Es war am 16. Mai des 24. Jahres meiner Herrschaft als Inselkönig, als ein heftiger Sturm, begleitet von fast ununterbrochenen Blitzen und Donnerschlägen, einen ganzen Tag sowie den größten Teil der Nacht hindurch tobte. Ernste Gedanken über meine gegenwärtige Lage beschäftigten mich. Eben hatte ich gegen Abend meine Trösterin, die Bibel, zur Hand genommen, um aus diesem ewig quellenden Born neue Zuversicht zu schöpfen, da schreckte mich plötzlich ein dumpfer Knall, wie von einer Kanone, aus meiner Andacht auf.

Eine Bestürzung ganz eigner Art rief die verschiedensten Gefühle in meiner Seele wach. Eiligst kletterte ich über die Fenz und stieg auf meine Warte hinauf. Gerade in dem Augenblicke, als ich den Gipfel erreichte und nach der tobenden See schaute, verkündigte von dort her ein Blitz einen zweiten Schuß, dessen Knall auch nach mehreren Sekunden mein Ohr erreichte. Er kam von jener östlichen Strömung her, in die ich früher selbst einmal mit meinem Kanoe geraten war. Ich vermutete sofort, daß der dumpfe Knall von einem in Not geratenen Schiffe herrühre, welches einem andern in seiner Nähe dahinsegelnden durch Signale von seiner gefährlichen Lage Kenntnis geben wollte. Wiewohl ich den in Not Geratenen doch keine Hilfe zu bringen vermochte, so konnten sie vielleicht mir helfen. Ich trug daher so viel trockenes Holz, als sich in der Eile zusammenraffen ließ, auf der Warte zusammen, schichtete es in einen hohen Haufen und zündete es an, obgleich der Wind heftig wehte. Bald schlug die Lohe hoch empor, und sicherlich wurde sie von den auf dem brandenden Meere Befindlichen gesehen, denn das Fahrzeug feuerte kurz hintereinander mehrere Kanonenschüsse ab. Während der ganzen Nacht blieb ich auf meinem Posten und unterhielt den Brand durch immer neu hinzugetragenen Zündstoff; von Zeit zu Zeit drang der dumpfe, unheimliche Knall der Notsignale durch Sturm und Nacht an mein Ohr, bis endlich alles verstummte.

Der Morgen brach hell und freundlich an; der Sturm hatte ausgerast. Ich lugte mit meinem Fernrohr gegen Ost und gewahrte in ziemlicher Entfernung von der Insel einen nur undeutlich erkennbaren Gegenstand; aber nach meiner Überzeugung mußte es ein Schiff oder Wrack sein. Da ich nun auch den Tag über, wie man sich leicht denken kann, mit gespanntester Aufmerksamkeit nach diesem Punkt hinsah, derselbe aber sich nicht von der Stelle rührte, so schloß ich daraus, daß ich wohl ein gestrandetes Schiff vor mir habe. Um hierüber klar zu werden, nahm ich mein Gewehr samt Pistolen und eilte nach dem südlichen Teile der Küste und der Felsen, gegen welche mich einst die Strömung getragen hatte. Dort angekommen, sah ich deutlich bei vollkommen klarem Himmel Bug und Masten eines dem Untergang verfallenen Schiffes, genau an derselben Stelle, an welcher einst auch unser Fahrzeug ein gleiches Schicksal ereilte. Dieselben Riffe waren es, welche durch die bewirkte Gegenströmung meine Rettung aus der verzweifeltsten Lage bei Umsegelung der Insel herbeiführten.

So wird das, was dem einen Rettung bringen kann, oft Ursache zum Verderben des andern.

Das gestrandete Schiff brachte mich auf allerhand Betrachtungen. Besonders fiel mir auf, daß von der ganzen Mannschaft auch nicht ein einziger zu sehen war. Ich dachte, daß die Leute bei nächtlicher Dunkelheit die Küste der Insel nicht bemerkt hatten, sonst möchten sie sich gewiß beeilt haben, mit ihrem Ruderboote anzulegen. Dem widersprach jedoch das Signalisieren mit den Kanonen, denn ohne Zweifel hatten sie mein Feuer auf der Bergesspitze wahrgenommen und mußten demnach Land in der Nähe vermuten. Möglich war es auch, daß sie in ihre Schaluppe gestiegen, aber von dem Strome, der mich vormals in Gefahr gebracht hatte, gepackt und weit hinaus in die hohe See geworfen worden waren, wo sie sicherlich dem Verderben verfielen. Kaum vermag ich die Worte zu finden, um das Gefühl auszudrücken, welches sich meiner beim Anblick der Schiffstrümmer bemächtigte. »Ach!« rief ich aus, »wenn sich doch nur einer oder zwei von den Verunglückten gerettet hätten, Gefährten, mit denen ich umgehen, Wesen meiner Art, an die ich ein Wort richten könnte!« Während meines langen Aufenthaltes auf der Insel trat meine Sehnsucht nach Umgang mit den Menschen nie so heftig zu Tage, überwältigte mich der Schmerz über meine Vereinsamung nie so bitterlich.

