Achtzehnter Gesang
Schon freute sich der selge Geist alleine
An seinem Wort. und ich, mit Süßigkeit
Das Bittre mäßigend, genoß das meine.
Und jene Frau, zum Höchsten mein Geleit,
Sprach: "Wechsle die Gedanken—denk, ich wohne
Dem nah, der mildert unverdientes Leid."
Ich, hingewandt zum süßen Liebestone,
Konnt in den heilgen Augen Liebe schaun,
Die ich nicht sing in dieser niedern Zone.
Denn nicht der Sprache nur muß ich mißtraun;
Selbst das Gedächtnis kehrt nicht, ungetragen
Vom Flug der Gnade, zu den selgen Aun.
Ich kann von jenem Augenblick nur sagen:
Ich fühlte jeden Wunsch der Brust entfliehn,
Als ich den Blick zur Herrin aufgeschlagen,
Bis, die nun selbst aus ihrem Auge schien,
Die ewge Luft, vom schönen Angesichte
Im zweiten Anblick Gnüge mir verliehn,
Besiegend mich mit eines Lächelns Lichte.
"Nicht mir im Aug allein ist Paradies."
Sie sprachs. "Horch auf! Dorthin die Augen richte!"
Wie Lieb auf Erden wohl sich mir erwies,
Die lächelnd glänzt auf eines Freundes Zügen,
Der seine Seele ganz ihr überließ,
So zeigt in Glanz und wonnigem Vergnügen
Des Urahns Geist die liebende Begier,
Mir noch durch einge Reden zu genügen:
"In dieses Baumes fünfter Stufe hier,
Der von dem Gipfel Nahrung zieht und Leben,
Stets reich an Frucht und frischer Blätter Zier,
Sind Selge, die, eh sie emporzuschweben
Der Himmel rief, in eurem Erdental
Durch Ruhm der Muse reichen Stoff gegeben.
Sieh auf die Arme hin am Kreuzesmal,
Und zeigen wird sich jeder, den ich nannte,
Wie in der Wolk ihr schneller Feuerstrahl.
Und sieh, ein Licht, gleich schnellem Blitz, entbrannte,
Beim Namen Josua—so daß ich Wort
Und Tat in einem Augenblick erkannte.
Den Makkabäus nannt er dann, und dort
War kreisend Feuer glänzend vorgedrungen,
Und Freude trieb den heilgen Kreisel fort.
Als Karl der Groß und Roland dann erklungen,
Folgt ich so aufmerksam dem Glanz, als man
Dem Falken folgt, der sich emporgeschwungen.
Wilhelm zog meinen Blick zum Kreuz hinan,
Und Rinoard, bei ihres Namens Klange.
Auch Herzog Gottfried, Robert Guiscard dann.
Drauf mischte sich dem schimmernden Gedrange
Die Seele, die erst sprach, als Meisterin
Sich zeigend in dem himmlischen Gesange.
Ich kehrte mich zur rechten Seite hin,
Um in Beatrix; meine Pflicht zu lesen,
In Wink und Wort der heilgen Führerin,
Und sah so rein ihr Aug, ihr ganzes Wesen
So hold, daß, was ich hab an Himmelsluft,
Sie übertraf, ja, was sie je gewesen.
Und, wie des guten Wirkens sich bewußt,
In größrer Wonne man von Tag zu Tagen
Der Tugend Wachstum merkt in eigner Brust;
So merkt ich jetzt, vom Himmel fortgetragen
In seinem Schwung, gewachsen sei der Kreis,
Sobald ich sah dies schönre Wunder tagen.
Und wie das Rot der Scham, die glühend heiß
Gefärbet hat der zarten Jungfrau Wangen,
Bald wieder schwindet vor dem lautern Weiß;
So, nach dem roten Licht, das mich umfangen,
Sah ich mich in den Silberglanz entrückt
Des sechsten Sterns, der mich in sich empfangen.
Und in dem Stern des Zeus, den Freude schmückt,
War frohes Liebesfunkeln zu gewahren,
Durch unsrer Sprache Zeichen ausgedrückt.
Wie Vögel, die empor vom Strande fahren,
Gemeinsam neuer Weide froh, sich bald
In runden, bald in langen Haufen scharen;
So flatterten, von Himmelslicht umwallt,
In Sängen Selge hin, im Fluge zeigend
Des D und dann des I und L Gestalt,
Im Sang, erst bald gesenkt, bald wieder steigend,
Und war die Ordnung diesen Zeichen gleich,
Einhaltend in des Fluges Schwung und schweigend.
Kalliope, die du die Geister reich
An Ruhme machst, sie ewig zu erhalten,
Die du erhältst mit ihnen Stadt und Reich,
Erleuchte mich, damit ich die Gestalten
Getreu beschreibe, jetzt mit deinem Strahl;
Laß deine Kraft in kurzen Reimen walten!—
Vokal und Konsonanten—siebenmal
Fünf warens, die mein Auge dort ergötzten,
Auch merkt ich wohl die Ordnung dieser Zahl.
Diligite iustitiam—So setzten
Erst Haupt und Zeitwort sich; dann sieh sofort:
Qui iudicatis terram—als die letzten.
