Ists nicht Klugheit, wenn man sich die Dinge zu Nutzen macht? Nun, welches wird wohl der kluge Mann seyn? der Weise? der zu schamhaft oder zu furchtsam ist, sich an eine Sache zu wagen; oder der Narr, den weder Scham, die er nicht hat, noch Gefahr, die er nicht erwägt, von irgend einer Unternehmung abschreckt? Der Weise nimmt seine Zuflucht zu verschimmelten Büchern, und füllt sich daraus den Kopf mit schalen Spitzfindigkeiten; der Narr, der sich hurtig an die Sache selbst macht, sammelt sich daraus, wenn ich mich nicht gröblich irre, ächte Klugheit. Es scheint auch Homer, so blind er war, habe dieses eingesehen, da er sagt: „Bey der That gelangt der Narr zur Einsicht.“ Wo es um Einsicht der Dinge zu thun ist, muß man zween Steinen des Anstossens ausweichen: die Schamhaftigkeit, die den Geist benebelt; und die Furcht, welche durch Vorspieglung der Gefahr, Unthätigkeit einpfropft. Großmüthig scheucht die Narrheit diese Popanzen weg. Wenige Sterbliche sehen es ein, wie bald der unverschämte Waghals sein Glück machen könne.
Gefällt Ihnen, meine Herren, jene Klugheit besser, die in Beurtheilung der Dinge besteht? Hören Sie doch einmal, welch eine seltsame Sache es um diese Klugheit derer sey, die sie in ihrer Weisheitsbude feil bieten!
Erstlich ist bekannt, daß alle menschliche Dinge, gleich den Silenen des Alcibiades, von innen ein anderes Gesicht haben, als von aussen: man sieht den Tod, und findet das Leben; man sieht das Leben, und findet den Tod; das schöne ist häßlich, das reiche arm, das schändliche herrlich, das gelehrte ungelehrt, das starke schwach, das edle unedel, das fröliche traurig, das glückliche unglücklich, das freundliche unfreundlich, das heilsame schädlich; kurz, öffne den Silen, so wirst alles verkehrt finden. Rede ich aber nicht einigen zu philosophisch? Gut! ich wills ganz plump heraus sagen.
Einen König stellt man sich als einen reichen und mächtigen Herrn vor; wenn aber nichts Gutes in seiner Seele ist, und er sich an nichts sättigen kann, so ist er gewiß blutarm; und wenn er sich vielen Lastern ergeben hat, so ist er ein schnöder Sclave. Also ließ es sich über alles und jedes philosophiren; wir haben aber mehrere Beyspiele nicht nöthig.
Wozu soll alles dieses dienen? — Man hör es! Wenn jemand sich unterstünde, den Schauspielern ihre Larven wegzunehmen, und den Zuschauern die wahren und natürlichen Gesichter zu zeigen: würde dieser Unbesonnene nicht das ganze Spiel verderben? würde er nicht verdienen, daß man ihn als einen Rasenden mit Steinen von der Bühne wegtreibe? Indessen würde sich alles in einer neuen Gestalt gezeigt haben: das Weib als einen Mann, der Jüngling als einen Greisen, der König als einen Bettler, Jupiter als ein Menschengesicht. Wenn man den Irrthum wegnimmt, so setzt man alles in Verwirrung; die Verstellung muß die Augen der Zuschauer bezaubern. Nun, was ist das ganze Leben der Sterblichen anders als eine Comödie? Jeder spielt seine Rolle, eine ganz andere Person vorstellend, als er eigendlich ist, bis er von der Bühne abtreten muß; und etwann zeigt sich der nämliche Schauspieler in verschiedener Tracht: als König saß er auf dem Thron; und nachwerts tritt er im zerlumpten Sclavenkittel auf. Ja, dieses ist alles nur Schattenwerk: aber, spielt sich dann die grosse Comödie des Lebens auf eine andere Weise?
Ich stelle mir vor: ein wie vom Himmel gefallener Weiser trete plötzlich auf, und schreie: der, den man als einen grossen Herrn halbgöttlich verehre, sey nicht einmal ein Mensch, weil er sich viehisch durch seine Lüste leiten lasse; er sey nichts als ein verachtungswürdiger Sclave, weil er sich freywillig so vielen und so schändlichen Herren als einen Knecht dargebe. Er sieht jemanden, der über das Absterben seines Vaters weinet, und heißt ihn lachen, weil sein Vater endlich zu leben angefangen habe, da dieses gegenwärtige Leben nichts als ein Tod sey. Er begegnet einem Junker, der sich seiner edlen Abkunft rühmt, und betitelt ihn einen ehrlosen Bankert, weil er weit von dem Pfade der Tugend gewichen, der einigen Quelle des Adels. Auf gleichen Schlag behandelt mein Weiser jeden, der ihm aufstößt. Aber was erbeutet er anders, als daß man ihn gleich einem zum Tollhause reifen Rasenden ansieht?
