Man muß anerkennen, daß die Leute, die alle jene Vorsichtsmaßregeln anwandten, von denen ich gesprochen habe, der Ansteckung weniger ausgesetzt waren. In solchen Häusern brach die Seuche nicht mit der gleichen Heftigkeit aus, und ganze Familien wurden auf solche Weise gerettet, womit die schuldige Ehrfurcht vor der göttlichen Vorsehung natürlich nicht verletzt werden soll.
Aber es war unmöglich, irgend etwas Vernünftiges in die Köpfe der armen Leute hineinzubringen. Wurden sie krank, so konnten sie sich mit Geschrei und Gejammer nicht genug tun, doch solange sie gesund waren, blieben sie gleichgültig, sorglos und eigensinnig. Wo sie Arbeit kriegen konnten, fluteten sie hin, wenn auch die Beschäftigung noch so gefährlich und der Ansteckung ausgesetzt sein mochte. Machte man ihnen Vorwürfe, so war die gewöhnliche Antwort: »Das muß man Gott überlassen. Hat’s mich, so ist wenigstens für mich gesorgt, und die ganze Geschichte hat ein Ende.« Oder sie sagten: »Was soll ich sonst tun? Schlimmer als Verhungern ist die Pest auch nicht. Arbeit habe ich nicht, also was machen? Sonst bleibt mir nichts übrig als zu betteln.« Ob es sich darum handelte, die Leichen einzuscharren oder Kranke zu pflegen oder verseuchte Häuser zu bewachen, ihre Antwort war immer dieselbe. Sicher war die Not eine gute Entschuldigung, aber sie redeten nicht anders, wenn auch keine Not vorlag. Erst durch solche Handlungsweise der Armen kam es, daß die Seuche unter ihnen auf so schreckliche Weise wütete. Zusammen mit ihrer ohnehin wenig erfreulichen Lage war es der Hauptgrund ihres Massensterbens. Ich kann nicht behaupten, daß sie nach meinen Beobachtungen besser haushielten, als sie noch alle gesund waren und Geld verdienten. Das flog heraus, und das »Morgen« scherte sie auch nicht einen Deut. So kam es, daß sie im Falle der Krankheit gleich in das äußerste Elend gerieten, ebenso der Krankheit wegen als aus Mangel.
Allerdings hing dies auch zusammen mit der Lage unseres Handels während jener Zeit des allgemeinen Unglücks, und zwar sowohl des Außen- wie des Binnenhandels.
Was den Außenhandel betrifft, braucht nur wenig gesagt zu werden. Die europäischen Handelsvölker hatten alle Angst vor uns. Kein Hafen in Frankreich, Holland, Spanien oder Italien ließ unsere Schiffe einfahren. Und zudem hatten wir mit den Holländern einen heftigen Krieg, obwohl wir dazu kaum in der Lage waren, nachdem wir einen so schrecklichen Feind im eigenen Lande zu bekämpfen hatten.
Unsere Kaufleute hatten daher alle nichts zu tun. Ihren Schiffen war jeder auswärtige Platz verschlossen, und von ihren Waren und Fabrikaten, die im Lande hergestellt wurden, wollte man auswärts nirgends etwas wissen. Vor den Waren hatte man dieselbe Angst wie vor uns selber, und mit gutem Grund. Denn unsere Wollwaren hielten die Ansteckung fest wie menschliche Körper. Wurden sie von kranken Leuten verpackt, so waren sie ebenso gefährlich als die Kranken selber. Wenn daher ein englisches Schiff in einem fremden Hafen löschte, mußten die Ballen immer geöffnet und auf dazu bestimmten Plätzen gelüftet werden. Aus London durfte überhaupt kein Schiff in den Hafen, um wieviel weniger erst die Waren, die es an Bord hatte.
Ebenso war es in Spanien und Portugal. Es ging ein Gerücht um, daß eine Ladung von englischem Tuch, Baumwollwaren, Kirseizeug und dergleichen, die heimlich an Land gebracht worden war, von den Spaniern verbrannt wurde, während sie die an dem Schmuggel beteiligten Leute mit dem Tode bestraften. Ich kann das Gerücht nicht bestätigen, glaube aber schon, daß es auf Wahrheit beruhte.
Noch muß ich über den Stand des Binnenhandels während dieser Schreckenszeit berichten, besonders insofern es sich um die Fabriken und die Geschäfte in der Stadt handelt. Beim ersten Ausbruch der Seuche entstand, wie jeder sich selbst leicht ausmalen kann, unter der Bevölkerung ein allgemeiner Schrecken, und infolgedessen ein völliger Stillstand im Handelsverkehr, außer in Lebensmitteln. Aber auch darin war er durch die Flucht der vielen Tausende, die zahllosen Kranken und das Massensterben bis auf die Hälfte zurückgegangen.
Durch die Gnade Gottes war das Jahr in Getreide und Obst überaus fruchtbar gewesen. Nicht so in Heu und Gras. Daher war das Brot billig, weil es Getreide in Überfluß gab, und Fleisch war billig der schlechten Heuernte wegen. Aus demselben Grunde aber waren Butter und Käse teuer, und Heu wurde, gleich außerhalb der Schlagbäume von Whitechapel, um 4 Pfund die Ladung verkauft, was allerdings für die Armen von keinem Belang war. Dafür gab es eine unerhört gute Obsternte. Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Trauben kosteten fast nichts, aber das hinwiederum veranlaßte die Armen, davon im Übermaß zu essen, wodurch sie sich die Ruhr, Darmleiden, Magenbeschwerden und dergleichen zuzogen, was oft genug mit der Pest endigte.
Um aber zum Handel zurückzukehren, so war der Export gleich null oder wenigstens aufs äußerste erschwert, so daß natürlich alle Fabriken still lagen, die für den Export arbeiteten. Und obwohl die auswärtigen Kaufleute Waren brauchten, konnte doch fast nichts geschickt werden, da man englische Schiffe nirgends zuließ. Damit kam der Export so gut wie in ganz England zum Stillstand, abgesehen von einigen entlegenen Häfen, aber bald auch dort, denn nach und nach kam die Pest überall hin. Doch noch weit schlimmer war, daß auch der Binnenhandel aufhörte, so weit er über London ging, denn hier war er gänzlich zum Erliegen gekommen.
Alle Handarbeiter, Kaufleute und Mechaniker waren, wie ich schon früher ausgeführt habe, arbeitslos, und das griff natürlich auf das Heer von Tagelöhnern u. a. m. über, da nichts mehr geschah, was nicht absolut notwendig war. Dadurch waren nun alle Leute, die keinen eigenen Hausstand hatten, mit einemmal ohne jede Versorgung, ebenso wie die Familien, deren Einkommen gänzlich von dem Verdienst des Familienoberhauptes abhängig war. Sie gerieten in ein unsagbares Elend, und es muß zur immerwährenden Ehre der Stadt London gesagt werden, daß durch wohltätige Gaben die Bedürfnisse so vieler Tausende, von denen Unzählige später erkrankten, in einer Weise befriedigt wurden, daß niemand an Mangel zugrunde ging, wenigstens soweit die Behörden davon erfuhren.