Und alles blieb beim M im fünften Wort
Geordnet stehn, hiermit das Werk vollbringend.
So stand die Schrift wie Gold in Silber dort.
Ich sah viel andres Licht, sich niederschwingend
Zum Haupt des M, dort still und unbewegt,
Vom Gut, so schien es, das sie anzieht, singend.
Dann, wie wenn man mit Feuerbränden schlägt,
Draus unzählbare Funken sprühend flammen,
Woraus die Torheit wahrzusagen pflegt;
So hoben dort sich mehr als tausend Flammen,
Und die stieg mehr, und minder die empor,
Wie sie die Sonne trieb, aus der sie stammen.
Als jed an ihrer Stelle war, verlor
Sich das Gewühl—da trat in Flammenzügen
Der Kopf und Hals von einem Adler vor.
Der dorten malt, weiß selbst sich zu genügen;
Er, ungeleitet, lenkt des Künstlers Hand,
Damit der Form sich die Gebilde fügen.
Die selge Schar, die dort zufrieden stand,
Das M bekrönend mit dem Lilienkranze,
Vollendete das Bild jetzt, leicht gewandt.
So sah ich, schöner Stern, der Himmel pflanze
In uns die Keime der Gerechtigkeit,
Der Himmel, den du schmückst mit deinem Glanze.
Zum Geist, der Kraft dir und Bewegung leiht,
Fleh ich, nach jenem Rauche hinzuschauen,
Der deinen Strahl verdunkelt und entweiht.
Sein Zorn mach einmal noch dem Volke Grauen,
Das in dem Tempel schachert und verkehrt,
Den er aus Wundern ließ und Martern bauen.
Himmelskriegerschar, dort hellverklärt,
Bitte für die, so noch der Leib umschlossen,
Die schlechtes Beispiel falsche Wege lehrt.
Einst kriegte man mit Schwertern und Geschossen,
Doch jetzt, das Brot wegnehmend dort und hie,
Das unser frommer Vater nie verschlossen.
Du, der du schreibst, um auszustreichen, sie:
Für jenen Weinberg, welchen du verdorben,
Starb Paul und Petrus, doch noch leben sie.
Du aber denkst: Hab ich nur den erworben,
Der in die Einsamkeit der Wüst entrann,
Und der zum Lohn für einen Tanz gestorben,
Was kümmern Paulus mich und Petrus dann?
Neunzehnter Gesang
Vor mir erschien mit offnem Flügelpaar
Das schöne Bild, wo, selig im Vereine,
Der Geister lichter Kranz verflochten war.
Jedweder war wie ein Rubin, vom Scheine
Der Sonne so in Licht und Glut entbrannt,
Als ob sie selbst mir in die Augen Scheine.
Der Schilderung, zu der ich mich gewandt,
Wie kann die Sprache sie, die Feder wagen,
Da Phantasie dergleichen nie erkannt?—
Ich sah den Aar und hört ihn Worte sagen,
Und in der Stimm erklangen Ich und Mein,
Als Wir und Unser ihm im Sinne lagen:
Er sprach: "Für frommes und gerechtes Sein
Sollt ich zu dieser Glorie mich erheben,
Die jeden Wunsch uns zeigt als arm und klein.
Und solch Gedächtnis ließ ich dort im Leben,
Daß es für rühmlich selbst den Bösen gilt,
Die nicht auf meiner Spur zu wandeln streben."
Wie vielen Kohlen eine Glut entquillt,
So tönte jetzt von vielen Liebesgluten
Ein einzger Ton mir zu aus jenem Bild.
"Ihr ewge Blüten des endlosen Guten,"
Begann ich, "die ihr mir als einen jetzt
Laßt eure Wohlgerüch entgegenfluten,
Ich bitt euch nun, mit eurem Hauch ergetzt
Mich Hungrigen und reicht mir jene Speise,
Mit welcher mich die Erde nie geletzt.
Wohl weiß ich, spiegelt sich in anderm Kreise
Des Himmels ab des Herrn Gerechtigkeit,
Daß sie sich euch nicht unterm Schleier weise.
Ihr wißt, zum Hören bin ich schon bereit,
Auch wißt ihr, welch ein Zweifel mich befangen,
Der unbefriedigt ist seit langer Zeit."
Gleichwie ein edler Falk, der Kapp entgangen,
Das Haupt bewegt, sich schön und freudig macht,
Stolz mit den Flügeln schlägt und zeigt Verlangen,
So machte sich des hohen Zeichens pracht,
Das Gottes Gnade laut dem All verkündet,
Mit Sang, wie der nur hört, der dort erwacht.
Und es begann: "Er, der die Welt gerundet
Und sie begrenzt, hat viel Geheimes drin
Und Offenbares viel darin begründet;
Doch hat er seine Kraft vom Anbeginn
Nicht völlig ausgeprägt im Weltenaue,
Denn endlos überragts sein hoher Sinn.
Der erste Stolze, welcher höhr als alle
Geschöpfe stand, sank drum im frevlen Zwist,
Des Lichts nicht harrend, früh in jähem Falle.
