Einunddreißigster Gesang
Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte
Und beide Wangen überzog mit Rot,
Wars, die mich dann mit Arzeneien letzte.
So, hör ich, hat der Speer Achills gedroht,
Und seines Vaters, der mit einem Zücken
Verletzt und mit dem andern Hilfe bot.
Wir kehrten nun dem Jammertal den Rücken,
Den Damm durchschneidend, der es rings umlag,
Um, schweigend, mehr nach innen vorzurücken.
Dort wars nicht völlig Nacht, nicht völlig Tag,
Daher die Blicke wenig vorwärts gingen;
Doch tönt ein Horn—der stärkste Donner mag
Bei solchem Ton kaum hörbar noch erklingen—
Drum sucht ich nur, entgegen dem Gebraus,
Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen.
Nicht tönte nach dem unglückselgen Strauß,
Der Karls des Großen heilgen Plan vernichtet,
Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus.
Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet,
Glaubt ich, viel hohe Türme zu ersehn,
Und sprach: "Ist eine Feste dort errichtet?"
Mein Meister drauf: "Weil du zu weit zu spähn
Versuchst in diesen nachterfüllten Räumen,
Mußt du dich selber öfters hintergehn.
Dort siehst du, daß, wie oft, zu eitlen Träumen
Aus der Entfernung das Geschaute schwoll,
Drum schreite vorwärts, ohne lang zu säumen."
Dann faßt er bei der Hand mich liebevoll
Und sprach: "Ich will dir die Bewandtnis sagen,
Weils nah dann minder seltsam scheinen soll.
Obs Türme wären, wolltest du mich fragen?
Nein, Riesen sinds, die rings am Brunnenrand
Vom Nabel aufwärts in die Lüfte ragen."
Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land
In Dunst gehüllt, allmählich unsre Blicke
Das klar erkennen, was er erst umwand;
So, bohrend durch die Luft, die trübe, dicke,
Und mehr und mehr genaht dem tiefen Schlund,
Scheucht ich den Wahn, doch kam die Furcht zurücke
Wie um Montereggiones Zinnenrund
Rings eine Krone hohe Türme machen,
So türmten sich, mit halbem Leib im Grund,
Mit halbem Leib rings um des Brunnens Rachen
Giganten, Kämpfer jenes großen Streits,
Sie, welchen nach die Donner Jovis krachen.
Von einem sah ich das Gesicht bereits
Und Schultern, Brust und großen Teil vom Bauche,
Herabgestreckt die Arme beiderseits.
Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche
Dergleichen Wesen schafft, so tut sie recht,
Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche.
Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht
Der Elefanten noch, doch sicher findet,
Wer reiflich urteilt, sie hierin gerecht,
Weil, wenn die Überlegung sich verbindet
Mit bösem Willen und mit großer Macht,
Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet.
Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
Dem Turmknopf von Sankt Peter zu vergleichen,
Und jedes Glied nach solchem Maß gemacht.
Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen
Ihn abwärts barg, der oberen Gestalt
Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen,
Wo seine Stirn das borstge Haar umwallt,
Denn aufwärts maß er dreißig große Palmen,
Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt.
Raphegi mai amech itzabi Almen!
So tönt es aus den dicken Lippen vor,
Für die sich nicht geziemten sanftre Psalmen.
Mein Führer rief: "Nimm doch dein Horn, du Tor,
Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden,
So sprudl ihn flugs durch seinen Bauch hervor.
Du kannst an deinem Hals den Riemen finden,
Verwirrter Geist, ders angebunden hält.
Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!"
Darauf zu mir: "Sich selbst verklagt der Held;
Der Nimrod ists, durch dessen toll Vergehen
Man nicht mehr eine Sprach übt in der Welt.
Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen!
Kein Mensch versteht von seiner Sprach ein Wort,
Und er kann keines andern Wort verstehen."
Wir gingen nun zur Linken weiter fort,
Und fanden schon in Bogenschusses Weite
Den zweiten größern, wilden Riesen dort.