Nichts ist närrischer, als eine zur Unzeit angebrachte Weisheit; nichts unkluger, als eine verkehrte Klugheit. Der beträgt sich schief, der sich nicht nach der gegenwärtigen Lage der Dinge einrichtet; nicht auf den Marktpreis achtet; sich nicht des Tischgesetzes erinnert: „Thue Bescheid, oder packe dich;“ nicht will, daß das Spiel ein Spiel sey. Der Kluge hingegen denket: da ich ein sterblicher Mensch bin, so will ich mich nicht bestreben, übermenschlich weise zu seyn; ich will mich gern nach andern Leuten einrichten, und auch etwann aus Höflichkeit einen Weg mit ihnen gehen, den ich sonst für mich nicht gehen würde. Ist eben dieses nicht Narrheit? O ja, ihr weisen Männer! doch solltet ihr mir dagegen eingestehen, dieses heisse: seine Rolle in der Welt spielen.
Uebrigens — o ihr unsterbliche Götter, soll ich reden? soll ich schweigen? Warum sollt ich es nicht frey heraus sagen, da es die pur-lautere Wahrheit ist? Vielleicht aber ists das beste, daß ich bey einer so wichtigen Sache die Musen von ihrem Helikon hinunterrufe, sie, die von den Dichtern oft um einer Schnakerey willen herabgeranzt werden. So stehet mir denn für eine Weile bey, ihr Töchter Jupiters, bis ichs bewiesen habe, jene glänzende Weisheit, die hochberühmte Burg der Glückseligkeit, werde nur denen aufgeschlossen, die sich ihr unter dem Schutze der Narrheit näheren.
Erstlich ist es eine ausgemachte Sache, daß alle Leidenschaften sich unter der Botmäßigkeit der Narrheit befinden; denn der Unterschied zwischen einem Narren und einem Weisen ist dieser: jener richtet sich nach den Leidenschaften, dieser nach der Vernunft. Daher schaffen die Stoiker alle Beunruhigungen, als so viele Seuchen, aus ihrem Weisen weg; und doch (sagen die Peripatetiker) vertreten diese Leidenschaften die Stelle der Pädadogen bey denen, die sich Mühe geben, in den Port der Weisheit einzulaufen; ja sie dienen bey allen Tugendpflichten zu Sporen und Peitschen, dadurch wir zum rechtschaffenen Betragen angetrieben werden. Doch wendet hier Seneca, der Erzstoiker, so vieles ein, als er immer auftreiben kann, um den Weisen von jeder Leidenschaft loszuhalftern. Indem er aber dieses thut, rottet er den ganzen Menschen aus, den er zu einer Art einer Gottheit umschaft, die nie gewesen ist, und nie seyn wird; oder damit ichs noch deutlicher sage, er meisselt ihn zu einem marmornen Menschenbilde, tumm, ohne Menschenverstand. O immer, ich mag es von Herzen wohl leiden; mögen sich solche Künstler ihres Weisen unbeneidet erfreuen, und mit ihm Platons Stadt oder das Gebiet der Ideen oder des Tantalus Gärten bewohnen!
Wer eilt nicht schauernd von einem solchen Menschen weg, wie von einem Ungeheuer, einem Gespenste! Alle Sinne der Natur sind nicht im Stande, einen Eindruck in ihn zu machen; er ist ohne Leidenschaften; für die Liebe, das Mitleiden, ist er so unempfindlich als ein Kieselstein, als ein Felsenstück; nichts entgeht ihm; nirgends schießt er fehl; mit Luchsenaugen durchschaut er alles; nach Richtschnur und Bleywaag beurtheilt er alles auf das pünktlichste; für nichts hat er Nachsicht; mit nichts ist er zufrieden, als mit sich; er allein ist reich, gesund, ein König, frey; er allein ist alles, aber auch blos nach seinem allerliebsten Urtheile; er, der keinen Freund begehrt, hat auch keinen; er, macht sich kein Bedenken, die Götter selbst zum Henker zu schicken; er, der alles, was in der Welt vorgeht, als Wahnsinn verdammt, und verlacht.