Denn jegliches der kleinern Wesen ist
Zu eng, um jenes Gut darein zu bringen,
Das, endlos, sich nur mit sich selber mißt,
Drum kann so weit der Menschenblick nicht dringen,
Er, nur ein Strahl von jenes Geistes Schein,
Der Urstoff ist und Grund von allen Dingen,
Kann nie durch eigne Kraft so mächtig sein,
Um Seinen Ursprung deutlich zu ersehen,
Denn Nebel hüllt für ihn so Tiefes ein;
Drob zu der Urgerechtigkeit das Spähen
Des Menschenblicks sich nur so weit erstreckt,
Als in den Grund des Meers die Augen gelten.
Leicht wird der Grund am Strand vom Aug entdeckt,
Doch nie im Meer, wie sehr sichs müh und übe;
Grund ist dort, doch zu tief und drum versteckt.
Nur aus der Heiterkeit, die nimmer trübe,
Kommt Licht—all andres ist nur Dunkelheit,
Ist Schatten oder Gift der Fleischestriebe.
Sieh das Versteck, das die Gerechtigkeit
Dir lang verhehlt, jetzt offen dem Verstande,
Und ruhn wird nun in dir der Zweifel Streit.
Erzeugt wird jemand an des Indus Strande,
So sprachst du, doch wer spricht von Jesus Christ,
Wer liest und schreibt von ihm in jenem Lande?
Wenn er, soweit es die Vernunft ermißt,
In Tat und Willen rein und unverdorben
Und ohne Sünd in Wort und Leben ist
Und er ungläubig, ungetauft gestorben,
Wo ist dann wohl ein Recht, dem er verfällt?
Wo Schuld, daß er den Glauben nicht erworben?—
Und wer bist du, der sich so hoch gestellt,
Um, richtend, tausend Meilen weit zu springen,
Da eine Spanne kaum dein Blick enthält?
Gewiß, daß die mir nach im Forschen ringen,
War über euch nicht Gottes heilges Wort,
Zum Zweifel und Erstaunen Grund empfingen.
O Tier aus Erd! Ihrr groben Geister dort!
Der erste Wille, gut von selber, gehet
Nie aus sich selbst, dem höchsten Gute, fort.
Gerecht ist, was mit ihm in Einklang stehet.
Ihn kann nicht anziehn ein erschaffnes Gut,
Das nur aus seiner Strahlenfüll entstehet."—
Wie über ihrem Nest die Störchin tut,
Wenn sie die Brut gespeist, im Kreise schwebend,
Und wie nach ihr hinschaut die satte Brut;
So tat—und so auch ich, das Aug erhebend—
Das heilge Bild, das seine Flügel Schwang,
Den Willen kund der freudgen Scharen gebend,
Indems, im Kreis sich schwingend, also sang:
"So wie du nicht verstehst, was ich verkündet,
So kennt ihr nicht des ewgen Urteils Gang."
Dann, noch im Zeichen, das den Ruhm begründet
Der Römer hat, stand still die selge Schar,
Von lichter Glut des Heilgen Geists entzündet.
"In dieses Reich", begann aufs neu der Aar,
"Stieg keiner je, der nicht geglaubt an Christus,
Vor oder nach, als er gekreuzigt war.
Doch siehe, viele rufen: Christus! Christus!
Und stehn ihm ferner einst beim Weltgericht
Als jene, welche nichts gewußt von Christus.
Das Strafurteil für solche Christen Spricht
Der Heid einst aus, wenn sich die Scharen trennen,
Die zu der ewgen Nacht und die zum Licht.
Wie wird ein Perser eure Fürsten nennen,
Zeigt ihm sich aufgeschlagen jenes Buch,
In dem er ihre Schmach wird lesen können?
Die Tat des Albrecht wird mit hartem Spruch
Er in dem Buch dann eingetragen sehen,
Ob der ihn trifft, des Böhmerreiches Fluch.
Auch Frankreichs Schmerz wird aufgezeichnet stehen,
In den es durch den Münzverfälscher fällt,
Der durch des Ebers Stoß wird untergehen.
Dort steht der Stolz, der Durst nach Land und Geld,
Drob Schott und Engelländer tun gleich Tollen,
Und keiner sich in seiner Grenze hält.
Dort wird die Üppigkeit sich zeigen sollen
Des Spaniers und des Böhmen, welcher nie
Die Trefflichkeit gekannt, noch kennen wollen.
Dort, Lahmer von Jerusalem, dort sieh
Mit einem M bezeichnet deine Sünden,
Und deine Tugenden mit einem I.
Dort wird sich auch der niedre Geiz verkünden
Des, der dort herrschet, wo Anchises ruht
Nach langer Fahrt, bei Ätnas Feuerschlünden.
Und wie gering er ist an Kraft und Mut,
Das wird die abgekürzte Schrift bezeugen,
Die vieles kund auf engem Raums tut.
Auch wird das schmutzge Tun des Ohms sich zeigen,
Und das des Bruders kund sein überall,
Die mit dem edlen Stamm zwei Kronen beugen.
Auch den von Norweg, den von Portugal
Und den von Rascia wird man unterscheiden,
Der Schuld ist an Venedigs Münzverfall.