Nicht weiß ich, wems gelang, daß er im Streite
Ihn fing und band, doch vorn geschnürt erschien
Sein linker Arm und hinter ihm der zweite;
Denn eine Kett umwand vom Nacken ihn,
Um, was von seinem Leib nach oben ragte,
Nach unten hin fünf Male zu umziehn.
Da sprach mein Meister: "Mit dem Donnrer wagte
Sein kühner Stolz des großen Kampfes Los.
Hier aber sieh den Preis, den er erjagte.
Ephialtes ists. Sein Tun war kühn und groß
Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken;
Nun ist sein drohnder Arm bewegungslos."
Und ich zu ihm: "Den ungeheuern Recken,
Den Briareus, wenn dies geschehen kann,
Möcht ich wohl gern in diesem Tal entdecken."
Mein Führer drauf: "Du siehst hier nebenan
Antäus stehn. Er spricht, ist ungebunden
Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann.
Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden,
Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schaun,
Allein wie er mit Ketten fest umwunden."
Hier schüttelt Ephialtes sich, und traun!
Kein Erdenstoß, von dem die Türme schwanken,
War heftiger, erregte tiefres Graun.
Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken,
Und sah ich nicht, wie ihn die Kett umschloß,
So genügten, mich zu töten, die Gedanken.
Wir gingen weiter, ich und mein Genoß,
Und sahn Antäus, der dem tiefen Bronnen,
Zehn Ellen bis zum Haupte hoch, entsproß.
"Der du im Tal, das ewgen Ruhm gewonnen,
Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind,
Mit seiner Schar vor Scipios Mut entronnen,
Einst tausend Löwen fingst, wenn du, vereint
Mit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen
Im hohen Krieg, so hätten, wie man meint,
Die Erdensöhne doch den Sieg errungen.
Jetzt setz uns dort hinab, wo, fern dem Licht,
Die starre Kälte den Kozyt bezwungen.
Zu Tiphöus oder Tityus schick uns nicht.
Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben,
Drum wende nicht so mürrisch dein Gesicht.
Er kann auf Erden deinen Ruf erheben.
Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit
Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben."
Er sprachs, und jener, schnell zum Griff bereit,
Streckt aus die Hand, um auf ihn loszufahren,
Die Hand, die Herkul fühlt im großen Streit.
Virgil, kaum konnt er sich gepackt gewahren,
Rief: "Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!"
Drauf macht ers, daß wir zwei ein Bündel waren.
Wie Carisenda, unterm Hang erblickt,
Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen,
Wenn Wolken ihr den Wind entgegenschickt,
So schien Antäus jetzt sich zu bewegen,
Als er sich niederbog, und großen Hang
Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen.
Doch leicht zum Grund, der Luzifern verschlang
Und Judas, setzt er nieder unsre Last,
Und, so geneigt, verweilt er dort nicht lang
Und schnellt empor, als wie im Schiff der Mast.
Zweiunddreißigster Gesang
O hätt ich Reime von so heiserm Schalle,
So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus,
Auf welchem ruhn die andern Felsen alle,
Dann drückt ich, was ich will, vollkommner aus,
Doch, sie nicht habend, geh ich nur mit Bangen
Jetzt an die Rede, wie zum harten Strauß.
Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen,
Den Grund des Alls dem Liede zu vertraun,
Und nicht mit Kinderlallen auszulangen.
Doch fördern meine Reim itzt jene Fraun,
Amphions Hilf an Thebens Maur und Toren,
Dann wohl entspricht mein Lied der Tat an Graun.
O schlechtster Pöbel, an dem Ort verloren,
Der hart zu schildern ist, oh wärst du doch
In unsrer Welt als Zieg und Schaf geboren.
Wir waren nun im dunkeln Brunnenloch
Tief unterm Riesen, näher schon der Mitte,
Und nach der hohen Mauer sah ich noch.
Da hört ich sagen: "Schau auf deine Schritte,
Daß du den Armen nicht im Weiterziehn
Die Häupter stampfen magst mit deinem Tritte."
