Wieder war der 30. September gekommen, und wieder hatte ich unter inbrünstigem Gebet den Jahrestag meiner Strandung begangen. Zwei Jahre lebte ich nun schon auf dem Eilande als dessen alleiniger Bewohner, mein eigner König und mein einziger Unterthan; – zwei Jahre reich an Prüfungen und Erfahrungen! Und doch hatte sich mir nicht einmal ein Strahl von Hoffnung gezeigt, diese einsame Insel verlassen zu können. Indessen dankte ich Gott für die unendliche Güte, mit welcher er mein armseliges Dasein fristete und meine Einsamkeit mir erträglich erscheinen ließ.

Wenn ich in der ersten Zeit meines Verlassenseins hinausstreifte auf die Ebenen und Berge, sei es, um ein Tier auf der Jagd zu erlegen, oder sei es, um auf Entdeckungen auszugehen, da begleitete mich der stete Gedanke an mein Unglück und meine oft trostarme Lage. Ich kam mir vor wie ein Gefangener, der, eingeschlossen durch die endlosen Riegel und riesigen Schlösser des Ozeans, in einer Wüstenei, ohne Hoffnung auf Befreiung, ein erbärmliches Dasein fristet, und aufgelöst in Schmerz und Betrübnis rang ich die Hände und weinte bitterlich.

Jetzt war es anders! Neue Gedanken, geschöpft aus der Heiligen Schrift, dem Buche der Bücher, gaben meinem Geiste eine heilsame Richtung, und ich gewann meine ganze Seelenstärke wieder, wenn meine Augen auf die Worte des Trostes fielen. Ich fand Beruhigung in dem Gedanken, daß ich in meinem gegenwärtigen Zustande der Vereinsamung glücklicher sein könnte, als ich es vielleicht in irgend einer andern Lebensstellung geworden wäre. Ich dankte dann Gott dafür, daß er mich auf dieses Eiland geführt hatte. Dann wieder schien mir jener Gedanke zu weitgehend. »Solltest du wirklich so zwiespältig im Gemüte sein«, sagte ich zu mir selbst, »Gott für die Versetzung in eine Lage zu danken, aus welcher erlöst zu werden ein verzeihlicher und natürlicher Wunsch ist?« Jedenfalls dankte ich Gott doch innig dafür, daß ich jetzt endlich zur Selbsterkenntnis hinsichtlich der begangenen Fehler gelangt war.

Nun trat ich in das dritte Jahr meines Insellebens. In meine täglichen Beschäftigungen hatte ich eine gewisse Regelmäßigkeit gebracht. Zunächst verwandte ich auf die Erfüllung meiner religiösen Pflichten, insbesondere auf das Lesen in der Bibel täglich eine bestimmte Zeit; dann jagte ich, wenn das Wetter schön war, ungefähr drei Stunden des Morgens. Kam ich nach Hause zurück, so hatte ich die mitgebrachten Lebensmittel wohl aufzubewahren oder zuzubereiten. Die Hitze während der mittleren Tageszeit gestattete keinen Ausflug, und ich überließ mich dann gewöhnlich der Ruhe. Manchmal arbeitete ich auch des Morgens und ging des Abends auf die Jagd.

Ende November war herangekommen, und ich konnte bereits meiner Gersten- und Reisernte entgegensehen. Aber wie groß war mein Schrecken, als ich bei einer Besichtigung meines kleinen Ackerfeldes gewahr wurde, daß die Ziegen alle jungen saftigen Halme abgefressen hatten. Es galt nun, schleunigst weiteren Verwüstungen vorzubeugen. Ich umgab mein Zelt mit einer dichten Umzäunung, worüber ich nahe an drei Wochen zubrachte. Ferner schoß ich auf die Tiere, welche sich am Tage heranwagten, und ließ während der Nacht meinen Hund Wache halten, so daß sich endlich die abgeschreckten Eindringlinge fern hielten.

Gleichwie die behaarten Vierfüßler sich zu den kräftig emporsprossenden Halmen hingezogen fühlten, hatten es die gefiederten Zweifüßler auf die Körner abgesehen. Als ich eines Tages nach dem Stande meiner Feldfrüchte sah, wimmelte die ganze Umgebung von zahlreichen verschiedenartigen Vögeln. Ich schoß unter den dicksten Haufen, und sofort erhob sich mit wirrem Schreien mitten aus dem Kornfeld eine wahre Wolke von Vögeln, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte.

Meine Ernteaussichten schienen nach solchen Betrachtungen trostloser Natur zu sein; doch durfte ich um keinen Preis den Rest meines Getreides der Vernichtung überlassen.

Während ich nun neben meinem Felde stand und die Flinte von neuem lud, saßen die durch meinen ersten Schuß aufgescheuchten Vögel auf den nächsten Bäumen und schienen nur auf meine Entfernung zu harren. Als ich mich etwas entfernte, fielen die gefräßigen Tiere von neuem über die Körner her. Ihre für mich so verderbliche Eilfertigkeit versetzte mich derart in einen unverständigen Zorn, daß ich nicht einmal wartete, bis alle herangekommen sein würden, sondern sogleich unter die ersten schoß, wodurch drei der kleinen Räuber getötet wurden. Dann vollführte ich an ihnen eine Art Strafgericht; gleichwie man anderwärts die Diebe aufhängt, so hing ich auch die Vögel auf, damit sie ihren lüsternen Genossen als warnendes Beispiel dienten.

Die Wirkung war auffallend: keines der Tiere wagte sich mehr auf mein Feld, ja sie verließen sogar allesamt jenen Teil der Insel, auf dem es ihnen nicht mehr geheuer zu sein schien. Nach diesem Säuberungszug hatte ich die Freude, gegen das Ende des Dezember, zur Zeit der zweiten Reife, mein Korn einernten zu können. Ich sammelte die abgemähten Ähren in einen großen Korb und körnte sie einzeln mit den Händen aus. Das Liter Samen hatte mir nach oberflächlicher Schätzung zwei Scheffel Reis sowie einen halben Scheffel Gerste eingetragen, und ich beschloß, den ganzen Ertrag an Körnern für die nächste Aussaat aufzubewahren. Inzwischen versuchte ich, zur passenden Umgrabung des Ackerbodens mir einen Spaten zu fertigen, was mich eine ganze Woche Zeit kostete. Ein besonderes Meisterwerk war mir mit diesem Spaten allerdings nicht gelungen, denn er wurde mir vermöge seiner Schwerfälligkeit oft recht unbequem; indes empfand ich doch ein Gefühl der Befriedigung darüber, daß sich meine Einrichtungen abermals um einen Schritt weiter vervollkommnet hatten. Die Getreidekörner wurden auf den geräumigen Feldern ganz nahe an meiner Wohnung in die Erde gebracht, wobei ich für den Reis die feuchteste Stelle aussuchte, da, wie ich bemerkt hatte, derselbe nur auf nassem Boden eine einträgliche Ernte versprach.

Ich umzäunte die Felder mit einem starken Gehege und durfte nun hoffen, am Ende des Jahres eine grüne und schattige Hecke zu haben, welche nur hier und da einmal ausgeputzt zu werden brauchte.