Dreizehnter Gesang
Wer wohl verstehn will, was ich nun gesehen,
Bild itzt sich ein und lass im Geist das Bild,
Indes ich spreche, fest, wie Felsen, stehen,
Fünfzehen Sterne, die man am Gefild
Des Himmels in verschiedner Gegend findet,
So glanzvoll, daß ihr Licht durch Nebel quillt;
Den Wagen, der um unsern Pol sich windet,
Und sein Gewölb bei Tag und Nacht durchreist,
Drob er beim Deichselwenden nicht verschwindet;
Bild ein sich, was der Mund des Hornes weist,
Das anfängt an der Himmelsachse Grenzen,
Um die das erste Rad nie rastend kreist;
Die Sterne denk er sich in zweien Kränzen,
Die, dem gleich, der sich zur Erinnrung flicht
An Ariadnens Tod, am Himmel glänzen,
Umringt den einen von des andern Licht,
Und beid im Kreis gedreht in solcher Weise,
Daß dem, der vorgeht, der, so folgt, entspricht;
Dann glaub er, daß sich ihm ein Schatten weise
Des wahren Sternbilds, welches, zweigereiht,
Den Punkt, auf dem ich stand, umtanzt im Kreise.
Denn was wir kennen, steht ihm nach, so weit,
Als nur der Chiana träger Lauf dem Rollen
Des fernsten Himmels weicht an Schnelligkeit.
Dort sang man nicht von Bacchus, von Apollen,
Nein, drei in einem—Gott und Mensch nur eins,
Die Lieder warens, welche dort erschollen.
Als Sang und Tanz des heiligen Vereins
Vollbracht war, wandt er sich zu uns, von Streben
Zu Streben, ewig froh des selgen Seins.
Und jenes Licht hört ich die Stimm erheben
Im eintrachtsvollen Kreis, das mir vorher
Erzählt des heilgen Armen Wunderleben.
Es sprach zu mir: Das eine Stroh ist leer
Und wohlverwahrt die Saat, allein entglommen
Von süßer Liebe, dresch ich dir noch mehr.
Du glaubst: Der Brust, aus der die Ripp entnommen
Zum Stoff des Weibes, deren Gaum hernach
Der ganzen Welt so hoch zu stehn gekommen,
Und jener, die, als sie der Speer durchstach,
So nach wie vor so große Gnüge brachte,
Daß sie die Macht jedweder Sünde brach,
Sei alles Licht, das je dem Menschen lachte,
Und des er fähig ist, voll eingehaucht
Von jener Kraft, die jen und diese machte;
Und staunst, daß ich vorhin das Wort gebraucht:
Der fünfte Glanz sei bis zum tiefsten Grunde
Der Weisheit, wie kein zweiter mehr, getaucht.
Erschließ itzt wohl die Augen meiner Kunde;
Mein Wort und deinen Glauben siehst du dann
Im Wahren, wie den Mittelpunkt im Runde.
Das, was nicht stirbt, und das, was sterben kann,
Ist nur als Glanz von der Idee erschienen,
Die, liebreich zeugend, unser Heer ersann.
Denn jenes Licht des Lebens, das entschienen
Dem ewgen Lichtquell, ewig mit ihm eins,
Und mit der Lieb, als dritter, eins in ihnen,
Eint gnädiglich die Strahlen seines Scheins
Sie, wie in Spiegeln, in neun Himmeln zeigend,
Im ewigen Verein des einen Seins.
Von dort sich zu den letzten Kräften neigend,
Wird schwächer dann der Glanz von Grad zu Grad,
Zuletzt nur Dinge kurzer Dauer zeugend.
Die Dinge, die mein Wort bezeichnet hat,
Sind die Erschaffnen, welche die Bewegung
Des Himmels zeugt, so mit wie ohne Saat.
Ihr Wachs ist ungleich, und die Kraft der Prägung
Und von des Urgedankens Glanz gewahrt
Man drum hier schwächere, dort stärkre Regung;
Daher denn auch von Bäumen gleicher Art
Bald bessere, bald schlechtre Früchte kommen,
Und euch verschiedne Kraft des Geistes ward—
War irgendwo das Wachs rein und vollkommen,
Und ausgeprägt mit höchster Himmelskraft,
Rein würde das Gepräg dann wahrgenommen.
Doch die Natur gibts immer mangelhaft
Und wirkt dem Künstler gleich, der wohl vertrauen
Der Übung kann, doch dessen Hand erschlafft.
Drum, bildet heiße Lieb und klares Schauen
Der ersten Kraft, dann wird sie, rein und groß,
Vollkommenes erschaffen und erbauen.
So ward gewürdiget der Erdenkloß,
Die tierische Vollkommenheit zu zeigen,
Und so geschwängert ward der Jungfrau Schoß.
Darum ist deine Meinung mir auch eigen:
Daß menschliche Natur in jenen zwein
Am höchsten stieg und nie wird höher steigen.
Hielt ich mit meinen Lehren jetzo ein,
So würdest du die Frage nicht verschieben:
Wie könnt ein dritter ohnegleichen sein?
