Sechsundzwanzigster Gesang
Erfreue dich, Florenz, du bist so groß,
Daß du zu Land und Meer die Flügel schwingest,
Und selbst dein Nam erklingt im Höllenschoß.
Fünf deiner Bürger fand ich—also zwingest
Du mich zur Scham—den Dieben beigefügt,
Wodurch du dir nicht größern Ruhm erringest.
Doch wenn, was man am Morgen träumt, nicht lügt,
So wirst du großes Unglück bald empfinden,
Und Prato selbst, so nah dir, siehts vergnügt.
Wars jetzt, nicht würde mans zu zeitig finden,
So, das nun einmal sein muß, wars jetzt doch.
Denn, älter, werd ichs schwerer nur verwinden.
Wir gingen fort, und übers Felsenjoch
Stieg, wie hinab, hinauf die Zackenleiter
Mein Führer und war meine Stütze noch.
Und, folgend zwischen mancher Felsenscheiter
Und manchem Block dem Pfad im öden Raum,
Kam, wenn die Hand nicht half, der Fuß nicht weiter.
Ich fühlte Schmerz—jetzt fühl ich mindern kaum,
Wenn ich zurück an das Erblickte denke,
Und schärfer fass ich da des Geistes Zaum,
Damit ich nicht den Lauf vom Rechten lenke,
Und, was zu meinem Wohl mein Stern bezweckt,
Was höhre Huld, mir selber feind, nicht kränke.
Soviel der Baur, am Hügel hingestreckt,
Zur Zeit, da er, des Blick die Erde lichtet,
Sein Antlitz uns am wenigsten versteckt,
Wenn sich die Fliege vor der Mücke flüchtet,
Johanniswürmchen sieht im Tal entlang,
Wo er mit Hipp und Pflug sein Tun verrichtet;
So viele Flammen sah den tiefen Gang
Des achten Tals mein Auge jetzt verklären,
Sobald ich dort war, wos zur Tiefe drang.
Wie der, der sich gerächt durch wilde Bären,
Elias Wagen sah von dannen ziehn,
Als das Gespann aufstieg zu Himmelssphären,
Umonst ihm mit dem Auge folgt und ihn
Gestaltlos nur als ferne Flamm erkannte.
Die wie ein leichtes Abendwölkchen schien.
So wars, wie wandelnd hier manch Flämmchen brannte,
Doch keines war, das seine Beute wies,
Ob jegliches gleich einem Geist entwandte.
Am Brückenrande stehend, sah ich dies
Und fiel, hielt ich nicht fest an einem Blocke,
Hinunter, ohne daß mich jemand stieß.
Virgil, der sah, wie mich der Anblick locke,
Sprach nun: "Jedwedes Feur birgt einen Geist,
Und das, worin er brennt, dient ihm zum Rocke."
Drauf ich: "Die Kunde, die du mir verleihst
Macht mich gewiß; schon glaubt ichs zu erkennen.
Und fragen wollt ich schon, wie jener heißt.
Ich sah die Flamm in zwei sich oben trennen.
Als sah ich in des Scheiterhaufens Glut
Eteokles und seinen Bruder brennen."
Und er: "Sie dämpft Ulysseus Übermut
Und Diomeds. Sie laufen hier zusammen
In ihrer Qual, wie einst in ihrer Wut.
Ums Trugroß klagen sie in diesen Flammen,
Und um das Tor, das Ausgang jenen bot,
Der Heldenschar, von der die Römer stammen.
Die List beweinen sie, durch die, schon tot,
Noch Deidamia den Achill beklagte,
Auch das Palladium rächt nun ihre Not."
"Vermögen sie noch hier zu sprechen," sagte
Ich drauf zum Meister, "o, dann bitt ich dich
Vieltausendmal, da ich sie gern befragte,
Laß mich, bis die geteilte Flamme sich
Zu uns hierherbewegt, ein wenig weilen.
Sieh, hin zu ihr zieht die Begierde mich."
"Der Bitte", sprach er, "muß ich Lob erteilen,
Wie sie verdient; sie sei darum gewährt,
Doch laß die Sprechlust nicht dich übereilen.
Laß mir das Wort; ich weiß, was du begehrt.
Spröd blieben sie gewiß bei deinem Worte,
Denn Griechen sind sie, stolz auf ihren Wert.
Als nun die Flamme nah war unserm Orte,
Da hört ich diese Red, als Ort und Zeit
Er für geeignet hielt, von meinem Horte:
"Ihr, die ihr zwei in einer Flamme seid,
Wenn ich euch jemals Grund gab, mich zu lieben,
Da ich dem Ruhm der Helden mich geweiht,
Und in der Welt das hohe Lied geschrieben,
So weilt bei mir und sag Ulyß mir an,
Wo auf der Irrfahrt sein Gebein geblieben."
