Als ich eines Tages in einer besonderen Angelegenheit in jenem Teile der Stadt war, bewog mich die Neugier, alles genauer als sonst zu betrachten. Ich ging daher eine große Strecke weiter, wo ich eigentlich nichts zu tun hatte. In Holborn waren viele Leute auf der Straße, aber sie gingen alle in der Mitte, weder rechts noch links, um, wie ich vermute, ein Zusammentreffen mit jedem zu vermeiden, der etwa aus einem Hause herauskäme, und auch, um den Gerüchen zu entgehen, die aus den verseuchten Häusern drangen.
Die Rechtskollegien waren alle geschlossen, und auch im Temple, in Lincolns Inn oder Grays Inn fand man nur wenige Rechtsanwälte. Es gab keine Prozesse mehr, also hatten sie nichts zu tun, abgesehen von den Gerichtsferien, die die meisten dazu benutzten, aufs Land zu gehen. An einigen Plätzen waren ganze Häuserreihen sorgsam verschlossen. Die Bewohner waren alle geflohen, nur ein oder zwei Wachleute zu sehen.
Wenn ich sage, daß ganze Häuserreihen verschlossen waren, so meine ich nicht, daß das auf Befehl der Behörden geschehen war. Eine Menge Leute waren dem Hofe gefolgt, in dessen Diensten sie standen, und auch andere waren aus Angst vor der Pest geflohen, so daß manche Straßen völlig verödet erschienen. Die Furcht war damals in der eigentlichen City noch lange nicht so groß, denn wenn auch anfangs dort ein unaussprechliches Entsetzen überhandnahm, ging die Seuche zuerst doch oft wieder zurück, so daß die Leute wiederholt aufgeschreckt wurden und sich dann wieder beruhigten, bis sie sich endlich daran gewöhnten. Selbst wenn die Seuche dann von neuem heftiger auftrat, verloren sie nicht mehr den Mut, weil sie sahen, daß sie sich nicht sofort in der City, den östlichen und südlichen Teilen verbreitete. Und außerdem war alles ein wenig abgestumpft. Es ist nicht zu leugnen, daß eine ungeheure Masse Volkes geflohen war, aber hauptsächlich aus den westlichen Stadtteilen und jenen, die man das Herz der City nennt, also vornehmlich reiche Leute oder solche, die weder Beruf noch Geschäft hatten. Die andern waren im allgemeinen geblieben, in Erwartung des Schlimmsten, so in den äußern Bezirken und Vorstädten, in Southwark, Ratcliff, Stepney, Rotherhithe und da herum, bis auf die wenigen Wohlhabenderen, die unabhängig waren.
Man darf nicht vergessen, daß beim Ausbruch der Seuche London mit all seinen Vorstädten richtig überfüllt an Menschen war. Wenn auch seither die Bevölkerung weiter mächtig zugenommen hat, so waren doch damals, nach Beendigung des Krieges, Auflösung der Heere, und Wiederherstellung der Monarchie die Leute haufenweise nach London gekommen, um sich dort geschäftlich niederzulassen oder bei Hofe Anstellung, Belohnung für geleistete Dienste und was dem mehr ist, zu suchen. Man nahm an, daß auf solche Weise die Stadtbevölkerung um mehr als 100 000, ja, wie manche behaupteten, aufs Doppelte gestiegen war. Strömten doch all die zugrunde gerichteten Familien der Königspartei hier zusammen, all die verabschiedeten Soldaten, die sich nun um irgendeinen Handel umsahen, und auch außerdem eine Masse Menschen. Denn der Hof erschien in Pracht und neuem Glanze, das Geld flog nur so hinaus, und die Befriedigung über die Wiederherstellung des Königtums zog nicht wenige Familien nach der Hauptstadt.
Aber nun wieder zurück zum Beginn dieser erstaunlichen Zeit, als die Angst des Volkes erst im Entstehen war. Mehrere seltsame Ereignisse kamen dazu, sie zu verstärken, und wenn man sie nebeneinander hält, muß man sich wirklich wundern, daß nicht das ganze Volk, wie ein Mann, die Heimstätten verließ und sich aus einem Orte flüchtete, den der Fluch des Himmels getroffen hatte, mit allem, was in ihm lebte, vom Erdboden zu verschwinden. Ich will nur einiges davon anführen, von dem vielen, mit dem die Hexenmeister und Schlauköpfe einen solchen Schwindel trieben, daß ich nicht erstaunt gewesen wäre, wenn alle, besonders die Frauen, die Stadt verlassen hätten.