Mög Ungarn fernerhin nicht Unbill leiden!
Navarra, es verteidige getrost
Die Bergesreihn, die es von Frankreich scheiden!
Und Nicosia ist und Famagost,
Vorläufig und als Angeld, sehr mit Fuge,
Wie jeder zugibt, auf ihr Vieh erbost,
Das mit dem andern geht in gleichem Zuge."
Zwanzigster Gesang
Wenn sie, die hell die ganze Welt verklärt,
Von unsrer Hemisphär herabgeschwommen
Und rings der Tag ersterbend sich verzeiht,
Dann zeigt der Himmel, erst von ihr entglommen,
Von ihr allein, viel Sterne rings im Rund,
Die all ihr Licht von einem Licht entnommen.
Dies wars, was jetzt vor meiner Seele stund,
Als unsrer Welt und ihrer Herrscher Zeichen
Stillschweigen ließ den benedeiten Mund.
Denn alle Lichter, jene wonnereichen,
Erglänzten mehr im Sang, an dessen Macht
Nicht irdischer Erinnrung Schwingen reichen.
O Lieb, umkleidet mit des Lächelns Pracht,
Wie sah ich Glanz dich in die Funken gießen,
Die heilger Sinn allein dort angefacht!
Dann, als die Edelsteine, die mit süßen
Lichtstrahlen hold das sechste Licht erhöhn,
Die Engelsglocken wieder schweigen ließen,
Schien mirs, es zeig in murmelndem Getön
Ein Fluß, von Fels zu Felsen niederfallend,
Wie reich sein Quell entstand auf Bergeshöhn.
Und wie ein Ton, aus reiner Laute schallend,
An ihrem Hals sich formt und wie der Wind
Durchs Mundloch eindringt, die Schalmei durchhallend;
So hatte jener Murmelton geschwind
Sich bis zum Hals des Adlers aufgeschwungen
Und drang, wie aus der Kehle, süß und lind
Und ward zur Stimm, und, dort hervorgedrungen,
Ward er gebildet zum erwünschten Wort,
Und wohl behält mein Herz, was mir erklungen.
"Den Teil in mir, der bei den Adlern dort
Die Sonne sieht und trägt, schau an!" so hoben
Die Wort itzt an und fuhren weiter fort:
"Denn von den Feuern, die mein Bild gewoben,
Stehn, die hier glänzen an des Auges Statt,
In allen Würden vor den andern oben.
Der, so den Platz des Augenapfels hat,
Des Heilgen Geistes Sänger wars und brachte
Die Bundeslade fort von Stadt zu Stadt.
Wie der, der ihn begeistert, seiner achte
Und seines Sangs, das kann er jetzo sehn,
Da er dem Wert gleich die Belohnung machte.
Von fünf, die um mein Aug als Braue stehn,
Sieh nächst dem Schnabel den, der ehmals Weile
Dem Heer gebot auf einer Witwe Flehn.
Wie, wer nicht Christo folgt zu seinem Heile,
Dies teuer büßt, das hat er nun erkannt
In dieser Wonn und in dem Gegenteile.
Der Nächst im Kreise, der mein Aug umspannt,
Ist jener, der den Tod auf fünfzehn Jahre
Durch wahre Reue von sich abgewandt.
Jetzt sieht er ein, der Herr, der ewig Wahre,
Bleib ewig wahr, obwohl sein Urteil sich
Auf würdges Flehn von heut auf morgen spare.
Der nachfolgt, führte das Gesetz und mich,
Durch guten Sinn zu schlimmem Tun bewogen,
Nach Griechenland, weil er dem Hirten wich.
Jetzt sieht er, daß, vom Guten abgezogen,
Das Übel, das in Trümmern euch begräbt,
Ihm dennoch nichts von seiner Wonn entzogen.
Sieh Wilhelm, wo der Bogen abwärts strebt,
Ob dessen Tod des Landes Bürger weinen,
Das weint, weil Karl und Friederich gelebt.
Jetzt sieht er, Gott liebt zärtlich, als die Seinen,
Gerechte Fürsten, und, in Glanz erhellt,
Läßt er dies hier in frohem Blitz erscheinen.
Wer glaubt es in der wahnbefangnen Welt,
Daß Ripheus, den Trojaner, hier im Runde
Des fünften Lichtes heilger Glanz enthält?
Jetzt hat er wohl von Gottes Gnade Kunde
Und siehet mehr, als eurer Welt sich zeigt,
Dringt auch sein Blick nicht bis zum tiefsten Grunde."
Wie in die Luft die kleine Lerche steigt,
Erst singend flattert, aber dann, zufrieden,
Vom letzten süßen Ton gesättigt, schweigt;
So schien mir jenes Bild, durch das hienieden
Des Höchsten ewger Wille zu uns spricht,
Der jedem Ding das, was es ist, beschieden.
Und barg ich auch den Zweifel minder dicht,
Als Glas die Farbe, litt er doch mein Schweigen,
Und längres Harren auf Verkündung nicht.