Der alten Flamme größres Horn begann
Zu flackern erst und murmelnd sich zu regen.
Als wäre sie vom Wind gefaßt, und dann
Rasch hin und her die Spitze zu bewegen,
Gleich einer Zung, und deutlich tönt und klar
Dann aus der Flamm uns dieses Wort entgegen:
"Als ich von Circen schied, die mich ein Jahr
Und länger bei Gaëta festgehalten,
Ehs so benannt noch von Äneas war,
Da ließ ich nicht das Mitleid für den alten
Gebeugten Vater, nicht die Gattenpflicht,
Noch Vaterzärtlichkeit im Herzen walten.
Sie tilgten all in mir das Sehnen nicht,
Die Welt zu sehn und alles zu erkunden,
Was sie besitzt, wie das, was ihr gebricht.
Drum warf ich mich, kaum meiner Haft entbunden,
In einem einzgen Schiff ins offne Meer,
Samt einem Häuflein, das ich treu erfunden.
Nach Spanien führt und Libyen hin und her
Ich meine wackre Schar, als kühner Leiter,
Und jedem Eiland jenes Meers umher.
Alt war ich schon und schwach, auch die Begleiter,
Da war mein Schiff am engen Schlunde dort,
Wo Herkuls Säulenpaar gebeut: Nicht weiter!
Als hinter uns nun rechts Sevillas Bord
Und links in Libyen Septas Zinnen waren,
Sprach ich zu den Gefährten dieses Wort:
Brüder, die durch Tausend von Gefahren
Ihr hier im Abend kühn euch eingestellt,
Verwendet jetzt, um Neues zu erfahren,
Weil Seele noch und Leib zusammenhält,
Den kurzen Rest von eurem Erdenleben;
Der Sonne nach zur unbewohnten Welt!
Bedenkt, wozu dies Dasein euch gegeben;
Nicht um dem Viehe gleich zu brüten, nein,
Um Wissenschaft und Jugend zu erstreben.
Den Meinen schien dies Wort ein Sporn zu sein,
Kaum hielt ich sie, hätt ich gewollt, im Zügel,
Und rastlos gings ins weite Meer hinein.
Erst morgenwärts gewandt des Schiffes Spiegel
Ging unser toller Flug dann linker Hand,
Und seiner Eil verliehn die Ruder Flügel.
Schon alle Sterne jenes Poles fand
Der Blick der Nacht, und die des unsern klommen
Kaum übers Meer noch an des Himmels Rand.
Schon fünfmal war entzündet und verglommen
Des Mondes Licht, seit wir, dem Glück vertraut,
Durch den verhängnisvollen Paß geschwommen,
Als uns ein Berg erschien, von Dunst umgraut
Vor weiter Fern, und schien so hoch zu ragen,
Wie ich noch keinen auf der Erd erschaut.
Erst jubeln ließ er uns, dann bang verzagen,
Denn einen Wirbelwind fühlt ich entstehn
Vom neuen Land und unsern Vorbord schlagen.
Er macht uns dreimal mit den Fluten drehn,
Dann, als der hintre Teil emporgeschossen,
Nach höhrem Spruch, den vordern untergehn,
Bis über uns die Wogen sich verschlossen."
Siebenundzwanzigster Gesang
Schon aufrecht stand und still der Flamme Haupt,
Und sie entfernte sich in tiefem Schweigen,
Nachdem der süße Dichter ihrs erlaubt.
Wir sahn nach ihr sich eine zweite zeigen,
Und ein verwirrt Gestöhn, das ihr entquoll,
Macht unsern Blick zu ihrer Spitze steigen.
Gleich wie Siziliens Stier, der jammervoll
Zuerst von seines Bildners Schrein erbrüllte,
—Und so wars recht—von dessen Klag erscholl,
Den er im innern hohlen Raum verhüllte,
Und, ganz von Erz, in seinem Angstgestöhn
Erschien, als ob ihn selbst der Schmerz erfüllte;
So schien das Klagewort, das in den Höhn
Und an den Seiten nirgend durchgedrungen,
Erst gleich des Feuers knisterndem Getön.
Doch als es sich zur Spitz emporgerungen,
Die, wie die Zunge hin und wieder fährt,
Sich bei dem Durchgang hin und her geschwungen.
Da sprachs: O du, an den mein Wort sich kehrt,
Der du, wie ich vernahm, mit welschem Klange
Gesprochen: Geh, nicht weiter sei beschwert!