Vor allem war es ein Schweifstern oder Komet, der mehrere Monate vor der Pest am Himmel erschien, gerade wie damals vor der großen Feuersbrunst. Die alten Weiber und jener Teil des stärkeren Geschlechts, den ich auch alte Weiber nennen möchte, beobachteten damals, aber natürlich erst, als beide Heimsuchungen vorüber waren, daß die beiden Kometen unmittelbar über die Stadt hinweggezogen waren, und das so nahe über den Häusern, daß es offensichtlich für die Stadt etwas Besonderes zu bedeuten hatte. Ferner hieß es, daß der Komet, der vor der Seuche erschien, von blasser, matter, flauer Farbe gewesen wäre, sich auch sehr langsam, feierlich und schwerfällig bewegt habe, während der Komet, der die Feuersbrunst anzeigte, hell, glänzend und sprühend ausgesehen hätte und sich schnell und wütend bewegt habe. Woraus hervorgeht, daß der eine eine langsam verlaufende, aber schwere, schreckliche und verderbliche Heimsuchung anzeigte, wie es die Pest ist, der andere aber ein plötzliches, schnell hereinbrechendes Unglück, nämlich die Feuersbrunst. Einige Leute behaupteten sogar, beim raschen Vorüberziehen des Feuerkometen, dessen Bewegung sie mit den Augen folgten, ein gewaltiges, sausendes Getöse vernommen zu haben, wie aus weiter Entfernung, so daß es gerade noch hörbar war.
Ich selbst habe beide Himmelskörper gesehen und muß gestehen, daß auch ich so weit von dem allgemeinen Glauben angesteckt war, um in ihnen die Vorboten und Warnungen des göttlichen Gerichtes zu erkennen, besonders, als auf den ersten die Pest folgte. Als ich dann den zweiten erblickte, konnte ich nicht anders als glauben, daß Gott die Stadt noch nicht genügend gestraft hätte.
Die Furcht des Volkes wurde noch mehr gesteigert durch den Aberglauben jener Zeit, die, ich weiß nicht auf was hin, mehr für Vorhersagungen, astrologisches Gerede, Träume und Altweibergeschwätz empfänglich war, als irgendeine vorher oder nachher. Ob diese unselige Neigung ursprünglich durch die Narreteien jener Leute genährt wurde, die dadurch Geld verdienten, indem sie allerlei Prophezeiungen und Horoskope drucken ließen, weiß ich auch nicht, aber sicher ist es, daß alles Gedruckte auf das Volk einen tiefen Eindruck machte, solches Zeug wie Lilys Almanach, Gadburys Astrologische Prophezeiungen, Poor Robins Kalender und ähnliches mehr, ebenso wie vorgebliche Andachtsbücher. Eins von ihnen trug den Titel: Zieh aus von ihr, mein Volk, damit du nicht zum Mitschuldigen an ihren Seuchen werdest; ein anderes hieß: Guter Rat, ein drittes: Britisches Memento usw. Alle oder fast alle sagten offen oder verschleiert das Verderben der Stadt voraus. Manche Leute stellten sich so begeistert, daß sie, Prophezeiungen ausrufend, durch die Straßen liefen, unter dem Vorgeben, sie wären gesandt, der Stadt Buße zu predigen. Einer besonders schrie in den Straßen wie Jonas in Ninive: Noch 40 Tage, dann wird London zerstört werden! Ganz genau weiß ich allerdings nicht mehr, ob er 40 Tage oder ein paar Tage sagte. Ein anderer trieb sich, bis auf eine Unterhose splitternackt, herum und rief wie jener Mann, von dem Josephus erzählt, der vor der Zerstörung Jerusalems »Wehe Jerusalem« schrie, Tag und Nacht: O des großen und schrecklichen Gottes! Mehr sagte er nicht, sondern wiederholte nur immer wieder dieselben Worte mit einer Stimme und einem Gesicht, in denen sich das Entsetzen malte, während er unaufhörlich weiter rannte, ohne jemals stehen zu bleiben, sich niederzusetzen oder irgendeine Nahrung zu sich zu nehmen, wenigstens nach dem, was ich von ihm gehört habe. Ich sah den armen Teufel mehrmals auf der Straße und würde ihn angeredet haben, aber er wollte weder mit mir noch irgend jemand sonst etwas zu tun haben, sondern fuhr nur fort, sein schauerliches Geschrei von sich zu geben.
Durch derartige Vorfälle wurde das Volk aufs äußerste erregt, besonders, als wie schon berichtet, in den öffentlichen Sterberegistern zwei oder drei Pestfälle in St. Giles erschienen.
Zu all dem kamen noch die Träume der alten Weiber, oder richtiger: die Auslegungen der alten Weiber der Träume anderer Leute. Sie machten Haufen von Menschen geradezu verrückt.