Ein Viertelstündchen der Erholung benutzte ich dazu, um eine Flasche mit Wasser sowie etwas Rum vor mein Lager zu stellen; auch röstete ich auf Kohlen ein Stück Ziegenfleisch, doch wollte es mir noch nicht recht munden.

Hierauf unternahm ich einen Spaziergang ins Freie, konnte aber wegen Ermattung nur eine kleine Strecke zurücklegen. Auf einem Felsenstück ließ ich mich nieder, von welchem das Auge weit über den jetzt ruhigen Spiegel des Meeres schweifen konnte. Da tauchten Gedanken in mir auf: »Wer ist es, der alle diese Dinge, Meer, Himmel und Erde, geschaffen hat? Und wer erhält und lenkt sie unwandelbar? Ist es nicht Gott, der alles weiß und sieht? Ja, er sieht auch mich. Durch seinen Willen, ohne den nichts geschieht, lebe ich auf diesem Eiland; ich ergebe mich in seine Fügung, der Herr wird es wohl machen!«

Diese Betrachtungen flößten mir Trost ein, und ich kehrte nachdenkend in meine Wohnstätte zurück. Noch vor derselben fiel mein Blick auf die von der Sonne goldig gebräunten Ähren, welche jetzt harte Körner trugen. Ich pflückte die Stengel, nahm sorgfältig die Frucht aus den Rispen und bewahrte sie für die kommende Säezeit auf.

Dieser Ausgang hatte mich mehr angegriffen als ich gedacht, und es überkam mich die Furcht, aufs neue vom Fieber geschüttelt zu werden. Da fiel mir ein, daß die Brasilianer fast alle ihre Krankheiten mit Tabak kurieren. Sofort ging ich nach dem Keller, wo ich einen ziemlichen Vorrat in einer Kiste aufbewahrte. Gott selbst mußte mir diesen Gedanken eingegeben haben; denn neben dem Tabak fand ich auch jene drei Bibeln, die mir von England nach Brasilien geschickt waren. Welch ein kostbarer Fund!

Wie aber sollte ich den Tabak gebrauchen? Ich wußte es nicht und versuchte es daher auf verschiedene Weise. Zuerst kaute ich ein Stückchen von dem Blatte; dann ließ ich ein andres zwei Stunden lang in Rum liegen, um davon zu trinken, und als dritte Heilmethode verbrannte ich ein Blatt auf Kohlen und hielt die Nase darüber, um den beißenden Dampf in vollen Zügen einzuatmen. Die Pausen, welche zwischen diesen drei Bereitungen lagen, suchte ich durch Lesen in der Bibel auszufüllen; allein die Betäubung durch meine etwas sonderbare Medizin ließ mich nur eine Stelle erkennen, auf welche meine Augen zuerst gefallen waren: »Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen!« Diese Worte, so ganz auf meine gegenwärtige Lage passend, machten einen überwältigenden Eindruck auf mich. O wie sehnte ich mich jetzt nach der Heimat zurück, aber lange, lange Jahre sollten noch vergehen, ehe sich dieser Wunsch verwirklichte.

Der Genuß des durch Tabak gebeizten Rums versetzte mich in einen Zustand ungewöhnlicher Betäubung; ich verfiel bald in einen so tiefen Schlaf, daß ich erst am andern Tage nachmittags erwachte. Ja, ich mußte sogar glauben, daß ich noch einen ganzen Tag verschlafen habe, denn es fehlte mir in der Folge ein voller Tag in meiner Zeitrechnung. Indessen fühlte ich mich merklich wohler, und es stellte sich auch wieder ein tüchtiger Hunger ein. Ich bereitete mir daher eine kräftige Suppe von saftreichem Schildkrötenfleisch und genas von dieser Zeit an täglich mehr, obgleich ich am 2. Juli noch einmal zu meiner Arznei, einer Dosis Tabak, greifen mußte.

So fand ich denn auf seltsame Weise die erwünschte Besserung – durch ein Mittel, für dessen ganz unfehlbare Heilkraft ich nicht immer einstehen möchte. Obwohl ich noch schwach und abgemagert war, so versäumte ich doch nicht, mit meinem stets geladenen Gewehr kleine Ausflüge in mein »Königreich« zu unternehmen. Einmal stieß ich hierbei auf herrlich grüne Wiesengründe, die ich vorher noch nicht bemerkt hatte. Ich fand daselbst Tabakspflanzen mit langen, starken Stengeln, eine Gattung Aloe und Zuckerrohr. Hernach kam ich in einen waldigen Grund, wo ich mancherlei eßbare Früchte traf, namentlich saftige Melonen am Boden liegend, und eine Art wildwachsender Weintrauben, welche in vollster Reife aus Rebenlaub hervorschauten, das sich von Baum zu Baum üppig weiterrankte. Diese Trauben sammelte ich, um sie an der Sonne zu trocknen; denn ich mochte die Frucht nicht in frischem Zustande genießen, da ich mich erinnerte, daß mehrere englische Sklaven, die zu viel davon genossen hatten, während meines Aufenthalts in der Berberei an der Brechruhr gestorben waren.

Meine Entdeckungsreise hatte mich so sehr in Anspruch genommen, daß mich der Abend überraschte, ehe ich es gemerkt hatte. Auch fühlte ich mich zu abgespannt, um wieder nach meiner Burg zurückkehren zu können. So schlief ich zum erstenmal außerhalb meiner Wohnung. Wie am Tage meiner Landung auf der Insel, kletterte ich auch heute auf einen Baum und brachte hier die Nacht unversehrt zu. Am andern Morgen setzte ich meinen Weg weiter fort und behielt immer die Richtung nach Norden im Auge, da meine Aussicht zu beiden Seiten durch einige Hügelreihen begrenzt war.

Am Ende meines Marsches breitete sich ein offenes Gefilde aus, das von einem nach Osten verlaufenden Bache durchschlängelt wurde. Eine reizende Gegend in grünem Wiesenschmuck, gleich einem Teppich von tausend und abertausend bunten Blumensternen durchwirkt. Palmen streckten ihre Kronen empor; Orangen-, Zitronen- und Limonenbäume luden mich ein, ihre Früchte zu pflücken. Schwer beladen mit köstlichen Früchten schied ich von dem paradiesischen Garten, um meiner länger als sonst verlassenen Hütte zuzueilen.