Täglich unterrichtete ich nun Freitag in den Lehren unsrer Religion und weihte ihn besonders ein in das Geheimnis der Erlösung durch unsern Heiland, der sich auf Golgatha zur Beseligung der sündigen Menschheit geopfert hat. All mein Kummer kam mir jetzt leichter vor, seitdem ich einen so aufmerksamen Gesellschafter hatte. Meine Wohnung war mir teurer und angenehmer geworden; ich hielt es nicht mehr für ein Unglück, an die Küste dieser Insel verschlagen worden zu sein. Im Gegenteil, ich empfand unaussprechliche Freude, wenn ich daran dachte, ein armes Wesen, wie Freitag, zur Glückseligkeit wahrer Gotteserkenntnis geleitet zu haben.

Während des Zeitraums von drei Jahren, die wir so miteinander verlebten, fühlten wir uns vollkommen glücklich und gehoben durch den ernsten Vorsatz, fest auszuharren in dem unwandelbaren Vertrauen auf die Barmherzigkeit unsres himmlischen Vaters. Während ich meinem Gefährten die Bibel auslegte, wie mein Verstand es mich lehrte, mußte ich selbst notwendigerweise tiefer eindringen in das Studium der Heiligen Schrift, und die hunderterlei Fragen Freitags gaben mir häufig Veranlassung zum fruchtbringenden Nachdenken über unsre verschiedenen Heilslehren.

Neben den religiösen Gesprächen machte ich meinen Freund auch mit meinen früheren Lebensschicksalen bekannt, was mir oft genug Gelegenheit bot, sittliche Lehren in das empfängliche Herz des Wilden einzupflanzen. Dann erzählte ich ihm auch wohl von den Ländern Europas und dessen Völkern, schilderte ihm mein Vaterland mit seinen gewaltigen Städten, in denen eine betriebsame Bevölkerung sich geschäftig regt. Ebenso führte ich ihn in die geheimnisvollen Wirkungen von Pulver und Blei ein und brachte ihm die Elemente der edlen Weidmannskunst bei. Zuletzt überließ ich ihm ein großes Messer zum Gebrauche, worüber er eine ungemeine Freude empfand; ich versah ihn mit einem Gürtel, an welchem eine Scheide hing, ähnlich der, wie man sie in meinem Vaterlande für die Jagdmesser gebraucht, und endlich bewaffnete ich ihn mit einem kleinen Beile.

Auf einem unsrer gemeinschaftlichen Ausflüge zeigte ich ihm auch die Überreste meiner Schaluppe, die jetzt ganz und gar zerfallen war. Bei ihrem Anblick stand Freitag eine Weile nachdenklich still. Ich fragte ihn, woran er dächte, und er gab mir endlich zur Antwort:

»Ich sah ein Schiff kommen, ganz wie dieses da, zu meinem Volke.«

Ich verstand den Sinn dieser Worte nicht und forschte danach, was er meine. Da erklärte er mir denn, daß ein Boot wie das meinige in seiner Heimat durch widrige Winde an die Küste getrieben worden sei.

Ich dachte zuerst, daß in jenen Gewässern ein europäisches Schiff gestrandet und daß eine von demselben losgelöste leere Schaluppe an das Land der Kariben geraten wäre. Als aber Freitag weiter hinzusetzte: »Wir haben die weißen bärtigen Männer vom Ertrinken gerettet« – da ward meine Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt, und ich fragte ihn: »Wieviel weiße Männer haben sich in jenem Boote befunden?«

»Siebzehn Männer, Herr«, berichtete Freitag, an den Fingern zählend.