Doch, daß erscheine, was versteckt geblieben,
So denke, wer er war, und was zum Flehn,
Als ihm gesagt ward: "Bitt!" ihn angetrieben.
Aus meiner Rede konntest du ersehn:
Als König fleht er um Verstand, beflissen,
Damit dem Reiche gnügend vorzustehn,
Nicht um der Himmelslenker Zahl zu wissen,
Nicht, ob Notwendges und Zufälligkeit
Notwendiges als Schluß ergeben müssen;
Nicht, was zuerst bewegt, Bewegung leiht;
Nicht, ob ein Dreieck in dem halben Kreise
Noch anderen, als rechten Winkel, beut—
Was ich gemeint, erhellt aus dem Beweise.
Du siehst: eine Seher sondergleichen war
Durch Königsklugheit jener hohe Weise,
Auch ist mein Wort: dem nie ein zweiter, klar;
Von Köngen sprach ich nur an jenem Orte,
Die selten gute sind, ob viele zwar.
Mit diesem Unterschied nimm meine Worte,
Daß nicht im Streit damit dein Glaube sei
Vom ersten Vater und von unserm Horte.
Und dieses leg an deine Füße Blei
Und mache schwer dich, gleich dem Müden, gehen
Zum Ja! und Nein! wo nicht dein Auge frei,
Weil die selbst unter Toren niedrig stehen,
Die sich zum Ja und Nein, ohn Unterschied,
Gar schnell entschließen, eh sie deutlich sehen;
Drob sich die Meinung, wie es oft geschieht,
Zum Irrtum neigt, und dann im Drang des Lebens
Die Leidenschaft das Urteil mit sich zieht—
Wer nach der Wahrheit fischt und, irren Strebens,
Die Kunst nicht kennt, der kehrt nicht, wie er geht,
Und schifft vom Strand drum schlimmer als vergebens,
Wie ihr dies an Melissus deutlich seht
Und an Parmenides und andern vielen,
Die gingen, eh sie nach dem Ziel gespäht;
Drob Arius und Sabell in Torheit fielen.
Gleich Schwertern waren sie dem heilgen Wort
Und machten die geraden Blicke schielen.
Nicht reiß euch Wahn zum schnellen Urteil fort,
Gleich denen, die das Korn zu schätzen wagen,
Das eh es reift, vielleicht im Feld verdorrt.
Denn öfters sah ich erst in Wintertagen
Den Dornenbusch gar rauh und stachlicht stehn.
Und auf dem Gipfel dann die Rose tragen.
Und manches Schiff hab ich im Meer gesehn,
Gerad und flink auf allen seinen Wegen,
Und doch zuletzt am Hafen untergehn.
Nicht glauben möge Hinz und Kunz deswegen,
Weil dieser stiehlt und der als frommer Mann
Der Kirche schenkt, mit Gott schon Rat zu pflegen.
Da der erstehn und jener fallen kann.
Vierzehnter Gesang
Vom Rand zur Mitte sieht man Wasser rinnen
Im runden Napf, vom Mittelpunkt zum Rand,
Je wie mans treibt nach außen oder innen.
Dies wars, was jetzt vor meiner Seele stand,
Als stille schwieg des Thomas heilges Leben
Und süß verhallend seine Stimme schwand,
Ob jener Ähnlichkeit, die sich ergeben,
Da er erst sprach, dann Beatricens Mund,
Ders jetzt gefiel, die Stimme zu erheben:
"Ihm tut es not, obwohl ers euch nicht kund
In Worten gibt, noch läßt im Innern lesen,
Zu spähn nach einer andern Wahrheit Grund.
Sagt ihm, ob dieses Licht, das euer Wesen
So schön umblüht, euch ewig bleiben wird
Im selben Glanze, wies bis jetzt gewesen.
Und, bleibts. So sagt, damit er nimmer irrt,
Wie, wenn ihr werdet wieder sichtbar werden,
Es euren Blick nicht blendet und verwirrt."
Wie mit verstärkter Lust oft hier auf Erden
Die Tanzenden im heitern Ringeltanz
Die Stimm erhöhn und froher sich gebärden;
So zeigte neue Lust der Doppelkranz,
Als sie ihn bat, so rasch, doch fromm-bescheiden,
In freudgem Drehn und Wundersang und Glanz—
Wer klagt, daß wir den Tod auf Erden leiden,
Um dort zu leben, oh, der fühlt und denkt
Nicht, wie wir dort am ewgen Tau uns weiden.
Daß drei und zwei und eins, das alles lenkt
Und ewig lebt in einein, zwein und dreien,
Und, ewig unumschränkt, das All umschränkt,
Gesungen wards in solchen Melodeien
Dreimal im Chor, um vollen Lohn der Pflicht
Und jeglichem Verdienste zu verleihen.
Und eine Stimm entklang dem hellem Licht
Des kleinern Kreises dann und wich an Milde
Wohl der des Engels der Verkündung nicht.
"Solang die Lust im himmlischen Gefilde,
So lange währt auch unsre Lieb und tut
Sich kund um uns in diesem Glanzgebilde.
