Jetzt bleibt mir nur noch übrig, etwas über den gnädiger verlaufenen Teil dieses schrecklichen Gerichtstages zu sagen. In der letzten Woche des September hatte die Seuche ihren Höhepunkt erreicht und begann von da an abzunehmen. Ich erinnere mich, daß mein Freund, der Dr. Heath, mich in der vorhergehenden Woche besuchte und mir versicherte, daß in einigen Tagen die Heftigkeit der Seuche gebrochen wäre. Als ich aber in das wöchentliche Sterberegister blickte, das mit 8297 Toten alle früheren übertraf, hielt ich ihm das vor und fragte ihn, auf was er denn sein Urteil gründete. Seine Antwort war allerdings nicht das, was ich erwartet hatte. »Seht,« sagte er, »nach der Anzahl der Erkrankten und Verseuchten hätten wir in der letzten Woche 20 000 statt 8000 Tote haben müssen, falls der Verlauf der Krankheitsfälle ebenso ungünstig geblieben wäre wie vor zwei Wochen. Damals starben die Kranken gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen, jetzt nicht vor acht oder zehn; früher war unter fünf Fällen eine Heilung, jetzt sterben nur noch höchstens zwei von fünfen. Glaubt mir, die nächste Liste wird eine Abnahme bringen, und Ihr werdet sehen, daß die Heilungen stark zunehmen werden. Denn obwohl wir überall Massen von Verseuchten haben, und auch eine große Anzahl noch täglich erkrankt, sterben doch nicht mehr so viele als früher. Die Bösartigkeit der Seuche hat nachgelassen, und ich habe jetzt Hoffnung, nein, mehr als das, daß die Krisis vorüber ist.« Und wirklich war es auch so, denn in der letzten Septemberwoche zeigte die Liste nur noch 2000 Tote.
Es ist wahr: noch immer herrschte die Pest mit großer Heftigkeit. Die nächste Liste brachte 6460 und die weitere noch 5720 Tote. Aber dennoch hatte mein Freund mit seiner Behauptung recht; die Leute erholten sich schneller und in größerer Anzahl als früher. Was hätte auch sonst aus London werden sollen? Der Berechnung von Dr. Heath nach waren zu dieser Zeit nicht weniger als 60 000 erkrankt, von denen nur 20 477 starben, während der Rest wieder gesund wurde. Solange die Seuche aber auf ihrem Höhepunkte war, waren von einer solchen Anzahl Erkrankter zum mindesten 50 000 gestorben, vielleicht noch ebenso viele dazu erkrankt, und dann hätte man wohl wirklich glauben müssen, daß kein Mensch mehr davonkommen würde.
Noch weiter bewahrheiteten sich die Beobachtungen meines Freundes während der folgenden Wochen. Die Sterbefälle gingen beständig zurück und betrugen in der ersten Oktoberwoche nur noch 1843, in der nächsten 1413, und das, obwohl die Zahl der Erkrankungen nicht ab-, sondern eher etwas zugenommen hatte. Aber, wie gesagt: die Bösartigkeit der Seuche war gebrochen.
Und so ist nun einmal die Art unserer Bevölkerung, wie vermutlich auch auf der ganzen übrigen Welt: gerade, wie man beim ersten Ausbruch der Seuche jeden Verkehr aufgegeben hatte, vor Schrecken und Entsetzen sich gegenseitig aufs eifrigste aus dem Wege gegangen war und die Flucht aus der Stadt ergriffen hatte, ehe es noch nötig gewesen wäre, nahm man jetzt, als man sah, daß eine Menge Menschen erkrankte, aber wieder geheilt wurde, die Pest überhaupt kaum noch ernst, betrachtete sie nicht anders, als wäre sie ein einfaches Fieber und kümmerte sich nicht im geringsten mehr um die Gefahr der Ansteckung. Nicht nur, daß die Leute ohne Scheu mit solchen verkehrten, die laufende Geschwüre und Geschwülste an sich hatten, sie aßen und tranken auch mit ihnen, gingen in ihre Häuser und selbst in die Zimmer, wo sie krank lagen.
