Sogleich zerschnitt ich seine Fesseln und suchte den armen Menschen emporzurichten; allein er konnte weder stehen noch sprechen, sondern stöhnte nur auf eine ganz erbärmliche Weise, weil er wahrscheinlich glaubte, er solle nun getötet werden. Ich gab Freitag mein Rumfläschchen, um den Armen durch einen Schluck zu stärken, und trug ihm zugleich auf, dem Wilden seine Befreiung zu verkündigen. Der Trunk und noch mehr die frohe Botschaft belebten den Armen so, daß er sich in der Barke aufrecht zu setzen vermochte. Als ihm aber Freitag aufmerksamer ins Gesicht sah, wurde dieser wie umgewandelt. Er umarmte den Geretteten, küßte ihn und drückte ihn stürmisch an die Brust; dann lachte er, jauchzte vor Freuden, sprang, tanzte, sang, gebärdete sich wie ein Unsinniger, weinte und rang die Hände. Lange währte es, ehe auch nur ein einziges vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen war: endlich, als er wieder ein wenig zu sich selbst kam, sagte er zu mir, der Gerettete sei sein Vater.
Es läßt sich nicht mit Worten das Entzücken des guten Freitag beim Anblick seines Vaters und dessen unerwarteter Errettung schildern; zwanzigmal sprang er aus dem Kahne und wieder hinein; dann setzte er sich an die Seite seines Vaters und öffnete sein Kleid, um den Kopf desselben an seine Brust zu drücken und ihn zu erwärmen; dann nahm er wieder seine Arme, seine Beine, welche durch das harte Zuschnüren der Bande steif und geschwollen waren, und rieb sie mit seinen Händen. Ich gab ihm nun etwas Rum, um die abgestorbenen Glieder des alten Mannes zu waschen, was demselben augenscheinlich sehr wohl that.
Freitag war so sehr mit seinem Vater beschäftigt, daß ich es nicht über mich gewinnen konnte, ihn von demselben abzurufen. Erst als ich glaubte, er habe seiner kindlichen Freude vollkommen Genüge gethan, rief ich ihn, und er sprang mit freudestrahlendem Gesicht auf mich los.
»Hast du deinem Vater schon Brot zu essen gegeben, Freitag? Er wird wohl tüchtigen Hunger haben.«
»Nein, ach nein, Herr!« erwiderte fast weinend der arme Bursche; »o, ich schlechter Hund habe selbst alles gegessen, alles!«
»Nun, Freitag, beruhige dich! Da ist ein Stück Kuchen, das ich gerade noch in meiner Tasche finde; hier hast du auch noch Rosinen und einen Schluck Rum, damit stärke deinen Vater!«
Freitag gehorchte mit einem Blicke des Dankes und reichte das Dargebotene dem Alten. Dann sprang er mit einem Satze aus dem Kahne und lief wie ein gehetztes Wild davon, so daß er im Nu aus unsern Augen verschwunden war. Ich schrie, ich lief ihm nach – er hörte nicht; nachdem etwa eine Viertelstunde verflossen war, sah ich ihn wiederkommen, aber nicht so eilig, als er davongelaufen war, weil er etwas in den Händen trug. Er hatte nämlich in dieser kurzen Zeit den Weg nach der Burg zurückgelegt, um noch mehr Brot und einen Krug frischen Wassers hierher zu bringen. Sein Vater, der bald vor Durst verschmachtete, wurde durch den kühlen Trunk mehr erquickt, als all mein Rum vermocht hätte.
Nachdem der Alte getrunken hatte, fragte ich Freitag, ob noch etwas Wasser übrig sei, und auf seine Bejahung trug ich ihm auf, dieses sowie ein Brot dem Spanier zu bringen, der dessen ebensosehr bedurfte und auf einem Rasenhügel im Schatten eines Baumes ausruhte.
Als Freitag zurückgekommen, schlug er die Augen zu mir empor und blickte mich mit dem Ausdrucke größter Dankbarkeit an. Gern hätte sich der Spanier erhoben und wäre zu uns gekommen, allein er war so erschöpft und seine Glieder durch die harten Bande so angeschwollen, daß er sich nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Ich befahl daher Freitag, ihm Hände und Füße mit Rum einzureiben. Dabei drehte letzterer alle Augenblicke den Kopf herum, um nach seinem Vater zu sehen. Als er ihn einmal nicht in seiner vorigen Stellung sah, ließ er ohne weiteres vom Einreiben ab, sprang auf und schoß wie ein Pfeil nach dem Boote, in welchem sich sein Vater niedergelegt hatte, um seinen müden Gliedern Ruhe zu gönnen. Erst als er völlig zufrieden gestellt sein durfte, kehrte Freitag eiligst zurück und vollendete die ihm aufgetragene Hilfeleistung.