Und seine Klarheit, sie entspricht der Glut,
Die Glut dem Schaun, und dies wird mehr uns frommen,
Je mehr auf uns die freie Gnade ruht.
Wenn wir den heilgen Leib neu angenommen,
Wird unser Sein in höhern Gnaden stehn,
Je mehr es wieder ganz ist und vollkommen.
Drum wird sich das freiwillge Licht erhöhn,
Das wir vom höchsten Gut aus Huld empfangen,
Licht, welches uns befähigt, ihn zu sehn,
Und höher wird zum Schaun der Blick gelangen,
Höher die Glut sein, die dem Schaun entglüht,
Höher der Strahl, der von ihr ausgegangen.
Doch, wie die Kohle, der die Flamm entsprüht,
Sie an lebendgem Schimmer überwindet
Und wohl sich zeigt, wie hell auch jene glüht;
So wird der Glanz, der jetzt schon uns umwindet,
Dereinst besiegt von unsres Fleisches Schein,
Wenn Gott es seiner Grabeshaft entbindet.
Nicht wird uns dann so heller Glanz zur Pein;
Denn stark, um alle Wonnen zu genießen,
Wird jedes Werkzeug unsers Körpers sein."—
Und Amen riefen beide Chör und ließen
Durch Einklang wohl den Wunsch ersehn, den Drang,
Sich ihren Leibern wieder anzuschließen.
Und wohl für sich nicht nur, nein, zum Empfang
Der Väter, Mütter und der andern Teuern,
Die sie geliebt, eh sie die Flamm umschlang.
Und sieh, zum Glanz von diesen ewgen Feuern
Kam gleiche Klarheit rings, wie wenn das Licht
Des Tags der Sonne goldne Pfeil erneuern.
Wie, wenn allmählich an der Abend bricht,
Am Himmel Punkte, klein und bleich, erglänzen,
So daß die Sach als wahr erscheint und nicht;
So glaubt ich jetzt in neuen Ringeltänzen
Noch zweifelnd, neue Wesen zu erspähn,
Weit außerhalb von jenen beiden Kränzen.
O wahrer Schimmer, angefacht vom Wehn
Des Heilgen Geists so plötzlich hell!—Geblendet
Könnt ihm mein Auge jetzt nicht widerstehn.
Doch als ich zu Beatrix mich gewendet,
War sie so lachend schön, so hochbeglückt,
Daß solches Bild kein irdisch Wort vollendet.
Da ward von neuer Kraft mein Aug entzückt;
Ich schlug es auf und sah mich schon nach oben
Mit ihr allein zu höherm Heil entrückt.
Wohl nahm ich wahr, ich sei emporgehoben.
Denn glühend lächelte der neue Stern
Und schien von ungewohntem Rot umwoben.
Von Herzen, in der Sprache, welche fern
Und nah gemeinsam ist den Völker Scharen,
Bracht ich Dankopfer dar dem höchsten Herrn.
Und lustentzündet könnt ich schon gewahren,
Eh ich die ganze Glut ihm dargebracht,
Daß angenehm dem Herrn die Opfer waren.
Denn Lichter, in des Glanzes höchster Macht,
Sah ich aus zweien Schimmerstreifen scheinen,
Und rief: O Gott, du Schöpfer solcher Pracht!—
So tut, besät mit Sternen, groß und kleinen,
Galassia zwischen Pol und Pol sich kund,
Von welcher dies und das die Weisen meinen,
Wie diese Streifen, bildend auf dem Grund
Des roten Mars das hochgeehrte Zeichen,
Gleich vier Quadranten, wohlgefügt im Rund.
Wohl muß die Kunst hier dem Gedächtnis weichen,
Denn von dem Kreuz hernieder blitzte Christus;
Wo gäbs ein Bild, ihm würdig zu vergleichen?
Doch wer sein Kreuz nimmt, folgend seinem Christus,
Von ihm wird das, was ich verschwieg, verziehn,
Denn blitzen sieht auch er im Glanze Christus.
Von Arm zu Arm, vom Fuß zur Höh erschien
Bewegtes Licht, hier hell in Glanz entbrennend,
Weil sichs verband, dort beim Vorüberziehn.
So sieht man wohl, hier träg bewegt, dort rennend,
Atome, hier grad, dort krummgeschweift,
Und lang und kurz, sich einend und sich trennend,
Wirbelnd im Strahl, der durch den Schatten streift,
Nach dem, wenn heiß die Sonnengluten flirren,
Der Mensch mit Witz und Kunst begierig greift.—
Und wie harmonisch Laut und Harfe schwirren,
Sind nur die vielen Saiten rein gespannt,
Ob auch im Ohr die Töne sich verwirren;
So hört ich jetzt den Sang vom Kreuz und stand,
Als ob in Lust die Sinne sich verlören,
Obwohl ich von der Hymne nichts verstand.
Doch hohen Preis vernahm ich in den Chören,
Denn: Du erstehst und siegst!—erklangs, und ich
Glich denen, welche nicht verstehn, doch hören.