Er zwang dies Wort, dem Munde zu entsteigen:
"Was sah ich dort!" durch seines Dranges Macht,
Denn Freudenfunkeln sah ich dort sich zeigen.
Im Auge hellre Gluten angefacht,
Sprach drauf der Adler, um mich aufzuregen,
Den Staunen fesselte bei solcher Pracht:
"Ich sah, du glaubest dies, doch nur deswegen,
Weil ichs gesagt, und siehest nicht das Wie?
Wie wir Verborgenes zu glauben pflegen,
Wie man der Sache Namen lernt, doch sie
Nicht kann nach ihrem Wesen unterscheiden,
Wenn nicht ein anderer uns Licht verlieh.
Das Reich der Himmel muß Gewalt erleiden,
Wenn Kraft der Lieb und Hoffnung es bekriegt,
Denn Gottes Wille wird besiegt von beiden;
Nicht wie ein Mensch dem Stärkern unterliegt;
Nein, er siegt, denn er will sich ja ergeben.
Drob er, besiegt durch seine Güte, siegt.
Du staunst beim ersten und beim fünften Leben
In meiner Brau und nennst es wunderbar,
Daß beide hier in hellem Glanze schweben.
Als Christen, nicht als Heiden, starb dies Paar.
Der glaubt ans Leiden, das schon eingetroffen,
Der zweit an das, das noch zu dulden war.
Der ist vom Höllenschlund, der nimmer offen
Zur Rückkehr war, zum Leib zurückgekehrt,
Und dies verdankt er nur lebendgem Hoffen;
Lebendgem Hoffen, das von Gott begehrt,
Ihn zu befreien aus des Todes Banden,
Damit er lebe, wie das Wort gelehrt.
Und die ruhmwürdge Seele kehrt erstanden
Auf kurze Zeit zum Leib und glaubt an ihn,
Des Allmacht auf ihr Flehn ihr beigestanden.
Und fühlte, glaubend, sich so hell erglühn
In wahrer Liebe, daß sie dieser Wonnen
Bei ihrem zweiten Tode wert erschien.
Der zweit, aus Gnade, die so tiefem Bronnen
Entquollen ist, daß nie die Kreatur
Die Quell erspähen kann, wo er begonnen,
Weiht all sein Lieben einst dem Rechte nur,
Drum hob ihn Gott empor zu Gnad und Gnaden
Und zeigt ihm künftiger Erlösung Spur.
Er glaubt an sie und schalt sodann, entladen
Des Heidentums, von seinem Stanke frei,
Die, so noch wandelten auf falschen Pfaden.
Anstatt der Taufe standen ihm die drei,
Die du am rechten Rad im Tanz gesehen,
Wohl tausend Jahre vor der Taufe bei.
O Gnadenwahl, wie tief verborgen stehen
Doch deine Wurzeln jenem Blick, der nicht
Vermag den Urgrund völlig zu erspähen!
Kurz sei dein Urteil, Mensch, wie dein Gesicht,
Da wir nicht all die Auserwählten wissen,
Wir, die wir schaun in Gottes ewges Licht.
Und süß ist uns auch das, was wir vermissen,
Da daraus uns das höchste Heil entquillt,
Daß dessen, was Gott will, auch wir beflissen."
So reichte jenes gottgeliebte Bild,
Der schwachen Sehkraft Stärkung zu bereiten,
Mir Arzeneien, wundersüß und mild.
Und wie mit lieblichem Geschwirr der Saiten
Die guten Lautner guter Sänger Lied
Zu größrer Süßigkeit des Sangs begleiten;
So regt, indes der Adler mich beschied,
Der benedeiten Lichter Paar, zusammen,
Wie man die Augen blicken sieht,
Bei seinem Wort die hellen Wonneflammen.
Einundzwanzigster Gesang
Schon heftet ich die Augen aufs Gesicht
Der Herrin wieder, Augen und Gemüte,
Und dachte drum an alles andre nicht.
Sie lächelte mir nicht, doch sprach voll Güte:
"Dafern ich lachte, würde dir geschehn
Wie Semelen, als sie in Staub verglühte.
Wenn meine Schönheit, die, wie du gesehn,
Beim Steigen in dem ewigen Palaste
Sich mehr entflammt, je mehr wir uns erhöhn,
Sich deinem Blick nicht mäßigte, sie faßte
Dich wie ein Blitz—du wärst von ihr erdrückt,
Zerschmettert, gleich dem blitzgetroffnen Aste.
Wir sind zum Glanz, dem siebenten, entrückt,
Der vom Gebild des Himmelsleun umgeben,
Aus seiner Glut den Strahl herniederzückt.
Laß itzt den Geist, dem Blicke nach, sich heben;
Und deinen Blick—mach itzt zum Spiegel ihn
Fürs Bild, das kund wird dieser Spiegel geben."
Wer wüßte, wie ihr Blick so selig schien,
Wie er dem meinen ward zur süßen Weide,
Als sie gebot, ihn wieder abzuzielen,
Oh, der erkennt auch wohl, mit welcher Freude
Ich dem gehorcht, was sie mir auferlegt,
Denn Wonne hielt das Gleichgewicht dem Leide.
