Ein gewisser Bürgersmann, der wohl und gesund bis zum September gelebt hatte, als die Seuche sich erst in der innern Stadt auszubreiten begann, war sehr zuversichtlich, ja für meinen Geschmack fast etwas zu vermessen in seinen Redensarten: wie sicher er sei, wie vorsichtig er gewesen wäre und daß er niemals sich in die Nähe eines Kranken gewagt hätte. Ein anderer Bürger, ein Nachbar, sagte eines Tages zu ihm: »Seid nicht zu vertrauensselig. Es ist schwer zu sagen, wer gesund und wer krank ist, denn wir sehen Leute, die jetzt dem Anschein nach völlig gesund aussehen und in einer Stunde tot sind.« – »Gewiß«, sagte der erste, der nicht etwa übermütig war, aber die ganze Zeit über verschont geblieben war und zu den Leuten in der City gehörte, die deshalb ein wenig zu zuversichtlich geworden waren. »Gewiß, ich glaube ja auch nicht, daß ich sicher bin, aber ich hoffe, daß ich nie mit jemand verkehrte, bei dem irgendeine Gefahr der Ansteckung vorgelegen hätte.« – »So,« meinte der Nachbar, »seid Ihr denn nicht vorgestern im Wirtshaus zum Stierkopf in der Gracekirch-Straße mit dem so und so zusammengewesen?« – »Jawohl,« antwortete der erste, »aber sonst war kein Mensch dort, den wir vernünftigerweise für gefährlich hätten halten können.« Darauf schwieg der andere, um ihn nicht in Bestürzung zu versetzen, aber gerade das machte jenen noch neugieriger, und je zurückhaltender der eine wurde, um so mehr drängte der andere in ihn, bis er endlich laut fragte: »Nun, er wird doch nicht gestorben sein?« Sein Nachbar entgegnete kein Wort, blickte aber nach oben und murmelte etwas zu sich selbst, worauf der erste bleich wurde und nichts sonst herausbrachte als: »Dann bin ich auch schon so gut als gestorben.« Er ging sofort nach Hause und schickte nach einem Apotheker, der in der Nähe wohnte, um sich irgendein Gegenmittel geben zu lassen, denn bisher hatte er sich noch ganz wohl befunden. Der Apotheker öffnete seine Kleider, schaute die Brust an, seufzte tief auf und sagte nur: »Wendet Euch an Gott«, und der Mann starb innerhalb weniger Stunden.

Die Pest ist wie eine große Feuersbrunst. Bricht sie dort aus, wo nur wenige Häuser zusammenhängen, kann sie nur diese vernichten; bricht sie in einem einzelstehenden Hause aus, so fällt ihr nur dieses zum Opfer. Entsteht sie aber in einer großen volkreichen Stadt und wird nicht gleich gelöscht, so verheert sie den ganzen Ort und alles, was sie erreichen kann.

Gewiß, Hunderte, ja Tausende von Familien flüchteten sich vor der Pest, aber viele flohen zu spät und gingen auf der Flucht zugrunde. Und nicht nur das, sie verschleppten auch die Seuche überallhin, wohin sie kamen und steckten die an, bei denen sie Sicherheit und Zuflucht gesucht hatten. Dadurch wurde die beste Maßregel, um der Seuche zu entgehen, zu einem Mittel sie zu verbreiten. Dies bringt mich auf das zurück, was ich schon angedeutet habe, von dem ich aber nun ausführlicher sprechen möchte. Darüber nämlich, daß viele Leute nach außen hin völlig wohl umhergingen, während sie schon tagelang das Gift der Seuche im Leibe trugen und ihr Blut so sehr verseucht war, daß sie nicht mehr zu retten waren. Während dieser ganzen Zeit waren sie für andere höchst gefährlich, und die Tatsachen haben das bewiesen. Denn solche Leute steckten die Orte an, wohin sie kamen und die Leute, mit denen sie umgingen. So geschah es, daß fast alle größeren Städte Englands mehr oder weniger verseucht wurden, und immer wieder kam’s heraus, daß es durch den oder jenen Londoner verursacht worden war.

Ich muß hier ausdrücklich erklären, daß ich annehme, diese Leute, die den andern so gefährlich wurden, seien selbst ohne jede Kenntnis von ihrem eigenen Zustande gewesen. Wäre es anders, so hätte man jene überlegte Mörder heißen müssen, die sich mit vollem Bewußtsein der Umstände unter die Gesunden mengten. Aber nichtsdestoweniger hieß es, wenn ich auch selbst es nicht für richtig halte, daß die Angesteckten gegen die Weiterverbreitung der Seuche gänzlich gleichgültig, ja eher dafür als dagegen waren. Daraus mag jenes Gerücht entstanden sein, von dem ich nur hoffen kann, daß es nicht den Tatsachen entsprach.