Und so durchdrang hier süße Liebe mich,
Daß, welche holde Band auch mich umfingen,
Doch keins bis dahin diesem Bande glich.
Vielleicht scheint sich zu kühn mein Wort zu schwingen,
Nachsetzend selbst der schönen Augen paar,
Die jeden Wunsch in mir zur Ruhe bringen.
Doch nimmt man die lebendgen Stempel wahr,
Die, höher, immer schöneres gestalten,
Und denkt, daß ich gewandt von jenen war,
So wird man drob mich für entschuldigt halten
Und sehn, daß ich vom Wahren nicht geirrt;
Doch dürft auch hier die heilge Wonne walten,
Die, wie man aufsteigt, immer reiner wird.
Fünfzehnter Gesang
Gewogner Will, in welchem immer dir
Sich offen wird die echte Liebe zeigen,
Wie böser Wille kund wird durch Begier,
Gebot der süßen Leier Stilleschweigen
Und hielt im Schwung der heilgen Saiten ein,
Die Gottes Rechte sinken macht und steigen.
Wie werden taub gerechter Bitte sein
Sie, die einhellig den Gesang itzt meiden,
Um Mut zur Bitte selbst mir zu verleihn.
Oh, wohl verdienen ewiglich zu leiden
Die, weil die Lieb in ihrer Brust erwacht
Für Irdisches, sich jener Lieb entkleiden.
Wie durch die Heiterkeit der stillen Nacht
Oft Feuer läuft, vom Augenblick geboren,
Und des Beschauers Augen zücken macht,
Gleich einem Stern, der andern Platz erkoren,
Nur, daß an jenem Ort, wo er entbrannt,
Sich nichts verliert und er sich schnell verloren;
So sah ich aus dem Arm zur rechten Hand
Jetzt einen Stern zum Fuß des Kreuzes wallen,
Aus jenem Sternbild, das dort glänzend stand.
Die Perl war nicht aus ihrem Band gefallen;
Sie lief am lichten Streif dahin und war
Wie Feuer hinter glänzenden Kristallen.
So, redet unsre größte Muse wahr,
Stellt in Elysiums Hainen seinem Sprossen
Anchises sich mit frommer Liebe dar.
"O du, mein Blut, auf welches sich ergossen
Die Gnade hat, wem hat der höchste Hort
Zweimal, wie dir, des Himmels Tür erschlossen?"
Mir zog den Geist zum Lichte dieses Wort;
Drauf, als ich mich zu meiner Herrin wandte,
Ward mir Entzückung, Staunen, hier wie dort,
Weil ihr im Auge solch ein Lächeln brannte,
Daß, wie ich glaubte, meins den Grund darin
Von meinem Himmel, meiner Gnad erkannte.
Der Geist dann fügte Dinge zum Beginn,
Er, angenehm zu hören und zu sehen,
Die ich nicht faßte vor zu tiefem Sinn.
Doch wollt er nicht, ich soll ihn nicht verstehen;
Es mußte sein, weil Reden solcher Art
Weit übers Ziel der Menschenfassung gehen.
Doch als der Schwung, in dem sich offenbart
Der Liebe Glut, insoweit nachgelassen,
Daß jenes Ziel nicht überflogen ward,
Sprach er, was ich nun fähig war, zu fassen:
"Preis dir, Dreieiner, der du auf mein Blut
So reich an Gnade dich herabgelassen."
Und dann: "Der Sehnsucht lange, süße Glut.
Entflammt, da ich im großen Buch gelesen,
Das kund unwandelbar die Wahrheit tut,
Stillst du, mein Sohn, im Licht, aus dem mein Wesen
Jetzt freudig zu dir spricht; Dank ihr, die dich
Zum Flug beschwingt und dein Geleit gewesen!
Du glaubst, daß alles, was du denkst, in mich
Vom Urgedanken strömt; denn es entfalten
Die fünf und sechs ja aus der Einheit sich;
Drum fragst du nicht nach mir und meinem Walten,
Und weshalb höher meine Freude scheint
Als die der andern dieser Lichtgestalten.
Dein Glaub ist wahr, weil groß und klein vereint
In diesem Reich, nach jenem Spiegel blicken,
Wo, eh du denkest, der Gedank erscheint,
Doch, um die Lieb, in die mit wachen Blicken
Ich ewig schau, und die die Süßigkeit
Der Sehnsucht zeugt, vollkommner zu erquicken,
Erklinge sicher, kühn, voll Freudigkeit
Die Stimm in deinem Willen, deinem Sehnen,
Und die Entgegnung drauf ist schon bereit."
Ich sah auf sie, die, eh die Wort ertönen,
Mich schon versteht, und lächelnd im Gesicht,
Hieß sie mich frei des Willens Flügel dehnen.
Ich sprach: "Die Neigung und des Geistes Licht
Sind, seit die erste Gleichheit ihr ergründet,
Bei jeglichem von euch im Gleichgewicht,
Weil euch die Sonne, die euch hellt und zündet
Mit Licht und Glut, damit sogleich durchdringt,
Daß man, was sonst sich gleicht, hier ungleich findet.
