Durch solche Mittel wurde erreicht, daß es stets genügend Brot gab, und zwar, wie ich schon erwähnt habe, zu dem üblichen billigen Preise. Auch mangelte es niemals an Vorräten von Lebensmitteln auf den Märkten. Es gab so viel davon, daß ich oftmals darüber erstaunt war und mir Vorwürfe machte über meine Zaghaftigkeit und Vorsicht beim Ausgehen, während doch das Landvolk ohne Bedenklichkeit auf den Markt kam, als ob es gar keine Ansteckung und Gefahr von der Seuche gäbe.

Es war, wie gesagt, eine bewunderungswürdige Maßregel von seiten der Behörden, daß die Straßen immer rein und frei von allen ekelhaften Gegenständen gehalten wurden, wie von Leichen oder irgend etwas, das Widerwillen hätte hervorrufen können. Stürzte jemand plötzlich zu Boden oder starb auf der Straße, so wurde die Leiche meistens mit einem Tuch oder einem Leintuch zugedeckt oder bis zur Nachtzeit in den nächsten Kirchhof verbracht. Alles, was, wenn auch unumgänglich nötig, doch gefährlich und mit peinlichen Anblicken verknüpft war, wurde in die Nacht verlegt. Der Transport der Kranken, die Beerdigung der Toten, das Verbrennen der verseuchten Kleider wurde bei Nacht vorgenommen. Die Leichen, die in den großen Massengräbern auf den Kirchhöfen eingescharrt wurden, holte man nur bei Nacht zusammen, und ehe der Tag anbrach, waren sie alle mit Erde bedeckt und alles wieder in Ordnung gebracht. So daß unter Tage nichts von dem allgemeinen Unglück zu sehen oder zu hören war, außer was die Verödung der Straßen, das Klagegeschrei der Leute hinter den Fenstern und die vielen geschlossenen Häuser und Läden von selbst erzählten.

In der innern Stadt war diese Verödung der Straßen nicht so stark wie in den Vorstädten, als die Seuche sich nach Osten zu ausdehnte und über die ganze Stadt verbreitete. Es war wirklich eine barmherzige Fügung Gottes, daß die Seuche zuerst an einem Ende der Stadt ausbrach und nur allmählich auf die andern Stadtteile übergriff. Nach Osten kam sie erst, nachdem sich ihre Heftigkeit im Westen erschöpft hatte, und so nahm sie gleichzeitig zu und ab.

Ich möchte um Erlaubnis bitten, wenn man mir auch Wiederholungen vorwerfen wird, noch einmal mich der Schilderung der jämmerlichen Lage der innern Stadt und jener ihrer Teile, wo ich wohnte, in jener Unglückszeit zuwenden zu dürfen. Die City und die andern Stadtteile waren noch immer, trotz der ungeheuren Anzahl der Geflüchteten, gestopft voll von Leuten. Besonders auch deshalb, weil der allgemeine Glaube war, die Seuche würde weder die City, noch die Orte auf dem jenseitigen Flußufer, wie Southwark, Wapping und Ratcliffe, erreichen. So fest war dieser Glaube, daß viele aus den westlichen und nördlichen Vorstädten nach Osten und Süden ihrer Sicherheit wegen verzogen und, wie ich bestimmt glaube, dadurch die Seuche früher dahin brachten, als sie im natürlichen Verlauf der Dinge gekommen wäre.

Hier möchte ich auch einiges zum Nutzen der Nachwelt bemerken, was die Art und Weise der gegenseitigen Ansteckung betrifft, nämlich, daß es nicht nur die Kranken waren, von denen die Gesunden den Keim der Ansteckung empfingen, sondern ebensogut die Gesunden. Um mich näher zu erklären: unter den Kranken verstehe ich jene, die als krank bekannt waren, im Bett lagen, gepflegt wurden, Geschwüre an ihrem Leibe hatten usw. Vor ihnen konnte sich jedermann in acht nehmen, da sie entweder im Bett lagen oder doch auch sonst ihren Zustand nicht zu verheimlichen vermochten.

Mit den Gesunden aber meine ich solche, die wirklich angesteckt waren und das Gift in sich aufgenommen hatten. Es war in ihrem Blut, aber in ihrem Aussehen zeigte sich davon nichts. Ja, sie wußten selber nichts davon, oft mehrere Tage lang. Diese verbreiteten den Tod überall hin, wohin sie auch kamen. Wer in ihre Nähe kam, war verloren. Aus ihren Kleidern ging die Ansteckung hervor, und was ihre Hände berührten, war verseucht, besonders, wenn sie warme und feuchte Hände hatten, was im allgemeinen der Fall war.

Nun war es unmöglich, diese Leute zu erkennen, nachdem sie ja selbst oft nicht wußten, daß sie angesteckt waren. Sie gehörten zu jenen, die plötzlich auf der Straße ohnmächtig wurden und hinstürzten. Oftmals gingen sie bis zu ihrem letzten Augenblick auf den Straßen umher. Mit einem Male fingen sie dann zu schwitzen an, es wurde ihnen schwach, sie setzten sich an einer Türe hin und starben. Erkannten sie so ihren Zustand, so boten sie meistens noch alle Kräfte auf, ihr Heim zu erreichen, und manchmal gelang es ihnen auch gerade noch, um dort zu sterben. Andere wanderten umher, bis die Merkmale der Seuche sich schon am Körper zeigten, ohne daß sie es bemerkten. Draußen fühlten sie sich noch ganz wohl, sobald sie aber dann nach Hause kamen, legten sie sich hin und starben innerhalb weniger Stunden. Dies waren die gefährlichen Leute, vor denen die wirklich Gesunden sich hätten in acht nehmen müssen, wenn es nur möglich gewesen wäre, sie herauszukennen.

Viele hatten keine Ahnung, daß sie bereits die Seuche im Leibe trugen, bis zu ihrer unaussprechlichen Bestürzung die Merkmale sich am Körper zeigten, worauf sie selten länger als noch sechs Stunden zu leben hatten. Denn die Flecken, die man als »Merkmale« bezeichnete, waren Brandflecken oder absterbendes Fleisch, in kleinen Knötchen von der Größe eines Silberpennys und hart wie ein Stück Horn. War es einmal mit der Krankheit so weit gekommen, so war der Tod unausbleiblich. Und trotzdem wußten solche Leute nichts davon, daß sie verseucht waren und fühlten sich auch nicht im geringsten unwohl, bis jene tödlichen Anzeichen herauskamen. Dabei muß man aber zugeben, daß sie schon früher im höchsten Grade verseucht waren, vielleicht schon längere Zeit, und daß daher ihr Atem, ihr Schweiß, und ihre Kleider schon während dieser ganzen Zeit die Ansteckung verbreiteten.

Es gab eine ungeheuere Verschiedenheit der Krankheitsfälle, an die sich ein Arzt natürlich viel leichter erinnern könnte als ich, aber einige, die ich selbst beobachtet, oder von denen ich gehört habe, will ich doch in folgendem anführen.