In dem Kristall, das, um die Welt bewegt,
Vom teuren Führer, unter dem entweichen
Die Bosheit mußte, noch den Namen trägt,
Erblickt ich einer Leiter schimmernd Zeichen,
An Farbe gleich dem Gold, durchglänzt vom Strahl,
Hoch, daß zur Höh nicht Menschenblicke reichen.
Und auf den Sprossen stieg in solcher Zahl
Die Schar der selgen Himmelslichter nieder,
Als ström hier alles Licht mit einemmal.
Und wie, nach ihrer Art, die Krähn, wenn wieder
Der Tag beginnt, sich rasch bewegend ziehn.
Um zu erwärmen ihr erstarrt Gefieder,
Und die von dannen ohne Rückkehr fliehn,
Die rückwärts fliegen, andre dann, im Bogen
Dieselbe Stell umkreisend, dort verziehn;
So sah ichs jetzt in jenem Glanze wogen,
Der sich als Strom ergoß. Sobald die Flut
Bis zu gewissen Stufen hergezogen.
Und einer glänzte, der, uns nah, geruht,
Drum wollte schon dies Wort der Lipp entsteigen:
"Ich seh es wohl, du zeigst mir Liebesglut."
Doch sie, die mir zum Sprechen und zum Schweigen
Das Wie und Wann bestimmt, sie schwieg, und ich
Tat wohl, nicht fragend meinen Wunsch zu zeigen.
Doch sie erklärte wohl mein Schweigen sich,
In ihm, der alles sieht, mich klar erschauend,
Und sprach: "Still itzt den heißen Wunsch und sprichl"
Und ich begann: "Nicht dem Verdienste trauend,
Halt ich von dir mich einer Antwort wert;
Ich frag, auf sie, die mirs gestattet, bauend,
O selges Leben, das du schön verklärt
Dich in der Freude birgst, aus welchem Grunde
Hast du zu mir dich liebevoll gekehrt?
Und sage mir, weswegen diesem Runde
Die Paradiessymphonie gebricht,
Die tiefer dort erklang im frommen Bunde?"
Und er:"Dein Ohr ist schwach, wie dein Gesicht,
Weshalb Beatrix nicht gelacht, deswegen
Ertönt der Sang in diesem Kreise nicht.
Ich kam von heilger Leiter dir entgegen,
Um mit der Red und mit dem Licht, das mir
Zum Kleide dient, dich freudig aufzuregen.
Und nicht aus größrer Liebe bin ich hier;
Nein, mehr und gleiche Liebe glüht in ihnen,
Die dorten sind, und Schimmer zeigt sie dir.
Doch höchste Liebe, die uns treibt, zu dienen
Dem ewgen Rat, braucht, wen sie wählt, dabei,
Wie dir in dem, was du gesehn erschienen."
"Ich sehe," sprach ich, "daß die Liebe, frei,
An diesem Hof den Schlüssen nachzugehen
Der ewgen Vorsehung, genügend sei.
Doch bleibt mir eins noch schwierig zu verstehen:
Warum bist du von allen jenen dort
Schon im voraus zu diesem Amt ersehen?"
Noch war ich nicht gelangt zum letzten Wort,
Da drehte sich, sich um sich selber schwingend,
Das Licht im Kreis gleich einer Mühle fort.
"Da jenes Licht, dem Urquell selbst entspringend,"
Antwortete die Liebe drin, "mir scheint,
Das, welches mich in sich verschließt, durchdringend,
Hebt seine Kraft, mit meinem Schaun vereint,
Mich über mich, so daß in seinem Schimmer
Das Ursein, das ihn ausströmt, mir erscheint.
Und daher kommt mein freudiges Geflimmer,
Denn wie des Blickes Klarheit sich vermehrt,
Vermehrt sich auch der Flammen Klarheit immer.
Doch der, der sich im reinsten Licht verklärt,
Der Seraph selbst, der Gott am hellsten siebet,
Genügt dir nicht in dem, was du begehrt.
Denn in dem Abgrund ewgen Rats umziehet
Das, was du fragtest, Nacht, die, nie erhellt,
Es jeglichem geschaffnen Blick entziehet.
Verkünde dies, zurückgekehrt, der Welt
Und warne sie vor jenem stolzen Streben,
Das so Erhabnes sich zum Ziele stellt.
Der Geist, von Licht hier, dort von Rauch umgeben,
Sucht, wie er kann, zum höchsten Ziel hinauf,
Das er nicht sehn kann, dort den Blick zu heben."
Dies trug das Wort des Seligen mir auf,
Drum ließ ich demutsvoll von diesen Fragen
Und fragte nur nach seinem Lebenslauf.
"Zwischen Italiens beiden Küsten ragen
Gebirge, Tuscien nah, so hoch empor,
Daß unter ihren Höhn die Wolken jagen.
In ihnen springt ein Bergeshöcker vor,
Catria genannt, und drunter liegt die Öde,
Die Gott zu seinem echten Dienst erkor."
