Dann schritt ich zur Verteilung der mitgebrachten Geschenke; jeder der Kolonisten erhielt einen Spaten, eine Hacke, eine Harke, eine Schaufel, eine große Axt und eine Säge. Nägel, Klammern, Hämmer, Bolzen, Messer und ähnliche Dinge wurden in Menge verteilt. Meine Vorräte an Waffen und Munition waren so reichlich, daß jeder doppelt und dreifach bewaffnet werden konnte und daß man jetzt selbst einen Angriff von 1000 Wilden nicht mehr zu fürchten brauchte. In den folgenden Tagen stattete ich verschiedene Besuche den einzelnen Niederlassungen der Insel ab und machte mich dann noch an die schwierige Aufgabe einer gleichmäßigen Verteilung des Grundbesitzes. Ich teilte zu diesem Endzweck das Land in verschiedene Bezirke ein und wies jedem ein gleichgroßes Stück an. Mir selbst behielt ich die Oberherrschaft über die Insel vor und bestätigte Don Caballos als meinen Stellvertreter; zu den Wilden im Südosten wurde Freitags Vater entsendet. Er sollte ihnen eröffnen, daß von nun an auch für sie eine neue Ordnung der Dinge eintreten würde, und daß sie sich entscheiden sollten, ob sie ihr eignes Land bauen oder den Kolonisten um einen bestimmten Lohn dienen wollten. Nur sehr wenige wählten die Unabhängigkeit; die Mehrzahl zog es wohlweislich vor, Dienste zu nehmen.

So glaubte ich alles aufs beste geordnet zu haben und schickte mich wieder zur Abreise nach dem Osten an; ich wollte Afrika umsegeln und Madagaskar und die Länder des Indischen Meeres besuchen, sodann womöglich durch China und Sibirien den Heimweg nehmen. Auch Wilm stimmte ohne weitere Bedenken bei, die Weltreise nach diesem Plane auszuführen – ihn trieb es gleichfalls hinaus ins Weite. Also hieß es: die Segel gesetzt – auf! hinaus wieder ins weite Meer!

Freitags Tod.

Siebzehntes Kapitel.
Fortgang und Schluß von Robinsons Weltfahrt.

Abschied von der Kolonie. – Kämpfe zur See. – Freitags Tod. – Brasilien. – Sturm am Kaplande. – Verschlagen ins Eismeer. – Das »Venedig des Eismeeres«. – Gefangen im Eise. – Durchbruch. – Der verlassene Matrose. – Ein »Robinson« auf einer schwimmenden Eisscholle. – Irrfahrten. – Das Gespensterschiff. – Zusammenstoß mit den Kochinchinesen. – In China und Sibirien. – Rückkehr nach England. – Endliche Ruhe.

Die letzten Verhaltungsmaßregeln waren angeordnet, und als ich Abschied nahm, begleiteten mich die Kolonisten, die mich wie ihren Vater und Wohlthäter verehrten, bis hin zur Bucht. Sobald das Schiff das offene Meer gewonnen hatte, sagten wir der Insel mit fünf Kanonenschüssen lebewohl und richteten unsern Lauf nach der Allerheiligenbai, die wir nach drei Wochen erreichten. Unterwegs hatten wir aber noch ein verhängnisvolles Abenteuer zu bestehen, das mir einen großen, unersetzlichen Verlust brachte. Am dritten Abend nach unsrer Abfahrt bemerkten wir bei voller Windstille, wie sich an einer fernen Küste dunkle Punkte lebhaft hin und her bewegten. Der Hochbootsmann stieg mit dem Fernrohr auf den Fockmast und berichtete, es sei eine ganze Flotte Wilder, und er schätzte die Zahl ihrer Kanoes auf mehr als hundert. Wir mußten uns also jedenfalls auf einen blutigen Kampf gefaßt machen, zu welchem ich die Schiffsmannschaft nach Kräften ermutigte. Ich ließ die beiden Schaluppen flott machen und mit hinreichender Mannschaft besetzen. Die inzwischen näher kommende Flottille der Wilden bestand aus etwa 130 Kähnen, jeder durchschnittlich mit einem Dutzend Bewaffneter bemannt. Fünf oder sechs dieser Kanoes kamen uns fast bis auf Wurfweite nahe, und unsre Leute, die eine Umzingelung besorgten, gaben deshalb mit der Hand ein Zeichen, daß sich die Wilden entfernen möchten. Diese verstanden es recht wohl, schossen aber zahlreiche Pfeile auf uns ab und verwundeten einen unsrer Matrosen. Trotzdem hielt ich immer noch meine Leute vom Feuern zurück und ließ einige Planken in die Schaluppe hinabgleiten; aus diesen bildete der Zimmermann eine Art Wall, hinter welchem unsre Mannschaft vor den Pfeilen der Wilden geschützt war. Jetzt ruderte aber der ganze Schwarm heran und fiel uns in den Rücken. Da erkannte ich in den Angreifern alte Bekannte, mit denen ich schon auf der Insel zu thun gehabt hatte. Ich befahl, die Kanonen bereit zu halten, und schickte Freitag aufs Deck, um die Fremdlinge zu fragen, was sie begehrten. Sie antworteten mit einem Hagel von Pfeilen und ach! – Freitag, völlig ungeschützt dastehend – – stürzte von zwei Pfeilen durchbohrt nieder. – – Noch ein Blick aus seinen liebevoll ergebenen Augen, als ich vor ihn trat, und – – er verschied.

Der herbe Schmerz über den Verlust meines alten, treuen Gefährten verdrängte jedes Erbarmen aus meiner Brust. In heftigem Zorn ließ ich fünf Kanonen mit Kartätschen und vier mit Kugeln laden und in den dichten Schwarm der Boote hineinfeuern. Das war eine Salve, wie die Wilden in ihrem Leben keine ähnliche empfangen hatten: eine Menge Barken wurden teils zertrümmert, teils in den Grund gebohrt; alles, was noch ein Ruder in den Händen fühlte, arbeitete aus Leibeskräften, um diesem mörderischen Empfang zu entrinnen. Bald war die wilde Sippschaft unsern Blicken entflohen, aber auf dem Wasser schwammen in großer Zahl unter Trümmern und Balken tote, verwundete und verletzte Indianer umher. Der Sieg indessen war allzu teuer erkauft. Der Verlust meines treuen Freitag ließ sich nicht überwinden; tiefe Schwermut bemächtigte sich seitdem meines Gemüts; kaum daß Wilm mich etwas aufzuheitern vermochte.