Für vernünftig konnte ich das nicht halten. Mein Freund, der Dr. Heath, gab zu, daß die Seuche so ansteckend als nur je wäre und auch noch viele daran erkrankten, behauptete aber, daß die Sterblichkeit in keinem Verhältnis mehr zu der Zahl der Erkrankungen stände, verglichen mit der früheren Todesrate. Ich meine aber, daß doch immer noch eine ganze Anzahl sterben mußte. Und da die Krankheit an sich sehr qualvoll war, von den Geschwülsten und Geschwüren gar nicht zu reden, die Todesgefahr auch durchaus nicht ausgeschlossen schien, die Heilung endlich sehr lange Zeit brauchte, so hätte nach meiner Meinung sich jeder wohl überlegen sollen, mit den Erkrankten zusammenzukommen und die Ansteckungsgefahr leichter als früher zu nehmen.
Noch etwas anderes hätte die Leute veranlassen müssen, die Erkrankung an der Pest wie das höllische Feuer zu scheuen, das war die schreckliche Wirkung der Ätzmittel, die die Wundärzte auf die Geschwülste legten, um sie zum Aufbrechen und Eitern zu bringen, da sonst die Gefahr eines tödlichen Ausganges bis zum letzten Augenblick äußerst groß war. Auch ohnedies waren die Geschwülste an sich sehr qualvoll, und wenn sie die Leute auch nicht mehr wie vordem zum Wahnsinn brachten, verursachten sie doch kaum erträgliche Schmerzen. Diejenigen, die mit dem Leben davonkamen, beklagten sich später aufs bitterste, daß man ihnen gesagt hätte, es wäre keine Gefahr bei der Sache und bereuten tief, daß sie sich nicht besser in acht genommen hatten.
So rächte sich die unkluge Handlungsweise der Leute, die alle Vorsicht beiseite ließen. Viele wurden geheilt, aber viele starben auch, und ich bin überzeugt, daß das Herabgehen der Sterberate dadurch nicht unwesentlich verzögert wurde. Nach dem ersten starken Abflauen zeigten die beiden nächsten Listen keine entsprechende Abnahme, und der Grund hierfür war sicherlich, daß das Volk alle früher gebrauchten Vorsichtsmaßregeln vernachlässigte in dem Glauben, es würde niemand mehr die Seuche bekommen und wenn, würde es auch nicht gleich ans Sterben gehen.
Die Ärzte widersprachen solcher Kopflosigkeit aus allen Kräften. Sie veröffentlichten gedruckte Anweisungen und verbreiteten sie über die ganze Stadt und in allen Vorstädten, worin sie die Leute zur Zurückhaltung ermahnten und ihnen rieten, trotz der Abnahme der Sterbefälle die äußerste Vorsicht im täglichen Leben zu beobachten, weil es sonst leicht zu einem neuen Ausbruch kommen könnte, der noch weit schrecklicher und verhängnisvoller sein würde als der erste. Zum Beweise fügten sie eine Menge Erläuterungen und Erklärungen an, die aber an dieser Stelle nicht wiederholt werden können.
Aber all das half nichts. Die Leute waren wie besessen von der Freude über das Herabgehen der Sterblichkeit, daß die neu angedrohten Schrecknisse bei ihnen nicht mehr verfingen. Sie ließen sich den Glauben nicht nehmen, daß es nun mit dem Sterben zu Ende wäre, und wer ihnen das Gegenteil beweisen wollte, hätte ebensogut in den Wind sprechen können. Man öffnete wieder die Läden, spazierte in den Straßen umher, machte Geschäfte und sprach jeden an, der gerade in den Weg kam, ob man mit ihm zu tun hatte oder nicht, und ohne jemals nur nach der Gesundheit zu fragen oder sich um die Gefahr der Ansteckung zu kümmern, wenn es sich um einen augenscheinlich Kranken handelte.