Also begann er seine dritte Rede
Und fuhr dann fort: "Dort stärkt ich meine Kraft
Im Dienste so, daß ich der Speisen jede
Mit nichts mir würzt als mit Olivensaft;
Dort hat Beschauung mir in vielen Jahren
Bei Hitz und Frost Zufriedenheit verschafft.
Fruchtbare Felder für den Himmel waren
Im Klosterbann—jetzt wuchert Unkraut dort,
Und wohl geziemt sichs, dies zu offenbaren.
Pier Damian war ich an jenem Ort.
(Petrus Peccator lebt in Unsrer Lieben
Fraun heilgem Kloster an Ravennas Bord.)
Nur wenig Leben war mir noch geblieben,
Da rief, ja zog man mich zu jenem Hut,
Der jetzt zu Schlimmen reizt und schlimmem Trieben.
Petrus war mager einst und unbeschuht,
Paulus ging so einher in jenen Tagen
Und fand die Kost in jeder Hütte gut.
Die neuen Hirten, feist, voll Wohlbehagen,
Sieht man gestützt, geführt und schwerbewegt,
Und hinten läßt man gar die Schleppe tragen.
Wenn übers Prachtroß sich ihr Mantel schlägt,
Sind zwei Stück Vieh in einer Haut beisammen.
O göttliche Geduld, die viel erträgt!"—
Hier stiegen von der Leiter viele Flammen
Und kreisten dort, so daß sie mehr und mehr
Bei jedem Kreis in schönem Lichte schwammen.
Sie stellten sich um jenen Schimmer her,
Mit einem Rufe von so lautem Schalle,
Daß nichts auf Erden tönt so laut und schwer.
Doch nichts verstand ich in dem Donnerhalle.
Zweiundzwanzigster Gesang
Ich kehrte mich, vom Staunen überwunden,
Zu meiner Führerin, gleich einem Kind,
Das Hilfe sucht, wos immer sie gefunden.
Sie sprach, der Mutter gleich, die sich geschwind
Zum Knaben kehrt, der atemlos, beklommen
In ihrer Stimme frischen Mut gewinnt:
"Bedenks, dich hat der Himmel aufgenommen,
Wo alles heilig ist, wo heißem Drang
Gerechten Eifers, was geschieht. entglommen.
Wie dich mein Lächeln, wie dich der Gesang
Verwandelt hätten, wirst du jetzt verstehen,
Da jener Ruf dich so mit Graus durchdrang.
Verstündest du das drin enthaltne Flehen,
So wäre dir die Rache schon erklärt,
Die du noch wirst vor deinem Tode sehen.
Von droben fällt zu frühe nicht das Schwert,
Und nicht zu spät, wies dem scheint, der mit Grauen
Es harrend fürchtet oder es begehrt.
Jetzt blicke nur auf andres mit Vertrauen,
Sieh dortenhin; du wirst in großer Zahl
Dort hochberühmte selge Geister chauen."
Ich sah, den Blick gewandt, wie sie befahl,
Wohl hundert Kreise, welche Funken Sprühten,
Verschönert von dem gegenseitgen Strahl.
Wie auch in mir der Sehnsucht Stacheln glühten,
Doch wagt ich keine Frag und hieß sie ruhn,
Um vor zu großer Kühnheit mich zu hüten.
Die größte, hellste Perle nahte nun,
Um jenem Wunsch, den sie in mir ergründet,
Mit süßem Liebeswort genugzutun.
"Wenn du die Liebe sähst, die uns entzündet,"
So sprach die Stimme jetzt aus jenem Licht,
"Du hättest, was du denkst, mir frei verkündet.
Doch horch, auf daß du, harrend, später nicht
Zum hohen Ziel gelangest, und ich deute
Dir, was zu fragen dir der Mut gebricht.
Des Berges Höh, an dessen Abhang heute
Cassino liegt, war einst Versammlungsort
Für viel Betrüger und betrogne Leute.
Der erste, nannt ich dessen Namen dort,
Der jene Wahrheit, die uns hoch erhoben,
Der Erde bracht in seinem heilgen Wort.
Und solche Gnade glänzt auf mich von oben,
Daß ich das Land umher vom Dienst befreit,
Der mit verruchtem Trug die Welt umwoben.
Wer hier glänzt, lebt einst in Beschaulichkeit,
Und keiner ließ in sich die Flamm erkalten,
Die Blüten treibt und heilge Frucht verleiht.
Sieh des Maccar, des Romuald Lichtgestalten,
Sieh meine Brüder, die im Klosterbann
Den Fuß gehemmt und fest das Herz gehalten."
"Dein liebevolles Wort", so hob ich an,
"Und diese Freundlichkeit, die es begleitet,
Die ich an jedem Glanz bemerken kann,
Sie haben also mein Vertraun erweitet,
Wie Sonnenschein die Rose, welche sich,
Soweit sie kann, erschließet und verbreitet.
Und, so vertrauend, Vater, bitt ich dich,
Dich meinen Blicken unverhüllt zu zeigen,
Ist solche Gnade nicht zu groß für mich."
"Wenn so hoch", sprach er, "deine Wünsche steigen,
Beut dir der letzte Kreis Erfüllung dar.
Durch sie wird jeder Wunsch, auch meiner, schweigen.
