Jetzt gedachte ich meiner einsamen und verlassenen Insel, die mir nun wie ein behaglicher und reizender Ort erschien. »Glückliche Einöde!« klagte ich, »werde ich dich jemals wiedersehen? Nie wollte ich dich wieder verlassen!« So erkannte ich, als mir meine Besitzung schon verloren schien, erst ihren vollen Wert. Ich ruderte aus allen Kräften und blieb möglichst in derselben Richtung, in welcher die Strömung die Sandbank treffen konnte. Plötzlich erhob sich ein leichter Süd-Süd-Ostwind, der sich nach einer halben Stunde zu einer frischen Brise verwandelte. Das Wetter zeigte sich günstig; ich sah nach meinem Mast, ob er auch noch feststehe, breitete meine Segel aus und suchte mich aus der Strömung zu bugsieren. Bald bemerkte ich, daß der Strom nicht mehr so trübe und heftig war und sich an Felsenklippen brach, so daß der Hauptstrich dieselben nordöstlich liegen ließ und selbst nach Süden lief. Der andre Arm hingegen, von der Klippe abprallend, strömte nach Nordost. Mit Hilfe dieser Brechung und vom Winde unterstützt, segelte ich eine Zeitlang fort, bis ich bemerkte, daß mich die Strömung zu weit nach Norden und von der Insel ablenken würde. Nun befand ich mich zwischen zwei großen Flutarmen: dem des Südens, der mich zuerst mit fortgerissen hatte, und dem des Nordens, welcher auf der andern Seite der Insel die Strecke von etwa einer Meile beherrschte. Ich bot daher meine ganze Kraft auf, um mich etwas westlich zu halten und mein Fahrzeug in stilleres Wasser zu bringen. Es gelang mir, und etwa gegen 5 Uhr nachmittags kam ich, durch den Wind begünstigt, auf meiner Insel wieder an.
Sobald ich unter meinen Füßen wieder Land fühlte, lieh ich den Gefühlen meines dankbaren Herzens in einem Gebet zu Gott Worte und gelobte mir feierlich, auf jeden weiteren Versuch einer Meerfahrt zu verzichten und mich nicht mehr auf die offene See zu wagen. Nachdem ich mich erholt und durch eine kleine Mahlzeit gestärkt hatte, legte ich mich im Schatten der Bäume nieder und schlief bald ein. Am andern Tage überlegte ich, wie ich die Rückreise zu meiner Behausung antreten sollte. Ich entschloß mich, an der Küste hin gegen Westen zu steuern, um ein sicheres Asyl für mein Boot zu finden. Bald entdeckte ich einige Meilen weiter einen Kanal, der weit in das Land einmündete, immer schmäler wurde und in einen kleinen Fluß auslief.
Hier ließ ich mein Fahrzeug zurück und beschloß, den Rückweg zu Fuß zurückzulegen, nahm auch von dem ganzen Gepäck nur mein Gewehr und meinen Sonnenschirm mit. Wohlbehalten kam ich gegen Abend auf meinem Landsitze wieder an und fand daselbst alles noch, wie ich es verlassen hatte. Flugs überstieg ich den Zaun, legte mich im Schatten nieder und schlief, von der Hitze und dem weiten Wege ermüdet, auch bald ein. Ich mochte etwa eine Stunde geschlafen haben, als ich durch eine Stimme erweckt wurde, die mehrmals rief: »Robin, Robin, Robin Crusoe! Wo bist du? Robin Crusoe, wo bist du? Wo bist du?«
Glückliche Rückkehr nach verunglückter Seefahrt.
Es war mein lieber Poll, der, auf einem Zaune sitzend, die Worte sprach, die ich ihn mit vieler Mühe gelehrt hatte, wenn der Kummer über meine Verlassenheit mich anwandelte. Ich wußte mir nicht zu erklären, wie das Tier hierher gekommen war; dasselbe setzte sein Geschwätz und seine Schmeicheleien fort, als wäre es glücklich, mich wieder zu haben. Natürlich nahm ich den Schwätzer ohne Verzug mit mir. – Gern hätte ich mir den Besitz des Fahrzeuges gesichert, aber ich fand kein Mittel, diesen Wunsch zu verwirklichen; auch fühlte ich geringe Neigung, mich noch einmal den überstandenen Gefahren auszusetzen.