Doch Will und Witz, wie sie der Mensch erringt,
Sie sind aus dem euch offenbaren Grunde
Mit sehr verschiedner Kraft zum Flug beschwingt.
Dies fühl ich Sterblicher in dieser Stunde,
Und danke deine Vaterliebe dir
Drum mit dem Herzen nur, nicht mit dem Munde.
O du lebendiger Topas, du Zier
Des edlen Kleinods, hell in Glanz entglommen,
Still itzt, dich nennend, meine Wißbegier!"
"Mein Sproß, längst froh erwartet, jetzt willkommen,
In mir sieh deine Wurzel!" So der Geist,
Und setzt hinzu, nachdem ich dies vernommen:
"Und er, nach welchem dein Geschlecht sich heißt,
Der hundert Jahr und mehr für stolzes Wesen
Des Berges ersten Vorsprung schon umkreist,
Er ist mein Sohn, dein Urgroßahn, gewesen,
Und dir geziemts, von solcher langen Pein
Durch gute Werk ihn schneller zu erlösen.
Florenz, im alten Umkreis, eng und klein,
Woher man jetzt noch Terzen hört und Nonen,
War damals friedlich, nüchtern, keusch und rein.
Nicht Kettchen hatt es damals noch, nicht Kronen,
Nicht reichgeputzte Fraun—kein Gürtelband,
Das sehenswerter war als die Personen.
Bei der Geburt des Töchterleins empfand
Kein Vater Furcht, weil man zur Mitgift immer,
So wie zur Zeit, die rechten Maße fand.
Und öde, leere Häuser gabs da nimmer;
Nicht zeigte dort noch ein Sardanapal,
Was man vermag in Üppigkeit der Zimmer.
Nicht übertroffen ward der Montemal
Von dem Uccellatojo noch im Prangen,
Und wie im Steigen, also einst im Fall.
Ich sah vom schlichten Ledergurt umfangen
Bellincion Berti noch und sah sein Weib
Vom Spiegel gehn mit ungeschminkten Wangen.
Ich sah ein unverbrämtes Wams am Leib
Des Nerli und des Vecchio—und den Frauen
War Spill und Rocken froher Zeitvertreib.
Glückselge Fraun! In eurer Heimat Auen
War euch ein Grab gewiß—durch Frankreichs Schuld
War keiner noch das öde Bett zum Grauen.
Die, wach und emsig an der Wiege, lullt
In jener Sprach ihr Kindlein ein, die jeden
Der Vater ist, entzückt in Süß und Huld.
Die, ziehend aus dem Rocken glatte Fäden,
Letzt ihrer Kinder Kreis von Römertat,
Von Troja, Fiesole mit klugen Reden.
Was ihr an einer Cianghella saht,
An Salterell, solch Wunder hätts gegeben,
Als itzt Cornelia gab und Cincinnat.
So ruhigem, so schönem Bürgerleben,
So treuer Bürgerschaft, so teurem Land,
Gab mich Maria, die mit Angst und Beben
Die Mutter anrief, als sie Wehn empfand,
Und dort, in unserm Taufgebäu, dem alten,
Ward ich ein Christ und Cacciaguid genannt.
Zwei Brüder hatt ich, und zu treuem Walten
Im Haufe kam die Gattin mir vom Po,
Von der den zweiten Namen du erhalten.
Den Kaiser Konrad folgt und dient ich, so,
Daß er mich weihte zu des Ritters Ehren,
Und immer blieb ich seiner Gnade froh.
Mit ihm wollt ich des Greuels Reich zerstören,
Des Volk, durch eurer Hirten Fehler, sich
Der Länder anmaßt, die euch angehören.
Und dort, von jenem schnöden Volk, ward ich
Vom Trug der Welt entkettet und geschieden,
Der viele Herzen jeder Zeit beschlich,
Und kam vom Märtyrtum zu diesem Frieden.
Sechzehnter Gesang
O du geringer Adel unsers Bluts,
Kannst du hienieden uns zum Stolz verführen,
Wo wir noch fern vom Schaun des wahren Guts.
So werd ich nimmer drob Verwundrung spüren;
Denn dort, wo falsche Lust uns nicht erreicht,
Fühlt ich darob in mir den Stolz sich rühren.
Du bist ein Mantel, der, sich kürzend, weicht,
Setzt man nicht Neues zu von Tag zu Tagen,
Weil rings die Zeit mit ihrer Schere schleicht—
Mit jenem ihr, das Rom zuerst ertragen,
Das jetzt die Römer minder brauchen, trat
Ich näher hin, beginnend neue prägen.
Beatrix drum, zur Seite stehend, tat,
Lächelnd, gleich jener, die beim ersten Fehle
Ginevrens, wie man schreibt, gehustet hat.
"Ihr seid mein Vater; Ihr erhebt die Seele,
Daß ich mehr bin als ich; Ihr gebt mir Mut
Mit Euch zu sprechen frei und sonder Hehle.
Mir strömt zur Brust vielfacher Wonne Flut,
Doch sie erträgt es, ohne zu zerspringen,
Weil süß das Herz in eigner Freude ruht.