Plötzlich stieg in mir der Gedanke auf: Wie? wenn ich eine Bootfahrt nach dem Wrack wagte? Vielleicht konnte ja noch ein Menschenleben zu retten sein, und selbst im Falle, daß ich mit meiner Hilfe zu spät käme, konnte ich doch sicherlich hunderterlei nützliche Dinge auf dem Schiffe erlangen. Die Begierde, nach dem Wrack zu segeln, ward so heftig, daß ich es für eine Eingebung, einen Befehl des Himmels hielt und nicht länger anstand, an die Ausführung des Unternehmens zu gehen.

Ich eilte nach meiner Burg, nahm einen tüchtigen Vorrat Brot, einen Topf mit Trinkwasser, eine Flasche Rum, einen Korb Rosinen sowie einen Kompaß mit. So beladen schritt ich zu meinem Kahne, schöpfte das Wasser, welches sich darin angesammelt hatte, aus und machte ihn flott. Hierauf legte ich alles ordnungsmäßig hinein und kehrte nach Hause zurück, um eine zweite Ladung herbeizuschaffen. Diesmal nahm ich einen großen Sack voll Reis mit, einen zweiten Topf frischen Wassers, etwa zwei Dutzend Brote und Kuchen, eine Flasche Ziegenmilch und einen Käse samt meinem unentbehrlichen Sonnenschirm. Im Schweiße meines Angesichts brachte ich dieses Rüstzeug ins Boot und, indem ich Gott um Schutz anflehte, stieß ich vom Strande ab. Ich steuerte längs der Küste hin, bis ich die Spitze der Sandbank am nordöstlichen Ende der Insel vor mir sah. Nun galt es, von hier aus mich auf die offene See zu wagen. Ein Blick auf die reißende Strömung, die auf beiden Küsten der Insel sich in gewisser Entfernung bemerkbar machte, erinnerte mich an die Gefahren, die ich vor Jahren hier bestanden hatte. Der Gedanke, ich könne durch eine dieser Strömungen auch heute mit fortgerissen werden und die Küste gänzlich aus dem Gesicht verlieren, entmutigte mich dermaßen, daß ich, unschlüssig geworden, an das Land sprang und mein Boot in einer kleinen Bucht befestigte. Ich setzte mich auf einen kleinen Hügel nieder, und zwischen Furcht und Verlangen ging ich mit mir zu Rate, was das Zweckmäßigste sei.

Während dieser Betrachtungen bemerkte ich das Eintreten der Flut, ein Umstand, der meine Reise um einige Stunden verzögern mußte. Hierauf dachte ich, ob es nicht möglich sei, daß eine der Strömungen mich mit derselben Schnelligkeit dem Ufer zuführe, mit welcher mich die andre von demselben entfernt hatte. Ich stieg auf einen Hügel, von wo aus ich das Meer nach beiden Seiten genau beobachten konnte. Hier fand ich denn, daß die Strömung der Flut in der Nähe des Landes nach Norden ging, und daß ich, um meiner Rückkehr sicher zu sein, nichts weiter zu thun hatte, als mich einfach nach dieser Seite zu halten. Nun gewann ich meinen früheren Mut wieder, ging den Berg hinunter, bestieg von neuem mein Boot und lavierte anfänglich zwischen dem nördlichen Strome und der Sandbank hin und her. Dann steuerte ich nach Nordnordwest, um die Strömung zu erreichen, ließ mich von dieser nach Nordost treiben und kam nach etwa zwei Stunden glücklich bei dem Wrack an.

Das Schiff, seiner Bauart nach ein spanisches, bot einen bejammernswerten Anblick dar: ich fand es am Felsen eingeklemmt. Das Vorderteil und ein Teil des Decks waren durch die Wucht der Wogen zertrümmert, der Haupt- und der Fockmast an ihrem Fuße abgebrochen; der Bugspriet dagegen schien wohlerhalten geblieben zu sein.

Als ich an das Schiff herankam, zeigte sich auf dem Deck ein Hund, der bei meinem Anblick laut zu bellen und zu heulen anfing. Ich rief ihn; sogleich sprang er ins Wasser und schwamm meiner Barke zu, in welche ich ihm hineinhalf; das arme Tier war halb verschmachtet vor Hunger und Durst! Ich gab dem Tiere zu saufen und fütterte es mit Brot, welches der Hund mit der Gier eines Wolfes verschlang, der 14 Tage lang im Schnee gehungert hat.