Drum wandt ich mich, und vor mir hin erschien
Und unter meinen Füßen auch ein Weiher,
Der durch den Frost Glas, und nicht Wasser, schien.
Die Donau bleibt im Frost vom Eise freier,
Und nah dem Pol, selbst in der längsten Nacht,
Deckt nicht den Sanais ein so dichter Schleier.
Und wäre Tabernik herabgekracht
Und Pietrapan, nicht hätte nur am Saume
Bei ihrem Sturz das Eis krick krick gemacht.
Wie abends, wenn die Bäuerin im Traume
Noch Ähren liest—die Schnauze vorgestreckt,
Der Frösche Volk quäkt aus dem nassen Raume;
So bis dahin, wo sich die Scham entdeckt,
Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zähne schlagend,
War elend Geistervolk im Eis versteckt,
Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend,
Vom Froste mit dem Mund und von den Wehn
Des Herzens mit den Augen Zeugnis sagend.
Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn,
Schaut ich zum Boden hin und sah von oben
Zwei, eng umfaßt, vermischt das Haupthaar, stehn.
"Ihr, die ihr drängend Brust an Brust geschoben,
Wer seid ihr?" sprach ich—dann, als sie auf mich,
Die Hälse rückend, ihre Blick erhoben,
Sah ich die Augen, feucht erst innerlich,
Von Tränen träufeln, die, noch kaum ergossen,
Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich,
Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen,
Drum stießen sich im Grimme wilden Streits,
Gleich zweien Böcken, diese Qualgenossen.
Und einer, der sein Ohrenpaar bereits
Durch Frost verlor, brach, stets gebückt, das Schweigen:
Was hängst du so am Schauspiel unsres Leids?
Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen?
Das Tal, das des Bisenzio Flut benetzt,
War ihnen einst und ihrem Vater eigen.
Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt
Kaina ganz, du findest sicher keinen
Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt;
Nicht ihn, des Brust und Schatten einst durch einen
Stoß seines Speers durchbohrt des Artus Hand;
Focaccia nicht, noch ihn, des Kopf den meinen
So deckt, daß mir die Aussicht gänzlich schwand.
Den, hörst du Sassol Mascheroni nennen,
Du, ein Toskaner, sicher leicht erkannt.
Jetzt hör, um mir nur schleunig Ruh zu gönnen,
Ich, Camicion, erwarte den Carlin
Und werde neben ihm mich brüsten können:"
Noch sah ich viele Hundesfratzen ziehn
Vor großem Frost in diesem tiefen Kreise,
Und schaudre noch vor dem, was mir erschien.
Und weiter ging zum Mittelpunkt die Reise,
Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht,
Und selber zittert ich beim ewgen Eise.
Wars Vorsatz, wars Geschick—ich weiß es nicht,
Genug, es stieß mein Fuß beim Weitergehen
Durch viele Häupter, eins ins Angesicht.
"Was trittst du mich?"—so hört ichs heulend schmähen,
"Rächst du noch schärfer Montapert an mir?
Wenn aber nicht, weswegen ists geschehen?—"
"Mein Meister," sprach ich, "harr ein wenig hier,
Denn gern belehrt ich mich von diesem näher,
Dann folg ich, wie dirs gut dünkt, eilig dir."
Still stand, wie ich gewünscht, der hohe Seher,
Und jener fluchte noch so wild wie erst,
Da sprach ich: "Wer bist du, du arger Schmäher?"
"Und du, der du durch Antenora fährst,"
Sprach er, "wer du, der so stößt andrer Wangen,
Daß es zu arg war, wenn du lebend wärst?"—
"Ich lebe", sagt ich. "Hättest du Verlangen
Nach Ruf, so wird er dir durch mich zuteil,
Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen."
Drauf er: "Ich wünsche nur das Gegenteil,
Drum packe dich—in diesen Eisesmassen
Verspricht solch Schmeichelwort ein schlechtes Heil."