Obwohl ich etwas spät hierhergelange,
Doch weil und gib auf meine Fragen acht,
Denn sieh, ich weile trotz der Gluten Drange.
Bist du zur Reif in diesen dunklen Schacht
Erst jetzt vom süßen Latierland geschieden,
Von dem ich alle Schuld hierhergebracht,
So sprich:Hat Krieg Romagna oder Frieden?
Denn da das schöne Land auch mich erzeugt,
So kümmert mich sein Schicksal noch hienieden."
Ich stand aufmerksam niederwärts gebeugt,
Da stieß Virgil mich leis und sagte: "Rede,
Ein Latier ist er, wie sein Wort bezeugt."
Worauf ich schon bereit zur Gegenrede,
Ihn also sonder Zögerung beschied:
"O Seele, hier verborgen, sonder Fehde
War nimmer deines Vaterlands Gebiet,
Weil stets im Kampf der Zwingherrn Herzen wüten;
Doch offenbar war keine, da ich schied.
Ravenna ist, wies war; dort pflegt zu brüten,
So wie seit Jahren schon, Polentas Aar,
Des Flügel unter sich auch Cervia hüten
Die Stadt, die fest in langer Probe war,
Wo rote Ströme Frankenblutes wallten,
Liegt unterm grünen Leun nun ganz und gar.
Verruchios alt und neuer Hund, sie walten
Schlimm, wie sie den Montagna einst belohnt,
Da, wo sie eingeholt die Zähne halten.
Das, was am Lamon und Santerno wohnt,
Läßt sich vom Leun im weißen Neste leiten,
Der die Partei vertauscht mit jedem Mond.
Sie, welchen Savios Flut benetzt die Seiten,
Lebt zwischen Sklaverei und freiem Stand,
Wie zwischen dem Gebirg und ebnen Weiten.
Jetzt, bitt ich, mach uns, wer du bist, bekannt;
Wie der Vergessenheit dein Nam enttauche,
So sei nicht härter, als ich andre fand."
Da grunzt und braust es in der Flamme Bauche,
Wie Feuer braust; sie regte hin und her
Das spitze Haupt und gab dann diese Hauche:
"Sprach ich zu einem, dessen Wiederkehr
Nach jener Welt ich jemals möglich glaubte,
So regte nie sich diese Flamme mehr.
Doch da dies keinem je die Höll erlaubte,
So sag ich ohne Furcht vor Schand und Schmach,
Was mich hierher stieß und des Heils beraubte.
Ich war erst Kriegsmann und Mönch hernach,
Um mich vom Fall durch Buß emporzurichten;
Gewiß geschah auch, was ich mir versprach.
Allein der Erzpfaff—mög ihn Gott vernichten—
Er hat mich neu den Sündern beigesellt,
Wie und warum? das will ich jetzt berichten.
Als ich noch oben lebt in eurer Welt,
Da ward ich nimmer mit dem Leun verglichen,
Doch öfters wohl dem Fuchse gleichgestellt.
In allen Ränken und geheimen Schlichen
War ich geschickt, in ihrer Übung schlau
Und drum berühmt in allen Himmelsstrichen.
Doch als die Zeit kam, da des Haares Grau
Uns dringend mahnt, das hohe Meer zu scheuen
Und einzuziehn das Segel und das Tau,
Da mußt ich, was mir erst gefiel, bereuen,
Ward Mönch und tat nun Buß am heilgen Ort,
Ach, und noch könnt ich mich des Heils erfreuen.
Der neuen Pharisäer Herr und Hort
(Im Krieg, mit Juden nicht und Türkenscharen,
Vielmehr am Lateran und nahe dort,
Weil alle seine Feinde Christen waren,
Die nicht bei Acri mit gesiegt und nicht
Des Sultans Land als Schacherer befahren),
Nicht achtet er an sich die höchste Pflicht
Und nicht den Strick, der meinen Leib umfangen,
Der jeden mager macht, den er umflicht.
Wie Konstantin Silvestern angegangen,
Ihm Hilf und Rat beim Aussatz zu verleihn;
So sollt ich jetzt als Arzt auf sein Verlangen
Vom Fieber seines Hochmuts ihn befrein.
Doch schweigen mußt ich und mich selber schämen,
Denn eines Trunknen schien sein Wort zu sein.
Du darfst nicht sorgen, sprach er, noch dich grämen;
Ablaß erteil ich dir, mich lehre du:
Wie fang ichs an, Preneste wegzunehmen.
Du weißt, den Himmel schließ ich auf und zu,
Denn beide Schlüssel sind mir übergeben,
Die Cölestin vertauscht um träge Ruh.