Drum sprecht, mein Urahn, welche Vordern gingen
Euch noch voraus, und wie bezeichnet man
Die Jahre, die Euch hier itzt Früchte bringen?
Vom Schafstall sprecht des heiligen Johann;
Wie groß war er? Wer ist, den, hochzustehen
In jenem Volk, man würdig preisen kann?"
Gleichwie, belebt von frischen Windeswehen,
Die Kohl in Flammen glüht, so war das Licht
Bei meinem Liebeswort in Glanz zu sehen.
Und so verschont er jetzt sich dem Gesicht,
Wie seine Sprache sich dem Ohr verschönte;
Doch wars nicht jene, die man jetzo spricht.
Er sprach: "Seitdem des Engels Ave tönte,
Bis meine Mutter, heilig itzt, in Qual
Sich meiner Last entledigend, erstöhnte,
Kam allbereits fünfhundertachtzigmal
Dies Feuer zu den Füßen seines Leuen,
Dort zu erneuern seinen Flammenstrahl.
Des ersten Lichts sollt ich am Ort mich freuen,
Den Vätern gleich, wo man das Sechsteil fand.
In dem sich eure Jahresläuf erneuen.
Und dies sei von den Ahnen dir bekannt;
Wer sie gewesen, und woher entsprossen,
Wird schicklicher verschwiegen als benannt.
Was da, von Mars und Täufer eingeschlossen,
Befähigt war, sich zum Gefecht zu reihn,
Ein Fünfteil wars der jetzigen Genossen.
Allein die Bürgerschaft, jetzt groß zum Schein,
Vermischt mit Campis und Certaldos Scharen,
War noch im letzten Handwerksmanne rein.
Wohl besser wären, die einst Nachbarn waren,
Es jetzo noch—wohl besser wars, Galluzz
Und Trespian als Grenzen zu bewahren,
Als innerhalb der Bauern Stank und Schmutz
Von Aguglion und Signa zu ertragen,
Die listig schachern allem Recht zum Trutz.
Wenn sich, der gänzlich aus der Art geschlagen,
Am Kaiser nicht stiefväterlich verging,
Statt ihn am Herzen väterlich zu tragen,
War mancher Schachrer, den Florenz empfing,
Bereits zurückgekehrt nach Simifonte,
Wo sein Großvater schmählich betteln ging.
Wie Montemurlo Grafschaft bleiben konnte,
So wären noch die Cerchi in Acon,
Vielleicht in Valdigriev die Buondelmonte.
In Volksvermischung fand man immer schon
Den ersten Keim zu einer Stadt Verfalle,
Wie Speis auf Speisen unsern Leib bedrohn.
Ein blinder Stier stürzt hin in jäherm Falle
Als blindes Lamm, und öfters ist ein Schwert
Mehr wert als fünf und schneidet mehr als alle.
Sieh Luni, Urbifaglia schon verheert,
Sieh Chiusi in derselben Not sich winden,
Die Sinigaglia, jenen gleich, erfährt;
Dann wirst dus nicht mehr neu und schrecklich finden,
Hüllt Nacht des Todes die Geschlechter ein,
Da Städte selbst vom festen Grund verschwinden.
Was euer ist, das trägt, wie euer Sein,
Den Tod in sich; doch, was sich minder wandelt,
Verbirgt ihn euch, denn eure Zeit ist klein.
Und wie des Mondes Lauf den Strand verwandelt
Und ihn in Ebb und Flut entblößt und deckt,—
So ists, wie das Geschick Florenz behandelt.
Drum werde dir kein Staunen mehr erweckt,
Sprech ich von Edeln deiner Stadt, von ihnen,
Die in Vergessenheit die Zeit versteckt.
Die Ughi hob ich und die Catellinen
Der Greci und Ormanni Stamm gesehn,
Die selbst im Fall erhabne Bürger schienen.
Mocht alt, wie hoch, der von Sanella stehn,
Er mußte mit Soldanier, den von Arke
Und den Bostichi kläglich untergehn.
Am Tor, das jetzt an Hochverrat so starke
Belastung hat, daß in den Wogen bald
Versinken wird die überladne Barke,
Dort war der Ravignani Aufenthalt,
Das Stammhaus derer, so den Namen führen
Des Bellincion, der edel ist und alt.
Wohl wußte, wie sichs zieme, zu regieren,
Der della Pressa—Galigajo nahm
Das Schwert, das goldnes Blatt und Knauf verzieren.
Groß war die graue Säul und wundersam,
Groß waren die Sachetti, die Barucci
Und die ein Scheffel jetzt durchglüht mit Scham.
Groß war vordem der Urstamm der Calfucci;
Zu jeglichem erhabnen Platz im Staat
Rief man die Sizii, die Arrigucci.
Wie groß wart ihr! Allein des Stolzes Saat
Trug Untergang—wie blüht auf allen Ästen
So edler Stämme Mut und große Tat!
So waren deren Väter, die in Festen,
Wenn man den Sitz des Bischofs ledig sieht,
Im Konsistorium sich behaglich mästen.