Da griff ich nieder, ihn beim Schopf zu fassen,
Und sagt ihm: "Nötig wirds, daß du dich nennst,
Soll ich ein Haar auf deinem Kopfe lassen."
Und er: "Ob du mich zausen magst, du kennst
Mich dennoch nicht—nichts sollst du hier erkunden,
Wenn du mir tausendmal ins Antlitz rennst."
Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden,
Und ob schon ausgerauft manch Büschel war,
Schaut er hinab und bellte gleich den Hunden.
Da rief ein andrer: "Bocca, nun fürwahr,
Du ließest schon genug die Kiefern klingen,
Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?"
"Dich", rief ich, "mag ich nicht zum Reden zwingen,
Verräter du, allein zu deiner Schmach
Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen."
"Erzähle, was du willst, doch hintennach",
Rief Bocca, "magst du diesen nur nicht schönen,
Der eben jetzo so geläufig sprach.
Sieh ihn fürs Gold der Franken hier belohnen
Und sage, daß Duera da nicht fehlt,
Wo ziemlich kühl und frisch die Sünder wohnen.
Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt,
Dort siehst du Becherias Augen triefen,
Den jüngst die Florentiner abgekehlt.
Auch wohnt Soldanier jetzt in diesen Tiefen,
Gan, Sribaldello, der Faenzas Tor
Den Feinden aufschloß, da noch alle schliefen."
Wir gingen fort, und, etwas weiter vor,
War, Haupt auf Haupt gedrückt, ein Paar zu finden,
Das fest in einem Loch zusammenfror.
Wie man aus Hunger nagt an harten Rinden,
So fraß der Obre hier den Untern an
Da, wo sich Nacken und Gehirn verbinden.
Wie in die Schläfe Menalipps den Zahn
Einst Sydeus voll von wilder Wut geschlagen,
So ward von ihm dem Schädel hier getan.
"O du, der du mit viehischem Behagen
Den Haß an diesem stillst, an dem du nagst,
Weshalb", begann ich, "magst du dich beklagen?
Und hör ich, daß du dich mit Recht beklagst,
Und wer er sei, und was dein Nagen räche,
So sollst du dort erstehn, wo du erlagst,
Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche."
Dreiunddreißigster Gesang
Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus
Der Sünder jetzt und wischt ihn mit den Locken
Des angefressnen Hinterkopfes aus.
Er sprach: "Du willst zum Reden mich verlocken?
Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneun,
Bei des Erinnrung schon die Pulse stocken?
Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreun,
Die Frucht der Schande dem Verräter bringen,
Nicht Reden werd ich dann noch Tränen scheun.
Zwar, wer du bist, wie dir hierherzudringen
Gelungen, weiß ich nicht, doch schien vorhin
Wie Florentiner Laut dein Wort zu klingen.
Du höre jetzt: Ich war Graf Ugolin,
Erzbischof Roger er, den ich zerbissen.
Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin.
Daß er die Freiheit tückisch mir entrissen,
Als er durch Arglist mein Vertraun betört,
Und mich getötet hat, das wirst du wissen.
Vernimm darum, was du noch nicht gehört,
Noch haben kannst—den Tod voll Graus und Schauer,
Und fass es, wie sich noch mein Herz empört.
Ein enges Loch in des Verlieses Mauer,
Durch mich benannt vom Hunger, wo gewiß
Man manchen noch verschließt zu bittrer Trauer,
Es zeigte kaum nach nächtger Finsternis
Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen
Der dunkeln Zukunft Schleier mir zerriß.
Er jagt, als Herr und Meister, durch die Auen
Den Wolf und seine Brut zum Berg hinaus,
Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen.
Mit Hunden, mager, gierig und zum Strauß
Wohleingeübt, entsendet er Sismunden,
Lanfranken samt Gualanden sich voraus.
Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden
Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod
Sah ich von scharfen Zähnen sie verwunden.
Als ich erwacht im ersten Morgenrot,
Da jammerten, halb schlafend noch, die Meinen,
Die bei mir waren, und verlangten Brot.
