Das war zu viel auf einmal! Fast erlag ich dem Drucke, welchen das Übermaß der Freude auf mich kurz vorher noch so armseligen Sterblichen ausübte. Jetzt war ich mit einem Schlage ein reicher Mann, der über Besitzungen in zwei Weltteilen zu verfügen hatte. Da durfte ich denn meinen alten wackeren Kapitän nicht vergessen. Sofort zahlte ich ihm seine 100 Moedore zurück, quittierte über den Empfang der noch rückständigen 370 und setzte ihm eine jährliche Rente von 100 und nach seinem Ableben seinem Sohne eine solche von 50 Moedoren aus. Außerdem betraute ich ihn mit der Vollmacht, meine Einkünfte in Brasilien zu beziehen und mir zu übermitteln.
Mit dem nächsten nach Brasilien gehenden Schiffe sandte ich ein Antwortschreiben zurück, in welchem ich meinen Dank aussprach für die wohlgemeinten Glückwünsche und zugleich die Absicht mitteilte, bald nach Brasilien überzusiedeln und dort vielleicht meine Tage in Ruhe zu beschließen. Als Gegengeschenk fügte ich feine englische Tücher, seidene Stoffe aus Italien, Spitzen aus Brabant und andres dergleichen bei. Dem Prior aber gab ich meine Entschließung kund, 500 Moedore seinem Kloster und die übrigen 372 den Armen zu vermachen.
So waren meine südamerikanischen Angelegenheiten in Ordnung gebracht. Wenn ich dasselbe nur auch schon von den europäischen hätte sagen können; denn hier stieß ich auf gar mannigfache Verlegenheiten. Zuvörderst mußte ich darauf bedacht sein, meine Kapitalien sicheren Händen zu übergeben, und es blieb mir nichts andres übrig, als selbst nach England zurückzukehren.
Mein alter Freund, der Seemann, riet mir, über Madrid und Paris nach Calais zu reisen und von da nach Dover überzusetzen. Damit ich aber auch Reisegesellschaft hätte, so machte er mich mit dem Sohne eines englischen, in Lissabon ansässigen Kaufmanns bekannt, der mich zu begleiten wünschte. Außerdem schlossen sich noch zwei andre Kaufleute aus England sowie zwei Portugiesen an, so daß wir im ganzen sechs Herren nebst fünf Dienern waren, aber wohlberitten und bewaffnet. Meine Reisegefährten beliebten, mir den Titel »Kapitän« zu geben, einmal, weil ich der Älteste von ihnen war, dann auch, weil ich zwei Diener hatte.
Wir verweilten einige Zeit in Madrid, um den Hof und die übrigen Merkwürdigkeiten der spanischen Residenz zu besehen, und gegen Mitte Oktober rückten wir weiter, um bei der schon vorgeschrittenen Jahreszeit die Pyrenäen möglichst bald im Rücken zu haben. In Pamplona berichteten uns die Leute, daß auf dem Nordabhange des Gebirges bereits Massen von Schnee lägen, die ein Durchkommen schlechterdings unmöglich machten. Die Kälte war in der That empfindlich, zumal wenn man, wie ich, viele Jahre lang unter der tropischen Sonne gelebt und erst seit zehn Tagen den blauen Himmel des heißen Kastilien verlassen hatte. Dem armen Freitag spielte die Kälte noch weit mehr mit – der Sohn Amerikas sah hier zum erstenmal die Natur in ihrem rauhen Winterkleide!
Ich machte meinen Reisegefährten den Vorschlag, nach Fuentarabia aufzubrechen, uns daselbst einzuschiffen und nach Bordeaux zu fahren. Während wir uns noch darüber berieten, trafen vier Franzosen in unserm Gasthof ein, deren Reise sowohl auf französischer wie auf spanischer Seite Aufschub erfahren und welche die Reise über das Gebirge unter Leitung eines kundigen Führers gemacht hatten. Wir ließen den Mann auf der Stelle holen, und er versprach, uns auf den nämlichen Wegen nach Frankreich hinüber zu geleiten. Vom Schnee sei nichts zu befürchten, sagte er, aber vor den Wölfen, die wegen der großen Kälte zu ganzen Trupps ausgehungert umherschwärmten, könne man nicht genug auf der Hut sein. Wir entgegneten ihm, daß wir hinlänglich mit Waffen versehen seien, um solch einen Trupp nach Gebühr zu empfangen. Wegen des Führergeldes wurden wir mit dem Manne schnell handelseinig, und so brachen wir, nachdem sich uns noch zwölf Reisende mit ihrer Bedienung angeschlossen, am 15. November 1687 von Pamplona auf.
Wir waren nicht wenig verwundert, als uns der Führer wohl an zehn Stunden weit auf der Straße nach Madrid rückwärts führte, wo wir uns in einem angenehm warmen Klima und in schöner, schneeloser Landschaft befanden. Dann aber wandte er sich links gegen den Gebirgszug und führte uns, an tausend schauerlich gähnenden Abgründen vorbei, bis auf die Höhe des Gebirges, von wo uns die grünen, lachenden Gefilde von Languedoc und der Gascogne entgegenblinkten. Bis dorthin war freilich noch mehr als ein mühevoller Schritt zu machen, wenngleich man das Schlimmste überstanden zu haben glaubte.
Eines Nachmittags wurde aber der Führer, als er uns vorausritt, von zwei Wölfen und einem Bären angegriffen. Der bestürzte Mann verlor so sehr alle Besinnung, daß er, statt sein Pistol abzufeuern, nur aus Leibeskräften schrie. Schnell gebot ich Freitag, hinzureiten, und er zerschmetterte durch einen sicheren Pistolenschuß den Kopf des einen Wolfes. Der andre, welcher sich heißhungrig auf das Pferd gestürzt hatte, entfloh, von dem Knalle erschreckt, ins Gehölz; Freund Petz aber ließ sich dadurch nicht irre machen, sondern blieb ruhig stehen. Der arme Führer hatte zwei empfindliche Wunden, eine in den rechten Arm, die andre in den Schenkel erhalten; aber das Pferd war unverletzt geblieben, da die Zähne des Wolfes nur die Riemen des Zaums gepackt hatten.
Man kann sich wohl denken, daß wir auf den Knall der Pistole, der wie dumpf grollender Donner sich durch die Gebirgsthäler fortpflanzte, unsern Pferden die Sporen in die Weichen drückten, um mit möglichster Schnelligkeit auf den Platz des Abenteuers zu gelangen. Während wir den Führer durch einen Schluck Branntwein zu stärken suchten und an seine Wunden Verbände anlegten, gewahrten einige zu ihrem nicht geringen Entsetzen, wie der Bär, ein Bursche von respektabler Größe, Miene machte, sich zu nähern, statt sich zu entfernen.
Schon wollten etliche Herren auf ihn anlegen, da bat mich Freitag: