Befreiung eines Gefangenen.
Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, sah ich, was wir ausgerichtet hatten. Durch meinen Schuß war der eine getötet, der andre verwundet worden; Freitag dagegen hatte sogar zwei erlegt und drei verwundet. Der Schrecken aber, der durch den Knall unsrer Gewehre unter die Wilden fuhr, ist nicht zu beschreiben. Die Verwundeten jammerten und wälzten sich am Boden, die andern sprangen entsetzt auf und suchten zu entfliehen. In der gräßlichen Verwirrung liefen sie jedoch nur hin und her; denn sie wußten nicht, von welcher Seite ihnen das Verderben drohte. Freitag verwendete kein Auge von mir, um zu sehen, was ich weiter thun würde. Nach der ersten Salve legte ich mein Gewehr auf den Boden und ergriff die Flinte; Freitag that dasselbe. »Hahn gespannt. Angelegt. Feuer!« Wiederum rollte der Donner unsrer Gewehre über die Häupter der Wilden hinweg. Diesmal stürzten, da unsre Flinten nur mit grobem Schrot geladen waren, bloß zwei Männer zu Boden, aber es waren ihrer so viele verwundet, daß die meisten, mit Blut bedeckt und vor Schmerz heulend, wie im Wahnsinn durcheinander liefen. Bald stürzten noch drei von ihnen zu Boden, obgleich sie nicht tot waren.
»Jetzt, Freitag, mir nach!« sagte ich, nachdem ich die letzte, Freitag aber die dritte Muskete aufgenommen hatte. Mit lautem Geschrei stürzten wir aus dem Gebüsche, gerade auf die Wilden los. Der eine von den beiden, welche den Gefangenen losbinden wollten, lag tot, während der andre, verwundet, in einen Kahn gesprungen war, wohin ihm noch vier seiner Gefährten folgten.
Sogleich gebot ich Freitag, auf die Flüchtlinge zu feuern; er verstand mich sehr gut, lief ungefähr 40 Schritte weit, um die Flüchtigen aufs Korn zu nehmen, und schoß los. Er hatte seine Sache gut gemacht; denn sofort stürzten alle fünf nieder, so daß ich schon glaubte, er hätte sie sämtlich getötet; indessen sprangen zwei von ihnen wieder auf, die andern blieben regungslos liegen, entweder schwer verwundet oder getötet.
Während dies geschah, war ich zu dem Gefangenen geeilt und schnitt mit einem Messer die Bande entzwei, welche ihn an Händen und Füßen gefesselt hielten; dann half ich ihm aufstehen und fragte auf portugiesisch, wer er sei. Er antwortete mir in lateinischer Sprache: »Christianus«, war aber so entkräftet, daß er weder stehen, noch ein weiteres Wort sprechen konnte. Ich reichte ihm mein Rumfläschchen, aus dem er einen kräftigen Schluck nahm, der ihn sichtbar stärkte. Außerdem gab ich ihm auch ein Stück Brot, und er aß es mit der größten Hast. Währenddem fragte ich noch, aus welchem Lande er stamme, und erhielt zur Antwort: »Spanien«. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, gab er mir durch allerlei Zeichen zu verstehen, wie dankbar er mir sei für die Rettung aus der Hand der Kannibalen. Ich aber sprach zu ihm auf Spanisch, so gut es eben gehen wollte: »Sennor, später wollen wir uns weiter aussprechen, jetzt müssen wir kämpfen. Wenn Ihr noch irgend Kraft habt, so nehmt diese Pistole und diesen Degen und nun Gott befohlen!«
Kaum fühlte der Spanier die Waffen in seiner Hand, als er neu beseelt von Mut und Kraft erschien. Wie ein Wahnsinniger hieb er auf seine Peiniger ein und streckte im Nu zwei oder drei derselben zu Boden. Die Wilden waren durch die Wirkung unsrer Feuerwaffen und den ungestümen Überfall so überrascht, daß die meisten von ihnen wie gelähmt niederstürzten und ebensowenig zu fliehen als unserm Angriffe zu widerstehen vermochten.
Ich hielt mein Gewehr schußfertig, ohne jedoch abzuschießen, um nicht ganz verteidigungslos zu sein, da ich dem Spanier Degen und Pistole gegeben hatte. Dann rief ich Freitag herbei und gebot ihm, die abgeschossenen Gewehre, die wir zurückgelassen hatten, herbeizuholen, was mit unglaublicher Schnelligkeit geschah. Wir luden sogleich unsre Gewehre; ich übergab Freitag eine Muskete und sagte ihm, er solle weitere Waffen herbeischaffen, wenn man deren bedürfe. Unterdessen fand ein fürchterlicher Kampf zwischen dem Spanier und einem Wilden statt, der mit einem eisenharten hölzernen Schwerte auf ihn einhieb. Allein jener, ebenso kühn und tapfer, widerstand trotz seiner Schwäche lange Zeit den Angriffen des Indianers, ja er hatte ihm sogar zwei Wunden am Kopfe beigebracht. Der Wilde jedoch, ein Mensch von hohem Wuchse, hatte jetzt seinen Gegner gepackt, zu Boden geworfen und suchte ihm nun den Degen zu entwinden. Der Spanier ließ die Waffe fahren, riß die Pistole aus dem Gürtel und jagte seinem Feinde eine Kugel durch die Brust, die ihn sofort tötete.
Freitag blieb seinerseits auch nicht unthätig: er verfolgte die Flüchtlinge, ohne eine andre Waffe als sein Beil, und machte denen, die er im Laufe einholte oder die verwundet auf der Erde umherlagen, den Garaus. Der Spanier bat mich jetzt um ein Gewehr, und ich überließ ihm gern eine meiner beiden Jagdflinten. Er verfolgte damit zwei Wilde und verwundete sie beide; da er sie aber nicht einzuholen vermochte, so entkamen sie nach dem Walde. Hier aber trafen sie auf Freitag, der sogleich den einen von ihnen niederstreckte; der andre, wiewohl verwundet, lief nach dem Strande, warf sich ins Meer und schwamm dem Kanoe nach, in welchem sich ein Toter und ein Verwundeter befanden, während drei noch Lebende das Weite zu gewinnen suchten. Es waren 17 Wilde teils getötet, teils so schwer verwundet worden, daß sie an ihren Wunden sterben mußten; nur vier waren in ihrem Kahne entkommen, einer derselben aber dem Anscheine nach auch schwer blessiert.
Die in dem Kanoe Flüchtenden ruderten mit aller Anstrengung, um aus dem Bereiche unsrer Kugeln zu kommen, und obgleich Freitag noch zwei- oder dreimal nach ihnen feuerte, so schien doch keiner getroffen zu sein. Freitag zeigte sich so kampfbegierig, daß er eins ihrer Boote nehmen wollte, um die Wilden zu verfolgen, und in der That schien mir dieser Gedanke beachtenswert. Denn gelang es auch nur einem zu entrinnen, der die Nachricht von der Niederlage zu seinem Stamm brachte, so konnte ich mich sicherlich auf einen baldigen Besuch von Hunderten gefaßt machen, die uns durch ihre Überzahl erdrückt hätten. Ich eilte also mit Freitag nach dem Strande hinab und sprang in eine Barke. Aber wie erstaunte ich, als ich hier noch einen an Händen und Füßen gefesselten Wilden erblickte, der vor Angst halb tot war!