Nicht war so triftgem Grund zu widerstreben,
Und da hier schweigen mir das Schlimmste schien,
So sprach ich endlich: Vater, da du eben
Die Sünde, die ich tun soll, mir verziehn,
So wisse: Viel versprechen, wenig halten,
Dadurch wird deinem Stuhl der Sieg verliehn—
Franz wollte, wie ich starb, sein Amt verwalten,
Mich heimzuführen, doch ein Teufel kam
Und sprach: Halt ein, denn den muß ich erhalten.
Er kommt mit mir hinab zu ewgem Gram,
Weil ich, seitdem er jenen Trug geraten,
Ihn bei dem Haar als meine Beute nahm.
Wer Ablaß will, bereu erst seine Taten.
Doch wer bereut und Böses will, der muß
Wohl mit sich selbst in Widerspruch geraten.
Ach! wie ich zuckt in Schrecken und Verdruß,
Als er mich faßt und, mich von dannen reißend,
Sprach: Meintest du, ich sei kein Logikus?
Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend
Den harten Rücken, bei dem achten Mal
Ausrief, sich in den Schweif vor Ingrimm beißend:
Der wird der Flamme Raub im achten Tal!
Und also ward ich von dem Schlund verschlungen
Und geh im Feuerkleid zu ewger Qual."
Hier endet er, und als das Wort verklungen,
Da ging sogleich die Flamme jammernd fort,
Das Horn gedreht und hin und her geschwungen.
Und weiter ging ich nun mit meinem Hort
Zur nächsten Brück auf rauhen Felsenpfaden
Und sah im Grund, den Lohn empfangend, dort
Die, Zwiespalt stiftend, sich mit Schuld beladen.
Achtundzwanzigster Gesang
Wer könnte je, auch mit dem freisten Wort,
Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen,
Erzählt er auch die Kunde fort und fort.
Jedwede Zunge muß den Dienst versagen,
Da Sprach und Geist zu eng und schwach erscheint,
So Schreckliches zu fassen und zu tragen.
Und wäre das gesamte Volk vereint,
Das Puglien, das verhängnisvolle, hegte,
Dies Land, das einst die blutge Schar beweint,
Die Rom und jener lange Krieg erlegte,
Wo man so große Beut an Ringen fand,
Wie Livius schrieb, der nicht zu irren pflegte,
Vereint mit dem, das harte Schläg empfand,
Weils gegen Robert Guiscard ausgezogen;
Mit dem, des Knochen modern, dort im Land
Bei Ceperan, wo Pugliens Schar gelogen;
Mit dem von Tagliacozzo, wo Alard,
Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen;
Und zeigte, wie es dort verstümmelt ward,
Sich jedes Glied, nicht war es zu vergleichen
Mit dieses neunten Schlundes Weis und Art.
Ein Faß, von welchem Reif und Dauben weichen,
Ist nicht durchlöchert, wie hier einer ging,
Zerfetzt vom Kinn bis zu Gefäß und Weichen,
Dem aus dem Bauch in manchem ekeln Ring
Gedärm und Eingeweid, wo sich die Speise
In Kot verwandelt, samt dem Magen hing.
Ich schaut ihn an und er mich gleicherweise,
Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf
Und sprach zu mir: "Sieh, wie ich mich zerreiße!
Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf!
Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten
Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf.
Sieh alle, die, da sie auf Erden wallten,
Dort Ärgernis und Trennung ausgesät,
Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten.
Ein wilder Teufel, der dort hinten steht,
Er ists, der jeglichen zerfetzt und schändet,
Mit scharfem Schwert, der dort vorübergeht,
Wenn wir den schmerzensvollen Kreis vollendet;
Weil jede Wunde heilt, wie weit sie klafft,
Eh unser Lauf zu ihm zurück sich wendet.
Doch wer bist du, der dort herniedergafft?
Weilst du noch zögernd über diesen Schlünden,
In welche Klag und Urteilsspruch dich schafft?"
"Er ist nicht tot, noch hergeführt von Sünden,"
So sprach mein Meister drauf, zu Mahoms Pein,
"Doch soll er, was die Höll umfaßt, ergründen,
Und ich, der tot bin, soll sein Führer sein.
Drum führ ich ihn hinab von Rund zu Runde,
Und Glauben könnt ihr meinem Wort verleihn."
Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde,
Nach mir hinblickend, still verwundert stehn,
Vergessend ihre Qual bei dieser Kunde.
"Du wirst vielleicht die Sonn in kurzem sehn,
Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen,
Eh ihn der Schnee belagert, sich versehn,
Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen.
Allein vollbringt er, was ich riet, so muß
Novaras Heer ihn lang umsonst umkreisen."
Zum Weitergehn erhoben einen Fuß,
Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele,
Und setzt ihn hin und ging dann voll Verdruß.
Dann sah ich einen mit durchbohrter "Kehle,
Die Nase bis zum Auge hin zerhaun,
Und wohl bemerkt ich, daß ein Ohr ihm fehle.
Und staunend sah auf mich dies Bild voll Graun
Und öffnete zuerst des Schlundes Röhre,
Von außen rot und blutig anzuschaun.
"Du, nicht verdammt für Sünden, wie ich höre,
Den ich bereits im Latierlande sah,
Wenn ich durch Ähnlichkeit mich nicht betöre,
"Kommst du den schönen Ebnen wieder nah,
Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
So denk an Pier von Medicina da.
Du magst den Besten Panos nicht verschweigen,
Dem Guid und Angiolell, daß, wenn nicht irrt
Mein Geist, dem sich der Zukunft Bilder zeigen,
Nah bei Cattolica, schlau angekirrt,
Vom schändlichsten der Wüteriche verraten,
Das edle Paar ersäuft im Meere wird.
Noch nimmer hat Neptun so schnöde Taten
Von Zypern bis Majorka hin geschaut,
Von Griechenscharen nicht, noch von Piraten.
Der Bub, auf einem Aug von Nacht umgraut,
Jetzt Herr des Lands, von welchem mein Geselle
Hier neben wünscht, er hätt es nie erschaut,
Ruft sie als Freund und tut an jener Stelle
So, daß sie nicht Gelübd tun, noch sich scheun,
Wie wild der Wind auch von Focara schwelle."
Drauf ich: "Soll dein Gedächtnis sich erneun,
So magst du dich zu sagen nicht entbrechen,
Wer muß den Anblick jenes Lands bereun?"
Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen,
Nach eines andern Kiefer hin und schrie:
"Sieh her, der ists, allein er kann nicht sprechen,
Er, der verbannt, einst Cäsarn Mut verlieh,
Und alle seine Zweifel scheucht, ihm sagend:
"Dem Kampfbereiten fromme Zögern nie."
O wie jetzt Curio ganz verblüfft und zagend,
Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand,
Die Zung, einst kühn und eilig alles wagend—
Und abgeschnitten die und jene Hand,
Stand einer, in die Nacht die Stümpf erhoben,
Das Antlitz blutbespritzt mir zugewandt,
Und rief: "Denkt man des Mosca noch dort oben?
Ich bins, der meine Hand zum Morde bot,
Ob des jetzt Tuscien die Partein durchtoben."
"Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!"
Setzt ich hinzu—und, häufend Graun auf Grauen,
Zog er davon in höchster Angst und Not.
Ich aber blieb, die andern anzuschauen,
Und was ich sah, so furchtbar und so neu,
Nicht wagt ichs unverbürgt euch zu vertrauen,
Fühlt ich nicht mein Gewissen rein und treu,
Dies gute feste Schild, den sichern Leiter,
Und so mein Herz befreit von Furcht und Scheu.
Ich sah—noch ist dies Schreckbild mein Begleiter—
Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schar
Von Unglückselgen in der Tiefe weiter.
Er hielt das abgedchnittne Haupt beim Haar
Und ließ es von der Hand als Leuchte hangen
Und seufzte tief, wie er uns nahe war.
So kam er eins in zwein dahergegangen
Und leuchtet als Laterne sich mit sich—
Wies möglich, weiß nur der, ders so verhangen.
Nachdem er bis zum Fuß der Brücke schlich,
Hob er, um näher mir ein Wort zu sagen,
Den Arm zusamt dem Haupte gegen mich,
Und sprach: "Hier sieh die schrecklichste der Plagen!
Du, der du atmend in der Höll erscheinst,
Sprich: Ist wohl eine schwerer zu ertragen?
Jetzt horch, wenn du von mir zu künden meinst;
Beltram von Bornio bin ich, und Johannen,
Dem König, gab ich bösen Ratschlag einst,
Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen,
Wie zwischen David einst und Absalon,
Durch Ahitophel Fehden sich entspannen.
Mein Hirn nun muß ich zum gerechten Lohn
Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen,
Weil ich getrennt den Vater und den Sohn,
Und so, wie ich getan, ist mir geschehen."
Neunundzwanzigster Gesang
Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
Sie hatten so die Augen mir berauscht,
Daß sie vom Schaun mir ganz voll Zähren stunden.
