Einige hörten Stimmen, die sie ermahnten fortzugehen, denn es würde eine solche Seuche in London ausbrechen, daß die Lebenden nicht mehr imstande wären, die Toten zu begraben. Andere sahen Erscheinungen in der Luft, und ich glaube, ich darf von beiden, ohne die Gefühle des Mitleids zu verletzen, sagen, daß sie Stimmen hörten, die niemals sprachen und Erscheinungen sahen, die nicht da waren. Aber die Einbildungskraft der Leute war nun einmal wie besessen, und kein Wunder, daß die, die beständig in die Wolken schauten, endlich Umrisse und Gesichter und Erscheinungen sahen, die aus nichts als Dunst und Qualm bestanden. Die einen schrien, sie sähen eine Hand, die ein Flammenschwert mit der Spitze über die Stadt hielte, aus der Wolke hervorkommen; andere erblickten in der Luft Bahren und Särge, die zum Begräbnisplatz zogen. Dann wieder Leichenhaufen, die unbeerdigt herumlagen, – was eben die Phantasie des armen verwirrten Volkes gerade hervorbrachte.
Ganze Bücher könnte ich mit den Erzählungen solcher Leute anfüllen von dem, was sie täglich gesehen hatten. Und dabei glaubte jeder so fest an das, was er erblickt zu haben vorgab, daß man keinem widersprechen durfte, ohne ihn zum Feinde zu machen oder einerseits roh und unmanierlich, oder frivol und oberflächlich gescholten zu werden. Eines Tages, ehe sich die Pest noch über St. Giles hinaus verbreitet hatte, sah ich mitten auf der Straße einen Haufen Menschen. Aus Neugier ging ich hin und sah, daß sie alle in die Luft starrten, um das gewahr zu werden, was ein altes Weib dort erblickte, nämlich nach ihren eigenen Worten, einen weißgekleideten Engel, der ein feuriges Schwert über seinem Haupte schwang. Sie beschrieb die Gestalt bis ins einzelne mit jeder Bewegung, und die Leute waren voll Begier, sie auch zu sehen, bis endlich einer schrie: Ja, ich seh’s ganz deutlich, da ist ein Schwert, wie’s nur eins gibt; einer sah den Engel, ein anderer sein Gesicht und rief: Was für eine wundervolle Gestalt; und so sah der eine dies und der andere das. Ich schaute ebenso eifrig wie die anderen hinauf, wenn auch wahrscheinlich mit weniger Bereitwilligkeit, mir etwas einreden zu lassen, aber ich konnte nichts sehen als eine weiße Wolke, die auf der einen Seite glänzte, weil auf die andere die Sonne schien. Das Weib versuchte, mir’s zu zeigen, konnte mich aber nicht zum Geständnis bringen, daß ich etwas sah. Denn ich hätte lügen müssen, wenn ich behauptet hätte, ich sähe etwas. Worauf das Weib mich anblickte und meinte, ich lache sie aus, was aber wiederum nur in ihrer Phantasie geschah, weil’s mir wirklich nicht ums Lachen war, sondern ich bei mir überdachte, wie sich die armen Leute durch ihre eigene Einbildungskraft ins Bockshorn jagen ließen. Die Frau wandte sich nun mir zu, nannte mich einen unheiligen Burschen und Spötter, und rief, es sei eine Zeit von Gottes Zorn, sein schreckliches Gericht rücke näher und solche, wie ich, die ihn mißachteten, sollten hinausziehen und zugrunde gehen.
Die herumstehenden Leute schienen ebenso aufgebracht als das Weib selber, und da ich sah, ich könnte sie doch nicht überreden, daß ich sie nicht ausgelacht hätte, und eher Mißhandlungen befürchten mußte, ging ich meines Weges und ließ die Engelserscheinung ebenso wirklich sein wie die des Kometen.
Noch eine andere Begegnung hatte ich am hellichten Tage, in einem engen Durchgang von Petty-France in dem Bishopsgate-Kirchhof, an einer Reihe von Armenhäusern vorbei. Dabei muß ich bemerken, daß es zwei Kirchhöfe im Kirchspiele von Bishopsgate gibt, den einen zwischen dem Platz von Petty-France und der Bishopsgate-Straße, der gerade bei der Kirchtüre aufhört, den andern an dem engen Durchgang, wo die Armenhäuser zur Linken bleiben und eine kleine Mauer mit Holzplanken darauf den Weg rechts begrenzt, während die Stadtmauer noch weiter rechts liegt.
In diesem Durchgang nun stand ein Mann, der durch die Holzplanke in den Kirchhof hineinspähte und so viele Leute um ihn herum, daß man sich gerade noch durchzwängen konnte. Der Kerl sprach mit allem Eifer zu ihnen, und während er bald dahin bald dorthin zeigte, behauptete er einen Geist über einen Grabstein schreiten zu sehen und beschrieb ihn in Gang, Haltung und Aussehen so genau, daß er um alles in der Welt nicht begriff, wie nicht jeder sonst ihn ebensogut sehen sollte. Plötzlich rief er aus: Da ist er! Jetzt geht er da! Nun dort! Jetzt hat er sich umgedreht!, bis er die Leute endlich so beschwatzt hatte, daß einer sich einbildete, er sähe nun auch den Geist. Und so kam er jeden Tag und verursachte förmlich einen Auflauf in diesem engen Durchgang, bis es auf der Kirchenuhr elfe schlug und der Geist gerade so, als ob er abgerufen würde, verschwand.
Ich schaute überall herum, und zwar genau in dem Augenblicke, als der Mann hindeutete, konnte aber auch nicht den Schatten einer Erscheinung erblicken. Aber der arme Teufel tat so bestimmt, daß die Leute Nervenzufälle bekamen und schließlich zitternd und voll Schrecken sich fortschlichen, bis bald nur mehr ganz wenige, die von der Geschichte wußten, sich trauten, den Durchgang zu benutzen. Bei Nacht aber hätte sich niemand, und hätte er’s noch so wichtig gehabt, durchgewagt.
Dieser Geist machte, wie der Mann versicherte, Zeichen gegen die Häuser, gegen den Boden und die Leute, offenbar, um anzudeuten, daß sie haufenweise in diesem Kirchhof begraben würden. Wenigstens verstanden sie’s so. Es kam auch, wie’s der Geist vorhergesagt hatte, und vielleicht sah der Mann Dinge, an die ich niemals geglaubt habe. Ich selbst konnte nichts davon entdecken, so sehr ich mich auch anstrengte.
Man versuchte wohl das Drucken solcher Bücher, die die Leute nur in Verwirrung setzten, zu verbieten, und jene, die sie in Umlauf brachten, zu bestrafen, aber zu rechten Maßregeln kam es doch nicht, da die Regierung, soviel ich weiß, das Volk nicht weiter aufbringen wollte, das so schon am Ende seiner Vernunft war.
Auch mit jenen Geistlichen kann ich mich nicht einverstanden erklären, die durch ihre Predigten das Gemüt ihrer Zuhörer noch mehr niederdrückten, statt es zu erheben. Manche taten es zweifellos, um den Mut der Leute zu stärken und sie zur Buße anzuhalten. Aber diesen Zweck erreichten sie doch kaum, jedenfalls nicht verglichen mit dem Schaden, den sie anrichteten.
Ein Unfug hat immer einen anderen im Gefolge. Diese Furcht und Angst der Leute brachte sie auf tausend törichte, abgeschmackte und schlimme Dinge, wozu sie von den wirklich bösen Elementen noch ermutigt wurden. Sie rannten zu Wahrsagern, Hexenmeistern und Astrologen, um ihr Schicksal zu erfahren oder, wie man gewöhnlich es nennt, um sich ihr Schicksal sagen und sich die Nativität stellen zu lassen und zu ähnlichem Unsinn, und diese Narretei brachte in der Stadt im Augenblick einen Schwarm vorgeblicher Magier hervor, die sich der Schwarzen Kunst und weiß Gott, was sonst noch alles, rühmten und behaupteten, mit dem Teufel besser zu stehen, als es wohl wirklich der Fall war. Dieses Geschäft wurde so offen und allgemein betrieben, daß man an den Türen Anzeigen lesen konnte: Hier wohnt ein Wahrsager; hier wohnt ein Astrologe; hier wird die Nativität ausgerechnet. Der Bronzekopf Bruder Bacons, das gewöhnliche Zeichen solcher Art Leute, war fast überall in jeder Straße zu sehen, oder auch das Zeichen der Mutter Shipton oder der Kopf Merlins und mehr dergleichen.