Teilst du nicht meinen Schmerz, so teilst du keinen,
Und denkst du, was mein Herz mir kundgetan,
Und weinest nicht, wann pflegst du denn zu weinen?
Schon wachten sie, die Stunde naht heran,
Wo man uns sonst die Speise bracht, und jeden
Weht ob des Traumes Unglücksahndung an.
Verriegeln hört ich unter mir den öden,
Graunvollen Turm—und ins Gesicht sah ich
Den Kindern allen, ohn ein Wort zu reden.
Ich weinte nicht. So starrt ich innerlich,
Sie weinten, und mein Anselmuccio fragte:
Du blickst so,—Vater! Ach, was hast du? Sprich!
Doch weint ich nicht, und diesen Tag lang sagte
Ich nichts und nichts die Nacht, bis abermal
Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte.
Als in mein jammervoll Verlies sein Strahl
Ein wenig fiel, da schien es mir, ich fände
Auf vier Gesichtern meins und meine Qual.
Ich biß vor Jammer mich in beide Hände,
Und jene, wähnend, daß ich es aus Gier
Nach Speise tat, erhoben sich behende
Und schrien: Iß uns, und minder leiden wir!
Wie wir von dir die arme Hüll erhalten,
Oh, so entkleid uns, Vater, auch von ihr.
Da sucht ich ihrethalb mich still zu halten;
Stumm blieben wir den Tag, den andern noch.
Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten?
Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch
Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen:
Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch!
Dort starb er—und so hab ich sie gesehen,
Wie du mich siehst, am fünften, sechsten Tag,
Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen.
Schon blind, tappt ich dahin, wo jeder lag,
Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen,
Bis Hunger tat, was Kummer nicht vermag."
Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen,
Den Schädel an, den er zerriß, zerbrach,
Mit Zähnen, wie des Hundes, stark für Knochen.
Pisa, du, des schönen Landes Schmach,
In dem das Si erklingt mit süßem Tone,
Sieht träg dein Nachbar deinen Freveln nach,
So schwimme her, Capraja und Gorgone,
Des Arno Mund zu stopfen, daß die Flut
Dich ganz ersäuf und keiner Seele schone.
Denn, wenn auch Ugolinos Frevelmut,
Wie man gesagt, die Schlösser dir verraten,
Was schlachtete die Kinder deine Wut?
Oh neues Theben, war an solchen Taten
Nicht ohne Schuld das zarte Knabenpaar,
Das ich genannt? nicht Hugo samt Brigaten?—
Wir gingen nun zu einer andern Schar,
Die, statt wie jene, sich hinabzukehren,
Das Antlitz aufwärts, eingefroren war.
Die Zähren selber hemmen hier die Zähren,
Drum wälzt der Schmerz, der nicht nach außen kann,
Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren.
Denn, was zuerst dem trüben Aug entrann,
Das war zum Klumpen von Kristall verdichtet
Und füllte ganz die Augenhöhlen an.
Und ob vom Frost, der solches Eis geschichtet,
Mein Antlitz wie bedeckt mit Schwielen schien,
Und deshalb jegliches Gefühl vernichtet,
Doch fühlt ich, schiens mir Luft entgegenziehn,
Drum sprach ich: "Herr, wie mag hier Luft sich regen,
Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?"
Und er: "Du gehst der Antwort schnell entgegen
Und siehst, wenn wir noch weiter fortgereist,
Aus welchem Grund die Lüfte sich bewegen."
Da rief ein eisumstarrter armer Geist:
"Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte
Zu dieser letzten Stelle Minos weist,
Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte,
Damit ich lüfte meines Herzens Wehn,
Eh neu die Träne sich zu Eis verdichte."
Ich sprach: "Soll dirs nach deinem Wunsch geschehn,
So nenne dich, und wenn ichs nicht erzeige,
So will ich selbst zum Grund des Eises gehn."
Drauf er: "Ich bins, der Frucht vom bösen Zweige
Als Bruder Alberich dort angeschafft,
Und speise hier die Dattel für die Feige."