Das prahlende Geschlecht, das dem, der flieht,
Zum Drachen wird, doch sanft wird, gleich dem Lamme,
Wenn man die Zahne weist, den Beutel zieht
Kam schon empor, allein aus niederm Stamme,
Drum zürnt Ubert dem Bellincion, daß er
Zu solcherlei Verwandtschaft ihn verdamme.
Von Fiesole kam Caponsacco her
Auf euren Markt und trieb in jenen Tagen,
Wie Infangato bürgerlich Verkehr.
Unglaubliches, doch Wahres werd ich sagen:
Ein Tor des Städtchens ließ man ungescheut
Den Namen des Geschlechts der Pera tragen.
Wen nur des schönen Wappens Schmuck erfreut,
Des großen Freiherrn, dessen Preis und Ehren
Alljährlich noch das Thomasfest erneut.
Ließ Ritterwürden sich von ihm gewähren,
Mag der auch, ders mit goldner Zier umwand,
Jetzt im Vereine mit dem Volk verkehren.
Da hoch der Stamm der Gualterotti stand,
So würd in Kriegsnot Borgo minder beben,
Wenn er sich mit den Nachbarn nicht verband.
Das Haus, das euch zum Weinen Grund gegeben,
Das in gerechtem Grimm euch Tod gebracht
Und ganz beendigt euer heitres Leben,
Stand mit den Seinen fest in Ehr und Macht.
Buondelmont, was hattest du Verlangen
Nach andrer Braut? Was fremden Antriebs acht?
Wohl viele würden froh sein, die jetzt bangen,
Wenn Gott der Ema dich vermählt, als du
Zum ersten Male nach der Stadt gegangen.
Doch wohl stand dieser Stadt das Opfer zu,
Das sie der Brückenwacht, dem wüsten Steine,
Mit Blut gebracht in ihrer letzten Ruh.
Mit diesen und mit andern im Vereine
Sah ich Florenz des süßen Friedens wert,
Indems nie Ursach fand, weshalb es weine.
Mit diesem sah ich hoch sein Volk geehrt,
Gerecht und treu, in ruhig stiller Haltung,
Und nie am Speer die Lilie umgekehrt
Und nimmer rotgefärbt durch innre Spaltung.
Siebzehnter Gesang
Wie der, der Väter karg gemacht den Söhnen,
An Climene um Kunde sich gewandt
Von dem, was man gejagt, ihn zu verhöhnen;
So war ich jetzt in mir, und so empfand
Beatrix mich und er, des Liebesregung
Vom Flammenkreuz ihn zu mir hergebannt.
Drum sie: "Folg itzt der inneren Bewegung
Und laß den Wunsch hervor, nur sei er rein
Bezeichnet durch des innern Stempels Prägung.
Er soll nicht größre Kenntnis uns verleihn,
Doch mutig sollst du deinen Durst bekennen,
Als ob ein Mensch ihn stillen sollt in Wein."
"O teurer Ahn, hochragend im Erkennen,
Gleich wie der Mensch sieht, daß im Dreieck nicht
Zwei stumpfe Winkel sich gestalten können,
So siehst du, was da sein wird, das Gesicht
Dem Spiegel zugewandt, der alle Zeiten
Als Gegenwart dir zeigt im klaren Licht.
Als noch Virgil bestimmt war, mich zu leiten,
Um auf den Berg, der unsre Seelen heilt,
Und zu der toten Welt hinabzuschreiten,
Ward von der Zukunft Kunde mir erteilt,
Die hart ist, mag ich auch als Turm mich fühlen,
Der trotzend steht, wenn ihn der Sturm umheult.
Drum wüßt ich gern, um meinen Wunsch zu kühlen,
Welch ein Geschick mir naht. Vorausgeschaut,
Scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwühlen."
Ich sprachs zum Licht, das mir mit süßem Laut
Gesprochen hatt, und hatt ihm nun vollkommen,
Nach meiner Herrin Wink, den Wunsch vertraut.
In Rätseln nicht, wie man sie einst vernommen,
Bestimmt, ein Netz für Torenwahn zu sein,
Eh Gottes Lamm die Sünd auf sich genommen,
In klarem Wort und bündigem Latein,
Antwortete mir jene Vaterliebe
Verschlossen in der eignen Wonne Schein:
"Der Zufall, Werk allein der Erdentriebe,
Malt sich im ewgen Blick, wie vorbestimmt,
Und keiner ist, der ihm verborgen bliebe,
Obwohl er euch die Freiheit nicht benimmt
So wenig, als das Aug ein Schifflein leitet,
Das drin sich spiegelt, wenns stromunter schwimmt.
Wie Orgelharmonie zum Ohre gleitet,
So kann mein Aug im ewgen Blicke sehn,
Welch ein Geschick die Zukunft dir bereitet.
Wie Hippolyt, vertrieben aus Athen
Von der Stiefmutter treulos argen Ränken,
So mußt du aus dem Vaterlande gehn.
Dies wollen sie, dies ists, worauf sie denken;
Und wo man Christum frech zu Markte trägt,
Dort wird zur Tat, was nottut, dich zu kränken.