Dort wird vollkommen, reif und ganz und wahr,
Was nur das Herz ersehnt—und dort nur findet
Sich jeder Teil da, wo er ewig war,
Weil jener Kreis sich nicht im Raum befindet;
Doch unsrer Leiter Höh erreichet ihn,
Daher sie also deinem Blicke schwindet.
Als sie dem Jakob einst im Traum erschien,
Sah er die Spitze bis zum Himmel streben
Und drauf die Engel auf und nieder ziehn.
Jetzt mag man nicht den Fuß vom Boden heben,
Um sie zu steigen, und bei Schreiberein
Bleibt an der Erde träg mein Orden kleben.
Denn Räuberhöhlen sind, was einst Abtein,
Und ihrer Mönche weiße Kutten pflegen
Nur Säcke, voll von dumpfgem Mehl, zu sein.
Kein Wucher ist so sehr dem Herrn entgegen
Als jene Frucht, auf die die Mönch erpicht,
Drob sie im Herzen solche Torheit hegen.
Das, was die Kirche wahrt, gehört nach Pflicht
Den Armen nur zur Lindrung der Beschwerden,
Nicht Vettern, noch auch schlechterem Gezücht.
Schwach ist des Menschen Fleisch, so, daß auf Erden
Ein guter Urspung nicht genügen kann,
Bis Eichensprossen Eichenbäume werden.
Petrus fing ohne Gold und Silber an,
Und ich begann mit Fasten und mit Flehen,
Franz seinen Orden als ein niedrer Mann.
Willst du nach eines jeden Ursprung spähen,
Dann sehn, wie ihn verführt der Übermut,
So wirst du Schwarzes statt des Weißen sehen.
Traun! daß sich aufgetürmt des Jordans Flut
Auf Gottes Wink, ist wunderbar zu finden,
Mehr als die Hilfe, die euch nötig tut."
Sprachs, um mit seiner Schar sich zu verbinden;
Zusammen drängte sich die Schar und fuhr
Vereint empor, gleich schnellen Wirbelwinden.
Und ihnen nach, mit einem Winke nur,
Trieb mich die Herrin aufwärts jene Stiegen;
So zwang jetzt ihre Kraft mir die Natur.
Hienieden, wo bald sinkt, was erst gestiegen,
Gibt die Natur nie solche Schnelligkeit,
Daß sie vergleichbar ist mit meinem Fliegen.
So wahr ich, Leser, zu der Herrlichkeit
Einst kehren will, für die ich oft in Zähren
Den Busen Schlag in Reu und tiefem Leid;
Du kannst ins Feur den Finger tun und kehren
So schnell nicht, als ich war im Sterngebild,
Das nach dem Stier durchrollt die Himmelssphären.
O edle Sterne, kraftgeschwängert Bild,
Dem das, was ich an Geist und Witz empfangen,
Seis wenig oder sei es viel, entquillt,
In euch ist auf-, in euch ist untergangen
Die Mutter dessen, was auf Erden lebt,
Als mich zuerst Toskanas Luft umfangen.
Als ich zum hohen Kreis, in dem ihr schwebt,
Geführt von reicher Gnad, emporgeflogen,
Da ward zuteil mir, daß ich euch erstrebt.
Fromm seufz ich jetzt zu euch, seid mir gewogen!
Wollt Kraft zum schweren Pfade mir verleihn,
Der meine Seele ganz an sich gezogen,
"Zum letzten Heile führ ich bald dich ein,"
Sie sprachs, die mich zu diesen Höhen brachte,
"Und scharf und klar muß itzt dein Auge sein.
Darum, bevor du tiefer dringst, betrachte
Was unten liegt, und sieh, wie viele Welt
Ich unter deinem Fuß schon liegen machte.
Damit dein Herz, soviel es kann, erhellt,
Bereit sei, vor den Siegern zu erscheinen,
Die fröhlich sich in diesem Kreis gesellt."
Durch alle sieben Sphären warf ich meinen
Blick nun zurück und sah dies Erdenrund,
So daß ich lächelt ob des niedern, kleinen.
Und jener Rat beruht auf gutem Grund,
Denn die dies Rund verschmähn in höherm Streben,
Nur ihnen wird die echte Weisheit kund.
Ich sah in Glut Latonas Tochter schweben,
Von jenem Schatten frei, der mir zum Wahn
Vom Dünnen und vom Dichten Grund gegeben.
Dich, strahlenreicher Sohn Hvperions, sahn
Jetzt meine Blicke fest und ungeblendet,
Und um dich Majas und Diones Bahn.
Dich sah ich, Zeus, der mäßgen Schimmer spendet,
Zwischen Saturn und Mars, auch ward mir klar,
Wie seinen Wechsellauf ein jeder wendet.
Wie groß die sieben sind, ward offenbar,
Wie schnell sie sind, den Weltenraum durchreisend,
Auch stellte mir sich ihre Ferne dar.
Und mit dem ewgen Zwillingspaare kreisend,
Sah ich die Scheibe, die so stolz uns macht,
Mir Land und Meer und Berg und Täler weisend.
Dann kehrt ich mich zu ihrer Augen Pracht.