Da sprach Virgil: "Was willst du noch? Was lauscht
Und starrt dein Auge so nach diesen Gründen,
Wos Greuelbild um Greuelbild vertauscht?
Nicht also tatst du in den andern Schlünden.
An zweiundzwanzig Miglien kreist dies Tal,
Drum kannst du hier nicht jegliches ergründen.
Schon unter unserm Fuß glänzt Lunens Strahl,
Und wenig dürfen wir uns nur verweilen,
Denn noch zu sehn ist viel und große Qual."
Ich sprach: "Erlaubtest du, dir mitzuteilen,
Welch einen Grund ich hatt, hinabzuspähn,
So würdest du wohl minder mich beeilen."
Er ging und ich ihm nach und gab im Gehn
Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde
Und sprach: "Wohl hab ich scharf hinabgesehn,
Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde
Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr
Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde."
Mein Meister sprach darauf: "Nicht mache dir
Noch länger Sorg um diesen Anverwandten;
An andres denk, er aber bleibe hier.
Ich sah ihn bei der Brücke den Bekannten
Dich zeigen und dir mit dem Finger drohn
Und hörte, wie sie ihn del Bello nannten.
Doch du bemerktest eben nichts davon,
Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten.
Als dieser ging, war jener schon entflohn."
"Weil Rach und Schwert des Feindes ihn ereilten",
Sprach ich, "und keiner seinen Tod gerächt,
Von allen denen, so die Kränkung teilten,
Zürnt er auf mich und zürnt auf sein Geschlecht
Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter,
Und darin, glaub ich, hat der Arme recht."
Nun folgt ich hin zum Felsen meinem Leiter,
Von wo man überblickt den nächsten Schlund,
Wär irgend nur von Licht die Tiefe heiter.
Von seiner Höh ward unserm Auge kund
Der letzte Klosterbann von Übelsäcken,
Und viel Bekehrte waren tief im Grund.
Und gleich den Pfeilen drangen, mir zum Schrecken,
Gespitzt durch Mitleid, Jammertön heraus
Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken.
Wär aller Schmerz aus jedem Krankenhaus
Zur Zeit, da wild die Sommergluten flammen,
Und Valdichianas und Sardiniens Graus
Und Seuch und Pest in einem Schlund beisammen,
Nicht ärger wärs als hier, wo fauler Duft
Und Stank vom Eiter in den Lüften schwammen.
Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft
Vom langen Felsen niederwärts zur Linken,
Und deutlicher erschien der Schoß der Gruft.
In diesem Grund läßt nach des Höchsten Winken
Die nimmer irrende Gerechtigkeit
Zur wohlverdienten Quäl die Fälscher sinken.
Nicht in Ägina ist vor alter Zeit
Des Volkes Anblick trauriger gewesen,
Das krank darniedersank, dem Tod geweiht,
Ja bis zum kleinsten Wurm jedwedes Wesen,
Durch tückisch böse Luft, worauf im Land,
Wie wir für sicher in den Dichtern lesen,
Ein neues Volk aus Ämsenbrut entstand;
Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend
Das Geistervolk in manchem Haufen wand.
Die einen auf der andern Rücken liegend,
Die auf dem Bauch, und die von einem Ort
Zum andern hin auf allen vieren kriechend.
Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort,
Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen
Und horchten auf ihr kläglich Jammerwort.
Sich gegenseitig stützend, saßen zween,
Wie in der Küche Pfann an Pfanne lehnt,
Mit Grind gefleckt vom Kopf bis zu den Zehen.
Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt
Und bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben,
Die Striegel eiligst führt und öfters gähnt;
So sah ich sie sich mit den Nägeln schaben
Und hier und dort sich kratzen und geschwind,
So gut es ging, ihr wütend Jucken laben.
Und schnell war unter ihren Klaun der Grind
Wie Schuppen von den Barschen abgegangen,
Die unterm Messer schneller Köche sind.
"Du, vor des Fingern Schien und Masche sprangen,"
Begann Virgil zu einem von den zwein,
"Und der du sie auch oft gebrauchst wie Zangen,
Sprich: Fanden sich auch hier Lateiner ein
Und mögen dich zu kratzen und zu krauen,
Dafür dir ewig scharf die Nägel sein."
"Lateiner kannst du in uns beiden schauen,"
Erwidert einer drauf, von Qual durchbebt,
"Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen."
Mein Führer sprach: "Von Fels zu Felsen strebt
Mein Fuß hinab in diesen Finsternissen;
Die Höll zeig ich diesem, der da lebt."
Da schien das Band, das beide hielt, zerrissen,
Und jeder, dems der Rückhall kundgetan,
War zitternd nur mich anzuschaun beflissen.
