Am Abend jenes verhängnisvollen Trauertages setzte der Wind um, eine frische Brise kräuselte den Spiegel des Meeres, über welchem vorher die Windstille mit ihren bleiernen Flügeln gehangen hatte – und weiter ging die Fahrt nach Brasilien ohne Hindernisse und Gefahren.
Am 18. Tage nach dem geschilderten Gefechte mit den Wilden ankerten wir, nachdem wir drei Tage vorher das Kap St. Augustin umschifft hatten, in der Allerheiligenbucht. Es gelang mir, meinen ehemaligen Gesellschafter aufzufinden, mit welchem ich verschiedene Geschenke austauschte. Derselbe gewährte mir auch seine Hilfe bei Ausrüstung einer Schaluppe, durch welche ich meiner Kolonie eine Zufuhr an Leuten und Gebrauchsgegenständen zukommen lassen wollte. Den nützlichen Dingen, welche ich meinen Kolonisten zuwandte, ließ ich drei Milchkühe und fünf Kälber hinzufügen sowie einige zwanzig Schweine und drei Pferde. Auch bewog ich, gemäß eines den Spaniern gegebenen Versprechens, noch drei Portugiesinnen, sich nach der Insel zu begeben. Das Boot, hinlänglich bemannt, ging nun unter Segel und kam auch glücklich auf meinem Eilande an, von der Einwohnerschaft mit Jubel begrüßt. Durch die neuen Ankömmlinge wuchs die Kolonie bis auf die stattliche Anzahl von ziemlich 70 Köpfen an, die Kinder nicht mit eingerechnet.
Erst nach Jahren empfing ich durch meinen Geschäftsgenossen, der den Verkehr mit meiner Kolonie unterhielt, ausführlichere Berichte über den Zustand derselben. Solange Don Caballos noch lebte und die Regentschaft über die Insel führte, befand sich die Verwaltung in guten Händen. Nachdem dieser aber in einem Gefechte gegen die Wilden geblieben und auch Will Atkins, der sich in den letzten Jahren der Leitung der Kolonie mit allen Kräften unterzogen hatte, gestorben war, brachen unter der Bevölkerung heftige, ja sogar blutige Zwistigkeiten aus, und die Herrschaft ging von einer Hand in die andre über. Müde der unaufhörlichen Streitigkeiten, zog es eine Anzahl der Kolonisten vor, nach Brasilien auszuwandern, und dieses Beispiel verlockte bald auch andre, die Insel zu verlassen. Nun brach eine traurige Zeit für die Zurückgebliebenen an; denn, wieder zu einem kleinen Häuflein zusammengeschmolzen und den beständigen Angriffen der Wilden ausgesetzt, welche genaue Kenntnis von der Abnahme der Bevölkerung der Insel erlangt hatten, setzten sie ihre einzige Hoffnung nur noch auf meinen Beistand. Sie hatten in der That mir nach London geschrieben und mich um Hilfe in ihrer traurigen Lage gebeten. Allein es sollten Jahre vergehen, ehe ich diese Briefe erhielt; auch mochte ich nicht dahin zurückkehren, weil es doch zu spät gewesen wäre, ihnen erfolgreich beizustehen. Die fortgesetzte Feindschaft der Wilden und ein entsetzliches Erdbeben, durch welches die Insel und die Niederlassungen schwer heimgesucht wurden, hatten schließlich die völlige Verödung der Insel zur Folge. Nur wenige Bewohner entrannen dem fürchterlichen Verhängnisse. –
Nachdem ich in Brasilien meine Geschäfte beendet hatte, nahmen wir durch das Atlantische Meer unsre Richtung gegen das Vorgebirge der guten Hoffnung, wo wir frisches Wasser und Proviant einzunehmen gedachten, um dann unsre Fahrt nach Osten weiter fortzusetzen. Schon sahen wir in der Ferne den dunkelblauen Streifen des Löwenberges aus dem Meere aufragen und hofften nun in der Tafelbai zu ankern. Da stiegen plötzlich schwarze Wolken auf, verhüllten die hohen Gebirge und überdeckten schnell den ganzen Himmel. Bald hörten wir das schrille Toben und Sausen des Sturmes, in welches das dumpfe Brausen der hochgehenden Wogen einstimmte.
Der Sturm war mit ganzer Macht ausgebrochen. Dichte Finsternis lagerte über dem Meere, der Orkan heulte und tobte in allen Tonarten, die Wellen türmten sich empor, die Masten krachten, schnarrend zerrissen einige Segel, da wir nicht im stande waren, sie zu reffen, und unser Schiff schoß wie ein Pfeil durch das tobende Meer in der Richtung nach Südosten. Wir vermochten nichts gegen die Übermacht des Sturmes auszurichten, mußten uns derselben vielmehr willenlos überlassen. Nach einigen Tagen fanden wir uns, als der Sturm nachgelassen hatte, in eine neue Welt versetzt. Rechts und links zogen Eisschollen an uns vorüber, die oft Kisten von viereckiger Gestalt glichen; dazwischen taumelten phantastisch gestaltete Eisberge wie Betrunkene, die den Heimweg nicht finden können. Immer zahlreicher drängten die Schollen, immer dichter zogen die Eisberge gruppenweise vorüber, weshalb die Matrosen sie Eiskarawanen nannten. Die Eisblöcke oben auf den Eisbergen glichen oft Häusern, Dörfern, verfallenen Kirchen oder Schloßruinen, und einmal glaubten wir gar in eine Feenwelt versetzt zu sein. Eine Menge von Eiskolossen hatte sich so geordnet, daß sie wie Häuser nebeneinander standen und förmliche Straßen bildeten. Wir nannten diese Stelle das »Venedig des Eismeeres«. Man sah breite Wasserstraßen mit engen Nebengassen; Seehunde, Pinguine und andre Seevögel schwammen lustig an diesen Eispalästen entlang, aus deren zerbröckelten Wänden man sich mit Hilfe der Phantasie Erker, Schwibbogen, Hallen und Nischen zusammenstellen konnte. Dabei flimmerte und blitzte es hier und da silbergleich, wo Sonnenstrahlen auffielen; dann wiederum stand das Wasser der Straßenkanäle still, als ob es schliefe, und es war dabei so schauerlich öde in der Eisstadt, daß es uns unheimlich wurde, wie unter Ruinen.
Die Schiffsmannschaft drängte zur Umkehr, obschon der Wind wieder heftig vom Kap herwehte. Ich ließ also wenden. Aber wer beschreibt unsern Schrecken, als wir uns von einem breiten Eisgürtel eingeschlossen fanden! Der Wind hatte Schollen und Eisberge zusammengetrieben, diese waren aneinander gefroren und bildeten nun ein Eisband von etwa einer Viertelstunde Breite, denn jenseits sahen wir offenes Meer, hinter uns aber in der Ferne eine unabsehbare Eiswand. Was war zu thun? Wir saßen in einem kleinen Wasserbecken gefangen, rings umschlossen von Eis – und wie lange wird unser Becken eisfrei bleiben?
Ich beratschlagte mit Wilm, was zu thun sei. Da erinnerte ich mich, in einem alten Schiffsbuche gelesen zu haben, wie man sich in solchen Fällen zu helfen pflege. Weil das alte Eis mürbe, das junge zusammengekittete aber noch schwach ist, so kann man sich einen Durchgang brechen, indem man mit dem Vorderbug des Schiffes gegen das Eis anläuft, oder indem man mit Säge und Beil einen Kanal durch das Eis schlägt.
Wir beschlossen letzteres Mittel anzuwenden und sandten daher einen Teil der Leute aufs Eis, um das junge Eis zu zertrümmern und die Eisschollen verschiebbar zu machen. Die andern mußten das Schiff etwas zurückleiten, dann es gegen das Eis anrennen lassen, um den Verband des Eises zu lockern und die entstandenen Sprünge zu erweitern. Die Arbeit war sehr mühselig, aber erfolgreich; gegen Mittag hatten wir unser Fahrzeug fast um eine ganze Schiffslänge in den Eisgürtel eingezwängt, der nach allen Seiten hin Risse und Sprünge zeigte, wodurch die Arbeit immer leichter vor sich ging. Wir bekamen allesamt frischen Mut und arbeiteten um so eifriger. Da sprang der Wind plötzlich um und wehte sehr heftig von Süden her, daß die Wellen an den Eisgürtel brandend anschlugen, dieser zugleich zu krachen und zu bersten anfing, Spalten hin und her aufklafften und Eisinseln entstanden. Daher wurden die Arbeiter noch rechtzeitig aufs Schiff zurückgerufen, welches gerade eine Rückwärtsbewegung machte, um zu einem neuen Anlauf auszuholen. Mit Mühe gelang es, die Matrosen mittels zugeworfener Taue aufs Schiff zurückzuschaffen; denn bereits erweiterten sich die Spalten und es rannten die Eisschollen so heftig aneinander, daß sich das Boot mit den Leuten nicht dazwischen wagen durfte.
Wir zählten unsre Leute, und siehe, es fehlte Andreas noch. Wir riefen nach ihm und feuerten eine Kanone ab, endlich kam auch er hinter einer Scholle hervor, wo er gearbeitet hatte. Mittlerweile aber war zu unserm Schrecken unser Schiff immer weiter ins offene Becken zurückgewichen, und so hatte es sich mehr und mehr von unserm armen Gefährten entfernt. Da stand denn dieser händeringend auf schwankender Eisscholle, mir noch nahe genug, um sein Wehgeschrei zu hören! Doch war ich nicht im stande, ihn zu retten! Jammernd reckte er die Arme empor, rannte vor- und rückwärts, stürzte nieder und sprang wieder auf, aber immer weiter trieben uns die Wasserkanäle auseinander – ach, wir konnten ihm nicht helfen, denn längst schon konnte ihn das geworfene Tau nicht mehr erreichen. Das Herz wollte mir zerspringen, als ich den Untergang eines braven Kameraden vor mir sah, ohne zu seiner Rettung etwas Weiteres unternehmen zu können; aber mir stand die Gefährdung des Lebens aller vor Augen – dies entschied. Wir segelten in die breiten Kanäle des zerborstenen Eisgürtels hinein, winkten dem Unglücklichen lebewohl und ließen ihn auf einer treibenden Scholle im Sturm und bei hohem Wellengange zurück.