"Oh," rief ich, "hat der Tod dich hingerafft?"
Und er zu mir: "Ob noch mein Leib am Leben,
Davon bekam ich keine Wissenschaft.
Denn Ptolommäa hat den Vorzug eben,
Daß oft die Seele stürzt in dies Gebiet,
Eh ihr den Anstoß Atropos gegeben.
Und daß du lieber mir vom Augenlid
Verglaste Tränen nehmest sollst du wissen:
Sobald die Seele den Verrat vollzieht,
Wie ich getan, wird ihr der Leib entrissen
Von einem Teufel, der dann drin regiert
Bis an den Tod, indes in Finsternissen
Des kalten Brunnens sie sich selbst verliert.
Vielleicht ist oben noch der Körper dessen,
Der hinter mir in diesem Eise friert.
Kommst du von dort, so magst dus selbst ermessen.
Herr Branca dOria ists, der jämmerlich
Schon manches Jahr im Eise fest gesessen."
"Ich glaube," Sprach ich, "du betrügest mich,
Denn Branca dOria ist noch nicht begraben
Und ißt und trinkt und schläft und kleidet sich."
Und er darauf: "Es konnte jenen Graben,
An dem beim Pech die Schar von Teufeln wacht,
Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben,
Da war sein Leib schon in des Dämons Macht.
So gings auch dem von dOrias Geschlechte,
Der den Verrat zugleich mit ihm vollbracht.
Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte
Und nimm das Eis hinweg!—doch tat ichs nicht,
Denn gegen ihn war Schlechtsein nur das Rechte.
Genua, Feindin jeder Sitt und Pflicht,
Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen,
Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht?
Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen
Der euren einen, für sein Tun belohnt,
Die Seel in des Kozytus Eis verschlossen,
Des Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.
Vierunddreißigster Gesang
"Uns naht des Höllenköniges Panier!
Schau hin, ob du vermagst ihn zu erspähen."
So sprach mein edler Meister jetzt zu mir.
Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen,
Wie in der Dämmerung, vom fernen Ort
Windmühlenflügel aussehn, die sich drehen;
So sah ich jetzo ein Gebäude dort—
Nichts fand ich sonst, mich vor dem Wind zu decken,
Drum drängt ich fest mich hinter meinen Hort.
Dort war ich, wo—ich sing es noch mit Schrecken—
Die Geister, in durchsichtges Eis gebannt,
Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken.
Der lag darin gestreckt, und mancher stand,
Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bückte
Sich sprenkelkrumm, das Haupt zum Fuß gewandt.
Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte,
Daß es dem Meister nun gefällig schien,
Mir den zu zeigen, den einst Schönheit schmückte.
Da trat er weg von mir, hieß mich verziehn,
Und sprach zu mir: "Bleib, um den Dis zu schauen,
Und hier laß nicht dir Mut und Kraft entfliehn."
Wie ich da starr und heiser ward vor Grauen,
Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht,
Denn keiner Sprache läßt sich dies vertrauen.
Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht.
Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche,
Dem Tod und Leben allzugleich gebricht.
Der Kaiser von dem tränenvollen Reiche
Entragte mit der halben Brust dem Glas,
Und wie ich eines Riesen Maß erreiche,
Erreicht ein Riese seines Armes Maß.
Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen,
Dem solch ein Glied verhältnismäßig saß.
Ist er, wie häßlich jetzt, einst schön gewesen,
Und hat den gütgen Schöpfer doch bedroht,
So muß er wohl der Quell sein alles Bösen.
O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot!
Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen,
Von diesen aber war das vordre rot.
Anfügten sich die andern zwei dem einen,
Gerad ob beiden Schultern hingestellt,
Um oben sich beim Kamme zu vereinen;
Das Antlitz links weißgelblich—ihm gesellt
Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen
Von jenseits kommen, wo der Nilus fällt.
Groß, angemessen solchem Vogel, standen
Zwei Flügel unter jedem weit heraus,
Die wir den Segeln gleich, nur größer, fanden,
Und federlos, wie die der Fledermaus.
