Es ist schauerlich, darüber nachzudenken, daß solche Menschen als Mörder vielleicht wochenlang umhergingen, diejenigen zugrunde richteten, die sie unter Gefahr ihres Lebens gerettet haben würden und vielleicht durch eine zärtliche Liebkosung dem Tode überlieferten. Und doch kam das oft vor, und ich könnte zahlreiche derartige Fälle anführen. Wenn nun der Schlag so aus dem Hinterhalte herabsaust, wenn der Pfeil ungesehen und unentdeckbar von der Sehne fliegt, was haben dann alle Maßregeln von Häuserabsperren und Fortschaffen der Kranken für einen Zweck? Dort ja, wo die Ansteckung offen zutage tritt, aber in den tausenden von Fällen, wo es sich um anscheinend völlig Gesunde handelt, sind sie gänzlich nutzlos.

Dies setzte natürlich auch unsere Ärzte in Verwirrung, und besonders die Apotheker und Wundärzte, die die Kranken nicht von den Gesunden zu unterscheiden wußten. Aber alle gaben die Tatsachen zu, daß viele Leute die Seuche im Blut hatten und eigentlich nichts anderes als herumwandelnde verpestete Gerippe vorstellten, deren Atem Tod, deren Schweiß Gift war, und die doch eben so aussahen wie andere Menschen, und selbst nichts von ihrem fürchterlichen Zustande ahnten. Die Tatsache also wurde von allen zugegeben, aber keiner wußte ein Mittel dagegen.

Mein Freund, der Dr. Heath, war der Meinung, daß es an dem Geruch des Atems zu erkennen wäre, aber wer hätte sich dem aussetzen mögen, die Wahrheit aus dem Atem eines Menschen zu holen, um sie mit dem eigenen Tod zu erkaufen. Denn um den Geruch zu unterscheiden, hätte er das Gift des Atems in das eigene Gehirn einziehen müssen. Andere sollen behauptet haben, daß man den Verdächtigen auf ein Stück Spiegelglas hauchen lassen müsse. Wäre er verseucht, so würde der Niederschlag des Hauches, durch ein Mikroskop gesehen, die Form von lebenden Geschöpfen gräulichster und scheußlichster Art, als Drachen, Schlangen, Vipern und teufelsartigen Gebilden, annehmen. Aber das halte ich doch für recht zweifelhaft; auch besaßen wir damals noch keine Mikroskope, um den Versuch anzustellen.

Die Ansicht eines andern sehr gelehrten Mannes war, daß der Hauch solch eines Kranken einen kleinen Vogel im Nu vergiften und töten würde, und nicht nur einen kleinen Vogel, sondern sogar ein Huhn oder einen Hahn, oder wenn nicht gleich töten, ihn doch räudig machen müßte. Besonders merkwürdig wäre, daß zu dieser Zeit gelegte Eier alle verfault wären. Ich habe aber nie gehört, daß diese Behauptungen durch einen Versuch bewahrheitet wurden. So gebe ich sie als das, was sie sind, möchte aber doch bemerken, daß ich sie für sehr wahrscheinlich halte.

Manche haben vorgeschlagen, daß solche Leute recht heftig auf warmes Wasser hauchen sollten, worauf sich ein ungewöhnlicher Schaum darauf bilden würde. Es ginge aber auch bei andern klebrigen Substanzen, die geeignet wären, den Schaum aufzunehmen und festzuhalten.

Alles in allem muß ich aber doch sagen, daß diese Art der Ansteckung jeder Möglichkeit der Entdeckung spottete, und daß keine menschliche Geschicklichkeit imstande war, die Weiterverbreitung zu verhindern.

Zu jener Zeit war die Aufregung groß, als man erkannte, daß die Ansteckung in dieser Art verbreitet, durch anscheinend völlig Gesunde verbreitet werden könne, und man fing an, jeden, der in die Nähe kam, mit äußerstem Mißtrauen und größter Unbehaglichkeit zu betrachten. Einmal, ich glaube an einem Sonntage in der Aldgate-Kirche, glaubte irgendeine Frau in einer vollbesetzten Kirchenbank einen schlechten Geruch zu verspüren. Sofort bildete sie sich ein, die Pest wäre in der Bank, gab flüsternd ihren Verdacht der Nächsten weiter und verließ schnell ihren Platz. Die Nachbarin machte es geradeso, und in einem Augenblick hatten sämtliche Insassen von zwei oder drei Kirchenbänken die Kirche verlassen, ohne daß irgend jemand wußte weswegen oder von wem der üble Geruch ausgegangen wäre.

Infolgedessen fiel man darauf, irgend etwas in den Mund zu stecken, was von alten Weibern oder auch Ärzten empfohlen wurde, um die Ansteckung durch den Atem von Kranken unmöglich zu machen. Dies ging so weit, daß besonders in den Kirchen man gleich beim Eingange von einer Wolke aller möglichen Gerüche empfangen wurde, die viel stärker, wenn auch wahrscheinlich nicht so bekömmlich waren, als die Gerüche in Apothekerläden oder bei Drogisten. Die ganze Kirche war eine große Riechflasche. In der einen Ecke roch es nach Parfüms, in der andern nach aromatischen Essenzen, balsamischen Düften und allen möglichen Kräutern, in der dritten nach Riechsalz und scharfen Wassern, da jeder sich mit etwas anderem zum Schutze versehen hatte. Nachdem aber einmal der Glaube allgemein geworden war, daß die Ansteckung von scheinbar Gesunden übertragen werden könne, wurde der Kirchenbesuch erheblich schwächer. Aber ganz geschlossen wurden die Kirchen und Betsäle während der ganzen Zeit der Seuche in London niemals, außer in einigen Kirchspielen, wo die Seuche gerade besonders arg wütete, und auch da wurden sie, sowie es einigermaßen besser wurde, wieder geöffnet.

Im Gegenteil war nichts erhebender, als zu sehen, mit welchem Mute die Bevölkerung die öffentlichen Gottesdienste besuchte, sogar zu einer Zeit, als man sich fürchtete, zu irgendeinem andern Zwecke das Haus zu verlassen. Daß die Kirchen bis auf eine kurze Zeit während des Höhepunktes der Seuche immer voll waren, war auch ein Beweis für die außerordentliche Bevölkerungsdichtigkeit beim Ausbruch der Pest, trotz der ungeheuren Menge, die gleich damals sich aufs Land hinaus geflüchtet hatte und den Massen, die später von ihrem sinnlosen Entsetzen in die Wälder hinausgetrieben wurden.