Und dem verletzten Teil folgt, wie er pflegt,
Der Ruf der Schuld—allein die Wahrheit künden
Wird Gottes Rache, die den Argen schlägt.
Du wirst dich allem, was du liebst, entwinden
Und wirst, wenn dies dir bittern Schmerz erweckt,
Darin den ersten Pfeil des Banns empfinden.
Wie fremdes Brot gar scharf versalzen schmeckt,
Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen,
Wird dann durch die Erfahrung dir entdeckt.
Doch wird so schwer nichts seinen Rücken biegen,
Als die Gesellschaft jener schlechten Schar,
Mit welcher du dem Bann wirst unterliegen.
Ganz toll und ganz verrucht und undankbar
Bekämpft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen,
Ihr Kopf, nicht deiner, wer im Rechte war.
Wie dumm sie ist, das wird ihr Tun besagen;
Und daß du für dich selbst Partei gemacht,
Wird dir erwünschte, schöne Früchte tragen.
Die erste Zuflucht in der harten Acht
Wird dir der herrliche Lombard gewähren,
Den heilger Aar und Leiter kenntlich macht.
Zwischen euch wird von Geben und Begehren
Das, was sonst später kommt, das erste sein,
So sorgsam wird auf dich sein Blick sich kehren.
Dort siehst du ihn, dem dieses Sternes Schein
Bei der Geburt im hellsten Licht entglommen,
Ihm das Gepräg zu hoher Tat zu leihn.
Und hat die Welt noch nichts davon vernommen,
So ists, weil eben erst zum neuntenmal
Die Sonn um ihm den Zirkellauf genommen.
Doch glänzt er, ungerührt durch Gold und Quäl,
Bevor sich des Gascogners Tücken zeigen
Bei Heinrichs Zug, in heller Tugend Strahl.
Hochherrlich wird sein Ruhm zum Himmel steigen;
Der Feind selbst kann, obwohl voll Ungeduld
Bei seiner Taten Lob, es nicht verschweigen.
Gewärtig sei denn sein und seiner Huld;
Aus Armen macht er Reich und Arm aus Reichen,
Hebt arme Tugend, stürzt die reiche Schuld.
Laß nicht dies Wort aus dem Gedächtnis weichen,
Doch sage nichts!" Dann sagt er Dinge mir,
Die dem selbst, der sie sah, noch Wundern gleichen.
"Sohn," also sprach er weiter, "siehe hier,
Zu dem, was dir verkündet ward, die Glossen.
Schon droht man aus dem Hinterhalte dir.
Doch nicht beneide deine Landsgenossen,
Denn lang, bevor du sinkst ins dunkle Grab,
Ist dem Verrat gerechte Rach entsprossen."
Hier brach die heilge Seel ihr Reden ab
Und hatte das Gewebe ganz vollendet,
Wozu ich fragend ihr den Aufzug gab.
Und wie man zweifelnd sich an jemand wendet,
Der innig liebt und Rechtes will und sieht,
Nach gutem Rat—so ich, als er geendet:
"Ich sehs, wie rasch heran die Stunde zieht,
Um gegen mich den scharfen Pfeil zu kehren,
Der schwerer trifft, wen die Besinnung flieht.
Drum muß ich wohl mit Vorsicht mich bewehren,
Um fern dem Ort, der, was ich lieb, enthält,
Nicht durch mein Lied der Zuflucht zu entbehren.
Denn reifend durch die endlos bittre Welt,
Dann auf die Höh, wo mich vom Angesichte
Der Herrin Licht zum höhern Flug erhellt,
Dann durch den Himmel selbst von Licht zu Lichte,
Erfuhr ich, was wohl manchen brennt und beißt
Durch ätzenden Geschmack, wenn ichs berichte.
Und zagt, der Wahrheit feiger Freund, mein Geist,
Dann, fürcht ich, bin ich tot bei jenen allen,
Bei welchen diese Zeit die alte heißt."
Und neuen Glanz sah ich dem Licht entwallen,
Das Strahlen, wie ein goldner Spiegel, warf,
Auf den der Sonne Feuerblicke fallen.
"Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf,"
Sprach er, "wen eigne Schmach, wen fremde drücket,
Dem schmeckt wohl deine Rede streng und scharf.
Dennoch verkünde ganz und unzerstücket
Was du gesehn, von jeder Lüge frei
Und laß nur den sich kratzen, den es jücket.
Ob schwer dein Werk beim ersten Kosten sei,
Doch Nahrung hinterläßts zu kräftgerm Leben,
Ist des Gerichts Verdauung erst vorbei.
Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben,
Der hohe Gipfel stärker schüttelnd faßt,
Und dies wird Grund zu größrer Ehre geben.
Drum sind berühmte Seelen alle fast,
Die du im dunkeln, wehevollen Schlunde
Und auf dem Berg und hier gesehen hast.
Denn niemand traut beruhigt einer Kunde,
Verbirgt das Bild, das sie vor Augen stellt,
Die Wurzel tief im unbekannten Grunde,
Und nur was schimmert überzeugt die Welt."