In ruhiger Stimmung des Gemütes und ohne besondere Wandlungen in meinen Verhältnissen verbrachte ich fortan einige weitere Jahre. Ich hatte mich mit meiner Lage ausgesöhnt, so daß ich mich auch ohne menschliche Gesellschaft leidlich glücklich fühlte. Während dieser Zeit vervollkommnete ich mich in vielen Handfertigkeiten, die ich in meiner Lage glaubte besitzen zu müssen. Es gelangen meine Zimmermannsarbeiten, trotz der mangelhaften Werkzeuge, immer mehr nach Wunsch; auch die Gerätschaften, die aus meiner Töpferwerkstatt hervorgingen, zeigten nicht mehr die frühere Unförmigkeit, selbst die Korbflechterei nahm unter meinen fleißigen Händen einen immer höheren Aufschwung.
Der ernsthafteste Mensch hätte sich eines Lächelns nicht enthalten können, hätte er mich im Kreise meiner Familie gesehen. Vor allem würde er meine eigne, absonderlich aufgeputzte Person bewundert haben, mich, den König der Insel, den unumschränkten Herrn über Leben und Tod aller ihrer Bewohner. Mit königlicher Würde hielt ich Tafel und speiste in Gegenwart meines gesamten Hofstaates. Poll, mein Günstling, genoß allein das Vorrecht, mit mir zu sprechen, und machte davon häufigen Gebrauch, wobei er sich nicht selten auf meine Schulter stellte. Mein Hund, der alt und gebrechlich geworden war, behauptete stets, wie ein alter erprobter Diener, den Platz zu meiner Rechten. Zwei Katzen warteten zu beiden Seiten des Tisches wie ein paar Hofschranzen auf ein Zeichen meiner Huld und schnappten begierig die Brocken auf, die ich ihnen zuwarf. Diese zwei Tierchen mit den Samtpfötchen waren aber nicht diejenigen, welche ich vom Schiffe mitgebracht hatte, denn diese hatte ich längst mit eigner Hand in der Nähe meiner Wohnung zur Erde bestattet. Die jüngeren Katzen, die mich jetzt umgaben, waren die Nachkommen der ersteren. Dieses Geschlecht hatte sich in solchem Grade vermehrt, daß es endlich eine wahre Geißel für mich wurde; die Tiere plünderten und hausten in meiner Wohnung schonungslos. So sah ich mich endlich genötigt, gegen sie energisch einzuschreiten und die Mehrzahl von ihnen aus der Welt zu schaffen.
Während der langen Zeit meines Aufenthalts war mein Pulver so sehr auf die Neige gegangen, daß ich ernstlich daran denken mußte, das für mich so wertvolle Gut zu ersetzen. Wie sollte ich Ziegen und Vögel schießen? Wie konnte ich mich im Falle eines Angriffs verteidigen? Bis auf die äußerste Not durfte ich es nicht ankommen lassen, deshalb ging ich darauf aus, Ziegen zu fangen, um meinen letzten Vorrat an Pulver zu schonen. Besonders gern hätte ich eine Mutter mit ihren Jungen gehascht, und es mochten sich vielleicht auch schon einige gefangen haben, aber die Netzstricke waren nicht stark genug, und wenn ich eine Beute zu haben glaubte, fand ich die Schlingen zerrissen. Endlich versuchte ich es mit Fallgruben und machte an jenen Plätzen, wo die Ziegen zu weiden pflegten, tiefe Löcher, legte über diese Gruben ein Flechtwerk von dünnen Ruten, streute Erde darauf und auf diese wiederum Reis und Gerste. An der Spur der Ziegen bemerkte ich, daß diese die Körner gefressen hatten, und als ich am andern Morgen erwartungsvoll meine Fangmaschinen besichtigte, sah ich in der That sämtliches Getreide abgefressen – aber keine Ziege gefangen. Nach einigen weiteren mißlungenen Versuchen hatte ich endlich doch eines Morgens die Freude, in einer der Gruben einen großen, feisten Bock, sowie in einer andern drei junge und zwei ältere Ziegen und einen Bock gefangen zu erblicken. Der letztere, ein alter Bursche, war so wild, daß ich mich nicht an ihn herangetraute, und ihn zu töten konnte nicht in meiner Absicht liegen, da sein zähes Fleisch für meinen Gaumen durchaus nicht verlockend schien. Ich gab ihm daher ohne langes Besinnen die Freiheit, und er floh in weiten Sätzen davon.
Damals dachte ich freilich noch nicht daran, daß der Hunger selbst einen Löwen zähmen kann; hätte ich den Bock nur drei bis vier Tage hungern lassen, ihm dann Wasser und grünes Futter gegeben, so würde er gewiß zahm geworden sein wie ein Lamm. Meine Zicklein nahm ich eines nach dem andern aus der Grube, band sie mit Stricken aneinander und trieb sie nach Hause. Anfangs wollten sie durchaus nicht fressen; als ich sie jedoch ein paar Tage hatte hungern lassen und ihnen dann saftige Kräuter vorhielt, ließen sie sich zum Fressen verlocken und wurden in kurzer Zeit zahm.