Hierauf ergriff er sein Gewehr und blieb bewegungslos stehen. Als der Bär seinen Feind unten sah, ward es ihm auf dem Baume zu einsam, und er wollte gleichfalls herabsteigen. Doch that er es mit einer merkwürdigen Vorsicht, sah sich bei jedem Schritte um und kletterte endlich langsam und bedächtig am Stamme herunter. Kaum aber berührte er mit seinen Tatzen den Boden, so legte ihm Freitag seine Flinte ans Ohr und streckte ihn tot nieder. Dann drehte sich der Schelm lachend uns zu, um in unsern Mienen den wohlverdienten Beifall zu lesen, und sagte nicht ohne einen Zug selbstgefälligen Stolzes:
»So töten wir daheim, in Amerika, die Bären!«
»Aber wie ist denn das möglich, Freitag«, warf ich ihm ein, »ihr habt ja keine Flinten?«
»Nein, meine Brüder haben keine Flinten, aber ihre langen Pfeile treffen ebenso sicher.«
Gern hätte Freitag dem erlegten Gegner das Fell abgezogen, aber wir durften uns bei der zunehmenden Dunkelheit nicht unnützerweise länger verweilen, zumal in unsre Ohren ein entsetzliches Geheul der herumlungernden Wölfe drang. Schon im ersten Gehölze lief etwa ein halbes Dutzend dieser Tiere über den Weg, welche aber gar keine Notiz von uns zu nehmen schienen. Als wir gegen die Ebene zuschritten, erblickten wir ein ganzes Rudel, welche an den Knochen eines Pferdes nagten; bald schon vernahmen wir aus dem nahen Gehölze fürchterliches Geheul und sahen gleich darauf eine große Schar einem seines Reiters ledig gewordenen Pferde nachrennen.
Dies erforderte rasches Handeln. Wir trennten uns in zwei geschlossene Trupps und feuerten abwechselnd; gleich bei den ersten Schüssen stürzten vier der Bestien, mehrere andre wurden verwundet und röteten den Boden mit ihrem Blute. Wir selbst stimmten nun ein ohrenzerreißendes Geheul an, und zwar so wirkungsvoll, daß es sogar den Wölfen zu arg wurde und diese sich zurückzogen. Mittlerweile luden wir rasch unsre Gewehre und setzten unsern Weg weiter fort.
Robinson von Wölfen überfallen.
Unser Führer befand sich am folgenden Morgen so schwach, daß er uns nicht weiter begleiten konnte; wir bezahlten ihn anständig, mieteten einen Ersatzmann und zogen nach Toulouse, wo wir weder Schnee noch Wölfe, sondern eine liebliche warme Sonne und fruchtbare blühende Gefilde trafen. Als die Leute dort unser bestandenes Reiseabenteuer vernahmen, fanden sie es unbegreiflich, wie unser Führer so kühn sein konnte, uns in dieser Jahreszeit über das Gebirge zu führen, noch dazu mit so vielen Pferden, welche die Gier der Wölfe aufs höchste stacheln. Alle stimmten darin überein, daß wir nur wie durch ein Wunder dem Tode entgangen seien. Denn bereits sei ein Reisender vor uns den Heißhungrigen zum Opfer gefallen – wohl der Besitzer jenes leeren, von den Wölfen verfolgten Pferdes.
Von Toulouse ging die Reise ohne Aufschub weiter nach Paris, von da nach Calais, wo wir nach Dover übersetzten. Nach kurzer Rast ließ ich mich noch an demselben Tage mit Freitag für den Postwagen einschreiben und langte den Tag darauf in London an.