlichten Zahlen halten, denn schon 7 oder 8000 Tote wöchentlich sind genug, um zu rechtfertigen, was ich von dem Grauen jener Zeit berichtet habe. Es erfüllt mich mit Genugtuung, sagen zu dürfen, daß ich in keiner Weise übertrieben habe und eher noch unter der Wirklichkeit geblieben bin.

Für die Nachwelt sei bezeugt, daß alle bürgerlichen Beamten, die Konstabler, Gemeindevorsteher, Scherifs und Kirchspielbediensteten, in deren Aufgabe es lag, sich der Armen anzunehmen, ihre Pflichten im allgemeinen so gut wie nur irgendeiner und vielleicht besser erfüllten. Sie waren den meisten Gefahren ausgesetzt, da ihr Werk in den Armenvierteln lag, wo die Ansteckung am leichtesten war. Fielen sie selbst der Krankheit zum Opfer, so war ihre Lage höchst bejammerungswürdig. Es ist auch nicht anders möglich, als daß eine große Anzahl von ihnen von der Seuche verschlungen wurde.

Ich habe noch kein Wort über die Medizinen und Vorbeugungsmittel gesagt, die man gewöhnlich während jener Zeit gebrauchte. Wenigstens alle jene, die wie ich auf der Straße zu tun hatten. Von den Quacksalbern ist viel darüber geschrieben worden, aber auch das Ärztekollegium veröffentlichte täglich Vorbeugungsmittel, von deren Wirkung es sich überzeugt hatte. Da alle diese Dinge gedruckt vorliegen, brauche ich sie nicht zu wiederholen.