Freilich besitzt ein einzelner Fall keine Allgemeingültigkeit, aber ich könnte doch die Namen einiger Leute nennen, die auch anderwärts bekannt und deren Familien noch am Leben sind, die das genaue Gegenteil bezeugen. So wurde ein Mann in meiner Nachbarschaft krank. Er vermutete, von einem armen Arbeiter angesteckt worden zu sein, den er bei sich beschäftigt hatte oder in dessen Wohnung er gekommen war. Schon damals hatte er eine trübe Ahnung, aber erst am nächsten Tage kam die Krankheit wirklich zum Ausbruch, und er fühlte sich gleich recht schlecht. Auf dies hin veranlaßte er sofort, daß er in ein Hinterhaus auf seinem Grundstück gebracht würde, wo sich über der Rotgießereiwerkstatt eine Kammer befand. Hier lag er, und hier starb er und ließ sich von niemand pflegen als einer fremden Pflegerin. Seiner Frau, den Kindern und Dienstboten verwehrte er aufs strengste den Eintritt, um sie nicht der Ansteckung auszusetzen, und übersandte ihnen nur seinen Segen und Wünsche für ihre Erhaltung durch die Pflegerin, die aber auch nicht in ihre Nähe kommen durfte. Und all das nur, um sie vor der Seuche zu bewahren.

Es muß erwähnt werden, daß die Pest, wie wohl alle Krankheiten, je nach der Beschaffenheit des Körpers, ganz verschieden wirkte. Manche wurden sofort von ihr völlig überwältigt; es kam zu schweren Fieberanfällen, Erbrechen, unerträglichen Kopf- und Rückenschmerzen, bis zu Tobsuchtsanfällen. Bei andern brachen Geschwülste im Genick, in der Leistengegend oder unter den Armen aus, die, wenn sie nicht zum Reifwerden gebracht werden konnten, eine furchtbare Qual verursachten. Die Dritten endlich wurden unmerklich angesteckt, das Fieber wütete in ihnen, ohne daß sie darum wußten, bis sie schließlich das Bewußtsein verloren und schmerzlos dahingingen.

Ich bin nicht Arzt genug, um die Einzelheiten dieser verschiedenen Wirkungen einer und derselben Seuche schildern oder erklären zu können, noch halte ich das für meine Aufgabe, da sie von den Ärzten viel besser ausgeführt wurde, wenn unsere Meinungen auch in einigen Punkten auseinandergehen. Darum habe ich auch nur berichtet, was ich selbst gesehen und beobachtet oder gehört habe und was in den verschiedenen Fällen, die ich erwähnte, in Erscheinung trat. Nur das mag noch angeführt werden, daß die schlimmsten Fälle, was die Schmerzen und die Schwere der Krankheitserscheinungen betrifft, oft zur Heilung gelangten, besonders wenn die Geschwülste aufbrachen, daß aber in jenen Fällen von einer kaum merklichen Erkrankung der Tod unvermeidlich war.

Die Krankheit und Weiteransteckung, ohne daß die betreffenden Personen das geringste davon wußten, zeigte sich in zwei Arten von Fällen, die in jener Zeit ziemlich häufig und in London allgemein bekannt waren.

1. Väter und Mütter gingen umher, als ob sie völlig wohl wären, waren auch davon überzeugt, bis sie ihre ganzen Familien verseucht hatten und die Ursache ihres Unterganges geworden waren. Hätten sie die leiseste Ahnung ihres Zustandes besessen, so würden sie nimmermehr so gehandelt haben. Eine Familie, von der ich hörte, wurde auf solche Weise vom Vater angesteckt. Einige Mitglieder wurden krank, noch ehe er selbst von der Seuche etwas merkte. Als er aber durch genauere Beobachtungen herausbrachte, daß er das Gift zu den Seinen gebracht hatte, wurde er wahnsinnig und hätte Hand an sich gelegt, wenn man ihn nicht verhindert haben würde. In wenigen Tagen war er tot.

2. In anderen Fällen fühlten die von der Seuche auf diese Weise Betroffenen nur ganz leichte Beschwerden, etwa eine Verminderung des Appetits, oder ein wenig Magenweh oder auch Heißhunger und leichte Kopfschmerzen, worauf sie zum Arzte schickten, um irgendein Mittel zu begehren und dann aufs tödlichste erschrocken waren, als sie hörten, daß sie auf der Schwelle des Todes standen und rettungslos verloren waren.