Sie flatterten ohn Unterlaß und gossen
Drei Winde nach verschiedner Richtung aus.
Dadurch ward der Kozyt mit Eis verschlossen.
Sechs Augen waren nie von Tränen frei,
Die auf drei Kinn in blutgem Geifer flossen.
Und einen armen Sünder malmt entzwei
Und kaute jeder Mund, daher zerbissen,
Flachsbrechen gleich, die scharfen Zähne drei.
Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen,
Verglichen mit den scharfen Klaun, zu sein,
Die oft die Haut vom Fleisch des Sünders rissen.
Da sprach Virgil: "Sieh hier die größte Pein!
Ischariots Kopf steckt zwischen scharfen Fängen,
Und außen zappelt er mit Arm und Bein.
Zwei andre sieh, den Kopf nach unten hängen;
Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund
Sich ohne Laute winden, drehn und drängen;
Dort Cassius, kräftig, wohlbeleibt und rund—
Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen,
Denn ganz erforscht ist nun der Hölle Grund."
Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen,
Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell,
Und, als sich weit gespreizt die Flügel schwangen,
Hing er sich an die zottge Seite schnell,
Griff Zott auf Zott, um sich herabzusenken
Inmitten eisger Rind und rauhem Fell.
Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken
Des Riesen sich der Lenden Kugeln drehn,
Eilt er, mit Müh und Angst, sich umzuschwenken.
Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn;
Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollten wir zurück zur Hölle gehn.
"Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter
Entkommt man nur so großem Leid," so sprach
Tiefkeuchend, wie ein Müder, mein Begleiter.
Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach,
Dann setzt er mich auf einen Rand daneben
Und streckte mir den Fuß behutsam nach.
Ich blickt empor und glaubte, wie ich eben
Den Dis gesehn, so stell er noch sich dar.
Doch seine Füße sah ich sich erheben.
Wie ich erschrak, bedenk, o dumme Schar,
Ders nottut, daß sie erst erkennen lerne,
Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war.
Da sprach Virgil: "Jetzt auf, das Ziel ist ferne,
Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast;
Und Sol, aufsteigend. scheucht bereits die Sternen
Nicht wars ein Gang durch einen Prachtpalast,
Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde
Durch eine Felsschlucht, völlig dunkel fast.
Ich, aufrecht stehend, sprach: "Eh aus dem Schlunde
Der Weg, den du mich leitest, mich entläßt,
Reiß aus dem Irrtum mich und gib mir Kunde:
Wo ist das Eis? Wie steckt Dis köpflings fest?
Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten
Die Überfahrt gemacht zum Ost vom West?
"Du glaubst dich auf des Zentrums andern Seiten,
Wo du am Wurme, der die Erde kränkt
Und sie durchbohrt, mich sahst herniedergleiten.
Du warsts, solang ich mich hinabgesenkt;
Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere,
Durchdrängest du, da ich mich umgeschwenkt.
Jetzt kamst du zu der andern Hemisphäre,
Entgegen der, die großes trocknes Land
Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre
So fehllos lebt und starb, wie er entstand.
Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise,
Der hier Judokas andre Seit umspannt.
Und hier beginnt der Sonne Tagesreise,
Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt
Noch immer Luzifer nach alter Weise.
Vom Himmel ward er hier herabgestreckt.
Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben
Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt
Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben.
Um ihn zu fliehn, drang auch die Erde vor
Aus dieser Höhl und drängte sich nach oben."
So sprach Virgil—und sieh, vom Dis empor
Ging eine Schlucht, tief wie die ganze Hölle,
Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr;
Denn rauschend lief ein Bach, des rasche Welle
Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang
Und vielgewunden, bis zu jener Stelle.
Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang
Den Rückweg an entlang des Baches Windung;
Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang,
Da blickte durch der Felsschlucht obre Rundung
Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne,
Und eilig stiegen wir aus enger Mundung
Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne.
Das Fegefeuer
Erster Gesang