Bald darauf, in den letzten Tagen des Juni, kam eine schwere Prüfung über mich. Ich fühlte starkes Frösteln und brachte die Nächte zum Teil schlaflos zu. Hierzu gesellten sich heftige Kopfschmerzen. Das Fieber mit abwechselndem Frost und Schweiß hatte mich gepackt, so daß ich leider den ganzen Tag über, ohne Speise und Trank zu genießen, an mein Lager gefesselt war. Mich quälte unsäglicher Durst, doch hatte ich nicht Kraft genug, um mir Wasser zu holen. Nach langer Zeit richtete ich wieder einmal meine Gedanken auf Gott, alle meine Sinne waren so eingenommen, daß ich nichts weiter ausrief als: »O Gott, sieh gnädig auf meine Not, erbarme dich meiner!« Endlich schlief ich vor Ermattung ein. Erst spät in der Nacht erwachte ich und fühlte mich um vieles besser, nur wurde ich durch heftigen Durst gequält. Da ich indes keinen Tropfen Wasser in meiner Wohnung hatte, so mußte ich auf dieses Labsal verzichten und schlief endlich wieder ein.
Während dieses zweiten Schlafes hatte ich einen fürchterlichen Traum. Mir war es, als säße ich außerhalb der Umzäunung auf dem Boden an der Stelle, wo ich dem Ausgange des Erdbebens entgegensah. Da stieg aus einer großen grauschwarzen Wolke ein Riese herunter, den leuchtende, mich brennende Flammen umgaben. Lange schlängelnde Blitze durchzuckten die Luft, und als seine Füße den Erdboden berührten, erbebte die Erde in ihren innersten Grundfesten. Er schwang einen langen Speer, den er in der Hand trug, gegen mich und sprach mit drohender Donnerstimme: »Da so viele Warnungen dich nicht zur Reue erweckt haben, so stirb jetzt, Elender, von meiner Lanze durchbohrt!«
Robinson, von Reue erfüllt.
Bei diesen Worten schreckte ich aus meinem Traume auf, und noch lange Zeit nach meinem Erwachen konnte ich mich kaum überzeugen, daß alles nur ein Traum gewesen sei.
Leider hatten die Worte dieser nächtlichen Erscheinung nur Wahrheit ausgesprochen, denn ich war ein gefühlloser Mensch, der eigentlich gar keine Gottesfurcht empfand. Die guten Lehren meines Vaters waren längst während der acht Jahre vergessen, in denen ich fast nur mit gottlosen Leuten verkehrt hatte. Niemals hatte ich daran gedacht, das Mißgeschick, das mich in so vielfachen Gestalten traf, als eine gerechte Strafe des Himmels anzusehen. Solange ich in Afrika als Gefangener lebte, hatte ich mich kaum ein einziges Mal an Gott um Beistand gewendet, auch dann nicht, als ich mit Xury den gefahrvollen Fluchtversuch ausführte. Als ich hierauf von dem portugiesischen Kapitän aufgenommen ward, regte sich kein Gefühl der Dankbarkeit für eine so wunderbare Rettung. Ja, als ich später nackt und hilflos auf dieses Eiland geworfen wurde, fühlte ich nicht einmal Reue über die Verhärtung meines Gewissens, sondern hatte nur Klagen darüber, daß ich zu nichts als zum Unglück auf der Erde bestimmt sei.
Zwar regten sich damals, als ich mich gerettet aus Sturmesfluten und wohlbehalten auf der Insel wiederfand, Gefühle in mir, die einem Danke für Gottes Güte gleichen mochten; allein sie endeten nur als Äußerungen der Freude, Gefühle des wechselnden Augenblicks. Ich dachte nur daran, mich gegen den Hunger zu schützen, und trug lediglich Sorge für meinen Unterhalt und um meine Verteidigung.
Nur vorübergehend hatte die Entdeckung des aufsprossenden Getreides mein Gemüt dankbar gestimmt; ebenso vorübergehend nur war ich durch die Furchtbarkeit des Erdbebens an Gottes Allmacht gemahnt worden. Erst die Heftigkeit des Fiebers, die ganze Hilflosigkeit meiner Lage preßten mir Thränen aus und riefen die Stimme meines Gewissens wach. »Jetzt«, sagte ich mir, »jetzt ist die Prophezeiung deines Vaters in Erfüllung gegangen; niemand ist um mich, der mir Trost und Beistand gewähren könnte. O meine guten Eltern, hätte ich doch eure Ermahnungen beachtet und der Heimat nicht lebewohl gesagt. O Gott, bei dem da ist alle Kraft und alle Barmherzigkeit, verlaß mich nicht, denn mein Elend ist groß!«
So betete ich nach langer Zeit inbrünstig zum erstenmal. Nachher ließ der Fieberanfall nach, obgleich der Traum der vergangenen Nacht noch lange einen großen Schreck in mir zurückließ.