Dicht drängte sich an mich mein Meister an
Und sprach: "Du magst sie nach Belieben fragen!"
Und ich, da er es so gewollt, begann:
"Soll dein Gedächtnis noch in späten Tagen
Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist
Erhalten sein, so magst du jetzo sagen,
Wie du dich nennst und deine Heimat heißt?
Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen,
Daß du in deinen Reden offen seist."
"Mich zeugt Arezzo, und den Tod in Flammen
Verschafft einst Albero von Siena mir,
Doch andrer Grund hieß Minos mich verdammen.
Wahr ists, ich sagt im Scherz: ins Luftrevier
Verstünd ich mich im Fluge hinzuschwingen.
Er, klein an Witz und groß an Neubegier,
Bat mich, ihm diese Kenntnis beizubringen,
Und nur weil er durch mich kein Dädal ward,
Befahl sein Vater dann, mich umzubringen.
Doch Minos, dem sich alles offenbart,
Hat, weil ich mich der Alchimie ergeben,
Im letzten Schlund der zehen mich verwahrt."
Zum Dichter sagt ich: "Sprich, ob man im Leben
So eitles Volk wie die Sanesen fand?
Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben."
Der andre Grindge, welcher mich verstand,
Rief: "Mag nur Stricca ausgenommen bleiben,
Der all sein Gut so klüglich angewandt;
Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben,
Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt,
Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben;
Und jener Klub, der wohl die Zeit gekürzt,
In dem Caccia dAscian samt seinem Witze,
Auch Wald und Weinberg durch den Schlund gestürzt.
Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze
Den Blick auf mich und stelle dich dahin,
Gerade gegenüber meinem Sitze;
Dann wirst du sehn, daß ich Capocchio bin.
Metall verfälscht ich, daß ich Gold erschaffe,
Und, sah ich recht, so ist dirs noch im Sinn,
Ich war von der Natur ein guter Affe".
Dreißigster Gesang
Zur Zeit, da Junos Herz in Zorn geraten
Ob Semeles, in Zorn auf Thebens Blut,
Wie sie so manches Mal gezeigt durch Taten,
Ergriff den Athamas so tolle Wut,
Daß er, als auf sein Weib der Blick gefallen,
Das jeden Arm mit einem Sohn belud,
Den wilden Ruf des Wahnsinns ließ erschallen:
"Die Löwin samt den Jungen sei gefaßt!"
Dann streckt er aus die mitleidlosen Krallen;
Und wie er einen, den Learch, mit Hast
Gepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen,
Ertränkte sie sich mit der zweiten Last.
Und als das Glück, das alles kühn zu wagen,
Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt,
So daß zusammen Reich und Fürst erlagen,
Und Hekuba, gefangen und verbannt,
Geopfert die Polyxena erblickte,
Und sie ihr Mißgeschick an Thraziens Strand
Zum Leichnam ihres Polydorus schickte,
Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund,
Weil Schmerz den Geist verkehrt und ganz bestrickte.
Doch nichts in Theben ward noch Troja kund
Von einer Wut, die Vieh und Menschen packte,
Wie ich hier sah in diesem zehnten Schlund.
Ein Paar von Geistern, totenfahle, nackte,
Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein,
Indems auf alles mit den Hauern hackte.
Der schlug sie in den Hals Capocchios ein
Und schleppt ihn fort, und nicht gar sanft gerieben
Ward ihm dabei der Bauch am harten Stein.
Der Aretiner, der voll Angst geblieben,
Sprach: "Schicchi ists, der tolle Poltergeist,
Der solch ein wütend Spiel schon oft getrieben."
"Wie du geschützt vor jenes Hauern seist,"
Entgegnet ich, "so sprich, eh er entronnen,
Wer dieser Schatten ist und wie er heißt."
"Die Myrrha ists, die schnöden Trug ersonnen,"
Erwidert er, "die mehr als sich gebührt
Vor alter Zeit den Vater liebgewonnen,
Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt,
Weil sie die fremde Form sich angedichtet;
Wie jener, der Capocchio dort entführt,
Weil Simon ihn durchs beste Roß verpflichtet,
Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt
Und so für ihn ein Testament errichtet."
Als nun die Tollen sich vorbeibewegt,
Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen
Und sah, was sonst der Schlund an Sündern hegt.
Der eine war der Laute zu vergleichen,
Hätt ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft,
Die jeder Mensch hat abwärts von den Weichen.
Die Wassersucht, durch schlechtverkochten Saft
Ein Glied abmagernd und das andre blähend,
Die hart den Bauch macht, das Gesicht erschlafft,
Hielt ihm die beiden Lippen offen stehend,
Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt,
Und dem Schwindsüchtgen gleich, vor Durst vergehend.
"Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt,
Wie? weiß ich nicht, in diesen Schmerzenstalen,"
Er sprachs, "o schaut und merkt und seid belehrt
Von Meister Adams schreckenvollen Qualen.
Kein Tröpflein, ach, stillt hier des Durstes Glühn;
Dort konnt ich, was ich nur gewünscht, bezahlen.
Die muntern Bächlein, die vom Hügelgrün
Des Casentin zum Arno niederrollen
Und frisch und lind des Bettes Rand besprühn,
Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen,
Und nicht umsonst—mehr, als die Wassersucht,
Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen.
Denn die Gerechtigkeit, die mich verflucht,
Treibt durch den Ort, wo ich in Schuld verfallen,
Zu größrer Eile meiner Seufzer Flucht.
Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen
Geringern Werts verfälscht das gute Geld,
Weshalb ich dort der Flamm anheimgefallen.
Doch wäre Guido nur mir beigesellt,
Und jeder, der zum Laster mich verführte,
Ich gäbe drum den schönsten Quell der Welt.
Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürte
Er jüngst den einen auf in dieser Nacht.
Doch da dies übel meine Glieder schnürte,
Was hilft es mir? Hätt ich nur so viel Macht,
Um zollweis im Jahrhundert vorzuschreiten,
Ich hätte schon mich auf den Weg gemacht,
Ihn suchend durch dies Tal nach allen Seiten,
Mags in der Rund auch sich elf Miglien ziehn,
Und minder nicht als eine halbe breiten.
Bei diesen Krüppeln hier bin ich durch ihn,
Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden
An schlechterm Zusatz drei Karat verliehn."
Und ich: "Was mochten jene zwei verschulden,
Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand,
Fest an dir liegend, ihre Straf erdulden?"
Er sprach: "Sie liegen fest, wie ich sie fand,
Als ich hierhergeschneit nach Minos Winken,
Und werden ewiglich nicht umgewandt.
Die ist das Weib des Potiphar; zur Linken
Liegt Sinon mir, berühmt durch Trojas Roß.
Im faulen Fieber liegen sie und stinken."
Und dieser Letzte, dens vielleicht verdroß,
Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte,
Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoß,
Daß dieser gleich der besten Trommel tönte.
Doch in das Angesicht des andern warf
Herr Adam die gleich harte Faust und stöhnte:
"Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf,
Doch ist mein Arm noch, wie du eben spürtest,
Noch frei und flink zu solcherlei Bedarf."
"Als du zum Feuer gingst," rief Sinon, "rührtest
Du nicht den Arm schnell, wie er eben war,
Doch schneller, da du einst den Stempel führtest."
Der Wassersüchtge: "Darin sprichst du wahr,
Doch stelltest du in Troja kein Exempel
Von einem so wahrhaftgen Zeugnis dar."
"Fälscht ich das Wort, so fälschtest du den Stempel.
Hier bin ich doch für einen Fehler nur,
Du aber dientest stets in Satans Tempel."
So Sinon. "Denk ans Roß, du Schelm!" so fuhr
Ihn jener an mit dem geschwollnen Bauche,
"Qual sei dir, daß es alle Welt erfuhr."
"Qual sei dir", rief der Grieche drauf, "die Jauche,
Und blähe stets zum Bollwerk deinen Wanst,
Der Durst, der deine Zung in Flammen tauche."
Der Münzer: "Der du stets auf Lügen sannst,
Dein Maul zerreiße dir für solch Erfrechen!
Wenn du mich dürstend. schwellend sehen kannst,
So möge Durst dich quälen, Kopfweh stechen.
Sprach einer kurz: Sauf aus den ganzen Bach!
Du würdest dessen wohl dich nicht entbrechen."
Ich horchte stumm, was der und jener sprach,
Da rief Virgil: "Nun, wirst du endlich kommen?
Zu lange sah ich schon der Neugier nach."
Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen,
Wandt ich voll Scham zu ihm das Angesicht
Und fühle jetzt noch mich von Scham entglommen.
Wie man im schreckenvollen Traumgesicht
Zu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge,
Und das, was ist, ersehnt, als wär es nicht;
So bangt ich, daß mir Scham das Wort entzöge;
Entschuldgen wollt ich mich—Entschuldgung kam,
Indem ich glaubte, daß ichs nicht vermöge.
Da sprach mein guter Meister: "Mindre Scham
Wäscht größern Fehler ab, als du begangen,
Darum entlaste dich von jedem Gram;
Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen,
So denke stets, daß ich dir nahe bin,
Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen;
Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn."